Tempo 30 gilt auch auf der Beusselstraße in Tiergarten. Autofahrer fühlen sich durch wechselnde Geschwindigkeitsvorgaben und unkoordinierte Ampelschaltung behindert. Foto: Augen-Blick
Tempo 30 gilt auch auf der Beusselstraße in Tiergarten. Autofahrer fühlen sich durch wechselnde Geschwindigkeitsvorgaben und unkoordinierte Ampelschaltung behindert. Foto: Augen-Blick

30 – 50 – 30 – hä?

Durch dauernde Tempowechsel fühlen sich Autofahrer verunsichert. Senat rechnet allerdings mit weniger Straßenlärm.

Berlin. Um den Straßenlärm durch die 1,3 Millionen Berliner Kraftfahrzeuge zu verringern, baut der Senat verstärkt auf Tempo-30-Anordnungen auf Hauptverkehrsstraßen. Viele Autofahrer bezweifeln den Erfolg und befürchten langfristig flächendeckend Tempo 30.

Mit 167 Metern Länge ist der Tempo-30-Abschnitt auf der Bahnhofstraße zwischen S-Bahnhof Köpenick und Seelenbinderstraße wohl der kürzeste auf einer Hauptverkehrsstraße. Er reiht sich ein in den viel kritisierten „Flickenteppich“ von Tempo-30-Anordnungen des Senats für das Hauptverkehrsstraßennetz. Auf 16 Hauptverkehrsstraßen gelten die Beschränkungen auf Teilabschnitten ganztags, auf vielen weiteren nur nachts. Seit 2008 bestehen außerdem vor allen Grundschulen an Hauptverkehrsstraßen zeitlich begrenzte Tempo-30-Anordnungen.

„Wie soll man denn da den Überblick behalten?“, stöhnt der Bauarbeiter Ingo Röhlin. Auf der südlichen Fahrbahn der Skalitzer Straße in Kreuzberg tritt Elfi Kurner kurz nach der Wiener Straße auf die Bremse ihres neuen blauen Golfs: „Oh Gott, hier ist ja Tempo 30.“ Das habe sie fast übersehen, auch weil der Fahrer vor ihr nicht auf das Schild reagiert habe, beteuert die 38-jährige Bibliothekarin. Links die Hochbahntrasse der U1, rechts sanierungsbedürftige Alt-Berliner Miethäuser – nur schnell die Skalitzer hinter sich lassen, das ist alles, was die Steglitzerin will.

Noch Diskussionsbedarf


Kurt Öldmann kann die Bemühungen des Senats nur loben. „Ich empfinde es als wohltuend, dass in der Residenzstraße in Höhe Kolpingplatz nachts Tempo 30 gilt. Es ist wirklich leiser als früher“, meint der Reinickendorfer. Entnervt reagiert Sängerin Maria Rinter. Sie fühlt sich in der Beusselstraße mit Tempo 30 „verarscht“: „Da läuft doch nichts mehr, nur noch hoch- und runterschalten.“

Für Jörg Becker vom ADAC Berlin ist es wichtig, dass der Verkehr fließt, weil nur so auch der Lärm verringert werden könne. „Aber in der Beusselstraße kann nichts fließen, da sind die Ampelprogramme nicht abgestimmt“, sagt Becker. „Grüne Welle im Berufsverkehr bei Tempo 30 auf Hauptverkehrsstraßen ist besser als Tempo 50 mit stop and go.“ Ansonsten sei jedoch grüne Welle bei Tempo 50 das Ziel. Ein flächendeckendes Tempolimit von 30 Kilometern pro Stunde werde abgelehnt. Becker betont, dass neue Konzepte zur Lärmminderung auf den Straßen nur mit Akzeptanz der Autofahrer durchzusetzen seien. Und besonders bei Tempo 30 auf Hauptverkehrsstraßen bestehe viel Diskussionsbedarf.

Diskussionen gab es auch bei der Umsetzung von Tempo 30 vor der Rudolf-Steiner-Schule an der Clayallee. Die Bezirksverordneten von Steglitz-Zehlendorf lehnten die von der Verkehrslenkung Berlin angeordnete begrenzte Tempo-30-Regelung im April ab. Grund: „Auf einer Hauptverkehrsstraße wie der Clayallee Tempo 30 anzuordnen ist völlig überflüssig und unverhältnismäßig“, so der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende David Eckel. Die Vermutung: Das könnte ein erster Schritt für eine flächendeckende Tempo-30-Regelung in Berlin sein. Zur Schulwegsicherung gebe es auch alternative Maßnahmen wie die Prüfung der Verlagerung der Fußgängerampel in Richtung Schulgebäude. Der zuständige, in die Zwickmühle geratene Stadtrat Uwe Stäglin (SPD) fügte sich trotz der Ablehnung der Bezirkspolitiker der Senatsanordnung. Gleichzeitig stellt er fest: „Genauso ist es aber erforderlich, mögliche Alternativen zur Steigerung der Verkehrssicherheit zu prüfen und dabei auch die Anordnung zu überprüfen.“

