




Der gute Ruf der Universitäten, aber auch das urbane Leben locken junge Leute aus dem In- und Ausland in die Hauptstadt.
Berlin. An einem Grundstudium an der Humboldt-Universität haben zum Wintersemester 39.000 Bewerber ihr Interesse gezeigt, bei der Freien Universität waren es 30.500. Das sind etwa zehnmal mehr Wünsche als verfügbare Plätze. Selbst Abiturienten mit Einser-Abitur müssen abgewiesen werden.
Die Galerie der Porträtfotografien, die am oberen Ende des großen Treppenhauses der Humboldt-Universität (HU) eingerichtet wurde, ist einschüchternd: Robert Koch, Nobelpreis für Medizin 1905, Albert Einstein, Nobelpreis für Physik 1921, Otto Hahn, Nobelpreis für Chemie 1944. Aber natürlich sollen sie nicht den Mut nehmen, sondern vor allem den Ruhm des Hauses dokumentieren. Und motivieren. So weit kann man es bringen, wenn man nur fleißig ist! Früher hätte man noch hinzugefügt: Und wenn man die Welt nicht nur zu interpretieren lernt, sondern auch zu verändern. Die entsprechende Marx-Losung steht noch in goldenen Lettern an der Stirnseite des Foyers. Aber die Zeiten haben sich geändert.
Die Studenten von heute, die durch eben jenes Foyer eilen oder schlendern, lassen sich von den oben wachenden Herren nicht beeindrucken. Und ob sie die Welt verändern wollen, ist auch die Frage. Sie sind zunächst einmal erstaunlich gut gelaunt. „Berlin! Hauptstadt! Metropole!“, freut sich Katharina. Sie ist 22 Jahre alt, hat in Belgien bereits ihr Grundstudium gemeistert, lernt nun Sozialwissenschaften an der HU und weiß natürlich um den Ruf der heiligen Hallen, in die man wieder mit einer „Feierlichen Immatrikulation“ aufgenommen wird.
Eine andere deutsche Hochschule wäre für Katharina nicht infrage gekommen. Der „gute Ruf und das Studienangebot“ haben sie überzeugt. Untergangsängste im universitären Massenbetrieb? „Ich fühle mich nicht verloren.“ Stress durch die neuen, das Studium verschulenden, straffenden „Bologna“-Richtlinien? „Ich sehe das eher positiv.“ Ängste vor späterer Arbeitslosigkeit? „Nö.“ Die studentische Jugend von heute: nichts als Optimismus im Kopf!
Enno ist gerade mal anderthalb Wochen dabei und blickt, wie er sagt, bereits „voll durch“. Selbstbewusst sind sie, die Studenten, gelassen, informiert, zielstrebig. Der 20-Jährige hat sich für Germanistik und Europäische Ethnologie eingeschrieben und verspricht sich für die kommenden Jahre „eine erkenntnisreiche Zeit“. Sein augenblicklicher Gemütszustand? „Ich fühle mich“, sagt Enno, „einfach frei.“
In einem ähnlichen Glückszustand ist Ben. Der Student der Anglistik und Germanistik kommt aus Ungarn und schätzt besonders „die Liberalität und das Multikulturelle“ an Berlin. Seine größte Sorge war das „Casting“ zur Aufnahme in die Wohngemeinschaft. Aber auch das hat er mit Bravour gemeistert. Die Strahlkraft Berlins als Studienort mit seinen 13 öffentlichen Hochschulen ist derart groß, dass nahezu alle Fächer mit einem Numerus clausus (NC) belegt sind. Keine Frage: Wer in Berlin studiert, gehört – ob es ihm gefällt oder nicht – in gewisser Weise bereits zur Elite. Ob die Berliner Regelung, keine Studiengebühren zu verlangen, zu dieser Beliebtheit beiträgt, ist noch nicht erforscht. Eine methodisch umstrittene landesweite Studie des Stifterverbands der deutschen Wissenschaft gelangt zu dem Ergebnis, dass die Abgaben „kaum eine abschreckende Wirkung“ bei der Wahl des Studienorts hätten, sowohl in Bezug auf die absoluten Zahlen als auch auf die soziale Zusammensetzung der Hochschüler. Studenten sind keine eigene, misstrauisch beäugte Kaste mehr. „Auf Augenhöhe“ mit sich sieht der Leiter des Amts für Ausbildungsförderung die Studenten. Sie kämen „nicht als Bittsteller“, die meisten seiner Kunden wüssten, was ihnen zusteht und nähmen es auch in Anspruch. Um fünf Prozent steigt bei Christian Gröger und seinen Mitarbeitern jedes Jahr die Zahl der BAföG-Anträge, derzeit werden pro Jahr rund 34.000 Anträge eingereicht. In der Arbeit der Sachbearbeiter spiegelt sich die Lebenswirklichkeit der Studierenden ziemlich genau wieder, vor allem das Überschreiten der Regelstudienzeit – „bei fast allen“, so Gröger.
