


Eines der beliebtesten Wahrzeichen Berlins feiert Geburtstag. Zeitzeugen erinnern sich an die Anfänge.
Berlin. Einst als Prestigeobjekt der DDR gebaut, entwickelte sich der 368 Meter hohe Fernsehturm schnell zum Publikumsmagneten. Heute verzeichnet das Management 1,2 Millionen Besucher pro Jahr. Am 3. Oktober ist Jubiläumsfest.
„Schau mal Werner, da ist die Eastside Galerie. Da wollten wir doch gestern Abend hin.“ Aufgeregt fuchtelt die ältere Dame mit dem Arm, ihr Mann schaut immer noch in die falsche Richtung. Die Panorama-Etage des Fernsehturms ist voll drängelnder Touristen. Meist wird Englisch, Französisch, Italienisch oder Holländisch gesprochen. Die großen Scheiben garantieren einen weiten Blick über Berlin. Info-Tafeln sorgen für den Durchblick: Am Punkt 145 Grad Ost reicht die Aussicht bis zum Treptower Park; Flugfeld Tempelhof und Axel-Springer-Hochhaus sind bei 198 Grad West zu entdecken. Kinder versuchen, bei der Panorama-Runde ganz nah an die Scheiben zu kommen, lassen sich von Papa einen Euro geben und traktieren die fest installierten Bezahl-Fernrohre. Die Hauptstadt und ihre Sehenswürdigkeiten im Schnelldurchgang aus 203 Metern Höhe – dieses Angebot wird nur noch im darüber liegenden, 207 Meter hohen Restaurant getoppt: einen deftigen Grillteller genießen und sich dabei innerhalb einer Stunde einmal im Kreis drehen, und der Rundum-Berlin-Überblick ist perfekt.
Kürzere Warteschlangen
Während drinnen Expressfahrstühle die Besucher im Dauereinsatz transportieren, haben jugendliche Skater draußen die ausladenden Betonschrägen am Fernsehturm für sich entdeckt. Die Geschäftsführerin der TV Turm Alexanderplatz Gastronomiegesellschaft, Christina Aue, warnt: „Das ist kein Spielplatz, sondern sehr gefährlich.“ Aue ist seit 2007 dabei. Ihre 20 Jahre Gastronomie- und Hotellerieerfahrung zahlen sich aus: „Bei uns laufen regelmäßig Kundenbefragungen, und die Warteschlagen sind durch das neue Ticketsystem nur noch kurz.“ Früher, so Aue, haben die Leute oft bis zum Bahnhof Alexanderplatz angestanden. Jetzt gebe es ein Nummernsystem und SMS-Benachrichtigungen. Und läuft doch mal was schief, sorgt ihr Bolonka-Hund Kayleigh wieder für gute Stimmung. Die kleine einjährige Hundedame ist Aues ganz persönliches Fernsehturm-Maskottchen. „Mit ihr klappt alles immer wunderbar.“
Fotos Schwarz-Weiß
Im Starbucks Café am Fernsehturm sitzt Fotograf Karl-Heinz Kraemer vor seinem Kaffee und blickt versonnen auf das Gewimmel. 69 Jahre ist er alt, das Haar weiß geworden. Auf dem Tisch liegt eine dicke Mappe mit Fotos – eine Zeitreise in Schwarz-Weiß zum Bau des Ost-Berliner Wahrzeichens. „Als ich 1965 nach Berlin kam, begannen gerade die Bauarbeiten“, erzählt Kraemer. Von Anfang an fotografiert er für eine Zeitung und für sich, wie das DDR-Prestigeobjekt wächst. „So um die 1000 Fotos müssten es sein.“ Das war nicht nur sein erstes Projekt in Berlin, sondern auch das, was er am intensivsten begleitet hat. „Bevor wir überhaupt zum Fotografieren auf die Baustelle durften, mussten alle einen Test mitmachen, ob wir auch schwindelfrei seien“, erinnert sich Kraemer. Die Fotos aus luftiger Höhe, von kleinen Plattformen und schmalen Stahlträgern aus geschossen, zeigen Blicke über Berlin in der Bauzeit bis 1969. Dazu kamen später farbige Schnappschüsse.
