


2009 ließen sich weniger Hauptstädter als erwartet gegen die Schweinegrippe impfen.
Berlin. Erst langes Warten auf den Impfstoff gegen Schweinegrippe, dann will ihn kaum einer haben. Trotz permanenter Appelle ließen sich laut Senatsgesundheitsverwaltung im vergangenen Jahr nur knapp 130000 Berliner gegen die neue Grippe H1N1 impfen. Auch die aktuelle Impfkampagne für Schwangere läuft schleppend an. 6300 Impfdosen ohne sogenannten Verstärker stehen in Berlin für werdende Mütter zur Verfügung.
In der gynäkologischen Praxis von Dr. Ulrich Klebe an der Neuköllner Sonnenallee ist der Impfstoff für Schwangere längst vorrätig. Dennoch wollen sich nur wenige werdende Mütter gegen Schweinegrippe impfen lassen. Der Mediziner musste bis Ende vergangenen Jahres nur dreimal zur Spritze greifen. „Die Nachfrage nach der Impfung ist nicht groß“, sagt der Arzt. Dabei wüssten die Patientinnen über die von der Weltgesundheitsorganisation ausgerufene Pandemie Bescheid. „Meine Patientinnen sind gut informiert“, sagt Klebe. Dies treffe sowohl auf deutsche als auch ausländische Frauen zu. „Da gibt es keine Unterschiede. Aber die Epidemie kann noch kommen, und wir sind dann zumindest vorbereitet“, so der Gynäkologe.
Klebe gehört zu den 19 Ärzten in der Stadt, bei denen sich schwangere Frauen impfen lassen können. Auch seine Kollegin Dr. Ingrid Hannig registrierte in ihrer Köpenicker Praxis bisher keine verstärkte Nachfrage von werdenden Müttern nach einer Impfung gegen die Schweinegrippe. Der spezielle Impfstoff für Schwangere mit der Bezeichnung Panvax enthält weder Konservierungsstoffe noch Verstärker.
Auf Lieferung lange gewartet
Anfang November 2009 stand Pandemrix, der erste Impfstoff mit Wirkungsverstärker, bereit. Verteilt wurde das Serum über eine einzige Apotheke in der Hauptstadt, was teilweise zu Lieferschwierigkeiten führte. Beinahe gleichzeitig gab es nach den Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) in der Woche vom 16. bis 22. November mit 2161 Neuinfektionen in der Hauptstadt den Jahreshöchststand. Derweil die Ärzte in der darauffolgenden Woche alle Hände voll zu tun hatten, ebbte die Neuinfektionsrate bereits wieder ab. In der Weihnachtswoche wurden 303 neue Fälle registriert. Insgesamt sind seit Ende April des vergangenen Jahres 8113 H1N1-Infektionen in Berlin erfasst worden. Vier Berliner starben an der Schweinegrippe.
Angesichts der problematisch angelaufenen Impfaktion fordert die Berliner Ärztekammer alle Beteiligten zu einer umfassenden Analyse auf. „Um für künftige, möglicherweise schwerwiegendere Pandemien gewappnet zu sein, muss vor allem die Zusammenarbeit im Vorfeld genau abgestimmt werden“, betonte Kammerpräsident Dr. Günther Jonitz.
Zudem müsse bei jedem Patienten eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen, die von der gesundheitlichen Situation und dem Lebensumfeld des zu Impfenden abhänge. Aus Sicht der Ärztekammer verlief die Pandemie bisher sehr mild. Es bestehe weiterhin kein Anlass zur Panik.
Stark zurückgegangen ist auch die Nachfrage nach Beratung durch die Gesundheitsämter der Bezirke. Sie haben ihre Beratungszeiten bereits eingeschränkt und beraten nur noch montags bis donnerstags von 9 bis 16 Uhr sowie freitags von 9 bis 14 Uhr. „Anfangs hatten meine Mitarbeiter bis zu 500 Anrufe am Tag“, erinnert sich Tempelhof-Schönebergs Gesundheitsstadträtin Sibyll Klotz (Bündnis 90/Die Grünen). „Jetzt sind es etwa 20 Anrufer pro Tag.“ Entwarnung will sie aber nicht geben: „Es hätte schlimmer kommen können“, und der Winter sei noch nicht vorbei.
Ihre Kollegin und Parteigenossin Martina Schmiedhofer aus Charlottenburg-Wilmersdorf rechnet ebenfalls mit keinem großen Andrang mehr. Das Gesundheitsamt am Hohenzollerndamm 174 ist eines von vieren, die Impfungen für Schwangere ohne Krankenversicherung organisieren. Auch in Friedrichshain-Kreuzberg ist der Ansturm auf die Beratungshotline fast verebbt. „Die Anrufe sind rapide zurückgegangen“, sagt Dr. Irina Zuschneid vom Gesundheitsamt.
