



Neues Museum zieht positive Bilanz: 250.000 Besucher seit der Wiedereröffnung im Oktober 2009 – und die meisten sind begeistert.
Berlin. Seit fast drei Monaten ist das Neue Museum wieder geöffnet. Im Zweiten Weltkrieg stark zerstört, vereint es heute historische und moderne Architekturelemente. Kritiker sehen darin eine Zerstörung des Weltkulturerbes, den meisten Besuchern gefällt es hingegen.
„Wo sind wir jetzt“, fragt Gisela Schmach und greift zum DIN A4-Blatt, auf dem die vier Ebenen des Museums mit ihren Ausstellungsbereichen dargestellt sind. Ihr Mann Norbert zückt seine Brille. Noch stehen die beiden unentschlossen im Vestibül und entscheiden dann, „von unten nach oben“ zu laufen. Unten, auf der Ebene null, erwartet die Stuttgarter der lichte Griechische Hof mit antiken Relieffriesen an der rohen Ziegelwand. Der kolossale griechische Götterkönig Zeus wacht über das Geschehen.
Eine Reise ins Jenseits bietet der Ägyptische Hof: Dort stehen Sarkophage aus altägyptischer, römischer und frühchristlicher Zeit. Bis zu zehn Tonnen schwer sind die mumienförmigen Steinsarkophage aus Ägypten, das Steinkistengrab von der Insel Helgoland enthielt noch Bronzedolch und Schmucknadel. Interessiert studieren die 17-jährigen Schülerinnen Heike und Marina aus Kreuzberg ein rund 2200 Jahre altes Totenbuch aus Papyrus. 26 Zentimeter hoch und knapp einen Meter lang enthält es Illustrationen, Darstellungen des Jenseitsgerichts und Texte. „Ist das Keilschrift?“, fragt Heike. Statt zu antworten, ruft Marina: „Schau mal, wie toll die Farben sind. Rot, Gelb, Grün. Alles ist noch super zu sehen.“
Licht ohne Schatten
Währenddessen drängeln sich auf Ebene zwei im Nordkuppelsaal die Besucher um die Vitrine mit der Nofretete-Büste aus dem Jahr 1340 vor unserer Zeitrechnung. „Ich finde die ägyptische Abteilung am interessantesten“, sagt der kulturbegeisterte Rentner Georg Neulen. Besonders die Beleuchtung der Nofretete hat es ihm angetan. „Man sieht kaum, dass ihr ein Auge fehlt.“ Christoffer Richartz vom Besucherdienst der Staatlichen Museen Berlin bestätigt die große Rolle des Lichts im Neuen Museum. Zur Ausleuchtung der Objekte gab es eigens ein Konzept. Das war eine Herausforderung an die Techniker. „Es durften keine Schlagschatten entstehen, und zu große Nähe zu den Ausstellungstücken stört nicht nur die Betrachter, sondern es wird auch für die Objekte zu warm“, erklärt Richartz.
Die im Vorfeld heftig diskutierte architektonische Gestaltung des Neuen Museums unter der Leitung des britischen Architekten David Chipperfield scheint von den Besuchern akzeptiert zu werden. Die früher klassizistisch verspielte Freitreppe präsentiert sich jetzt als imposante, gradlinige Betonkonstruktion. In den einzelnen Räumen und Fluchten werden Alt und Neu kombiniert.
Viele Säulen sind nicht mehr farbig bemalt, sondern nur schlicht rekonstruiert. Nicht alle freigelegten Fresken und Malereien wurden ergänzt, und verspielte Industriegussteile an der Decke im Niobidensaal korrespondieren mit der Darstellung antiker Geschichte und Mythen auf den Wandgemälden und dem Mosaikfußboden.
Die unterschiedlichen Erhaltungszustände der Räume wurden aufgegriffen, fehlende Stellen repariert und ergänzt. Architektin Judith Bunder aus Köln ist begeistert. „Glänzend gemacht von Chipperfield.“ Eigentlich bräuchte man, so Bunder, zwei Tage im Museum: einen nur für die Architektur und einen für die Ausstellung.
