Gewohntes Bild an Berlins Tankstellen: Die Preise für Kraftstoff haben ordentlich angezogen. Vielen, die aufs Auto angewiesen sind, wird da schwindelig. Foto: Dötsch
Gewohntes Bild an Berlins Tankstellen: Die Preise für Kraftstoff haben ordentlich angezogen. Vielen, die aufs Auto angewiesen sind, wird da schwindelig. Foto: Dötsch

Autofahren – der reine Wahnsinn

Steigende Benzinpreise lassen viele Autofahrer verzweifeln. Manche verzichten auf den Wagen, andere sagen sich: „Jetzt erst recht!“

Berlin. Hohe Benzinpreise haben in den vergangenen Wochen manchen Autofahrer zum Umdenken animiert. Einige aber interessiert nur eins: Sie wollen einfach nur Fahrspaß. 

„Und kost’ Benzin auch drei Mark zehn, scheiß egal, es wird schon geh’n, ich will fahr’n ! Ich will fahr’n, ich will Spaß, ich will Spaß“, so tönte der Sänger Markus 1982. In den vergangenen Wochen lag der Benzinpreis zeitweilig deutlich darüber, und es ist Schluss mit lustig. Doch nicht bei allen.

Es gibt da auf einem Hinterhof im Ostteil der Stadt eine Wut, und die ist beträchtlich. Die Wut hat etwas zu tun mit den wunderbaren Autos, die vor und in der Werkstatt von Mario Possehl stehen. Es sind zum Teil Autos, wie es sie nicht mehr gibt. Ein Cadillac-Coupé aus den 60er Jahren etwa, tiefschwarz, mehr als sechs Meter lang, acht Zylinder, ein Motor wie aus einem Kleinpropellerflugzeug, Spritverbrauch: 20 Liter – bei defensiver Fahrweise. Ein Auto wie ein Traum, ein Auto zum Träumen.

Wenn da nicht diese Wut wäre. Über einen Zeitgeist, der auf solche Fahrzeuge zunehmend skeptisch oder sogar ablehnend reagiert, über eine Politik, die mit immer neuen Restriktionen antwortet. „Wenn das so weitergeht“, sagt Possehl, „wandere ich aus.“ Nach Australien vielleicht. „Dann“, sagt er, „ist das für mich hier keine Demokratie mehr.“ Es liegt viel Verachtung in seiner Stimme.

Spaß an bulligen Wagen


Possehl repariert neue und alte Ami-Schlitten. Er hat sich in seinem Hohenschönhausener Betrieb darauf spezialisiert. Zu seinen Kunden zählt auch Thomas Horst. Er fährt einen Van von Ford, ein amerikanisches Modell, einen dieser bulligen Wagen, die auf beinahe brutale Weise Geborgenheit verheißen. Jetzt ist der Öldruckanzeiger defekt. Horst schätzt diesen „satten Klang“. Er habe „einfach Spaß an diesem Auto“.

Das Spaßauto frisst 15 bis 20 Liter. Es ist nicht gerade eine überzeugende Antwort auf die Endlichkeit, die Knappheit und den rasanten Preisanstieg des Rohstoffs Öl. Man könnte auch sagen: Es ist angesichts der Umstände eine Provokation. Das perlt aber an dem Fernfahrer ohne größere Wirkung ab. „Wenn andere damit ein Problem haben“, sagt er, „dann ist das deren Sache.“ Auch bei ihm ist ein leicht gereizter Ton herauszuhören.

Fragen nach dem Sinn und Unsinn derartiger Vehikel stellen sich Autoliebhaber wie Horst kaum. Für sie ist ihr Auto mehr als ein Fortbewegungsmittel, es ist ein Teil ihres Lebensstils, den man nicht ändern möchte, auch nicht bei knapp 1,60 Euro für den Liter Super.

Weniger Spritztouren

Bei Höchstpreisen von bis zu 157,9 Cent für den Liter Super reagiert die Mehrzahl der Autofahrer jedoch entschieden anders. An der freien Tankstelle von Wolfgang Rohrbeck in der Steglitzer Albrechtstraße lässt sich die Wirkung des Benzinpreisschocks ziemlich genau ablesen. In letzter Zeit beobachtet er bei seinen Kunden einen „deutlichen Verzicht“ auf überflüssige Fahrten mit dem Auto. „Kurze Spritztouren übers Wochenende verkneifen sich jetzt viele.“ Der Umgang mit dem eigenen Fahrzeug, resümiert er, sei „bewusster geworden“.

Wer tanken muss, beobachte den Markt ziemlich genau. Wagenlenker würden heute von einem Cent Unterschied zur Konkurrenz angelockt wie Mücken vom Licht. Viele machten es sich auch verstärkt zur Gewohnheit, am Wochenende zu tanken, da die Preise gewöhnlich von Sonnabendfrüh bis Montagabend nachgeben. Und wer richtig sparen wolle, rüste sein Fahrzeug auf Gas um, bei einem Preis von etwa 70 Cent pro Liter eine durchaus ernste Alternative.

Um den Kraftstoffkonsum zu reduzieren, werde vermehrt auf vermeintliche Kleinigkeiten geachtet. Schon der richtige Reifendruck und weniger Gepäck an Bord machten sich bemerkbar.

