Zentral gelegen, freundliche Atmosphäre: So zeigt sich die Arminiushalle heute. Foto: Augen-Blick
Zentral gelegen, freundliche Atmosphäre: So zeigt sich die Arminiushalle heute. Foto: Augen-Blick

Aus Markthallen werden Genusshallen

Nur mit besonderen Angeboten können Berlins überdachte Märkte wirtschaftlich überleben.

Berlin. Schon lange kämpfen Berlins Markthallen ums Überleben. Nach Sanierung startete die Marheinekehalle 2007 erfolgreich durch. Die Arminiushalle in Moabit wird bei laufendem Betrieb umgestaltet. Die Kreuzberger Eisenbahnhalle ist zum Verkauf ausgeschrieben. Und die Ackerhalle beherbergt seit Jahren einen Supermarkt.

Kampf gegen den Leerstand

Auch bei den privaten Markthallen zeigt sich, dass die Kunden Qualität honorieren: Während die Halle an der Gorkistraße in Tegel mit ihrem gehobenen Angebot floriert, hat die Müllerhalle in Wedding mit viel Leerstand zu kämpfen. „Markthallen sind sensible Pflänzchen. Da braucht man ein Händchen für“, sagt Bernhard von Schröder, Sprecher der Berliner Großmarkt GmbH, zu der die beiden verbliebenen städtischen Hallen an der Eisenbahnstraße und auf dem Marheinekeplatz in Kreuzberg gehören. „Bei den heutigen Märkten müssen Angebot und Warenmix passen. Dabei muss etwas Besonderes geboten werden, damit das Konzept aufgeht.“ Wie dicht Erfolg und Niedergang beieinander liegen können, zeigen Marheineke- und Eisenbahnhalle in Kreuzberg.

17 Uhr, Marheinekehalle: Die Nachmittagssonne schimmert durch die großen Scheiben in die Halle. Von der quirligen Bergmannstraße strömen die Besucher herein, kaufen an den Ständen Tapas, Antipasti oder griechische Köstlichkeiten, stöbern in den Auslagen der Boutiquen oder flanieren an den Läden für Wolle, Glas oder Geschirr vorbei. Die Kaffee-Bar ist gut besucht, am Weinstand wird verkostet. „Das Angebot muss überzeugen“, sagt Bernhard von Schröder zum Erfolg der Halle, die nach seinen Angaben bis zu 8000 Besucher pro Tag anzieht. Es sei die besondere Atmosphäre, die Markthallen von Einkaufszentren und Discountmärkten unterscheide. Dazu gehören in der Marheinekehalle auch die Galerie oder das gläserne Hörfunkstudio, aus dem demnächst das private Radio Multicult.fm senden wird.

Düsterer Bau

Der Kontrast zur Halle an der Eisenbahnstraße könnte kaum größer sein: Drei Discounter verlieren sich in dem weiträumigen düsteren Bau, der mit gusseisernen Säulen und der hölzernen Dachkonstruktion an einen gründerzeitlichen Bahnhof erinnert. Kunden huschen vorbei. Ein kleiner Imbiss drängt sich in eine Ecke, einige Männer trinken Bier oder Kaffee und spielen an Automaten.

Die große Freifläche in der Mitte wird von einer Anwohnerinitiative als Winterlager für Pflanzen genutzt, die in der warmen Jahreszeit in der Stadt ausgepflanzt werden. Ein kopierter Zettel verweist auf Kulturveranstaltungen und Stadtspaziergänge. An leeren Ständen sind Jalousien heruntergelassen. Hier hat die Zukunft noch nicht begonnen.

34 Studenten aus Europa hatten bei einem fünftägigen Workshop ein Nutzungskonzept entwickelt. Das Ergebnis: „Der Charakter als Markthalle soll erhalten werden. Es soll Stände geben und keine Läden wie in Einkaufszentren. Zudem soll es Raum für ein Kiezzentrum geben – als Ort der sozialen und kulturellen Begegnung“, sagt der Berliner Architekt Matthias Rick, der den Workshop organisiert hatte.

Lebensmittel und Kultur

Außerdem soll eine Galerie eingezogen werden, die Platz für ein Café bietet. Zwei Bewerber präsentierten kürzlich in der Halle ihre Pläne vor rund 200 Interessierten: die Anwohnerinitiative, die dort schon länger aktiv ist, und ein Investor, der auch den Weihnachtsmarkt auf dem Gendarmenmarkt betreibt.
Die Konzepte ähneln sich. An Marktständen sollen frische Lebensmittel aus der Region und andere ökologisch und nachhaltig erzeugte Produkte angeboten werden. Auch für Kunsthandwerk und Kreatives soll Platz sein. Flächen für Ausstellungen und künstlerische sowie soziale Aktivitäten, eine Galerie und ein Café sind vorgesehen.

Während die Initiative die Umgestaltung schrittweise bis 2020 plant, will der Investor sofort mit dem Umbau beginnen. Der Senat hat einen Preis von 1,25 Millionen Euro für die Halle festgesetzt, den Zuschlag soll das beste Konzept bekommen. Eine „Probeabstimmung“ ergab eine deutliche Mehrheit für das Konzept der Initiative.

