


Das Tierheim Berlin platzt wieder einmal aus allen Nähten, gerade in den Sommerferien werden viele Tiere ausgesetzt.
Berlin. Wie jedes Jahr herrscht zur Ferienzeit Hochbetrieb im Tierheim Berlin. Während Ex-Herrchen oder -Frauchen die schönste Zeit des Jahres genießen, warten 1.900 ungeliebte Tiere auf neue Freunde mit Herz.
In diesem Sommer trifft es vor allem Katzen, die abgegeben oder ausgesetzt wurden. Das Tierheim musste mehrere der 650 Samtpfoten bei Pflegefamilien unterbringen, weil im Heim alles belegt ist.
„Pinky“ und sein noch namenloser Katzenbruder sitzen etwas nervös in ihrem Katzenkorb. Sie haben Glück. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, erzählt Jenny Albers mit strahlendem Blick auf die beiden jungen, fast schwarzen Kater. „Wir sind ursprünglich nur zum Gucken ins Tierheim gekommen, wie bereits etliche Male zuvor.“
Die junge Frau und ihr Partner wollten sich Katzen anschauen, aber nicht gleich welche mitnehmen. Doch der Katzennachwuchs im „Garfield-Haus“ eroberte prompt ihr Herz. Das neue Zuhause für die beiden Stubentiger liegt in Hönow. Dort erwartet sie ein Haus mit Garten.
„Alles sehr gepflegt“
Obwohl die Temperaturen an diesem Tag fast bei 30 Grad liegen, ziehen Besucher aller Altersgruppen über das Gelände in Falkenberg und schauen sich in Ruhe Katzen, Hunde und Kaninchen an. Thomas Engel aus Hohenschönhausen ist mit drei Freunden im Tierheim unterwegs. „Wir raten unseren Bekannten immer, sich ein Tier aus dem Tierheim zu holen“, sagt er. Die Anlage gefällt ihm. „Es ist alles sehr gepflegt.“
So wie ihn und seine Freunde zieht das 2001 erbaute Heimgelände besonders am Wochenende viele Tierfreunde an. Ein nicht unerheblicher Teil kommt einfach nur zum Gucken. Doch der eine oder andere geht mit einem neuen Freund nach Hause. Sogar Touristen verschlägt es nach Falkenberg.
Eine Familie aus dem Rheinland ist extra zum Tierheim gefahren, um ihren drei Söhnen zu zeigen, wie es Tieren ergeht, die abgegeben werden. Statt die wichtigsten Sehenswürdigkeiten abzuklappern, besucht die Familie während ihres Hauptstadtbesuchs jeden Tag einen anderen Bezirk, um zu sehen, wie die Berliner leben. Jetzt war das Tierheim im Bezirk Lichtenberg dran.
„Leider ist es in diesem Jahr wieder sehr schlimm“, beschreibt die Sprecherin des Tierheims, Evamaria König, die aktuelle Situation. „So viele Katzen hatten wir noch nie.“ Das „Bugs-Bunny-Haus“ mit den Kaninchen und Meerschweinchen ist ebenfalls rappelvoll. „Gerade zu Ferienbeginn bekamen wir vermehrt Kleintiere. Viele wurden einfach ausgesetzt.“
300 Vögel abzugeben
Dazu kommen 250 Reptilien aus einer Beschlagnahme und 300 Vögel. Die Wellensittiche stammen vorwiegend aus einer kürzlich erfolgten Wohnungsräumung. Dort retteten die Tierschützer mehrere Hundert der ursprünglich in Australien beheimateten Kleinpapageien.
Die Wellensittiche bereiten König jedoch weniger Kopfzerbrechen. „Es kommen fast täglich Vogelfreunde, die sich bei uns gefiederte Freunde abholen.“ Die Betonung liegt auf der Mehrzahl. „Denn Wellensittiche sollten immer zu zweit gehalten werden“, so König.