Da, wo jetzt der Neptunbrunnen steht, ist die Kugel mit ihren 32 Metern Durchmesser erst probehalber am Boden zusammengesetzt worden. Dann ging’s in Einzelteilen per Kran zur Montage auf über 200 Meter Höhe – alles von Kraemer dokumentiert. Der gebürtige Hallenser studierte in Leipzig Fotografie und Grafik. Er ist froh, dass es ihn dann nach Berlin verschlagen hat. Trotz seiner vielen weltweiten Fotoreisen beschäftigt Kraemer der Turm auch heute noch – so bei seinen Ausstellungen 1994 und 2008 im Fernsehturm sowie in seinem Buch zum Jubiläum „Fernsehturm Berlin, Vom Bau bis heute“ (Berlin Story Verlag, 1. Auflage, 19. Januar 2009, 80 Seiten).
Zwar gab es im Internet vor einigen Jahren schon mal Versteigerungsgebote für den „Telespargel“, aber Eigentümerin Telekom stellt klar: „Verkaufsabsichten gibt es nicht“, versichert Pressesprecher Georg von Wagner. Weithin sichtbar in bester Citylage eignet sich das gute Stück besonders für Werbeaktionen. Wie zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006, als sich die Turmkugel in knalligen Telekom-Farben als Fußball präsentierte. „Mein Schatz, ich liebe Dich über alles“, hieß es im April 2009 auf der längsten Liebesbotschaft der Welt. Bei dieser Kampagne des Unternehmens waren 70 Liebesbriefe von Berlinern – inklusive ein Heiratsantrag – in 187 Metern Höhe von Industriekletterern angebracht worden. Da der Fernsehturm unter Denkmalschutz steht, ist laut Georg von Wagner für private Aktionen dieser Art aber eine Genehmigung des Bezirksamtes nötig.
Fernsehturm als Rakete
Ein politisches Zeichen sollte im Januar 2000 die illegale Turmbesetzung durch spanische Umweltschützer sein: Die Protestkletterer harrten elf Stunden in 60 Metern Höhe bei zehn Grad Minus aus, um gegen den Bau eines umstrittenen Staudamms in Spanien zu protestieren. Inspiration war der Fernsehturm einem Berliner Mediengestalter. Er ließ ihn in seinem Videoclip als Rakete ins All starten und stellte sein Werk ins Internet. Dass der Blick über die Stadt von der Aussichtsetage wunderbar ist, daran besteht bei den Berlinern kein Zweifel. Trotzdem kann sich nicht jeder mit dem Bau anfreunden.
„Ich finde, der sieht gemein aus. Der Funkturm ist viel schöner“, behauptet Monika Grählich aus Schöneberg. Ähnlich sieht das Klaus Riehmann aus Spandau. Der Rentner würde – mit einem kleinen Augenzwinkern – den Fernsehturm aus architektonischer Sicht „am liebsten sprengen“. Aber er gesteht auch, dass der Eingangsbereich ihn sehr an die TV-Kultserie „Raumpatrouille Orion“ aus den 60er-Jahren erinnere – und das gefalle ihm wiederum. Die Pankowerin Monika Würow findet den Turm dagegen einfach nur formschön von außen und „toll“ von innen. Als „elegant“ und architektonisch das Beste, das die DDR je hervorgebracht habe, bezeichnet der Charlottenburger Andi Schehler den Turm. „Auch sieht man immer gleich, wo der Alex ist, wenn man von einer Reise nach Berlin zurückkommt. Dann weiß ich, ich bin wieder zu Hause.“
Am 3. Oktober wird mit den Besuchern des Fernsehturms gefeiert – mit der Speisekarte vom Eröffnungstag, nostalgischen Eintrittskarten, Geburtstagskuchen und DDR-Schlagern.
Gabi Zylla
| Panorama-Etage in 203 Metern Höhe |
| Der Berliner Fernsehturm am Alexanderplatz wurde am 3. Oktober 1969 eröffnet. Er ist mit einer Gesamthöhe von 368 Metern das höchste öffentlich zugängliche Gebäude Europas. 1996 wurden zwei neue Lifte eingebaut, die die Besucher in 40 Sekunden (sechs Meter/Sekunde) zur 360-Grad-Panoramaetage auf 203 Meter Höhe bringen. Der rot-weiße Antennenmast ist 118 Meter hoch. Rund 60 Radio- und Fernsehprogramme senden von dort aus. Architektonisch hat das Bauwerk viele „Väter“: Von DDR-Architekt Hermann Henselmann entworfen, wurden Planung und Gestaltungsvorschläge mehrmals geändert. Auch der damalige Präsident der Bauakademie, Gerhard Kosel, beteiligte sich. Der Eintritt zum Fernsehturm kostet zehn Euro, Kinder bezahlen 5,50 Euro. Geöffnet ist täglich von 9 bis 24 Uhr. Weitere Infos unter www.tv-turm.de. |
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