Weihnachtsshopping am 19. Dezember: Viele Geschäfte an der Friedrichstraße öffnen am letzten verkaufsoffenen Sonntag dieses Jahres. Foto: Augen-Blick
Weihnachtsshopping am 19. Dezember: Viele Geschäfte an der Friedrichstraße öffnen am letzten verkaufsoffenen Sonntag dieses Jahres. Foto: Augen-Blick

Berlin bleibt kundenfreundlich

Zehn verkaufsoffene Sonntage pro Jahr. Auch nach der Gesetzesänderung hat die Hauptstadt die liberalsten Ladenöffnungszeiten.

Berlin. Seit Ende Oktober ist das neue Berliner Ladenöffnungsgesetz in Kraft. Aber nicht alle Geschäftsleute sind zufrieden: Öffnungszeiten sowie Sonn- und Feiertagsregelung sorgen bei Kunden für Verwirrung.

Das Gesetz sieht maximal zehn verkaufsoffene Sonntage pro Jahr vor. Davon werden acht zu Großveranstaltungen wie etwa der Internationalen Grünen Woche von der Senatsverwaltung für Gesundheit festgelegt – inklusive zwei Adventssonntage. Zwei weitere Sonntage können Geschäfte bei Straßenfesten und ähnlichen Veranstaltungen im Bezirk beantragen. Die Sonntage dürfen nicht direkt aufeinanderfolgen. Ausnahmen: Jeden Sonntag haben zum Beispiel Bäcker, Tankstellen, Apotheken, Andenken- und Lebensmittelläden, Reisebedarf, Geschäfte mit Waren des täglichen Bedarfs sowie Dienstleister die Möglichkeit zu öffnen. Das gilt auch für Fern- und große Regionalbahnhöfe. Tabu sind an normalen Sonntagen auch auf den Bahnhöfen Mode- und Schuhverkauf. Nur beim Flughafen Tegel gibt es keine Einschränkungen.

Der Sonntag ist für Norbert Hainrich gelaufen. „Ich bin extra aus Rudow zum Hermannplatz gekommen, weil ich einen speziellen Akkuschrauber brauche. Aber der Baumarkt hat zu.“ Der Heimwerker ärgert sich, weil er keinen Überblick mehr über die verkaufsoffenen Sonntage hat. „Aber selbst, wenn ich mich vorher informiere, weiß ich nicht, ob das Geschäft auch auf hat“, grübelt er. Auch Veronika Frieser ist entnervt. Die junge Frau und ihr Mann Ingo aus Bonn stehen im Hauptbahnhof vor einer verschlossenen Boutique. Dabei hält sie den zerrissenen Ärmel ihres Mantels zusammen und starrt durch die Scheibe. „Ich bin beim Aussteigen irgendwo hängen geblieben“, erklärt sie ihr Malheur. Dass im Berliner Hauptbahnhof keine Boutique geöffnet ist, kann sie kaum glauben. Ihr Mann bleibt gelassen: „Sonntags sind eben die meisten Geschäfte zu.“

Die Ausgrenzung der Schuh- und Modewelt beim Sonntagsverkauf ist für die Werbegemeinschaft Hauptbahnhof ein Unding – besonders, weil auf dem Flughafen Tegel alles erlaubt ist. „Der Bahnhof ist einer der größten Verkehrsknotenpunkte Europas. Nun wird er im Ladenöffnungsgesetz im Namen der Gleichbehandlung mit Stationen wie Lichterfelde Ost auf eine Stufe gestellt“, ärgert sich Toni Brentrup von der Werbegemeinschaft. André Rückert, Centermanager der Neuköllner Gropius Passagen, plädiert beim Hauptbahnhof für offene Mode- und Schuhgeschäfte an allen Sonntagen.

Erlebnis Einkaufen


„Der Bahnhof repräsentiert Berlin. Viele Touristen kommen extra, um hier mal Sonntags-Shopping zu erleben“, weiß Rückert. Das Gesetz findet er zwar akzeptabel, aber „es hätte auch weiter gehen können“. Kleinlich sei das Verbot aufeinanderfolgender Sonntage. Aber nicht alle möglichen Sonntage werden in den Gropius Passagen auch genutzt. „Dafür haben wir jeden Sonnabend bis 23.30 Uhr Mitternachtsshopping“, sagt Rückert.

Tatsächlich werden Berlins liberale Ladenöffnungszeiten mit den verkaufsoffenen Sonn- und Feiertagen meistens von Ketten, Kaufhäusern und Einkaufszentren genutzt. „Die Sonntagsöffnung konzentriert sich fast nur auf die City“, glaubt Sigrid Kerrutt. Sie hat in Treptow an der Plesserstraße eine Boutique: „Hier lohnt es sich sonntags nicht.“

Etwa viermal pro Jahr veranstaltet Angelika Rottleb sonntags in ihrer Boutique an der Danziger Straße in Prenzlauer Berg „Kundenevents“. Ganz auf den Sonntagsumsatz verzichtet das Fachgeschäft für Fisch und Feinkost der Familie Rogacki an der Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg. Auch beim Kulturkaufhaus Dussmann an der Friedrichstraße in Mitte wird nicht an allen freigegebenen Sonntagen verkauft. „Wir wiegen vorher ab, ob es sich wirtschaftlich lohnt“, sagt Bianca Krömer, Pressesprecherin des Kulturkaufhauses. Montags bis sonnabends ist das Haus von 10 bis 24 Uhr offen. „Damit gehen wir auch speziell auf die Berlinbesucher ein“, so Krömer. Am 19. Dezember, dem zweiten verkaufsoffenen Adventssonntag dieses Jahres, sei natürlich geöffnet.

