


Für viele Jugendliche kann die Musik in Diskotheken nicht laut genug sein. Gesundheitsexperten warnen vor Gehörschäden.
Berlin. In der Hauptstadt gibt es Hunderte Clubs und Diskotheken. Besonders beliebt sind bei Jugendlichen Discos, in denen die Musik ordentlich laut aufgedreht wird. Fatal im Hinblick auf mögliche gesundheitliche Schäden. Senat, Techniker Krankenkasse und Diskothekenverband starten nun eine Aufklärungsaktion.
Die beiden 18-jährigen Freundinnen Julia und Nadine freuen sich schon auf den Abend, haben doch beide eine Woche Praktikum in einer Designerfirma hinter sich. Es ist Freitag, und um Mitternacht ist wieder Disco-Partytime. Erst einmal wird zu Hause bei Nadine in Tempelhof vorgefeiert – natürlich lautstark mit angesagten Hip-Hop-Scheiben. Später gegen 22 Uhr geht’s ab zum Treffpunkt ihrer siebenköpfigen Clique, einem Fastfood-Restaurant in der City. Und dann stürmen alle gemeinsam das Maxxim an der Joachimstaler Straße.
Musik ist spitze
„Hier ist die Musik richtig spitze, und die DJs sind so toll“, schwärmt Julia. Die Musik, egal ob Punk oder Elektronikbeat, sollte, so Julias Wunsch, möglichst laut rüberkommen: „Mit wummernden Bässen und viel Power.“ Die anderen in der Runde nicken zustimmend. „Zwar sind wir meistens am nächsten Tag heiser, weil wir uns anschreien mussten, um uns zu verstehen, aber das ist egal“, sagt der 19-jährige Daniel mit einem Grinsen. Der Mariendorfer studiert an der Universität der Künste und ist begeisterter Discogänger.
Was Daniel und seine Freunde bisher nicht interessiert, sind die Folgen regelmäßiger starker Musikbeschallung. Während sich die Jugendlichen in den Discos amüsieren, schlagen Experten aufgrund der teilweise hohen Lautstärken Alarm. Denn die Schallintensität zum Beispiel in einer Techno-Disco liegt mit rund 120 Dezibel schon im Schmerzbereich und kann unter anderem Schwerhörigkeit und Taubheit hervorrufen. „Kranke Gäste sind schlechte Gäste“, sagt Stephan Büttner, Geschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Discotheken und Tanzbetriebe (BDT). Besonders wenn durch Discolärm gesundheitliche Schäden wie Tinnitus (ständig wiederkehrende Ohrgeräusche) auftreten. Dafür können Club-Betreiber und DJs zudem verantwortlich gemacht werden. „Auch wir haben eine Erziehungsfunktion“, sagt DJ René Dittmar vom Maxxim.
Diese Erkenntnis vereint auch das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso), die Techniker Krankenkasse (TK) und den BDT. Mit ihrem gemeinsamen Qualitätssiegel „Freiwillig kontrollierte Lautstärke“ und dem „DJ-Führerschein“ wollen sie für etwas leisere Töne in den Diskotheken sorgen, obwohl zahlreiche Jugendliche dies nicht unbedingt begrüßen. „Viele von ihnen sind sich des Risikos einfach nicht bewusst“, warnt Marcus Dräger von der TK. Die Schäden seien, so Dräger, irreparabel, und der Hörverlust stelle sich oft erst Jahre später ein.
Freizeitlärm, Konzerte, MP3-Player, Kinderdiscos – die Lärmkette beginne schon in sehr jungen Jahren. Das mache sich zum Beispiel auch in der steigenden Zahl von Hörgeräte-Verordnungen durch die Ärzte bemerkbar. „Besonders betroffen sind dabei die 15- bis 30 Jährigen“, so Dräger.
Rund 100 Discjockeys haben gerade im Maxxim ihren Willen zur Selbstkontrolle der Lautstärke bekräftigt und jetzt ihren DJ-Führerschein in der Tasche. Dafür haben sie dort bei einem ganztägigen Seminar gebüffelt. „Es ging um die gesundheitlichen Folgen von zu lauter Musik, um akustische und technische Möglichkeiten der Beschallung sowie um rechtliche Aspekte“, berichtet DJ René und fügt hinzu: „Wir arbeiten daran, dass das Maxxim auch einmal zu den Clubs mit Qualitätssiegel gehört.“ Voraussetzung für den Erhalt eines Qualitätssiegels ist der Einsatz qualifizierter DJs, die Anzeige der Lautstärke auf der Tanzfläche, das Halten eines Mittelwerts von 99 Dezibel und ab 95 Dezibel die Ausgabe von Ohrstöpseln. Sieben Berliner Clubs und Diskotheken halten sich freiwillig an die Regeln. Detlef Kadler vom Lageso zählt auf: „Alte Kantine und Frannz Club in Prenzlauer Berg, Halli Galli in Reinickendorf, Tollhaus in Lichtenberg, Matrix und Narva Lounge in Friedrichshain sowie Kaffee Burger in Mitte.“
Dass die etwas geringere Lautstärke kein Spaß- und Partykiller ist, kann der Frannz Club nur bestätigen. „Wir machen seit April 2008 mit und hatten noch keinerlei Beschwerden“, sagt Emilia Thalheim vom Frannz. Sie ist der Ansicht, dass die Lautstärke für die Gäste keine große Rolle spiele. „Die wollen doch einfach nur ’ne gute Party.“ Ob die Lautstärke schadet oder nicht, sei den meisten Besuchern egal. Sie seien noch nicht so sensibilisiert. „Wir nehmen an der Aktion aus Verantwortung für unsere Gäste und unser Personal teil“, so Thalheim weiter.
