Müllwerker Oliver Grothe prüft am Romanshorner Weg in Reinickendorf den Inhalt einer Gelben Tonne Plus. Foto: Augen-Blick
Müllwerker Oliver Grothe prüft am Romanshorner Weg in Reinickendorf den Inhalt einer Gelben Tonne Plus. Foto: Augen-Blick

Auf der Jagd nach dem Müll

Abfälle bergen begehrte Rohstoffe. In Berlin deutet sich nun als Lösung an, dass BSR und Alba gemeinsam sammeln.

Berlin.  Es herrscht Goldgräberstimmung in der Müllwirtschaft. Der Goldpreis steigt und steigt. Doch statt in eine Mine mühselig Erz zu fördern, reicht mitunter auch ein Griff in die Mülltonne.

Denn in etwa 40 Handys ist ebenso viel Edelmetall enthalten wie in einer Tonne Golderz. Und nicht nur Mobiltelefone sind inzwischen ergiebige Rohstoffquellen. In Berlin ist über diese besonderen Schürfrechte ein Streit entbrannt. Eine dünne Plastiktüte mit Bioabfall fischt Oliver Grothe aus der Gelben Tonne Plus. Der Müllwerker des privaten Entsorgers Alba betreut die Müllplätze seines Unternehmens in Prenzlauer Berg. Morgens stellt er die Tonnen an den Straßenrand.

Anschließend kontrolliert er die Müllplätze. „Ich schaue nach, ob in unseren Tonnen Abfall liegt, der dort nicht hinein gehört.“ Denn für die Weiterverwertung von Abfällen ist es wichtig, dass sie möglichst „rein“ sind. Ein Beutel mit Bioabfall in der Papiertonne könne eine ganze Charge verderben.

„In unserer Sortieranlage am Hultschiner Damm in Mahlsdorf wird der Inhalt der Tonnen automatisch sortiert. Das Plastik wird anschließend zu Granulat verarbeitet“, erläutert Alba-Mitarbeiter Matthias Fischer das weitere Verfahren. Die geschredderten Plastikteilchen verkauft Alba dann wieder. China beispielsweise verarbeite Granulat aus Getränkeflaschen und Joghurtbechern zu dünnen Fäden, aus denen warme Fleecepullover gefertigt werden.

Handys als Goldgrube

Andere Abfallstoffe gehen – nach Sorten getrennt – an andere Standorte, wo sie in ihre Einzelteile zerlegt werden. So gewinnt die Bral GmbH an der Marzahner Straße aus alten Computern, Mobiltelefonen, Toastern oder Rasierapparaten wertvolle Rohstoffe. In einem Handy stecken beispielsweise außer Gold noch neun Gramm Kupfer, 250 Milligramm Silber und 9 Milligramm Palladium.

Der private Entsorger Alba erfand 2005 das Plus auf seiner gelben Tonne und sammelt seitdem nicht nur Plastikbecher und Verpackungen mit grünem Punkt ein, sondern auch Toaster, Töpfe, Spielzeug oder Holz.

Lukratives Geschäft

Durch steigende Rohstoffpreise am Weltmarkt wird Müll zunehmend zum lukrativen Geschäft. Davon will offensichtlich auch die Stadt Berlin profitieren. Denn rechtlich gesehen gehört ihr der Müll. Deshalb wollte der Senat den privaten Anbietern das Sammeln der wertvollen Rohstoffe untersagen. Der Streit vor Gericht ist noch nicht endgültig entschieden. „Wir rechnen im Sommer mit einer Klärung“, sagt die Sprecherin der Senatsumweltverwaltung, Marie-Luise Dittmar. Möglicherweise wird das Gericht aber gar nicht mehr entscheiden müssen. Denn inzwischen deutet sich als Lösung an, dass BSR und Alba die Wertstoffe in einer gemeinsamen Tonne sammeln. In der vergangenen Woche wurde ein entsprechendes Konzept vorgestellt.

Gericht verwirft Verbot

Im Herbst vergangenen Jahres hatte das Verwaltungsgericht in der ersten Instanz ein generelles Verbot für das Sammeln von Wertstoffen durch Alba verworfen. Der private Müllentsorger darf weiter wie bisher etwa 400.000 Haushalte mit der Gelben Tonne Plus bedienen, diesen Anteil aber nicht ausdehnen.

„Die BSR hat gemeinsam mit der Senatsumweltverwaltung versucht, ein privates, wettbewerbliches System durch ein kommunales Monopol vom Markt zu verdrängen“, sagte Eric Schweitzer, Mitglied des Vorstandes der Alba AG, nach der Urteilsverkündung im Oktober vergangenen Jahres. Schweitzer betonte in dem Zusammenhang, dass die Haushalte mit einer Gelben Tonne Plus „anders als bei der Orange-Box sogar noch Geld sparen“. So sei in allen Verträgen zur Gelben Tonne Plus „eine effektive Einsparung von mindestens fünf Prozent der Müllgebühren garantiert“.

