Angelika Lehmann (56) testet im Landeslabor Berlin-Brandenburg Speichelproben von Patienten auf den neuen Virus. Foto: Augen-Blick
Angelika Lehmann (56) testet im Landeslabor Berlin-Brandenburg Speichelproben von Patienten auf den neuen Virus. Foto: Augen-Blick

Berlin bereitet sich auf die Schweinegrippe vor

Impfung gegen H1N1-Virus Ende September möglich. Gesundheitsverwaltung entwickelt Notfallplan.

Berlin. Die Schweinegrippe kommt. Nur wann und in welchem Ausmaß sie die Hauptstadt trifft, kann bisher niemand sagen. Die Bundesrepublik liegt mit mehr als 12.000 Infizierten hinter Großbritannien an zweiter Stelle im europäischen Vergleich. Mit einem möglicherweise drastischen Anstieg der Infizierten rechnen Gesundheitsexperten in der Hauptstadt nach den Sommerferien.

80 Prozent der erkrankten Berliner brachten die Viren von einer Reise mit. Deshalb könnte nach Einschätzung der Senatsgesundheitsverwaltung „die Anzahl der Infizierten nach den Ferien steigen“, sagt die Sprecherin Regina Kneiding. Bis Mitte August erwischte es etwa 300 Berliner. Seit Juli verdoppelt sich die Anzahl der Betroffenen fast wöchentlich. Der H1N1-Virus ist sehr ansteckend. Treffen sich zehn Personen, von denen eine erkrankt ist, steckt sie drei bis fünf Personen an. Übertragen wird der Erreger durch feinste Tröpfchen, die beispielsweise beim Husten oder Niesen ausgeschieden werden.

Hygiene ist wichtig

Hygiene ist deshalb als Vorbeugung wichtig. Öfter Hände waschen, enge Kontakte zu Menschenmengen meiden und notfalls in den Ellenbogen niesen. „Viele Menschen halten sich bereits daran“, erfährt Charlottenburg-Wilmersdorfs Bürgermeisterin Monika Thiemen täglich. „Sie verzichten aufs Händeschütteln.“ Wegen der hohen Ansteckungsgefahr könnte sich jeder dritte Berliner mit dem H1N1-Virus infizieren. Eine Impfung gegen die neue Grippe ist Ende September/Anfang Oktober möglich, wenn der neue Impfstoff fertig ist.

Geimpft werden dann in der ersten Phase medizinisches Personal sowie Mitarbeiter der Sicherheits- und Ordnungseinheiten wie Polizei und Feuerwehr. Für Berlin wurden zwei Millionen Impfdosen bestellt. Diese Menge reicht für eine Million Personen, weil im Abstand von zwei Wochen zweimal geimpft wird. Deshalb werden voraussichtlich nicht alle, die eine Impfung wünschen, sofort eine erhalten.

Die Senatsgesundheitsverwaltung arbeitet derzeit an einem Konzept, in welcher Reihenfolge welche Personen geimpft werden, die nicht zum Medizin- oder Sicherheitspersonal zählen. Bisher steht nur fest, dass Schwangere sowie chronisch Kranke wie etwa Diabetiker, Asthmatiker oder Aidskranke vorrangig geimpft werden sollen, da ihr Immunsystem geschwächt ist.

Ein Krisenstab bei der Gesundheitsverwaltung beobachtet gleichzeitig die Entwicklung der Grippeinfektionen. Denn bisher verlief die Grippewelle in Berlin glimpflich. In Köpenick wurde Anfang Juli kurz vor den Ferien das Alexander-von-Humboldt-Gymnasium geschlossen. 13 Schüler hatten sich mit der neuen Grippe infiziert. „Durch die Schließung konnten wir die Ausbreitung der Viren wirkungsvoll stoppen“, so Kneiding. Kinder und Jugendliche sind besonders anfällig für den neuen Virus. Es gab daher die Überlegung, die Sommerferien über den 28. August hinaus zu verlängern, um mögliche Infektionsherde gar nicht erst entstehen zu lassen. „Dies ist wieder vom Tisch“, so Kneiding. Eine Schließung von Kitas und Schulen käme vorerst nur im Einzelfall in Betracht, um dadurch die Ansteckungsgefahr in Grenzen zu halten.