Freiwillig drosseln
Rund 120 Discos und Clubs sind in der Berliner Club Commission organisiert, die das Qualitätssiegel unterstützt. Deren Sprecher Olaf Kretschmar empfiehlt allen Clubs und Diskotheken, die Lautstärke freiwillig zu drosseln.
Die Aufklärungsaktion läuft zunächst nur in Diskotheken. „Wir haben mit Discos angefangen, weil die Besucher dort länger und öfter verweilen als beispielsweise bei Live-Konzerten“, erklärt Experte Kadler. Die Lärmdosis sei einfach größer. Aber auch Rockkonzerte haben es laut Kadler in sich: „Vor den Boxen werden Spitzenpegel von 130 Dezibel gemessen. Das ist lauter als der Lärm eines Flugzeugs im Nahbereich.“ Als „sehr mühsam“ bezeichnet Kadler die Prävention bei Kindern und Teenagern. „In Lichtenberg werden gerade die Besucher in Kinderdiscos aufgeklärt.“ Nun stehe auch die Aufklärung in Schulen an. Den Anfang mache das Oberstufenzentrum Wirtschaft und Sozialversicherungen in Treptow.
Einen unterhaltsamen Einstieg ins Thema „Lärm und Hören“ soll Lehrern und Schülern die DVD „Tatort Ohr“ der Unfallkassen bieten. Einig sind sich die Teilnehmer der Lärm-Aufklärungskampagne darüber: „Gesetzliche Verbote sind nicht gefragt, alles soll freiwillig sein“, so Stephan Büttner vom Diskothekenverband. Julia und ihre Freunde werden trotz Durchschnittsschallpegel von „nur“ 99 Dezibel weiter ihren Spaß haben und es den Veranstaltern vielleicht später einmal danken.
Gabi Zylla
| Lautstärke und ihre Folgen |
| Unheilbare Ohrschäden können laut Techniker Krankenkasse bei einer Lautstärke von 120 Dezibel zum Beispiel in Boxennähe in nur zehn Sekunden entstehen. Jedes Ohr hat etwa 20000 Gehörzellen. Durch zu laute Musik geschädigte Hörzellen sterben ab. Rund 30 Prozent der Hörgeschädigten leiden darüber hinaus unter quälenden Ohrgeräuschen. Die Schmerzgrenze liegt bei einem Schallpegel zwischen 110 und 120 Dezibel. Zum Vergleich: Bei Knallkörpern liegt der Wert bei 145 bis 160 Dezibel, bei Rockkonzerten um 110 Dezibel aufwärts, in Diskotheken bei 90 bis 105 Dezibel. Zimmerlautstärke herrscht zwischen 52 und 62 Dezibel. In der Hauptstadt hat nach Erkenntnissen der Techniker Krankenkasse bereits jeder vierte junge Erwachsene einen Hörschaden. |
|
Weitere Online-Angebote der Axel Springer AG: AUDIO VIDEO FOTO BILD | BERLINER MORGENPOST | BILD | BILD am SONNTAG | BILD der FRAU | B.Z. | COMPUTER BILD | COMPUTER BILD SPIELE | DIE WELT | WELT am SONNTAG | €URO | EURO am SONNTAG | FAMILIE & CO | HAMBURGER ABENDBLATT | HAMBURGER WOCHENBLATT | HÖRZU | JOLIE | MÄDCHEN | METAL HAMMER | MUSIKEXPRESS | POPCORN | ROLLING STONE | SPORT BILD | STARFLASH | TV DIGITAL | YAM! | www.autobild.de | www.immonet.de | www.stepstone.de | www.arbeiten.de | www.idealo.de | www.dvd-idealo.de | www.spiele-idealo.de | buch-idealo.de | www.axel-springer-akademie.de www.axelspringer.de |
© 2004-2010 Berliner Wochenblatt Verlag GmbH - Alle Rechte vorbehalten. Impressum Datenschutz
Berliner, wochenblatt, woche, redaktion, anzeigen, kleinanzeigen, download, beilagen, zeitung, anzeigenblatt, wochenzeitung, kostenlos, gratis, Marktführer, Nr. 1, lokalzeitung, lokal, Berlin, Hallo, Spandau, Spandauer, Volksblatt, Reichweite, Leserreisen, Leser, Reportage, Motorradtouren, Stellenmarkt, Ausgaben, Werben, Themenplan, Leseranalyse, Referenzen, Werbeprospekte, Direktverteilung, Centerzeitungen, Prospektanzeigen, Autorenwettbewerb, Durchblick, Berliner Helfen, Leseraktionen, Ostpool, Zustellqualität, Halfcover, Flying Page, Jobs, Vertriebsqualität, Einkaufscenter