Josef D. schließt sein Fahrrad am S- und U-Bahnhof Schönhauser Allee an. Dort werden laut Polizeistatistik besonders viele Räder gestohlen. Foto: Augen-Blick
Josef D. schließt sein Fahrrad am S- und U-Bahnhof Schönhauser Allee an. Dort werden laut Polizeistatistik besonders viele Räder gestohlen. Foto: Augen-Blick

Begehrtes Diebesgut

Egal ob Mountainbike oder „alte Gurke“ – geklaut werden alle Fahrräder, und zwar meist vor Bahnhöfen.

Berlin. 500000 Berliner sind laut Allgemeinem Deutschen Fahrrad-Club ADFC täglich mit dem Fahrrad auf unseren Straßen unterwegs. Radeln liegt im Trend. Aber auch der Fahrradklau hat Hochkonjunktur, absoluten Schutz davor gibt es nicht.

Der Fahrradplatz am S-Bahnhof Schönhauser Allee ist schon um 11 Uhr total überfüllt – rund 150 Zweiräder stehen direkt an der Schönhauser Allee, weitere 150 verteilen sich am Brückengeländer vor dem S-Bahnzugang und auf der gegenüberliegenden Seite des Bahndamms. Ein Mann auf einem Klapphocker am Fußgängerüberweg zur U-Bahn spielt mit seiner Ziehharmonika gegen den Verkehrslärm an. Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen, in den Schönhauser Allee Arcaden kaufen Hausfrauen und Touristen ein, das Straßencafé ist voll. Entsprechend groß ist auch die „Auswahl“ an abgestellten Fahrrädern. Diebe finden vom Schrottrad bis zum Mountainbike alle gängigen Marken in jedem Zustand. Die beiden 17-jährigen Anja und Sophia aus Pankow haben keine Angst um ihre Räder, noch ist ihnen keines gestohlen worden. Sie kommen gerade vom Einkaufsbummel – und nach wenigen Minuten Suche radeln sie davon. Etwas weniger locker sieht das Lehrer Bernd Hillbrand. „Ich wohne in der Nähe vom S-Bahnhof Gesundbrunnen. Da wird öfter mal abgeräumt. Ich war mein neues Rennrad nach nur drei Tagen wieder los.“

Brennpunkt Schönhauser

Kommt der S- und U-Bahnhof Schönhauser Allee als Parkplatz für Fahrräder ins Gespräch, sind die meisten Zweiradbesitzer in höchster Alarmbereitschaft: „Inzwischen hat sich bei Vielfahrern rumgesprochen, dass dort wohl die meisten Fahrräder in Berlin geklaut werden“, sagt Mirko. Er ist vor zwei Jahren zum Physikstudium an der Technischen Universität nach Berlin gekommen. In dieser Zeit hat es Mirko schon zweimal erwischt, einmal am Bahnhof Schönhauser Allee. „Zuerst war mein richtig gutes Rad weg, das ich von zu Hause aus Brandenburg mitgebracht habe“, ärgert sich der 22-Jährige. Danach habe er sich eine „alte Gurke“ besorgt, aber auch die verschwand nach ein paar Monaten spurlos. Jetzt fährt Mirko ein altes Rad, das er von einem Freund bekam. Zum Parken sucht er sich sicherheitshalber immer feste Abstellplätze, Laternen oder Bäume.