Allein, den großen Ruck hat auch Rohrbeck noch nicht durch das Herz und den Verstand der Autofahrer gehen sehen. „Die Schmerzgrenze“, sagt der 59-Jährige, der auch Vorsitzender des Verbands des Garagen- und Tankstellengewerbes Nord-Ost ist, „ist noch nicht erreicht.“ Seine Kunden, obwohl reichlich verärgert und genervt von der scheinbar nach oben offenen Preisspirale, wollten sich „absolut nicht“ vom Auto trennen.

Ein Leben ohne Auto

Da allerdings ist Familie Heymann-Wenzel einen entscheidenden Schritt weiter. „Dann haben wir uns gesagt: ,Wir versuchen es mal ohne Auto.‘“ Die Entscheidung fiel für die Charlottenburger Musikwissenschaftlerin und ihren Mann nach einem Verkehrsunfall im vergangenen Jahr. Obwohl zu dem Haushalt zwei kleine Kinder zählen, sei ihnen die Umstellung von der eigenen Familienkutsche hin zu dem System der Gemeinschaftswagen „nicht schwer“ gefallen, sagt Cordula Heymann-Wenzel. Die Entwicklung der Spritkosten, betont die 37-Jährige, verfolge sie seither „recht amüsiert“.

Die Familie hat sich dem Car sharing von Greenwheels angeschlossen. Damit steht ihr deren Flotte stundenweise zur Verfügung, wenn sie nicht gerade ausgebucht ist.

Doch der explodierende Benzinpreis war nur ein Grund für den Verzicht auf den reinen Privatverkehr. Wirklich entscheidend war die innere Einstellung. „Ich brauche die vermeintliche Freiheit des Autofahrens nicht“, sagt Heymann-Wenzel, „um mich frei zu fühlen.“ Die schon immer absurd gewesene Phrase „Freie Fahrt für freie Bürger“ ist für sie längst ein Anachronismus. Für sie liegt die Freiheit in der Wahl der Fortbewegungsmöglichkeiten: Carsharing, BVG und S-Bahn, Taxi, Fahrrad, das Weiterkommen zu Fuß. „Es gibt“, sagt sie, „immer eine Alternative.“

Es sind eher die gut gebildeten, einkommensstärkeren Schichten, die dem privaten Auto ade sagen. Sie tun es nicht unter Zwang, sondern aus Einsicht. So wie auch Bernd Seemann, auch er ist Mitglied bei Greenwheels. Seitdem er im vergangenen Jahr zu dem Wagenleihsystem und dem öffentlichen Nahverkehr gewechselt ist, spürt er „eine Genugtuung, ähnlich wie nach dem Entschluss, mit dem Rauchen aufzuhören“. Es sei wie „die Befreiung von einem Laster, von einer Abhängigkeit“ gewesen. Der 47-jährige selbstständige IT-Experte hat mit Gewohnheiten gebrochen, mit der Gewohnheit beispielsweise, mal eben um die Ecke zum Bäcker, zum Zeitungskiosk, zum Briefkasten zu fahren. „Unnötig“, weiß er heute.

Freiheit bei 325 PS

Christoph Lehnert ist da anders gepolt. Er will alle paar Wochen puren Spaß. Er setzt sich dann in etwas, was er „das Ding“ nennt. Das Ding ist 325 PS kräftig, wiegt drei Tonnen und verbraucht 26 Liter. Ein Wahnsinn. „Exotisch“, nennt es der 34-jährige Besitzer eines Bekleidungsgeschäfts selbst. Wenn er sich für einen Tag den Hummer ausleiht und über den Kurfürstendamm kreuzt, ist es für ihn die reine Freude. „Etwas Verrücktes.“ Ein Adrenalinstoß. „Ein Stück Freiheit.“ Das amerikanische Gefährt, eine Art zivile Version eines Geländespähwagens, sei ja eigentlich, erkennt auch Lehnert an, „für nichts zu gebrauchen“ – außer zum Cruisen.

Wenn alle über die hohen Benzinkosten stöhnen und vom Sparen reden, packt Lehnert eben fröhlich den Tiger in den Tank. Oder besser: den Dinosaurier. Vielleicht ist es auch eine Gegenreaktion, ein röhrender Protest gegen die aktuelle Verzagtheit vieler Autofahrer. Ein letztes Aufbäumen. Der  Abschied von einer untergehenden Epoche.

Kai Ritzmann


Vernunft versus Spassfaktor
Allein in Berlin betreibt Greenwheels rund 60 Stationen. Hervorgegangen aus dem Vorläufer „StattAuto“, stellt das Unternehmen vom Kleinwagen bis zum Kombi seinen Kunden Fahrzeuge zur Verfügung. Die Kosten für das Ausleihen der Wagen berechnen sich aus einem Grundpreis, aus der Leihzeit, den gefahrenen Kilometern und dem verbrauchten Kraftstoff. Ähnlich wie bei Telefontarifen sind die Kosten pro Fahrt teurer, wenn der Basistarif geringer ist (und umgekehrt). Abo-Kunden des öffentlichen Nahverkehrs werden Ermäßigungen eingeräumt. Gebucht wird nach der Anmeldung über das Internet oder telefonisch. Wer den ökologischen Gedanken nicht ganz so ernst nimmt, kann bei „Yellowhummer“ einen Hummer mieten. Nach Meinung des Berliner Geschäftsführers Moritz Knöfel „reißt“ sein Betrieb „die Welt bestimmt nicht in die Energiekrise“. Man habe sogar die Debatte um hohe Benzinpreise aufgenommen: Die Hälfte der Wagen sei bereits auf Gasbetrieb umgerüstet worden.

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