Die Adventssonntage lässt sich kaum einer der „Großen“ entgehen. „Mode, Lebensmittel, Parfümerie – diese Geschäfte haben bei uns auch geöffnet“, sagt Sören Sydow, Zentrumsmanager „Helle Mitte“ in Hellersdorf. In den Potsdamer Platz Arkaden in Mitte wird jeder mögliche Sonntag zum Verkauf genutzt. Das Ladenöffnungsgesetz hält Centermanager Marcus Eggers für einen guten Kompromiss, aber mehr ginge natürlich immer: „Hierher kommen viele Touristen, und bei internationalen Veranstaltungen wie etwa der Berlinale ist der Potsdamer Platz ein Publikumsmagnet.“ Da sei es wichtig, dass sich Berlin weltstädtisch zeige, auch mit den Geschäftszeiten. Bei der Lebensmittelkette Kaiser’s werden alle Sonntage berücksichtigt, wenn die Filialen günstige Standorte haben, und Rewe öffnet seine Filialen in den Centern, wenn die offen sind. Mit Kernöffnungszeiten zwischen 10 und 20 Uhr von Montag bis Sonnabend warten Friedrichstraße, Wilmersdorfer Straße und Kurfürstendamm/Tauentzien auf. Ob sich alle Geschäftsleute daran halten, bleibt jedem selbst überlassen, ebenso die Teilnahme am Sonntagsverkauf. Montags bis sonnabends rund um die Uhr Lebensmittel einkaufen geht ebenfalls: Dafür sorgen die Kette Reichelt an Standorten in Wilmersdorf und Lankwitz sowie ein Bio-Supermarkt in Prenzlauer Berg.

„Das maximal Denkbare“

„Die Berliner Öffnungszeiten sind das maximal Denkbare in Deutschland“, so Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg. Touristen wie Berliner seien gut bedient. Mit Blick auf den Flughafen Tegel, der 2012 schließt, betont er, dass Flughäfen schon immer eine andere Stellung als Bahnhöfe hatten. Im neuen Flughafen Schönefeld befinden sich die Läden dann zu 95 Prozent hinter der Kontrolle. „Damit fallen sie nicht mehr unter das Ladenöffnungsgesetz“, sagt Busch-Petersen. Die Industrie- und Handelskammer sieht das Gesetz als „Erfolg für die Shoppingmetropole Berlin“. Für die Gewerkschaft Ver.di bedeutet es den „Kampf mit Windmühlen“. „Der Einzelhandel hat schon eine Sechs-Tage-Woche und Wechselschichten“, so Susanne Feldkötter von Ver.di. Das Gesetz verbessere weder die Arbeitsbedingungen, noch berücksichtige es das Familienleben der Verkäuferinnen.

Gabi Zylla



Ladenschluss ist Sache der Bundesländer
Der Verkauf an Sonn- und Feiertagen ist im Berliner Ladenöffnungsgesetz vom 22. Oktober 2010 neu geregelt. Statt wie bisher an vier darf jetzt nur an zwei Adventssonntagen geöffnet werden. Grund für die Gesetzesänderung ist die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts 2009, dass eine Öffnung an allen vier Adventssonntagen verfassungswidrig ist. Die Beschwerde kam von der evangelischen und katholischen Kirche Berlin. Seit 2006 ist der Ladenschluss Ländersache, werktags gibt es seitdem nur Beschränkungen in Bayern (6-20 Uhr), Saarland (6-20 Uhr), Sachsen (6-22 Uhr) und Rheinland-Pfalz (6-22 Uhr). Sonntags darf in München nicht geöffnet werden. Aber wie an allen Flughäfen und großen Bahnhöfen Deutschlands wird dort auch in München sonntags Reisebedarf angeboten (Stadtpläne, Zeitungen, Lebensmittel, Schreibwaren, Fotobedarf, Blumen, Andenken). Weitere Ausnahmen: Apotheken, Bäcker, Blumenläden und Tankstellen. Zusätzliche verkaufsoffene Sonntage gibt es in Hamburg vier (kein Advent), in Kiel sieben in verschiedenen Ortsteilen (kein Advent), in Köln drei (ein Advent), in Frankfurt/Main vier (kein Advent), in Stuttgart 14 in verschiedenen Stadtteilen (kein Advent), in Lübeck vier (kein Advent), in Nürnberg vier (kein Advent) und in Dortmund elf in verschiedenen Stadtteilen (ein Advent).

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