Besonders die Bahnhöfe ziehen Diebe magisch an, so die Erkenntnis von Polizei und Experten wie Benno Koch. Der Fahrradbeauftragte des Senats hat Berlins größte Problembahnhöfe „gelistet“. Danach liegt der S- und U-Bahnhof Schönhauser Allee an erster Stelle, gefolgt vom S-Bahnhof Hermsdorf in Reinickendorf und den Bahnhöfen Gesundbrunnen, Spandau, Wuhletal und Amrumer Straße. Auch die Bahnhöfe Karlshorst, Mahlsdorf, Pankow und Rahnsdorf sind bei den Dieben beliebt. „Die Erfahrung zeigt, dass meist die Mittelklasse-Räder zum Preis von 650 bis 700 Euro gestohlen werden“, so Koch. Sein Fahrrad-Trick: „Es sollte unauffällig aussehen – ungeputzt ist auch gut. Und ich schließe es immer an gut sichtbaren Stellen an.“ Es sei festgestellt worden, dass Diebe meist dort zugreifen, wo die Räder nicht fest an stabilen Bügeln angeschlossen werden können. „Davon gibt es viel zu wenig in Berlin“, kritisiert Koch. Das betreffe Bahnhofsvorplätze ebenso wie Einkaufszentren. Daher sei jede Initiative, die das ändere, zu begrüßen. „Die S-Bahn will in diesem Jahr 2000 neue Abstellplätze an ihren Bahnhöfen schaffen. Und in Pankow gibt es ein Modellprojekt für erweiterte Fahrrad-Abstellanlagen an Verkehrsknotenpunkten“, zählt Koch einige Lichtblicke auf.

Claudia Hämmerling greift die Idee aus Brandenburg auf, Fahrradabstellplätze durch Hartz-IV-Empfänger bewachen zu lassen. Die verkehrspolitische Sprecherin der Grünen im Abgeordnetenhaus und begeisterte Radlerin ist ein gebranntes Kind, sind ihr doch „schon viele Räder geklaut worden“. Daher geht sie sogar noch einen Schritt weiter. „Die Bewachung ist ein lukrativer Job, eignet sich gut als Einstieg ins Arbeitsleben und schreckt Diebe ab.“ Mit einem richtigen Konzept für die Basisfinanzierung könnten sogar kleine Fahrradstationen mit Serviceangeboten wie Radwechsel und Reparaturen an den Bahnhöfen entstehen. „Wir arbeiten schon daran“, verrät die Politikerin. Für ein tragfähiges Konzept seien Gespräche mit der Versicherungswirtschaft und zum Beispiel auch der Bahn nötig. Von den Fahrradstationen ist Hämmerling regelrecht begeistert. „Daraus könnten doch längerfristig richtige Jobs werden. Auch die Vergabe an freie Träger ist möglich.“ Denn wie oft sei es ihr schon passiert, dass ein Reifen defekt war oder sie andere Hilfe gebraucht hätte. Das gehe garantiert nicht nur ihr so. Hämmerlings Strategie gegen den Fahrradklau: ein Zweitrad als Reserve anschaffen.

Beim ADFC sieht man die Hartz-IV-Bewacher eher skeptisch. „Besser wäre, die Stadt würde mehr Fahrradabstellbügel bauen“, meint David Greve vom ADFC. Auch kenne die Polizei die Diebstahlschwerpunkte und könne dort mehr kontrollieren. Greve empfiehlt den Radlern eine Fahrradversicherung und Codierung der Zweiräder. „Durch die Codierung haben sich manchmal Räder auch wieder angefunden“, betont er mit Blick auf einen Fall, bei dem das Rad schon auf einem Lkw Richtung Polen unterwegs war. Fahrradbeauftragter Koch hat erhebliche Zweifel am Einsatz von Kontrolleuren. „Dafür ist zu viel Personal nötig, und es gibt keine Erfolgskontrolle, ob dadurch die Diebstahlzahlen wirklich sinken.“ Auch habe es in den 90er Jahren mal am S-Bahnhof Friedrichshagen eine Fahrradstation mit kostenpflichtigen Abstellbügeln gegeben. Die seien aber nicht genutzt worden. Koch plädiert daher für Videoüberwachung an Diebstahlschwerpunkten.