Nach dem Notfallplan der Gesundheitsverwaltung wird im Fall einer Pandemie mit 450000 erkrankten Berliner gerechnet. Für etwa 7700 Hauptstädter könnte eine Unterbringung im Krankenhaus nötig sein. „Wir bereiten uns auf eine mögliche Pandemie vor“, berichtet Dr. Frank Bergmann, Pandemiebeauftragter der Charité. Es gäbe dann gesonderte Eingänge bei der Notaufnahme für Patienten mit grippalen Symptomen. „Die Rettungsstationen sind bereits mit Mundschutz ausgestattet. Weiterhin sind extra Stationen für Grippepatienten vorgesehen.“ Ob die Maßnahmen nötig sind, lässt sich, so Bergmann, derzeit nicht abschätzen. „Wir wissen nicht, wie sich die Grippewelle entwickelt.“

In den 100 Vivantes-Einrichtungen in Berlin wurden bereits im Frühjahr Schulungen durchgeführt, Pförtner und Reinigungskräfte informiert. Uwe Dolderer, Unternehmenssprecher von Vivantes: „Unsere Rettungsstellen sind grundsätzlich für die Aufnahme von Patienten mit ansteckenden Erkrankungen aller Art gerüstet. Es sind immer genügend Desinfektionsmittel und Schutzausrüstungen vorhanden.“

Bahn ist gut vorbereitet

Polizei und Feuerwehr haben sich ebenfalls auf einen möglichen Ernstfall vorbereitet, warten jetzt auf den Impftermin. Die Deutsche Bahn hat in engem Kontakt zur Weltgesundheitsorganisation Notpläne ausgearbeitet. Je nach dem, welche Stärke die Grippewelle erreicht, gibt es bei der Bahn Stufenpläne, die sicherstellen, welche Züge auf alle Fälle fahren. So stehen an erster Stelle Transporte, die lebenswichtige Einrichtungen wie Kraftwerke mit Kohle oder Öl beliefern. „Außerdem haben wir uns mit Hygieneartikeln wie Desinfektionsmitteln, Mundschutz, aber auch Medikamenten eingedeckt“, sagt ein Bahnsprecher.

Pläne für den Ernstfall liegen auch bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) bereit. „Das geht so weit, dass wir erwägen, im Extremfall den Bus-Einstieg der Fahrgäste nach hinten zu verlegen, damit die Fahrer geschützt werden“, sagt BVG-Sprecherin Petra Reetz.

Noch nicht ganz so intensiv laufen die Vorbereitungen bei den Unternehmen. Wie kürzlich eine Umfrage der Arbeitsgruppe Unternehmenssicherheit der Industrie- und Handelskammer (IHK) ergab, hat ´nur jeder zweite Betrieb Vorkehrungen für eine Extremsituation getroffen, um die Produktion aufrechtzuerhalten. Bei der IHK sind die Tipps, wie Firmen sich auf Notfälle einrichten können, im Internet unter www.berlin.ihk24.de abrufbar. „Mehr können wir derzeit nicht tun“, sagt der Sprecher der IHK, Holger Lunau. Ähnlich verfährt der Hotel- und Gaststättenverband, der seine Mitglieder über das Intranet informiert.

Marianne Rittner



Wie kann man sich schützen
Um den neuen Viren möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten, rät das Robert-Koch-Institut (RKI), sich möglichst oft die Hände zu waschen. Beim Begrüßen sollte aufs Händeschütteln genauso verzichtet werden wie aufs Küsschen. Denn beim Niesen oder Husten können Erreger auf die Hände gelangen und so weiterverbreitet werden. Wenn es möglich ist, sollte zudem der Kontakt zu Menschenmengen eingeschränkt werden. Bei Erkältungen am besten Einmaltaschentücher benutzen und bei Bedarf in die Armbeuge niesen und nicht in die Umgebung. Da sich bisher die überwiegende Zahl der Infizierten den Virus im Urlaub holte, rät das RKI zu Vorsicht bei Kontakten mit Reiserückkehrern. Bemerkbar macht sich die neue Grippe ähnlich wie die Wintergrippe durch Fieber, Husten, Kopf- und Gliederschmerzen, Müdigkeit sowie Appetitlosigkeit. Da Kinder und Jugendliche sich schnell anstecken, rät das RKI, kranke Kinder zu Hause zu behalten. Auch Erwachsene, die den Verdacht haben, sich infiziert zu haben, sollten Kontakte zu anderen Personen meiden. Das Bundesgesundheitsministerium hat die Hotline Tel. 0800 440 05 50 eingerichtet (Mo-Do 8-18 Uhr, Fr 8-12 Uhr, Sa/So 10-16 Uhr).


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