


Auf immer mehr Abschnitten großer Verkehrsadern gilt nachts Tempo 30. Der ADAC bezweifelt, dass es dadurch wirklich leiser wird.
Berlin. Rund 1,3 Millionen Kraftfahrzeuge fahren auf den Straßen der Hauptstadt. Um deren Lärm zu dämpfen, gibt es großflächige Tempo-30-Zonen in den Kiezen. Aber auch „Tempo 30“ auf Abschnitten der Hauptstraßen soll die Lärmbelästigung für Anwohner mindern. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ist vom Erfolg überzeugt, der ADAC bezweifelt die gewünschte Wirkung.
Im Herbst 2008 wird mit der dritten und letzten Umsetzungsphase für „Tempo 30“ nachts auf Berliner Hauptverkehrsstraßen begonnen. Schon seit 2006 gibt es auf 16 Teilstücken von Berliner Hauptstraßen ganztags ein Tempo-30-Limit, dazu kommen neue Regelungen für die Nacht. Nur geht das bei den Fahrern oft unter. Andreas Schmittke staunt: „Hier ist nachts Tempo 30?“ Seit Jahren fährt der Schöneberger mit dem Motorrad durch die Martin-Luther-Straße. „Das habe ich noch nicht mitbekommen. Steht hier irgendwo ein neues Schild dafür?“ Der 45-jährige Sportlehrer stutzt: „Was, zwischen Hauptstraße und Fritz-Elsas-Straße auf 360 Metern?“ Davon halte er gar nichts. Ähnlich geht es zwei Frauen aus Mitte. Irina Bergener ist richtig sauer: „Nachts auf einer Hauptstraße 30 zu fahren ist Blödsinn. Das ist die einzige Zeit, wo es mal keinen Stau gibt und man gut durchkommt.“ Dass es mit 30 für die Anwohner ruhiger ist, kann sie nicht glauben. „Dieses Hoch- und Runterschalten treibt außerdem den Benzinverbrauch hoch, und damit verdienen sich wieder die Tankstellen eine goldene Nase“, ärgert sich Hausfrau Irmgard Hillgrund. In Neben- und Wohnstraßen ist Tempo 30 für die meisten Autofahrer noch nachvollziehbar. „Aber nicht auf großen Ausfallstraßen. Da werde ich einfach nur aggressiv, wenn ich schnell nach Hause will und mit 30 da entlang tuckern soll “, gesteht Ingenieur Bodo Grund aus Reinickendorf.
Wie ein Flickenteppich
Einen Punkt haben alle Kritiker gemeinsam: Dass Tempo 30 in schönster Flickenteppich-Manier auf den Hauptstraßen verteilt wurde – ganztags ebenso wie nur nachts. „Immer sind es nur ein paar Hundert Meter, die dann den Fahrfluss unterbrechen“, ärgert sich Jörg Becker vom ADAC Berlin. „Die 486 Meter auf der Oranienstraße zwischen Oranien- und Heinrichplatz bringen gar nichts, außer dass man ständig bremsen und wieder anfahren muss“, so der ADAC-Verkehrsexperte. Auch in der Beusselstraße zwischen Alt-Moabit und Siemensstraße ist inzwischen seit zwei Jahren ganztags Tempo 30 gefordert. Becker erinnert sich noch gut an den Feldversuch an der Beusselstraße vor vier Jahren: „Wenn man ehrlich ist, hat das Tempo-30-Gebot für die Nachtstunden dort damals auch nichts gebracht.“ Er plädiert daher dafür, „lieber den Verkehr sinnvoll auf den Hauptstraßen zu konzentrieren, zu bündeln und flüssig zu halten“. Wenig anfahren und bremsen zu müssen, also kontinuierlich zu fahren, mache am wenigsten Lärm, davon ist Becker überzeugt. Er wirft den Berliner Stadtplanern vor, bewusst und systematisch den Individualverkehr auszubremsen. „Dabei würden oft schon besserer Straßenbelag oder nächtliches Fahrverbot für leere Lkw reichen.“
„Tagsüber Tempo 50 durchgehend, nachts stückweise Tempo 30 für ein und dieselbe Straße, das kann sich ja keiner merken, da schwirrt mir nur noch der Kopf“, meint Rentner Hartmann Scholz entnervt. Seine Stammstrecke ist die ebenfalls betroffene Turmstraße. Trotzdem kann er sich vorstellen, dass es bei Tempo 30 nachts leiser ist. Bleibt nicht nur bei Hartmann Scholz die Frage, wie das kontrolliert werden kann. Er jedenfalls, lacht Scholz, sei noch nie in eine Kontrolle geraten. Aber schon bald, davon gehen Polizei und Senat aus, wird er eines Besseren belehrt. Denn ortsfeste Überwachungstechnik – die „Starenkästen“ – werden nun verstärkt in Hauptstraßen mit regelmäßig festgestellten Raserqualitäten auftauchen. Dazu kommen neue, mobile und in zum Teil zivilen Polizeifahrzeugen installierte Geräte zum Einsatz. Hat doch die Polizei jetzt ihre Mobilüberwachung modernisiert und bringt sie auch gern zum Einsatz. Zum Beispiel an der Schildhornstraße ist das wohl schon erfolgreich praktiziert worden.
