


Das Entschärfungsteam der Polizei macht in Berlin jährlich rund 1000 Sprengkörper unschädlich. Jeder Einsatz ist gefährlich.
Berlin. Auch Jahrzehnte nach dem Krieg birgt der Berliner Boden noch Tausende von Blindgängern. Beinahe täglich wird verschüttete Munition gefunden.
Sie liegen unter der Erde, manchmal nur einige Zentimeter im Erdreich versteckt, manchmal einige Meter. Ihre unfreiwillige Ruhephase hat Jahrzehnte gedauert, doch wer glaubt, mit der Zeit hätte ihre unheimliche Kraft abgenommen, irrt gewaltig. Und so ist die Aufregung auch stets enorm, wenn sie gefunden werden. Dann ist ihre Kraft so stark wie am ersten Tag, dann wollen sie nur eins: vernichten. Zur Gegenwehr rücken Polizei und Feuerwehr an. Innenhöfe, Baugruben, ganze Straßenzüge und Quartiere werden abgesperrt und evakuiert. Sogar Altenheime und Krankenhäuser werden geräumt. Es herrscht, ist der Fund nur groß genug, plötzlich eine Art Ausnahmezustand. Und mitten drin steht nicht selten der Erste Polizeihauptkommissar Dirk Wegener.
Er mag diese Augenblicke, sagt Wegener. Wenn alles in einem Umkreis von mehreren hundert Metern zum Stillstand kommt. Wenn man mit einem Mal mitten in der Stadt nur noch die Vögel hört. „Wunderbar“, sagt Wegener. Bombenentschärfer sind auch seltsame Menschen. Dies sei auch eine Phase für ihn, um zu „meditieren“. Vielleicht darüber, „dass das Leben endlich ist“, dass man „bewusst leben“ und „auch Kleinigkeiten genießen“ sollte. Bombenentschärfer sind auch Lebenskünstler.
Kiloschwere Bomben
Mehr als ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende müssen die Feuerwerker noch immer rund dreimal die Woche ausrücken. Dann wartet auf sie Munition von der 20- bis zur 80-Millimeter-Granate, von der 50 bis zur 2000 Kilogramm schweren Bombe englischer, amerikanischer oder sowjetischer Bauweise, mit mechanischem, elektrischem, pneumatischem oder chemischem Zünder. Etwa 40 Tonnen werden jedes Jahr geborgen, rund 1000 Granaten und Bomben werden pro Jahr direkt vor Ort unschädlich gemacht. Was ohne Risiko transportfähig ist, landet auf dem Sprengplatz im Grunewald.
Seit 1988 verrichtet der Gruppenleiter der Polizeifeuerwerker auf dem 80.000 Quadratmeter großen Gelände seinen Dienst, doch „verrichten“ ist wohl nicht das richtige Wort. Es ist mehr als ein „Job“. Es sei, sagt der 60-Jährige, für ihn ein „Abarbeiten des Krieges“, eine persönliche Genugtuung, dabei mitzuhelfen, die tödliche Munition wegzuräumen. Auf dem Flur zu seinem Büro hängt ein Plakat aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, darauf der Sensenmann und der Appell „Hände weg von Munition“. Im kommenden Jahr geht Wegener in Pension. Ein anderer wird nachrücken. Nachwuchsprobleme hat die Abteilung nicht. Darf sie auch nicht haben, denn Blindgänger werden im Berliner Boden „noch in 100 Jahren“ gefunden, ist sich Wegener sicher. Ein Arbeitsplatz, der seit 1950 mit den Lasten der Vergangenheit zu tun hat, ein Arbeitsplatz mit Zukunft.
Wie gestern gebaut
Die eine halbe Ewigkeit verborgenen Bomben strotzen schier vor Zerstörungswut. Sie wollen, wenn man sie nur ließe, explodieren. Viele Zünder, sagt Wegener, seien so funktionstüchtig, als seien sie „erst gestern gefertigt worden“. Sie saßen über all die Jahre hinter einer zwischen acht und 20 Millimeter dicken Stahlummantelung. Das war für sie ein fast perfekter Schutz. Die Welt um sie herum hat sich verändert, nun herrscht tiefer Frieden. Aber davon wissen die Zünder nichts. Auch das TNT hat seit seiner Herstellung kaum mehr als fünf Prozent seiner Kraft verloren. Die Bomben waren damals nur eines, und sie sind es noch heute: „Tötungsmaschinen“, so Wegener.
