


Viele Berliner klagen im Winter über mangelnde Straßenbeleuchtung. Der Senat will nun die schummrigen Gaslaternen abschalten.
Berlin. Im Winter klagen Autofahrer und Fußgänger, dass die Stadt zu dunkel sei. Der Senat arbeitet derzeit an einem neuen Konzept für die Straßenbeleuchtung. Ein Aspekt dabei: die Umstellung der verbliebenen Gaslaternen auf elektrisches Licht, um Kosten zu senken. Das wiederum verärgert die Gaslaternen-Liebhaber.
Maria Schukow aus Reinickendorf ist verärgert. Im Dunkeln mit dem Auto die Veitstraße in Tegel entlang zu fahren, ist ihr nicht geheuer. „Da sind die Straßenlampen unheimlich schwach, und ich kann kaum was sehen“, beschwert sich die 55 Jahre alte Reisebürokauffrau. Das empfindet sie besonders jetzt in der dunklen Jahreszeit als extrem störend. Ebenso wie zahlreiche andere Berliner auch.
Dunkle Kreuzungen und kaum Licht in Nebenstraßen beeinträchtigen ebenso das Sicherheitsgefühl wie schummerige Parkwege. So auch bei Urs Leimen aus Pankow. „Im Dunkeln gehe ich jetzt nicht mehr mit meiner Familie durch Parks oder kleine Straßen“, sagt der 40 Jahre alte Mathematiker kopfschüttelnd. Der Vater zweier Teenager gibt zu, dass die Angst vor kriminellen Übergriffen dabei eine große Rolle spielt. Autofahrerin Schukow dagegen hat verstärkt Angst vor Unfällen: „Wenn die anderen auch so unsicher fahren wie ich jetzt, kracht es bestimmt mal“, prophezeit sie.
Im Herbst ist es dunkler?
Die Sache mit der Licht-Befindlichkeit ist für die Firma Nuon Stadtlicht nichts Neues. Sie ist in Berlin für rund 44.000 Gaslaternen und 186.000 elektrische Leuchten zuständig. „Jedes Jahr haben wir es mit dem Phänomen zu tun, dass alle denken, die Stadt wird im Herbst dunkler“, sagt André Körner von Nuon. Das sei seiner Meinung nach eine gut nachvollziehbare, aber doch rein persönliche Wahrnehmung. Vor zwölf Jahren habe die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, um Energie zu sparen, zum Beispiel am Kurfürstendamm die Zeit für das Anstrahlen besonderer Gebäude wie der Gedächtniskirche reduziert. Früher erstrahlte Berlins Wahrzeichen bis 1 Uhr nachts, jetzt nur noch bis 23 Uhr. Das sei aber auch alles, denn an der Helligkeit der normalen Straßenbeleuchtung ändere sich nichts, so Körner. Die dunkelsten Ecken in Berlin sind, da ist er sich sicher, Straßen und Parks mit Gaslampen. Und die gibt es seiner Kenntnis nach nur noch im Westteil der Stadt. „Dort haben sich Gaslaternen gut gehalten und wurden gepflegt. Im Osten läuft dagegen alles schon elektrisch.“
Gaslaternen zu teuer
Nuon und der Senat sind sich einig: Gaslaternen haben einen niedrigen Wirkungsgrad, sind sehr störanfällig und wartungsintensiv und damit auch teuer. Also steht die Umrüstung auf billigeren Strombetrieb an. „In fünf Jahren soll alles umgestellt sein“, sagt Manuela Damianakis, Pressesprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Peitschenmasten mit elektrischem Licht statt Energie schluckende Gaslaternen sind aber nur die halbe Vision der Verwaltung.
„Wir haben ein Großkonzept für die Stadtbeleuchtung in Arbeit“, kündigt Damianakis an. Dazu gehöre auch ein Konzept für die szenische Beleuchtung von Sehenswürdigkeiten. Ob Schloss Charlottenburg, Dom und andere historische Gebäude in der Stadtmitte – sie und besondere Plätze und Bauwerke auch in anderen Teilen Berlins sollen durch eine entsprechende Beleuchtung optisch hervorgehoben werden. Da könnten laut Damianakis auch bunte Farben mit ins Spiel kommen. Zudem werde überlegt, rund 5000 Gaslaternen in historischen Bereichen ganz Berlins zu erhalten.
