


Die Lust am Computerspiel und Surfen im Internet kann zur Sucht werden. Die Folgen sind nicht selten dramatisch.
Berlin. Wenn das eigene Kind kaum noch von Bildschirm und Tastatur fernzuhalten ist, wenn es regelmäßig heimlich und die halbe Nacht hindurch im Netz ist, sind die Eltern meist überfordert. Beratungsstellen und Therapeuten registrieren immer mehr Fälle von Computer- und Internetsucht. Oft hilft nur ein striktes Verbot.
Der Anfang ist hart. Aber es geht nicht anders, jedenfalls nicht hier in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Wer dort angekommen ist, ist bereits ein Fall, ein psychisch auffälliger junger Mensch, eingewiesen von Eltern, Ärzten oder Ämtern. Immer mehr von ihnen leiden unter einer besonderen Form von Abhängigkeit: der Internetsucht. Für sie heißt es vom ersten Augenblick an: totale Abstinenz vom Computer. Auch das Handy wird konfisziert, oft sogar – so ausgeschlafen ist man natürlich – das versteckte Zweithandy.
Aggression und Lethargie
„Ab jetzt ist Schluss“, heiße es dann für die Patienten, sagt Chefarzt Oliver Bilke. Für viele ein Schock, der nicht selten zu Zittern und Angstschweiß führt, bei einigen auch zu Lethargie oder Aggressivität. Manche flippen völlig aus. Da spielten sich, so Bilke, „irre Inszenierungen“ ab. Doch der Arzt bleibt unerbittlich: „Die jungen Leute brauchen einen klaren Schnitt.“
Von den rund 700 Patienten im Jahr in der Frohnauer Vivantes-Klinik werden etwa 40 wegen Internetabhängigkeit behandelt. Es ist eine junge Therapie- und Forschungsrichtung. Es gibt viele Ansätze, aber noch nicht stets auch eine Lösung. Die Heranwachsenden zeigen das typische Suchtverhalten. Ihr Drang vor das verkabelte Gerät ist zwanghaft.
Die Faszination, die von der grellen, rasanten Bilderfolge auf dem Bildschirm ausgeht, geht ihnen nicht mehr aus dem Kopf. Interaktive Spiele wie „Counter-Strike“ oder „World of Warcraft“, die rund um den Globus Millionen von Jugendlichen zum Mitmachen anlocken, wirken wie ein verhängnisvoller Sog, der die Mitspieler in ihren Bann und damit in eine virtuelle Gegenwelt zieht. Für die Internetsüchtigen ist der Computer ein teuflisches Instrument. Die Angebote aus dem Netz passen sich jeder Bedürfnisstruktur an. Wer Filme haben will, bekommt Filme, wer Pornografie haben will, bekommt Pornografie, wer Spiele haben will, bekommt Spiele, alles im Überfluss, alles zu jeder Tages- und Nachtzeit.
Da die Mitspieler in allen Zeitzonen sitzen, verschwimmen für sie Tag und Nacht. Rasch sind sie daher übernächtigt. Nach und nach verlieren sie das Interesse an der wirklichen Welt, an Freunden, Schule, Sport, Familie. Die Noten werden schlechter, die äußere Erscheinung ungepflegter, oft nehmen sie auch zu. Spätestens dann sollen die Eltern eingreifen. Aber die sind meistens überfordert.
Und wird nicht überall suggeriert, der geübte Umgang mit dem Computer sei heute unverzichtbar, besonders für Jugendliche? Stehen nicht mittlerweile in jeder Schule Computer? Ist gutes Computerwissen für die Schüler nicht eine gute Vorbereitung auf den Beruf? Kann man damit nicht später viel Geld verdienen? Warum also dem Sohn den intensiven Umgang mit dem vernetzten Zauberkasten verbieten?