In Wohngebieten wird Tempo 30 von den meisten Autofahrern akzeptiert. „Aber doch nicht nachts auf den Hauptverkehrsstraßen“, ärgert sich Krankenpfleger Björn Schwallner mit Blick auf seine Stammstrecke, die Torstraße in Mitte. Er bezweifelt, dass bei Tempo 30 weniger Lärm entstehe als bei Tempo 50. Das sehen viele Anwohner, Senat und Polizei anders. Laut Senatsverwaltung für Stadtentwicklung wird schon ein Dezibel Lautstärkepegel weniger beim Straßenverkehr als spürbare Verbesserung bei den Anwohnern wahrgenommen; mit rund drei Dezibel rechnen Experten zum Beispiel bei Tempo 30 nachts auf Hauptverkehrsstraßen.

Dialog-Displays sinnvoll

Die Polizei hat ihre Geschwindigkeitskontrollen intensiviert und aufgerüstet. Zur mobilen Überwachung setzt sie in zivilen Dienstfahrzeugen insgesamt 34 Geschwindigkeitsüberwachungsgeräte ein. Dazu kommen vier stationäre Anlagen an Hauptstraßen wie an der Schildhornstraße. Die Beusselstraße war 2008, so die Polizeipressestelle, mit 39 Geschwindigkeitskontrollen dabei. 2008 gab es bei der Polizei insgesamt 560.558 Ahndungsverfahren wegen zu hoher Geschwindigkeit. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung setzt zusätzlich auf Dialog-Displays. 87 dieser Geschwindigkeitsanzeiger sind bisher vom Senat angeschafft und an die Bezirke übergeben worden. Fährt das Auto korrekt, heißt es darauf „Danke“, ist es zu schnell, wird „langsam fahren“ angemahnt.

Der „Dialog“ scheint zu wirken: „Nach einer Untersuchung des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft verringerte sich die Geschwindigkeit um bis zu sechs Kilometer pro Stunde an den untersuchten Standorten“, weiß Burkhard Horn von der Senatsverwaltung. Wichtig sei, dass die Dialog-Displays dauerhaft an einem Standort blieben.

Im Kampf gegen Straßenlärm hat der Senat einen „Lärmaktionsplan“ beschlossen. Die Verwaltungsmitarbeiter sind sich des „Tempo-30-Flickenteppichs“ bewusst und bereiten daher ein neues Konzept vor. Derzeit gilt auf 49 Kilometern des Hauptverkehrsstraßennetzes nachts Tempo 30. Die Wirkung soll beobachtet und ausgewertet werden. Aber auch zukünftig wird darauf nicht verzichtet. Sieht doch der Berliner Lärmaktionsplan konkrete Maßnahmen bis 2012 vor. So muss beispielsweise bald auf Teilen der Drontheimer Straße (Wedding), Boxhagener Straße (Friedrichshain), Blissestraße (Wilmersdorf), Pichelsdorfer Straße (Spandau) sowie Rathaus-/Alarichstraße (Tempelhof) nachts abgebremst werden. Außerdem werden Fahrbahnsanierungen, Pflasteraustausch, Radwege und Querungshilfen geprüft.

Gabi Zylla



Berlins Pläne gegen Straßenlärm
Der nächtliche Lärmpegel sollte in Wohngebieten 60 Dezibel nicht überschreiten, in Mischgebieten mit vielen Anwohnern liegt die Grenze bei 65 Dezibel. Mehr Krach führt zu Schlafstörungen und Gesundheitsschäden. Der Lärmaktionsplan Berlin wurde im Januar 2009 vom Senat beschlossen. Er gibt für zwölf exemplarische Bereiche in der ganzen Stadt Handlungsempfehlungen und benennt konkrete kurzfristige (bis 2012) sowie mittelfristige Maßnahmen – von neuen Tempo-30-Strecken bis zu Zebrastreifen, Ampeln oder nächtlichem Lkw-Verbot. Berlin hat ein übergeordnetes Straßennetz von 1540 Kilometern. Informationen zum Lärmaktionsplan Berlin gibt es bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung oder der Senatsverwaltung für Gesundheit im Internet unter www.berlin.de.


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