Derweil Alba im Ausbau seiner Wertstoffsammelaktivitäten gebremst wurde, wollte die Berliner Stadtreinigung (BSR) – der städtische Entsorger – seine Wertstoffsammlung ausbauen. Die sogenannte Orange Box sollte bis 2012 möglichst allen Berlinern die Möglichkeit geben, Holz, Elektroschrott und Altkleider so einfach loszuwerden wie den Restmüll. Auf diese Weise wollte die BSR 50000 Tonnen Elektroschrott, Plastik und Altkleider pro Jahr zusammentragen. „Der Müll wird dann sortiert und recycelt“, sagt BSR-Sprecher Thomas Klöckner.

Tonnen im Test

Für Mieter und Hauseigentümer ist die Orange Box derzeit kostenlos. „Sie finanziert sich über die Gebühren für die Restmülltonne“, so Klöckner. Wie die flächendeckende Versorgung der Haushalte jedoch erreicht werden sollte, war noch offen. „Wir sind mit den großen Wohnungsbaugesellschaften in Verhandlungen“, sagt Klöckner. Etliche Wohnungsbaugesellschaften wie die Degewo testen die neuen Tonnen. Bei der Gewobag stehen bereits 640 orangefarbene Tonnen. „Sie werden gut angenommen“, sagt Sprecher Stephan Fellechner.

Für Michael Roggenbrodt vom Berliner Mieterverein zeigt dieser Streit um den Müll erneut, wie problematisch Monopole bei lebenswichtigen Versorgungsgütern wie Wasser, Strom und Abfall sind. „Der Wettbewerb um die Rohstoffe sorgt auch bei der Müllabfuhr für günstige Abfuhrpreise.“ Genauso sieht es der Verband der Berlin-Brandenburgischen Wohnungsunternehmer. Ihr Sprecher David Eberhart: „Wir sind dafür, dass beide Firmen Müll sammeln, damit der Wettbewerb erhalten bleibt.“ Dies könnte nun wahr werden. Voraussichtlich noch in diesem Monat soll die gemeinsame Wertstofferfassung durch BSR und Alba im Abgeordnetenhaus beschlossen werden.

Marianne Rittner

 

 

Weiterhin alternativlos

66 Prozent unserer Leser halten Mülltrennung für zeitgemäß.

Berlin. Der Streit über das Sammeln von wertvollem Müll findet voraussichtlich ein friedliches Ende.

Die Berliner Stadtreinigung (BSR) und der private Entsorger Alba sollen künftig zusammen die Wertstoffsammlung organisieren. Die Haushalte erhalten dann eine gemeinsame Tonne für alle Verpackungen und sonstige recycelbare Materialien. „Das ist derzeit die beste Lösung, solange es keine Alternativen gibt“, sagt Umweltsenatorin Katrin Lompscher (Die Linke). „Es ist wichtig, so viele wertvolle Rohstoffe zurückzugewinnen wie möglich.“ Andere Verfahren wie die automatische Müllsortierung seien noch nicht ausgereift.

Die Frage „Halten Sie die Mülltrennung noch für zeitgemäß?“ beantworteten 66 Prozent unserer Leser mit Ja, nur 34 Prozent mit Nein. Pilotprojekte wie in Trier zeigen zwar, dass es auch anders geht. Dort wird der Müll in einer Tonne gesammelt und später automatisch sortiert. Die Sprecherin der BSR, Sabine Thümler, bezweifelt, ob das letztendlich wirtschaftlich und ökologisch die beste Lösung ist. „Durch das getrennte Sammeln hat Berlin die niedrigsten Müllgebühren in Deutschland.“

Marianne Rittner


Verfahren zur Müllverarbeitung
Statt im Haushalt mehrere Müllbehälter für unterschiedliche Abfälle aufzustellen, könnte auch ein Behälter allein ausreichen. Das ergab ein wissenschaftlich begleiteter Versuch in Trier. Der Zweckverband Abfallwirtschaft im Raum Trier (A.R.T.) hat neue Verfahren zur Müllverarbeitung getestet. „Zunächst wird der unsortierte Müll eine Woche lang getrocknet, denn Hausmüll besteht fast zur Hälfte aus Wasser“, erläutert A.R.T.-Geschäftsführer Dr. Maximilian Monzel das Verfahren. Das trockene Material durchlaufe dann eine Sortieranlage, die automatisch trenne. Besonders gut klappe das Aussortieren von Kunststoffen und Metallen. Die Quote bei wiederverwendbaren Kunststoffen läge sogar 50 Prozent höher als beim Gelben Sack. Die Materialien könnten anschließend verkauft werden. Den Gelben Sack hält Monzel für überflüssig. Denn wie der Versuch gezeigt habe, „trennen Maschinen besser. Den Bürgern bleibt die Biotonne erspart, Rohstoffe werden energetisch verwertet und die Entsorgungskosten liegen weit unter dem Durchschnitt“, so Monzel. Trotz des erfolgreichen Tests müssen die Bürger weiter trennen. Das Bundesabfallgesetz schreibt es so vor. A.R.T. hat versucht, eine Öffnungsklausel für ihr Müllrecyclingverfahren zu erhalten. Bisher ohne Erfolg.

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