Das waren noch gute Zeiten für Tempelhof. Nach der Schließung werden nun aber Nutzungen für den innerstädtischen Flughafen fernab der Fliegerei gesucht. Foto: Christian Hahn
Das waren noch gute Zeiten für Tempelhof. Nach der Schließung werden nun aber Nutzungen für den innerstädtischen Flughafen fernab der Fliegerei gesucht. Foto: Christian Hahn

Am Flughafen scheiden sich die Geister

Ausstellung präsentiert 80 Vorschläge – Wettbewerbssieger planen neue Wohnquartiere in Kreuzberg und Neukölln.

Berlin. Der stillgelegte Tempelhofer Flughafen ist knapp 390 Hektar groß. Wie der neu gestaltet und genutzt werden sollte, damit beschäftigen sich derzeit Ideenwettbewerbe für Architekten, Stadt- und Landschaftsplaner sowie Bürgerbefragungen und eine koordinierende Trägergesellschaft. Ob Wohnungsneubau oder Park, die Meinungen gehen da weit auseinander.

„Alles Sandkastenspiele“, murmelt der Herr vor der großen Stellwand. Er betrachtet stirnrunzelnd die Wettbewerbsvorschläge, schreitet die Tafeln, auf denen die Architektenbüros ihre Visionen festgehalten haben, langsam ab. Will er alle 80 Vorschläge genauer ansehen, kann das Stunden dauern. Beschränkt er sich auf die drei Gewinner des Ideenwettbewerbs, ist er zwar schneller fertig, aber eine konkrete Vorstellung von der Zukunft des Tempelhofer Feldes hat er dann auch nicht.

Dicht an dicht stehen die Tafeln noch bis zum kommenden Freitag in einer Fabriketage im Gewerbehof Orco-GSG in der Gneisenaustraße 66. Wo früher Fliegergeschichte geschrieben wurde, geht es heute laut Senatsbaudirektorin Regula Lüscher darum, Ideen zur städtebaulichen Vernetzung der nördlichen Flughafenflächen mit den benachbarten Kiezen zu präsentieren. Vorgabe: Bebauung nur an den Rändern des Tempelhofer Feldes, das Flugfeld wird Park. So werden nördlich des Columbiadamms der Südstern und die Bergmannstraße in Kreuzberg von den Stadtplanern ins Visier genommen, östlich des Flughafens die Anbindung an die Neuköllner Schillerpromenade.

Keine reinen Wohnriegel


Ein neues Wohnquartier westlich einer ausgebauten Lilienthalstraße bis zum Columbiadamm und darüber hinaus bis auf das Flughafengelände könnte die Verbindung zum Südstern herstellen. Da sind sich zum Beispiel zwei der drei vom Senat favorisierten Architektenbüros einig. Das eine, Urban essences/Lützow 7, stellt als langfristige Option zusätzlich die Verlängerung der Graefestraße quer durch den Volkspark Hasenheide über den Columbiadamm hinweg bis zum geplanten inneren Grünbereich auf dem Flugplatz vor. „Das neue Wohnquartier würden nicht nur reine Wohnriegel bilden. Angestrebt ist eine lebendige Kreuzberger Mischung. Der Bereich Lilienthalstraße muss dabei weiterentwickelt werden“, betont Rolf Teloh von Urban essences. Die Anbindung an den Kiez Schillerpromenade kann sich sein Büro mit durchgehender Wohnbebauung an der noch unbebauten Flughafenseite der Oderstraße vorstellen. Hingucker sollen dort vereinzelt herausragende, 15 Stockwerke hohe Häuser sein.