„Alles ist so groß hier“
Myriam aus Belgien stürzt sich mit Freuden ins Studium und mit ebensolcher Freude auch ins Großstadtleben. Die Museen, die Opern, die vielen Konzerte, die Theater – alles will sie auskosten. Ihre größte Sorge: Das Angebot ist zu unübersichtlich, und das S-Bahn-Netz zu kompliziert. Nach Berlin ist sie gekommen, um Deutsch, Englisch und Musikwissenschaften zu studieren. „Alles“, sagt sie, „ist so groß hier.“ Dabei strahlt sie übers ganze Gesicht. Um Myriam wird man sich keine Sorgen machen müssen.
Aber nicht jeder, der in Berlin studiert, findet seinen Weg ohne anzuecken. Es gibt Probleme bei jenen, die vom Land und aus behüteten Verhältnissen in die Metropole gezogen sind. Ungefähr die Hälfte der rund 139.000 Berliner Studenten kommt nicht aus Berlin. Es gibt Lern- und Leistungsstress und Prüfungsangst, Stress in der WG, mit dem Partner, Depressionen. Von all dem weiß Psychotherapeut Kai Wieters ein Lied zu singen. Er leitet die psychologische Beratungsstelle des Studentenwerks. 1400 Bitten um helfende Gespräche erreichen ihn im Jahr, das sind vier Prozent mehr als im Bundesdurchschnitt. Gerade die neu eingeführten Bachelor-Studiengänge, die sich eher am Oberstufenunterricht orientieren als am freien wissenschaftlichen Forschen, ließen leistungsschwächere Studenten sich rasch „wie Sitzenbleiber“ fühlen. Wierters weiß von Studierenden zu berichten, die in ihren jungen Jahren schon am Burn-Out-Syndrom litten. „Die denken, sie seien Versager – bei einem Notendurchschnitt von 1,4.“ Die meisten Studenten akzeptieren, auch wenn es einigen von ihnen schwerfällt, die Leistungsgesellschaft. Sie wollen ja in genau dieser Gesellschaft möglichst schnell Karriere machen. In den 60er-Jahren ist der brave Bürger aus Angst vor den „Revoluzzern“ noch ins Café Kranzler geflüchtet, heute muss sich vor den Studenten gewiss niemand mehr fürchten.
Kinderfreundliche Unis
Auch Beatrix Gomm, Chefin der Sozialberatung, kennt den Alltag der Studenten ziemlich genau. Immer mehr Beratungsbedarf gibt es für Familien und Mütter. Bei neun Prozent der Berliner Studenten stellt sich schon während der Ausbildung Nachwuchs ein, doch das Angebot an Kinderbetreuung ist gut, bereits zwei Monate alte Babys können zur Betreuung untergebracht werden: Der Studienort Berlin ist auch kinderfreundlich.
Im Vordergrund der Anfragen aber steht die Studienfinanzierung. Jobs zur Aufstockung des Budgets, die in Berlin relativ leicht zu bekommen sind, seien „selbstverständlich“, sagt Gomm, auch um die gestiegenen Konsumwünsche zu decken: Reisen, Clubbesuche, teure Notebooks. Da unterscheiden sie sich kaum noch vom Rest der Bevölkerung. Studieren heute ist nicht mehr so sehr Vorbereitung auf ein späteres Leben, es ist das Leben.
Kai Ritzmann
| Studiengebühr und Studienplatzwahl |
| Berlin ist stolz darauf, von seinen Studenten keine Gebühren zu verlangen. Während die Länder Baden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen allgemeine Studiengebühren in Höhe von 500 Euro pro Semester und Hamburg 375 Euro pro Semester eingeführt haben, will Berlin jetzt und in Zukunft solche Abgaben nicht einfordern, wie Bildungssenator Jürgen Zöllner gern betont. Die Gebühr zum ausschlaggebenden Kriterium für die Wahl des Studienorts zu erheben, ist gefährlich, denn sie ist nicht selten abhängig von der aktuellen politischen Situation – siehe Nordrhein-Westfalen, wo die neue rot-grüne Regierung sie wieder abschaffen möchte. Nach einer landesweiten Befragung der Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) wollen nur sechs Prozent der Studienberechtigten sich „auf jeden Fall“ eine gebührenfreie Uni suchen, in Berlin waren es nur rund drei Prozent. |