Gleiches gelte für Kaninchen und Co. Diese Tiere hätten ein ausgeprägtes Sozial- und Gruppenverhalten. Nur zu zweit oder zu mehreren sei daher eine artgerechte Haltung möglich. Voll sind auch die Hundezwinger. 250 Vierbeiner warten auf neue Besitzer. Trotz Einfuhr- und Zuchtverbot gibt es im Tierheim leider immer noch viele sogenannte Listenhunde. Sie brauchen Menschen mit viel Erfahrung im Umgang mit Hunden. Wer sich für einen solchen „Kampfhund“ erwärmen kann, muss zudem besondere Vorschriften erfüllen.
Hurvinek, ein Ridgeback-Mix, zählt zwar nicht zu den Listenhunden, ist aber groß und stattlich und braucht eine starke Hand. Zusammen mit einer jungen Frau wartet er bei der Anmeldung. „Wir haben ihn bereits seit vier Tagen und unterschreiben nun endgültig die Papiere“, erzählt die junge Frau. Ihr vorheriger Hund sei vor einiger Zeit gestorben. „Es war ein Traumhund“, sagt sie. „Wir hatten ihn vor 15 Jahren ebenfalls aus dem Tierheim geholt“. Auch Hurvinek trifft es gut, denn so viel verraten die neuen Besitzer: „Er kommt in ein Haus mit Garten.“
Hundehalter überfordert
König hofft trotz der warmen Temperaturen auf zahlreiche Besucher in den Ferien. „Wer im Urlaub nicht wegfährt, kann die Zeit gut nutzen, um sich mit einem neuen Haustier anzufreunden.“ Die Auswahl ist wegen der vielen Abgaben groß. Das nutzen offenbar viele Berliner aus. An nur einem Wochenende fanden fast 100 Tiere ein neues Zuhause.
„Der Beginn der großen Ferien ist immer noch der Zeitpunkt, an dem sich Tierhalter von ungeliebten Tieren trennen“, weiß König aus Erfahrung. „Da wird ein Meerschweinchen oder eine Katze für Kinder angeschafft. Wenn der Nachwuchs aber das Interesse verliert und sich nicht um das Tier kümmert, versucht man es loszuwerden.“
Inzwischen beobachtet König jedoch auch zunehmend Tierfreunde, die mit der Haltung von Hunden oder Katzen überfordert seien. „Gerade Hunde, die als Welpen aus Polen kamen, bereiten häufig Probleme, weil sie zu früh von der Mutter getrennt und nicht richtig sozialisiert wurden. Solche Hunde können Verhaltensweisen entwickeln, die viele Hundeliebhaber überfordern“, so König. Es komme auch vor, dass Hunde oder Katzen abgegeben werden, wenn sich bei einer Familie der erste Nachwuchs einstelle und dies zu Unverträglichkeiten führe. Allergien spielten andererseits bei Katzen und Nagern zunehmend eine Rolle, warum sich die Halter von ihren Tieren trennen.
In den vergangenen Monaten musste das Tierheim zudem für Tierfreunde einspringen, die nicht mehr genügend Geld besitzen, um ihre Tiere zu versorgen. „Die Zahl der Berliner, die sich aus finanziellen Gründen von ihrem Liebling trennen müssen, steigt“, resümiert König.
Marianne Rittner
| Das Tierheim in Zahlen |
| Auf dem 16 Hektar großen Areal des Tierheims Berlin am Hausvaterweg 39, Telefon 030 768 88-0, werden jährlich bis zu 12.000 Tiere betreut und versorgt. |
| Seit der Eröffnung im Herbst 2001 wurden 10.598 Hunde, 22.645 Katzen, 8.329 Nagetiere, 4.684 Kaninchen, 2.981 Vögel, 5.000 Wildtiere, frei lebende Katzen, Reptilien sowie Huftiere aufgenommen, betreut und wieder vermittelt. Das sind insgesamt 54.237 Tiere. Im gleichen Zeitraum kamen 1,3 Millionen Besucher in das Tierheim. |
| Für die Versorgung der Tiere fallen täglich 10.000 Euro an. Getragen wird das Tierheim vom Tierschutzverein für Berlin und Umgebung e.V. und dessen rund 15.000 Mitgliedern. |
| Das Tierheim finanziert sich fast ausschließlich aus Spenden. Das Spendenkonto hat die Nummer 35 60 01 05 bei der Postbank Berlin, BLZ 100 100 10. |
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