Blick vom Info-Tower auf die Großbaustelle für den Flughafen in Schönefeld. Foto: Augen-Blick
Blick vom Info-Tower auf die Großbaustelle für den Flughafen in Schönefeld. Foto: Augen-Blick

Alles nach Plan

Die Begeisterung der Schaulustigen für den Großflughafen ist gewaltig. Anwohner fürchten jetzt schon den Fluglärm in der Nacht.

Berlin. In zwei Jahren wird der Großflughafen Berlin Brandenburg International (BBI) eröffnet. Die Begeisterung für ihn ist jetzt schon außergewöhnlich groß.

Der Reisebus vor der „airportworld bbi“, dem Besucherzentrum am Flughafen, ist bis auf den letzten Platz ausgebucht. Die Familien und Rentner stürmen zu den begehrten Fensterplätzen. Der 14-jährige Michael aus Bremen tauscht mit seinem Vater den Platz. „Ich will doch was sehen“, drängelt er. Dann geht’s los mit der anderthalbstündigen Tour „Erlebnis Baustelle“ zum 2000 Fußballfelder großen Flughafen-Bauareal. Die Erklärungen der netten Führerin in neongelber Weste geben einen Eindruck vom Baugeschehen: Das Terminal wird sechs Stockwerke hoch, hat eine Fassade von 33000 Quadratmetern und ist im Rohbau fertig. Deutlich sichtbar steht es da: 270 Meter lang, 180 Meter breit, 32 Meter hoch. Zum Aufbau der Dachkonstruktion kommt der Star unter den Kränen der Baustelle zum Einsatz. Mit einem 100 Meter langen Ausleger kann der gigantische, 750 Tonnen schwere, rote Riese Teile von bis zu 130 Tonnen heben – maximal zwei am Tag.

Dörfer mussten weichen

Die neue Start- und Landebahn werde nicht beheizbar sein, antwortet die Reiseleiterin auf die Frage eines Rentners. Die Zollkontrollen auf der Baustelle richten sich gegen Schwarzarbeiter, erklärt sie weiter. Die gebe es dort aber nicht, betont die Expertin. Sie erzählt von der Umsiedlung zweier Dörfer vor dem Baustart: „Kienberg und Diepensee mussten für das Großprojekt weichen. Die Bewohner sind nun in Rotberg und Königs Wusterhausen zu Hause.“ Dabei sei Kienberg eins zu eins in der Gemarkung Rotberg neu entstanden, mit gleicher Straßenführung und gleichen Häusern, in denen dieselben Nachbarn leben. Derweil drehen sich rund 50 bunte Kräne über der Baustelle – aus der Entfernung filigran anzuschauen. Und weiter hinten hebt elegant ein Flieger vom alten Flugplatz ab.

Bis zu 3000 Bauarbeiter wirbeln montags bis freitags im Zwei-Schicht-System auf der Großbaustelle. Für sie gibt es sogar eine kleine Feierabendkneipe in dem Spitzdachgebäude am Rand des Geländes. In dem Containerdorf daneben arbeiten meist Bauleiter und Planer. Eines wird bei der Baustellentour schon jetzt stolz verkündet: „Das große Eröffnungsfest des neuen BBI Schönefeld startet am 31. Oktober 2011 um 17 Uhr.“ Aber bis dahin wird noch jede Menge Beton verbaut werden, insgesamt 1,35 Millionen Kubikmeter – hergestellt vor Ort in dem laut Flughafengesellschaft modernsten Betonwerk Europas, das nur für den neuen BBI produziert.

Der Rundblick vom 32 Meter hohen Info-Tower zeigt, wie weit die Bauten schon gewachsen sind. Beim 72 Meter hohen Flughafentower wurde bereits Richtfest gefeiert. „Derzeit gehen die Arbeiten am Terminal weiter. Der Betonkern ist fertig, das Stahlgerüst aufgebaut, und die Glaselemente kommen in die Fassade“, sagt Ralf Kunkel, Sprecher der Berliner Flughafen Gesellschaft. Im Frühjahr 2010 werde dann das Terminal-Richtfest gefeiert. Der Hauptpier stehe im Rohbau, die Start- und Landebahn werde 2010 beendet. Auch der Flughafenbahnhof acht Meter unterm Terminal mit Gleisen für S-Bahn, Regional- und ICE-Fernverkehr sei, so Kunkel, im Zeitplan. Mit dem Bau der Hangars werde 2010 begonnen. Für das geplante Regierungsterminal im Nordteil des neuen Flughafens sei inzwischen, so Kunkel, der Planfeststellungsantrag eingereicht worden. Ob das Vorzeigestück aber schon 2011 öffnet, sei allerdings fraglich.