Etwas aufgelockerter und kleinteiliger geht es bei den Bebauungsvorschlägen des zweiten Senatsfavoriten zu: Graft Architekten/Büro Kiefer verbinden die Schillerpromenade durch ein Häuserband am nördlichen Rand des Flugfeldes bis zum Flughafengebäude mit dem Columbiadamm. Als eine Art Experimentierfeld zur Energieversorgung sieht die dritte preisgekrönte Architektengruppe Chora architecture/gross. max aus Großbritannien ihren Vorschlag. Teile aller drei Ideen sollen in die weitere Entwicklung des Bereichs einfließen.

Schon jetzt ist jedoch klar, dass zum Beispiel die Verlängerung der Graefestraße laut Wettbewerbsjury „extrem problematisch“ ist. Bei den Neuköllner Bezirkspolitikern werden die abgelieferten Vorschläge als teilweise sehr abenteuerlich empfunden. „Einige Entwürfe waren gar nicht Wettbewerbsgegenstand, bei anderen war der Sportplatz der Turngemeinde in Berlin TiB am Columbiadamm einfach verschwunden, ebenso der muslimische Friedhof an der Moschee und der Garnisonfriedhof“, zählt Baustadtrat Thomas Blesing (SPD) auf. Mit Blick auf die Wohnbebauung westlich der Schillerpromenade sagen die Neuköllner: „Solche Geschosswohnungen mit einer derart dichten Bebauung sind nicht akzeptabel.“ Auch sollten Friedhöfe und Sportanlagen gesichert sein. Laut Blesing sind die erheblichen Bedenken des Bezirks beim Senat bereits bekannt. Statt massiver Wohnblöcke kann sich Blesing eine aufgelockerte Bebauung vorstellen. Da müsse neu verhandelt werden. Auch öffentliche Einrichtungen aus dem Bildungsbereich wie zum Beispiel eine Fachhochschule seien denkbar.
„Werden überhaupt noch so viele neue Wohnungen in Berlin gebraucht?“, fragt sich nicht nur die freischaffende Künstlerin Anja Masche. Die 35-Jährige sagt Nein und spricht sich völlig gegen neue Wohnungen aus. Auch Andreas Vorbrecht aus Neukölln ist gegen neue Wohnungen: „Erstmal sollte der Volkspark Hasenheide bis zum Flugfeld ausgeweitet werden. Mit Grillplätzen, Sport und Liegewiesen.“ Was weiter wird, solle die nächste Generation entscheiden.

„Wenn schon neue Wohnungen, dann Townhouses“, sagt Sekretärin Gerlinde Schuhm aus Kreuzberg. Ihre Kollegin Gudrun Schmidt plädiert für einen Baggersee mit Hausbooten. Als „Spielwiese für zeitgenössische Architektur“ stellt sich dagegen Physikstudent Michael Klink eine neue Bebauung vor: „Die sollen einen großen internationalen Wettbewerb mit der Avantgarde der Architekten ausschreiben. Das Ergebnis muss dann aber auch umgesetzt werden. Und in der Mitte braucht auch nicht unbedingt ein Park zu sein.“ Viele Ideen für das Tempelhofer Feld. Was wirklich kommt, wird demnächst entschieden. Da geht es dann auch um die Nutzung des alten Flughafengebäudes, der Wettbewerb für die geplante Parklandschaft steht auch noch aus. „Für die Entwicklung und Vermarktung ist jetzt in der ersten Phase die Adlershof Projekt GmbH zuständig“, erklärt die Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Manuela Damianakis.

Große Pläne für 2017

Die Adlershof Projekt GmbH hat bereits den Flugplatz Johannisthal entwickelt, auf dessen Gelände der Wissenschaftsstandort Adlershof angesiedelt ist. Ebenfalls ins Boot geholt werden die BIM GmbH und für die Betreuung der Freiflächen die Grün Berlin, die auch für Britzer Garten und Erholungspark Marzahn zuständig ist.

Senatsbaudirektorin Lüscher hofft außerdem, die Internationale Gartenbauausstellung IGA 2017 auf dem Tempelhofer Feld ausrichten zu können. Ob Berlin den Zuschlag erhält, entscheidet sich im Oktober. Sollte das klappen, will der Senat die IGA-Planungen ebenso wie eine mögliche Internationale Bauausstellung (IBA) in die Gesamtplanung des Areals integrieren.