Zwei Millionen Impfdosen
Stadtweit liegen 424000 Impfdosen auf Eis. Von der ersten Lieferung im Jahr 2009 mit einer Anzahl von 554000 Stück ist nur rund jede vierte verbraucht worden. Zwei Millionen Dosen hatte Berlin insgesamt bestellt. Der Rest soll im Laufe dieses Jahres eintreffen. Ein Grund für die Impfmüdigkeit sieht die Senatsgesundheitsverwaltung in der eher harmlosen Entwicklung der Influenza. „Die ersten Erfahrungen liegen vor, und in den meisten Fällen verläuft die Krankheit glimpflicher ab, als gedacht“, sagt Regina Kneiding, Sprecherin der Senatsgesundheitsverwaltung. Deshalb falle die Impfbereitschaft gering aus. „Inzwischen wissen wir auch, dass eine Impfung ausreichend ist“, so Kneiding. Vor gut zwei Monaten rieten Experten im Hinblick auf eine Immunisierung noch zu zwei Impfungen.
Bundesweit erreichte die Zahl der Neuinfektionen mit 47000 Mitte November 2009 ebenfalls den Jahreshöchststand. Bis kurz vor Heiligabend hatte sich dann die Zahl der Neuinfektionen auf 4000 verringert. Insgesamt wurden in Deutschland seit April 2009 etwa 210000 Fälle registriert. Im Gegensatz zur normalen Grippe, die jährlich in Deutschland bis zu 10000 Tote fordert, sind bis Ende des vergangenen Jahres an dem neuen Virus 132 Bundesbürger gestorben. Trotz des Rückgangs bei den Infektionen rät das Robert-Koch-Institut (RKI), sich dennoch impfen zu lassen. Gesundheitsexperten des RKI fürchten eine zweite oder dritte Grippewelle, die Berlin in den verbleibenden Wintermonaten noch überrollen könnte.
Acht Euro pro Spritze
Derweil entbrennt auf politischer Ebene die Diskussion über die überzähligen Impfdosen. Jede Impfspritze kostet acht Euro. Bleiben die Dosen ungenutzt, könnten auf das Land Berlin Kosten in Höhe von bis zu 13 Millionen Euro zukommen. Denn nach bisherigen Planungen ist die Lieferung weiterer 1,4 Millionen Impfdosen vorgesehen. Ob es zu dieser Schwemme komme, hänge von der weiteren Entwicklung ab, so Regina Kneiding von der Senatsgesundheitsverwaltung.
Das Bundesgesundheitsministerium prüfe derzeit, ob der Impfstoff an außereuropäische Länder abgegeben werden könne. Außerdem versuchen die Bundesländer, weitere Lieferungen einzuschränken. Sie wollen nur noch die Hälfte der ursprünglich bestellten 50 Millionen Dosen abnehmen.
Marianne Rittner
Zum Thema Schweinegrippe hat der Fernsehsender tv.berlin einen Beitrag gesendet. Er ist unter www.tvb.de zu sehen. [mehr]
| Grippe-Virus und Pandemien |
| Der Schweinegrippe-Erreger ist ein Virus und gehört in die Gruppe A/H1N1. Die Bezeichnung leitet sich aus den beiden wichtigsten Eiweißbausteinen der Virushülle ab. Aus dieser Gruppe stammten auch die Erreger der spanischen Grippe, die 1918 bis 1920 weltweit etwa bis zu 50 Millionen Todesopfer forderte. Eine weitere Pandemie gab es 1957 bis 1958 durch die asiatische Grippe sowie 1968 bis 1970 bei der Hongkonggrippe. Glimpflich verlief die Vogelgrippe (1997), weil es zu keiner Übertragung von Mensch zu Mensch kam. Das ist bei der aktuellen Grippe anders. Sie ist hochinfektiös, jedoch in den meisten Fällen ohne schweren Verlauf. In England und Deutschland sind jedoch erste Mutationen aufgetaucht. Die Viren sind gegen das Mittel Tamiflu resistent. Was Experten am meisten fürchten, sind veränderte Viren, gegen die es keine Arzneimittel gibt und die aggressiv die Gesundheit der Menschen angreifen. Ein Weg, Mutationen einzuschränken, sind Impfungen. Je weniger Menschen infiziert sind, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit einer Veränderung der Viren. |
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