Schon „etliche hundert Bewerbungen“ gibt es für die 150 Läden und Restaurants, die auf dem „Marktplatz“ in der Airport City öffnen. Die Vergabeverfahren an Händler von Lebensmitteln, Büchern und Mode, an Restaurants, Bars, Fitness- und Kulturanbieter sollen Mitte 2010 abgeschlossen sein. Angestrebt wird laut Kunkel, 47 Prozent der Flughafen-Einnahmen aus den Mieten für Einzelhandel, Duty Free und Gastronomie sowie Werbung und der Vermietung von Parkplätzen zu erzielen. „Jeder zweite Euro soll sozusagen mit ,Schnaps und Schlipsen‘ gemacht werden“, hofft Kunkel.

Auch noch nach der Eröffnung des neuen BBI wird der Info-Tower für die Flughafenfans weiter bestehen: „Wir haben gemerkt, wie beliebt der Ausblick ist.“ Da kommen Besucher und schauen stundenlang den Flugzeugen beim Starten und Landen zu. Im Gespräch sei auch, eventuell das Besucherzentrum zum Info-Tower zu verlegen.

Streit um Nachtflüge


Streit gibt es derzeit um die BBI-Nachtflüge. Von 0 bis 5 Uhr sind reguläre Linienflüge verboten, eine halbe Stunde vor und nach dieser Kernzeit dürfen nur verspätete oder verfrühte Flieger landen. In den „Tagesrandzeiten“ zwischen 22 und 24 Uhr sowie 5 und 6 Uhr rechnet die Flughafengesellschaft mit etwa 77 Flugbewegungen. „Langfristig wird daher die strikte Kontingentierung auf 31 Flugbewegungen zwischen 23 und 24 Uhr sowie 5 und 6 Uhr unserer Wachstum hemmen“, weiß Kunkel.

Für die Industrie- und Handelskammer Berlin ist die Nachtflugregelung ebenfalls „enttäuschend“. Deren stellvertretender Hauptgeschäftsführer Christian Wiesenhütter sieht die Ausnahmen für Landungen in den Kernrandzeiten nur als „Tropfen auf den heißen Stein“. Das werde der wachsenden Bedeutung Berlins als europäischer Metropole nicht gerecht. Auch der Geschäftsführer der Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM), Burkhard Kieker, hätte sich eine „großzügigere“ Regelung gewünscht. BTM-Argument: 70 Prozent aller ausländischen Berlinbesucher reisen schon per Flieger an. Durch die Nachtflugregelung werde aber mittelfristig eine gute Anbindung der Langstreckenflüge zu Kongressen und Events erschwert.

Dem Bürgerverein Brandenburg-Berlin (BVBB) mit seinen 3000 Mitgliedern geht dagegen die Regelung nicht weit genug. Ferdi Breidbach vom BVBB befürchtet für die 120000 betroffenen Anwohner massive Störungen der Nachtruhe, gesundheitliche Schäden sowie Verlust von Lebensqualität. Wegen der hohen Kosten sieht sich der Verein nicht in der Lage, für einzelne Bürger gegen die Nachtflüge vor das Bundesverwaltungsgericht zu ziehen. Für Breidbach ist klar, die BBI-Standortentscheidung sei falsch gewesen, Speerenberg die bessere Alternative – und wäre sogar privat finanziert worden. Aber weder der Nachtflugstreit noch das verzögerte Regierungsterminal haben Auswirkungen auf den geplanten BBI-Eröffnungstermin.

Gabi Zylla


27 Millionen Passagiere pro Jahr
Der neue Flughafen Berlin Brandenburg International (BBI) kostet rund 2,5 Milliarden Euro. Zur Finanzierung nahm die Flughafen Berlin Schönefeld GmbH 2,4 Milliarden Euro Kredit auf. Dazu kommen die Eigenanteile der drei Gesellschafter Bund, Land Berlin und Land Brandenburg. Zur Eröffnung Ende Oktober 2011 wird der BBI mit einer Kapazität von rund 27 Millionen Passagieren pro Jahr in Betrieb gehen. Je nach Passagierentwicklung kann der Flughafen für bis zu 45 Millionen Fluggäste ausgebaut werden. Das Unternehmen Berliner Flughäfen rechnet mit einem Gesamtbeschäftigungseffekt des BBI von 73.000 Arbeitsplätzen – bezogen auf den BBI und die Region. Die Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung findet ab 2012 bei Selchow in Brandenburg statt. Der Info-Tower (Fahrstuhl und Wendeltreppe) ist täglich von 10 bis 16 Uhr geöffnet, Eintritt: zwei, ermäßigt ein Euro. Infos zu Baustellentouren unter Tel. 60912250 oder unter www. berlin-airport.de im Internet.


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