Ein Entwurf von Hanns Malte Meyer: die Banane – einst Objekt der Begierde vieler DDR-Bürger.
Ein Entwurf von Hanns Malte Meyer: die Banane – einst Objekt der Begierde vieler DDR-Bürger.
Schlümpfe auf der Berliner Mauer in Feierlaune: Ein Entwurf von Wolfgang Strack (Hamburg). Fotos: Augen-Blick
Schlümpfe auf der Berliner Mauer in Feierlaune: Ein Entwurf von Wolfgang Strack (Hamburg). Fotos: Augen-Blick

„Ab ins Panoptikum!“

Im Kronprinzenpalais sind 532 Entwürfe zum Freiheits- und Einheitsdenkmal zu sehen. Viele Besucher sind verwirrt, bestürzt, entsetzt.

Berlin. Das Projekt einer Erinnerungsstätte für die glücklichste Wende der deutschen Geschichte ist ein ehrgeiziges. Entsprechend hochfliegend sind die Pläne. Die meisten Betrachter allerdings können den Vorstellungen der Künstler nicht recht folgen und reagieren mit Missmut, Hohn und Spott.

Das Vorhaben ist erst einmal ambitioniert. 2007 beschloss der Bundestag, dass ein Denkmal zur Erinnerung an die friedliche Revolution im Herbst 1989 und an die anschließende Wiedervereinigung errichtet werden möge. Die parlamentarische Entscheidung fiel am 9. November, dem Tag des Mauerfalls, dem Tag der Reichspogromnacht. Mehr Symbolik ging nicht. Es war, keine Frage, dem hohen Hause Ernst mit seiner Abstimmung. Allerdings konnten die Abgeordneten nicht ahnen, was ihr Tun einst anrichten sollte.

Die Folgen sind nun auf zwei Etagen im Kronprinzenpalais zu begutachten, in einer Gesamtsicht aller 532 Entwürfe für das geplante „Freiheits- und Einheitsdenkmal“. Zahlreiche Menschen nutzen die Möglichkeit, sich selbst ein Bild von dem Wettbewerb zu machen, jedoch mit gelegentlich prekären Folgen. Immer wieder schallt aus den Ausstellungsräumen beinahe schon hysterisches Gelächter. Ein älterer Herr ist von den gesammelten Eindrücken sichtlich benommen und sucht das Gespräch mit der ungerührt zuhörenden Wärterin. Viele Besucher müssen sich einfach Luft machen. Sie sind verwirrt, erregt, verärgert. Das Personal jedenfalls ist nicht zu beneiden.

Schlümpfe aufs Podest


Der Gestaltungsrahmen für das Denkmal wurde so offen wie möglich gehalten. Nur der Ort, an dem es später zu sehen sein wird, steht fest. Die Erinnerung an die historischen Ereignisse der Jahre 1989 und 1990 soll sich auf dem rund 3000 Quadratmeter großen, noch erhaltenen Sockel des ehemaligen Nationaldenkmals auf der Schlossfreiheit, in unmittelbarer Nähe des Spreeufers, baulich manifestieren. Ansonsten gab es kaum Auflagen. Die Botschaft also war: Nun entwerft mal schön! Die Aufforderung fiel auf einen fruchtbaren Boden. Die Entwürfe sprossen. Und schossen wild ins Kraut. Jetzt, wo sozusagen geerntet wurde, ist das Entsetzen groß.

Abzulesen ist dies exemplarisch an den Einträgen im Gästebuch der Ausstellung. Der schwarz eingebundene Foliant saugt die Stimmung der Besucher auf, Dutzende von Seiten sind schon beschrieben, in krakeliger Schrift, in Schönschrift und Druckbuchstaben, mal hastig und in offenbarer Aufregung aufs Blatt geworfen, mal getränkt von staatsbürgerlicher Emphase und tiefem Ernst. Alles in allem ist es ein Dokument des Frustes. Einige Besucher können offensichtlich kaum in Worte fassen, was sie gerade vor Augen gehabt haben. „Skandal“, stöhnt Björn Kern in seinem Eintrag. Gemeint ist die Empfehlung der Jury, den Wettbewerb für gescheitert zu erklären. Es gibt keine Sieger. In großer Kraftanstrengung haben die Experten die eingereichten Arbeiten gesichtet, statistisch gesehen blieben für die Begutachtung jedes einzelnen Entwurfs nur 66 Sekunden. Herr Kern hat dafür zwei weitere Worte der Ungnade übrig: das ganze sei eine „Blamage“ und eine „Beleidigung“ der beteiligten Künstler und Architekten.