Es kann sein, dass er und seine Männer auf einen Prototypen stoßen, der ihnen gefährliche Rätsel aufgibt, auf ein heimtückisches Produkt aus einer kleinen, rasch und unsauber zusammengeschusterten Serie, auf eine „Montagsbombe“, die ebenfalls schlampig gefertigt wurde und sich als unberechenbar erweist, auf eine Bombe, die, nachdem sie etwa bei Bauarbeiten einen Ruck bekommen hat, zeitverzögert explodieren kann – aber wann? Nach ein paar Minuten? Stunden? Tagen?
Die Experten aus dem Grunewald kennen sich aus, sie säubern – ganz feinfühlig – die absolut tödliche Mechanik, drehen an den richtigen Schrauben, vereisen elektrische Zündungen, arretieren Zündnadeln, sie fräsen und schneiden sich, wenn es sein muss vorsichtig mit einem Wasserstrahl, bis zu ihrem Ziel vor. Sie wissen, dass hinter einem Zünder noch ein zweiter stecken kann. Sie kennen die perverse Logik der Bombenbauer. Sie beherrschen ihr Handwerk.
Allerdings kommen auch sie gelegentlich an ihre Grenzen. 40.000 bis 50.000 verschiedene Typen von Bomben und Granaten liegen im Berliner Erdreich, „zu viele, um sie alle zu kennen“, sagt Wegener. Zu viele, um auch mit langer Berufserfahrung auf Routine schalten zu können. Zu viele, um nicht noch ein klammes Gefühl zu haben. Ein Restrisiko bleibt.
Jedes Frühjahr und jeden Herbst finden auf der Parzelle „Jagen 65“ an jeweils vier Tagen kontrollierte Sprengungen statt, bei denen bei einer Temperatur von 10000 Grad und einem Druck von 100000 Bar der ganze fürchterliche Krempel zu kaum mehr als etwas Asche verglüht und verdampft.
Sperrung der Avus
Gerade eine Stunde ist es her, da haben Wegener und seine Leute wieder eine Ladung von dem Teufelszeug vernichtet. Im Umkreis von einem Kilometer rund um den Sprengplatz im Grunewald kam der öffentliche Verkehr zum Erliegen, sogar die Avus musste gesperrt werden. Nun aber steht der Chef sichtlich erleichtert in seinem kleinen Büro erst einmal vor der neuen Espressomaschine. Er hat oft mit Schrauben, Federn, Verriegelungen und Sperren zu tun, mit komplizierten, auf den Grundgesetzen der Physik beruhenden diabolischen Systemen, an die er sich langsam herantasten, die er durchdringen muss, ohne Besserwisserei, selbstbewusst, doch mit Respekt. Wie er jetzt aber dem Heißgetränkeautomaten das ersehnte belebende Gebräu entlocken soll, das ahnt er nur vage. Bombenentschärfer sind auch nur Menschen.
Kai Ritzmann
| Systematische Suche im Osten |
| Nach dem Krieg wurden weite Gebiete Westberlins systematisch abgesucht; nach der Wiedervereinigung wird nun vor allem im Osten gesucht, im Treptower Park, in der Königsheide, im Köpenicker Forst zum Beispiel. Schätzungsweise 450.000 bis 470.000 Tonnen Sprengmaterial wurden im Zweiten Weltkrieg über Berlin abgeworfen, fünf bis 15 Prozent davon sind nicht detoniert, so die Vermutung. Bei den Bergungen kam es bislang zu keinem Unfall. 1994 detonierte bei Bauarbeiten in der Friedrichshainer Pettenkoferstraße eine Bombe, wobei drei Menschen starben. Die Westalliierten machten zögerlich erst in den 80er Jahren Aufklärungsmaterial zugänglich. |
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