Profis klauen vormittags


Die Motive der Diebe sind unterschiedlich. Sie haben Werkzeug dabei, sind schnell und knacken die Schlösser frech – auch vor den Augen von Passanten. „Profis sind meist an Werktagen vormittags unterwegs, am Abend dominiert der Gelegenheitsdiebstahl, um etwa schneller von der Kneipe nach Hause zu kommen. Und Beschaffungskriminalität zum Kauf von Drogen gibt es rund um die Uhr“, stellt Koch fest. Die Profis nehmen die Räder zum Teil regelrecht auseinander; die Einzelteile finden sich dann im Second-Hand-Verkauf oder bei Versteigerungen im Internet wieder. Gegen Langfinger helfen laut Experten nur ein gutes Schloss, verankerte Anschlussbügel und erhöhte Aufmerksamkeit. Denn wie stellt die Stiftung Warentest fest: „Kein Schloss ist 100-prozentig sicher; wenn ein Dieb ein Fahrrad haben will, dann kriegt er es.“

Gabi Zylla



Hohe Dunkelziffer bei Fahrradklau
2008 wurden in Berlin laut polizeilicher Kriminalstatistik 23.645 Fahrräder gestohlen. Das waren 16,8 Prozent (3399 Stück) mehr als ein Jahr zuvor. Dazu kommt laut ADFC eine hohe Dunkelziffer, da viele Betroffene den Diebstahl nicht anzeigen. Besonders sind die Fahrraddiebstähle mit insgesamt 3440 Rädern (2007: 2397 Räder) in Bahnhofs- und Haltestellenbereichen gestiegen. Überproportional vertreten ist dabei der Bereich der S-Bahn mit 1536 Fällen – laut Polizei zumeist Räder, die von Pendlern an S-Bahnhöfen abgestellt wurden. Die Aufklärungsrate für Fahrraddiebstähle lag 2008 in Berlin bei rund fünf Prozent. Nach dem Strafgesetzbuch, Paragraf 242, ist Fahrraddiebstahl in der Regel als schwerer Diebstahl zu werten, wenn die Räder gegen Wegnahme besonders gesichert waren. Klassischer einfacher Diebstahl wird mit einer Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit einer Geldstrafe geahndet. Beim schweren Diebstahl geht das Strafmaß von mindestens drei Monaten bis zu zehn Jahren. zy


Weitere Online-Angebote der Axel Springer AG:
AUDIO VIDEO FOTO BILD | BERLINER MORGENPOST | BILD | BILD am SONNTAG | BILD der FRAU | B.Z. | COMPUTER BILD | COMPUTER BILD SPIELE | DIE WELT | WELT am SONNTAG | €URO | EURO am SONNTAG | FAMILIE & CO | HAMBURGER ABENDBLATT | HAMBURGER WOCHENBLATT | HÖRZU | JOLIE | MÄDCHEN | METAL HAMMER | MUSIKEXPRESS | POPCORN | ROLLING STONE | SPORT BILD | STARFLASH | TV DIGITAL | YAM! | www.autobild.de | www.immonet.de | www.stepstone.de | www.arbeiten.de | www.idealo.de | www.dvd-idealo.de | www.spiele-idealo.de | buch-idealo.de | www.axel-springer-akademie.de 
www.axelspringer.de

© 2004-2010 Berliner Wochenblatt Verlag GmbH - Alle Rechte vorbehalten. Impressum Datenschutz
Berliner, wochenblatt, woche, redaktion, anzeigen, kleinanzeigen, download, beilagen, zeitung, anzeigenblatt, wochenzeitung, kostenlos, gratis, Marktführer, Nr. 1, lokalzeitung, lokal, Berlin, Hallo, Spandau, Spandauer, Volksblatt, Reichweite, Leserreisen, Leser, Reportage, Motorradtouren, Stellenmarkt, Ausgaben, Werben, Themenplan, Leseranalyse, Referenzen, Werbeprospekte, Direktverteilung, Centerzeitungen, Prospektanzeigen, Autorenwettbewerb, Durchblick, Berliner Helfen, Leseraktionen, Ostpool, Zustellqualität, Halfcover, Flying Page, Jobs, Vertriebsqualität, Einkaufscenter

 

LESERAKTIONEN



Frage der Woche

 

 

Sollte es besondere Verkehrsregeln für Radfahrer geben?


ja
nein

Vor Abstimmung bitte Zeichenfolge eingeben.
Captcha-Code



Ergebnis der Vorwoche

Halten Sie die Maßnahmen gegen Ambrosia für ausreichend?
 
ja: 17%
 
nein: 83%
 

100 Stimmen gesamt