Während die Polizei ihre Kontrollkriterien in der Reihenfolge Unfallschwerpunkte, Schulen und dann erst Tempo 30 ansetzen, baut die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung auch auf sogenannte Dialog-Displays, die in den Straßen an wechselnden Standorten aufgebaut werden. „Da ist die erlaubte Geschwindigkeit eingegeben. Fährt das Auto korrekt, erscheint in grüner Schrift ein ,Danke‘. Ist es zu schnell, kommt ,Bitte langsam fahren‘“, erklärt Stadtplaner Joachim Krey von der Senatsverwaltung. Das funktioniere, die Fahrer führen wirklich langsamer. Zu finden seien diese Displays zum Beispiel in Spandau an der Lutherstraße und in Kreuzberg an der Kreuzbergstraße. Für die mit Tempo 30 konfrontierten Autofahrer soll auch gleich eine Begründung fürs Langsamfahren auf dem Display geliefert werden. „Nachts könnte eventuell ein schlafendes Kind als Hinweis erscheinen, tagsüber vor Schulen spielende Kinder“, meint Krey.
Es ist leiser geworden
Von der Notwendigkeit der umfassenden Berliner Tempo-30-Aktion auf Hauptstraßen ist Krey überzeugt und wartet sogleich mit Zahlen auf: „Nach der ersten Auswertung haben wir festgestellt, dass sich der Lärm in diesen Abschnitten um bis zu drei Dezibel im Vergleich zum Vorjahr reduziert hat.“ Laut Senatsverwaltung für Stadtentwicklung wird schon eine Lärmpegelsenkung ab einem Dezibel als „spürbare Verbesserung“ von den Anwohnern wahrgenommen. Allerdings kann nicht an allen lärmbelasteten Hauptstraßen, wie beispielsweise an der Frankfurter Allee, etwas geändert werden – auch das hat die Senatsverwaltung inzwischen feststellen müssen. So sind auch schon nach reiflicher Überlegung und Absprache mit BVG und Polizei einige geplante nächtliche 30er Abschnitte abgelehnt worden – wie zum Beispiel auf der Reichsstraße und Dudenstraße. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung weiß, dass diese Tempo-30-Regelungen nicht nur auf Akzeptanz stoßen. „Daher haben wir auch für die meisten Kritikpunkte unsere Argumente zum Nachlesen im Internet erklärt“, betont Krey.
Gabi Zylla
| Der Lärmaktionsplan für Berlin |
| Das Tempo-30-Programm auf den Hauptverkehrsstraßen ist Teil des langfristigen Lärmaktionsplans für Berlin. Darin schreibt die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung in Zusammenarbeit mit der Gesundheitsverwaltung ihre Maßnahmen zur Lärmminderung in der Stadt fest, um die Nerven der Anwohner zu schonen und gesundheitliche Folgen von Lärm – wie Herz-Kreislauferkrankungen – zu vermeiden. Der Anordnung von Tempo 30 wird dabei eine ganz besonders hohe Bedeutung eingeräumt, weil sie „sehr wirksam und schnell umsetzbar“ ist. Jetzt hat Berlin auf fast drei Viertel des gesamten Straßennetzes tagsüber Tempobeschränkungen. Von dem 1540 Kilometer langen Hauptstraßennetz darf auf guten fünf Kilometern rund um die Uhr nur mit höchstens 30 Kilometer pro Stunde gefahren werden. Auf rund 65 Kilometern gilt diese Beschränkung nur nachts. Geplant für diesen Herbst: Abschnitte auf der Berliner Straße in Tegel, der Joachim-Friedrich- und Uhlandstraße in Charlottenburg-Wilmersdorf sowie Wendenschloss- und Dörpfeldstraße in Treptow-Köpenick. Insgesamt hat Berlin laut Statistischem Jahrbuch 2007 ein Netz an öffentlichen Straßen von 5343,2 Kilometern. Zu Tempo-30-Beschränkungen kommen aber auch noch mittelfristig geplante Fahrbahnsanierungen, neue Radwege und Straßenumbauten, um den Schallpegel zu senken. |