Eltern überfordert
Doch selbst wenn die Warnsignale sich häufen, reagieren Mütter und Väter oft unbeholfen. Sie zeigen Verständnis, stellen weiche Grenzen für die Computernutzung auf („Aber heute Abend bitte nur noch eine Stunde!“) und kontrollieren ihre Maßregelungen kaum. So wird es schlimmer und schlimmer. Wie bei Lukas. Der 21-Jährige kam aus Süddeutschland nach Berlin, um hier zu studieren. Nebenher gewann er Computerspielturniere, stieg in der Spielerszene auf. Zunächst war das Spielen für seinen sozialen Status durchaus förderlich. Doch zugleich begann der junge Mann, sein Umfeld zu vernachlässigen. Freunde wandten sich von ihm ab, die Schulden wuchsen. Der Absturz begann, doch ans Aufhören dachte er nicht. Lukas verbarrikadierte sich, das Interesse an anderen Dingen schwand rapide, die Welt aus dem Kabel bekam Oberhand über die reale Welt. Das Spielen wurde zur Manie, gefördert noch durch eine fast diabolische innere Logik der Spiele: Nur wer häufig und intensiv mitmacht, erreicht ein höheres Level, ewiges Ziel der Spielbegeisterten. Wer will schon gern auf der Kindergartenebene hängen bleiben?
Lukas fand den Weg zu „Lost in Space“, der Beratungsstelle der Caritas für Computerspiel- und Internetsüchtige und deren Angehörige. Es ist ein niedrigschwelliges Angebot, eine Art Café mit angeschlossenem Gruppensitzungsraum. Seit 2006 kümmert man sich in dem Kreuzberger Büro, finanziell unterstützt vom Senat, um Jugendliche, die an ihrem Computer pausenlos online oder offline spielen, chatten, mailen, surfen. Der Zulauf sei geradezu „explodiert“, sagt Leiter Jannis Wlachojiannis. Allein in diesem Jahr seien schon mehr als 200 Hilfesuchende registriert worden. Wlachojiannis weiß von Spielern, die 72 Stunden ohne Pause vor dem Bildschirm verbringen – und dann zusammenbrechen. Es ist meist auch eine Flucht aus der Realität.
„Wir sind an der Front“, sagt der Diplom-Sozialpädagoge. Nahezu täglich melden sich nicht nur Betroffene, sondern auch Eltern, Lehrer, Ärzte, Juristen, Journalisten. Wlachojiannis findet das „spannend“. Er spürt, dass da aus der Mitte der Gesellschaft ein Phänomen hochkocht, in dem sich grell der Geist der Zeit widerspiegelt – mitsamt dessen dunkler Seite.
Der Computer ist allgegenwärtig, und wer ihn nutzt, tut nichts Anstößiges. Wer zu viel trinkt, eckt über kurz oder lang im Berufs- wie im Privatleben an. Aber wer viel vor dem Bildschirm sitzt, macht vielleicht gerade fleißig seine Hausaufgaben, ist besonders helle, wissbegierig, bereitet sich zielstrebig auf einen Beruf in der IT-Branche vor. Wo ist die Grenze? Wo hört das Gesunde auf und fängt das Krankhafte an?
Respekt in der Szene
Professionelle Online-Spieler gelten bei vielen Jugendlichen als Helden. Ihre Leidenschaft wird von der Computerindustrie kräftig gefördert. Jannis Wlachojiannis würde sich wünschen, dass einer von denen, die in der Spielerszene Respekt genießen, mal die Courage hätte, vor den Suchtgefahren zu warnen. Es wäre ein Zeichen, das bei den Betroffenen ankäme. Bisher aber hofft Wlachojiannis vergebens.
Lukas hat den Absprung geschafft. Er hat den Computer aus seinem Leben verbannt. Er hat seinen Tagesablauf neu strukturiert, die Nacht ist für ihn wieder zum Schlafen da, der Tag zum Arbeiten. Er hat einen Job gefunden und eine Freundin. Er ist wieder in der Wirklichkeit angekommen. Er hat Glück gehabt. Sein Leben, sagt er, gestalte er jetzt lieber offline.
Kai Ritzman
| Abhängigkeit und Symptome |
| Die typischen Symptome der medialen Abhängigkeit bei Jugendlichen sind (nach den Erfahrungen der Frohnauer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik) unter anderem exzessives Computerspielen über mehr als sechs Stunden täglich, ein andauernder sozialer Rückzug, Schulversagen, Aggressionen und Gereiztheit, Bewegungsmangel, Ungepflegtsein, Ernährungsprobleme, Schlafstörungen, intensive Beschäftigung mit Spieleinhalten auch bei ausgeschaltetem Computer. Sollten Eltern bei ihren Kindern diese Warnsignale beobachten, empfiehlt sich dringend ein Gang zur Beratung oder zum Therapeuten. |
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