Die meisten Reaktionen sind gekennzeichnet von blanker Entgeisterung. Vielleicht kein Wunder angesichts eines Sammelsuriums der Scheußlichkeiten. Da sollen tatsächlich die Schlümpfe aufs nationale Podest oder eine goldene Banane oder ein Einkaufswagen von Aldi. Großzügig werden die Farben Schwarz, Rot, Gold über gigantischen Konstrukten aus Glas, Beton und Stahl verteilt. Es wimmelt von Kugeln, Ringen, Säulen, meist hochsymbolisch drapiert, nicht selten aber bereits ein Schritt über dem Abgrund zur Lächerlichkeit.

Der Auftrag für dieses Denkmal der Deutschen war zu Beginn ein ehrenwertes Unternehmen – und ist es noch. Die Resultate aber rufen bei vielen Besuchern nur Bestürzung hervor. Vom „Triumph der Würdelosigkeit“ schreibt einer und fordert: „Ab ins Panoptikum!“. „Grauenvoll“, äußert sich ein anderer, „übertrifft meine Befürchtungen bei Weitem!“ Es stehen viele donnernde Ausrufezeichen in diesem Buch.

Ein Autor fasst sich kurz und erkennt in den Vorlagen „Vox populi“ und schlussfolgert bündig: „Vox Rindvieh“. „Unerwartet gruselig“ findet ein Betrachter „90 Prozent der Entwürfe“. Andere sprechen von „skandalösen Merkwürdigkeiten“, einem „peinlichen Desaster“ oder schlicht von einer „Schande“.

„Alles Banane“

Die Hobbykritiker schreiben sich ihren Ärger von der gequälten Seele. Nicht wenige flüchten sich dabei in Hohn und Spott. „Alles Banane!“ wird da konstatiert, und: „Selten so gelacht!“ Nicht bei jedem Statement ist die Grenze zwischen Ernst und Ironie erkennbar. Die Hingabe an eine große, vielleicht zu große Aufgabe lässt manchen Laienplaner alle Zweifel vergessen. Gleich aus fünf Entwürfen will einer von ihnen etwas Neues, Besseres schaffen. Zur Verdeutlichung fügt er noch eine knappe Anleitung („die Ebenen verschränken“) nebst einer handschriftlichen Skizze bei. Ein paar Seiten weiter wird eine „schlichte Gestaltung“ gefordert beziehungsweise etwas, das sich „vorwiegend horizontal“, dabei aber „kommunikativ“ und „nicht pathetisch“ ausnimmt. Herr Weißhaupt aus Berlin empfiehlt „etwas Leichtes“, etwa einen „Springbrunnen in einem goldenen Becher“ samt einer Inschrift, die „so etwas wie ‚Einigkeit und Recht und Freiheit‘“ mitteilen könnte. Ergänzend notiert er, wäre „eine grüne Umgebung nicht schlecht“. Hier denkt das Publikum tatsächlich mit.

Fragen über Fragen


„Fragen über Fragen“ resümiert fatalistisch ein kurzer Beitrag. Aber wo Verzweiflung ist, da ist auch Hoffnung. „Wir alle“, ahnt ein Skribent, „sind kreativ.“ Nun denn, wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Entwurf 1375 zum Beispiel, gibt ein Ausstellungsgast sich selbstgewiss, werde „dem Thema gerecht“. Der Plan gemahnt an eine Landeplattform für Außerirdische. Sehr ambitioniert, auf jeden Fall. Man sollte Vorschläge wie diesen nicht als vermessen abtun. Denn eines ist doch unbestritten: Die ganze Schau, vermutet eine andere Analyse, sei kaum weniger als ein „Psychogramm unserer Gesellschaft“.

Kai Ritzmann



Gescheiterter Wettbewerb
Der Wettbewerb für das Freiheits- und Einheitsdenkmal war als ein zweistufiger Wettbewerb geplant. Aus der ersten Runde der Beiträge sollten rund 20 ausgewählt werden, die dann in einer zweiten, entscheidenden Konkurrenz erneut gegeneinander antreten sollten. Doch die Jury sah sich außerstande, 20 würdige Entwürfe zu finden und brach damit den Wettbewerb ergebnislos ab. Das weitere Verfahren könnte darin bestehen, nun Künstler und Architekten gezielt um Vorschläge zu bitten. Die über 500 Arbeiten aus der ersten Stufe sind noch bis Ende Mai täglich von 10 bis 20 Uhr im Kronprinzenpalais, Unter den Linden 3, zu sehen. Der Eintritt ist frei.


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