2006 hatte die Berliner Großmarkt GmbH die Sanierung und teils auch den Verkauf ihrer unrentablen Hallen beschlossen. Noch im gleichen Jahr war mit dem Umbau der Markeinekehalle begonnen worden. Die Umgestaltung der Eisenbahnhalle beginnt erst, wenn ein Investor gefunden ist.

Umbau bei laufendem Betrieb

Die Arminiushalle an der Arminiusstraße wurde bereits an einen erfahrenen Marktbetreiber aus Westdeutschland verkauft. Als „Zunft-Halle“ wird sie derzeit bei laufendem Betrieb umgebaut. Während im vorderen Teil an den bisherigen Ständen verkauft wird, nimmt das neue Konzept im hinteren Teil Gestalt an. Es gibt großzügige Ausstellungsflächen, Weinhandlungen mit Ausschank und einen Biergarten.

Auch hier setzt der Betreiber, die Zunft AG, auf Qualität und Originalität. Und auf das besondere Flair des weiten Baus: Die Ziegelwände sind restauriert und werden effektvoll beleuchtet.

Mit hochwertigem Angebot zum Erfolg

Die Warenpalette soll hochwertige Lebensmittel aus dem Umland, ökologische oder nachhaltig hergestellte Erzeugnisse der gehobenen Klasse sowie Manufaktur-Produkte umfassen und anspruchsvolle Kultur wie Lesungen und Konzerte bieten. Auch dort will man – vergleichbar der Marheinekehalle – durch ein hochwertiges Angebot zum Erfolg.

Schlagwort: Genusseinkauf. „Die Halle hat einen besonderen Charme“, sagt Michael Schwab, der an den Erfolg glaubt und deshalb mit seiner Hausbrauerei Brewbaker an die Arminiusstraße 2-4 gezogen ist. Die Kundschaft werde wegen des einzigartigen und originellen Angebots kommen, zumal Moabit sehr zentral liege. Da ist sich Michael Schwab sicher.

Matthias Berner

 

Berliner Markthallen auf Erfolgskurs

90 Prozent unserer Leser schätzen deren Attraktivität.

Berlin. Attraktive Markthallen sind wichtig. Dafür votieren 90 Prozent unserer Leser.

„Das richtige Angebot für die Kunden zusammenzustellen, ist harte Arbeit“, sagt der Leiter der Tegeler Markthalle, Dirk Prenzel. Der Enkel vom Gründer Walter Prenzel führt das Geschäft mit Erfolg in der dritten Generation weiter. Mit dem Markt groß geworden, kennt er seine Stammhändler. „Bei einigen haben bereits die Kinder oder Enkel das Geschäft übernommen.“ Das umfangreiche Fachwissen zahle sich aus. „Die persönliche und fachkundige Beratung ist ein großes Plus beim Einkauf in der Tegeler Markthalle“, betont Prenzel.

„Die Marheinekehalle boomt“, zieht Bernhard von Schröder, Sprecher der Berliner Großmarkt GmbH, positive Bilanz. „Mit einem modernen Konzept sind solche Märkte durchaus eine Alternative zu den Einkaufzentren.“ Auch die Kreuzberger Eisenbahnhalle soll eine Wiederbelebung erfahren. „Am 19. April tagt der Aufsichtsrat“, so von Schröder. Dann falle die Entscheidung, welcher Investor den Zuschlag bekommt und die Halle nach seinen Vorstellungen umbauen kann.

Marianne Rittner

 


Der harte Kampf ums Überleben
Der Berliner Magistrat beschloss in den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts den Bau von insgesamt 15 Markthallen in Berlin, von denen jedoch nur 14 errichtet wurden. Das waren zwei große Zentralmarkthallen und 12 Bezirksmarkthallen. Eine große Markthalle auf dem Alexanderplatz (die 15.) wurde nie verwirklicht. Die Bezirksmarkthallen errichtete man in den damals neuen Wohnquartieren, um die bestehenden Wochenmärkte und den Straßenhandel witterungsunabhängig zu machen und für bessere hygienische Bedingungen zu sorgen. Die Wochenmärkte als Vorläufer der Hallen waren bedeutend für die Versorgung der Bevölkerung und existierten schon, als in den damals neuen Stadtteilen noch keine oder nur wenige Ladengeschäfte existierten. Schon bald nach der Fertigstellung litten die Hallen unter der zunehmenden Konkurrenz durch die Ladengeschäfte in ihrer Umgebung und die aufstrebenden Kaufhäuser. Vier Hallen wurden bereits 1910 geschlossen und abgerissen. Damals wurden auch die ersten privaten Märkte genehmigt. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es für die Markthallen eine Blütezeit bis in die 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein. Mit dem Aufkommen der Supermärkte und Discounter ging jedoch dieses „Wirtschaftswunder“ zu Ende. Moderne Einkaufszentren taten ein Übriges.

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