Gabi Zylla


Aufstand der Schließungsgegner
Die Schließung des Flughafens Tempelhof auf Beschluss des rot-roten Senats zum 31. Oktober 2008 war stark umstritten: Die Gegner verwiesen auf seine historische Bedeutung als „Mutter aller Flughäfen“ und die Luftbrücke 1948/1949 zur Versorgung West-Berlins. Die Befürworter der Schließung wollten den Flugverkehr aus Sicherheitsgründen aus der Innenstadt verbannen und kritisierten hohe Betriebsdefizite. Die Schließungsgegner in der Interessengemeinschaft ICAT setzten 2008 mit 204.907 gesammelten Unterschriften unter dem Motto „Tempelhof bleibt Verkehrsflughafen“ einen Volksentscheid durch. Der scheiterte knapp, weil zwar 60,1 Prozent der Wahlgänger für eine Offenhaltung waren, jedoch weniger als ein Viertel aller Stimmberechtigten mit Ja stimmten. Flughafengelände und -gebäude gehören jetzt dem Land, die formelle Übergabe vom Bund erfolgt im Herbst. Die Ausstellung zum Ideenwettbewerb für die Entwicklung des Tempelhofer Feldes im Gewerbehof Orco-GSG, Gneisenaustraße 66, ist noch bis Freitag, 10. Juli, von 12 bis 19 Uhr geöffnet. zy


Weitere Online-Angebote der Axel Springer AG:
AUDIO VIDEO FOTO BILD | BERLINER MORGENPOST | BILD | BILD am SONNTAG | BILD der FRAU | B.Z. | COMPUTER BILD | COMPUTER BILD SPIELE | DIE WELT | WELT am SONNTAG | €URO | EURO am SONNTAG | FAMILIE & CO | HAMBURGER ABENDBLATT | HAMBURGER WOCHENBLATT | HÖRZU | JOLIE | MÄDCHEN | METAL HAMMER | MUSIKEXPRESS | POPCORN | ROLLING STONE | SPORT BILD | STARFLASH | TV DIGITAL | YAM! | www.autobild.de | www.immonet.de | www.stepstone.de | www.arbeiten.de | www.idealo.de | www.dvd-idealo.de | www.spiele-idealo.de | buch-idealo.de | www.axel-springer-akademie.de 
www.axelspringer.de

© 2004-2010 Berliner Wochenblatt Verlag GmbH - Alle Rechte vorbehalten. Impressum Datenschutz
Berliner, wochenblatt, woche, redaktion, anzeigen, kleinanzeigen, download, beilagen, zeitung, anzeigenblatt, wochenzeitung, kostenlos, gratis, Marktführer, Nr. 1, lokalzeitung, lokal, Berlin, Hallo, Spandau, Spandauer, Volksblatt, Reichweite, Leserreisen, Leser, Reportage, Motorradtouren, Stellenmarkt, Ausgaben, Werben, Themenplan, Leseranalyse, Referenzen, Werbeprospekte, Direktverteilung, Centerzeitungen, Prospektanzeigen, Autorenwettbewerb, Durchblick, Berliner Helfen, Leseraktionen, Ostpool, Zustellqualität, Halfcover, Flying Page, Jobs, Vertriebsqualität, Einkaufscenter

 

LESERAKTIONEN



Frage der Woche

 

 

Sollte es besondere Verkehrsregeln für Radfahrer geben?


ja
nein

Vor Abstimmung bitte Zeichenfolge eingeben.
Captcha-Code



Ergebnis der Vorwoche

Halten Sie die Maßnahmen gegen Ambrosia für ausreichend?
 
ja: 17%
 
nein: 83%
 

100 Stimmen gesamt