Was der Senat als Modernisierung bezeichnet, sieht die „Gaslicht Initiative Berlin“ mit anderen Augen. Deren Mitglieder pochen auf die „unnachahmliche Lichtqualität“ der Gasbeleuchtung und ihre historische Bedeutung als charakteristisches Element des Stadtbildes. Für André Braun ist eine Kombination von „nicht nur hell, sondern auch gemütlich“ die große Herausforderung. Der Chef der Mariendorfer Firma Braun Schaltgeräte & Service ist privat ein Fan der alten Gaslaternen. Sein Betrieb ist im Auftrag von Nuon für die Wartung von 34.000 Gaslaternen verantwortlich und produziert neben elektrischen auch Gasleuchten. Die sind nämlich derzeit international in vielen Städten wieder stark gefragt. Wie zum Beispiel in Prag, wo die Firma auf der berühmten Karlsbrücke gerade die Elektro- gegen Gasleuchten austauscht.
Auch in der Prager Altstadt wird wieder auf Gasbeleuchtung gesetzt. Der 41 Jahre alte Berliner weiß, dass moderne Leuchten mit elektrischer Energie effizienter als Gas sind und Gas auch nicht so hell leuchtet. Aber auch Braun fasziniert das anheimelnde, gelbe Gaslicht. Er plädiert dafür, in Berlin erst einmal Gas- und Elektrikleuchten auf den Straßen grundsätzlich so zu belassen, wie sie gerade sind. „Solange, bis für das Gas gleichwertige andere Leuchten mit entsprechendem Lichtbild gefunden wurden.“ Denn vielleicht, so der Experte, sei in zwei Jahren schon was Energieeffizienteres auf dem Markt. Für die Hauptverkehrswege setzt Braun auf Leuchtdioden (LED). „Das aber nur bei Einzelprojekten. Für eine Massenanwendung und die dunkle Jahreszeit sind die LEDs mit ihrem Lichtschein noch nicht ausgereift.“
Ideen und Erfahrungen rund um die Straßenbeleuchtung werden auch beim Kongress „Straßenbeleuchtung“ Ende Januar drei Tage lang in Berlin diskutiert. Im Mittelpunkt steht erneut die Kostensenkung für Straßenbeleuchtung. Ebenfalls im Visier haben die Fachleute aus der ganzen Republik beispielsweise politische Vorgaben und Projekte der „energetischen Modernisierung“, die Zukunft von Quecksilberdampflampen und die Diskussion „Weißes versus gelbes Licht“. Ein Tag ist ausschließlich der LED-Technik bei öffentlicher Beleuchtung gewidmet.
Ernst Wauer, ein Kriminaloberkommissar aus Essen, spricht auf dem Kongress über die Bedeutung der Straßenbeleuchtung für das Sicherheitsempfinden und, wie sie vor Kriminalität schützen kann. Als eine Variante wird gezieltes Lichtabschalten gehandelt, um Gefahrenbereiche zu entschärfen. Also genug Denkanstöße auch für die Berliner Lichtexperten. „Wir werden uns natürlich über die Kongressergebnisse informieren“, verspricht Marko Rosteck von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Für die Berliner zählt allerdings nur: Hauptsache, die Straßenbeleuchtung ist am Ende nicht nur billig und energiesparend, sondern verschafft Fußgängern und Autofahrern auch ein ausreichendes Sicherheitsgefühl. Bis dahin rät die Polizei zu heller Kleidung und Aufmerksamkeit.
Gabi Zylla
| Geschichte der Laternen in Berlin |
| 1678 brannten an Berliner Häusern die ersten Laternen – auf Anordnung des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm. Bald folgten Standlaternen mit Ölbeleuchtung. Gaslaternen beleuchteten 1826 erstmals die Straße Unter den Linden. Erfunden wurden die Gasglühkörper im Jahr 1891. Elektrische Glühlampen kamen ein Jahr später auf den Markt und machten den Gaslampen Konkurrenz. Beide Systeme wurden parallel ausgebaut. Im Ostteil der Stadt erfolgte in den 80er Jahren fast vollständig die Umstellung auf elektrische Straßenbeleuchtung. Zwischen 1993 und 1996 kam es im westlichen Teil zur Umrüstung der Gasleuchten auf Erdgas. Jetzt soll nach Senatsplänen auch dort verstärkt mit elektrischen Lampen ausgestattet werden. Im Freiluftmuseum für Gaslaternen am S-Bahnhof Tiergarten erhalten Besucher seit 1978 einen Überblick über die Bauarten der Laternen seit 1826. |
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