„Welterbe beschädigt“
Harsche Kritik kommt dagegen von der Gesellschaft Historisches Berlin (GHB). Deren Mitglieder sehen „Nofretete in Trümmern“ und das „Welterbe beschädigt“. „Wir haben für einen am Original orientierten Wiederaufbau des Hauses gekämpft. Jetzt können wir nur noch trauern“, sagt Gerhard Hoya von der GHB. Der GHB-Antrag an das Weltkulturerbe-Zentrum der Unesco in Paris, die Museumsinsel auf die Rote Liste der bedrohten Weltkulturerbestätten zu setzen, sei dort leider zu den Akten gelegt worden. „Dabei ging es uns darum, das Neue Museum im Zusammenhang mit dem Gesamtensemble Museumsinsel zu sehen“, so Hoya. Nun sei die Architektur des Neuen Museums insgesamt verfälscht.
Die Meinung der GHB ficht die Befürworter der modernen Bauversion nicht an. Ausdrücklich dankte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) bei der Eröffnung noch einmal dem Architekten. Und die Verantwortlichen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Staatlichen Museen, des Landesdenkmalamtes und des Bundesamtes für Bauwesen lobten schon beim Richtfest 2007 das Sanierungskonzept. Eine erste Bilanz des Besucherdienstes fällt schon mal positiv aus. „250.000 Besucher in den ersten zweieinhalb Monaten sprechen für sich“, betont Christoffer Richartz.
Kassen alle vernetzt
Da sich wegen baurechtlicher Vorgaben maximal 1300 Besucher im Neuen Museum aufhalten dürfen, wird der Eintritt mit einer Zeitfenster-Regelung organisiert. Dabei können Tag und Uhrzeit am Ticket-Container vor dem Museum oder auch im Alten Museum, der Alten Nationalgalerie und im Bodemuseum angemeldet werden. „Die Kassen sind alle vernetzt, und wir behalten den Überblick. Das hat sich bestens bewährt“, so Richartz. Für Beschwerden und Vorschläge der Besucher würden jetzt, so Richartz, „Feedback-Karten“ zum Ausfüllen ausliegen.
Beschwerden sind bereits einige zu hören. So bemängelt Programmierer Udo Setze, dass es keine interaktiven Angebote gibt. Ein leidvolles Thema sind die Toiletten, denn die finden sich nur in der untersten Ebene null. Als „sehr unglücklich“ empfindet Monika Ringwacker die Gestaltung der dritten Ebene für die Vor- und Frühgeschichte: „Die Schaukästen sind zum Teil viel zu hoch. Da sieht man ja nichts mehr vom Raum.“
Gabi Zylla
| Zerstörung und Wiederaufbau |
| Das Neue Museum wurde von 1841 bis 1859 nach Plänen Friedrich August Stülers im klassizistischen Stil auf der Spreeinsel errichtet. Brand- und Sprengbomben verursachten im Zweiten Weltkrieg am Gebäude schwerste Schäden. 1999 wurde die gesamte Museumsinsel in die Unesco-Liste als Weltkulturerbe aufgenommen. 2003 begannen die Aufbauarbeiten am Neuen Museum nach Plänen des britischen Stararchitekten David Chipperfield. Kosten: knapp 240 Millionen Euro. Ende Oktober 2009 erhielten das Chipperfield-Büro und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz für den Wiederaufbau des Hauses den Sonderpreis zum Architekturpreis Berlin 2009. In dem Bau befinden sich jetzt das Ägyptische Museum und die Papyrussammlung sowie das Museum für Vor- und Frühgeschichte mit Objekten der Antikensammlung. Der Eintritt kostet zehn, ermäßigt fünf Euro. Geöffnet ist sonntags bis mittwochs von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis sonnabends von 10 bis 20 Uhr. Weitere Informationen unter Tel. 266 42 42 42 und im Internet unter www.neues-museum.de. |
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