


An 400 Stellen der Stadt wird täglich gebaggert, gebuddelt und gebaut. Der ADAC fordert ein Sanierungsprogramm für Hauptstraßen.
Berlin. Jedes Jahr in den Sommerferien wird in Berlin besonders viel repariert und saniert, weil es dann etwa 30 Prozent weniger Verkehr gibt. Nun hat die Schule wieder begonnen und die meisten Berliner sind aus dem Urlaub zurück – im täglichen Verkehrsstress. Die Fahrt durch die Stadt wird zum Hindernisparcours.
Mit Steinbrocken und Armiereisen erinnern die Betonpfeiler an der Spandauer-Damm-Brücke in Charlottenburg derzeit an überdimensionale Storchennester. Sie sind steinerne Zeugen der Bautätigkeit im vergangenen Monat, als eine Hälfte der Stadtring- und Bahn-Überführung abgerissen worden ist. In den kommenden vier Jahren müssen Kraftfahrer an der Mammutbaustelle Geduld mitbringen. Derzeit geht es nur einspurig und mit Tempo 30 über eine Brückenhälfte.
Viele Dauerärgernisse
Die zweite Großbaustelle Berlins befindet sich am Bahnhof Ostkreuz in Friedrichshain. Dort sind Autofahrer zu teils abenteuerlichen Umfahrungen gezwungen. An Baggern und Betonmischern vorbei, führt der Weg über mehrere kleinere Straßen – teils neu gebaut, teils mit sehr holprigem Kopfsteinpflaster – weiträumig um den Bahnhof herum. Die Hauptstraße in Rummelsburg ist bis Ende Oktober gesperrt.
Doch auch die Umleitung erweist sich als wenig durchlässig. Aufgrund der Ampelschaltung schaffen es pro Grünphase nur wenige Autos, die Kreuzung zu passieren. Die Folge: Besonders im Berufsverkehr bilden sich in Friedrichshain und Rummelsburg lange Schlangen.
Dauerärgernis ist auch die Kreuzung an der Neuen Nationalgalerie in Tiergarten. Viele kamen vor den Ferien zu spät zur Arbeit, weil am Schöneberger Ufer wochenlang die Linksabbiegerspur in Richtung Potsdamer Platz gesperrt war. „Besonders ärgerlich ist es, wenn viele Autos auf die Busspur ausweichen und sich dann vor der Kreuzung in die reguläre Fahrspur drängeln“, schimpft eine Golffahrerin aus Charlottenburg. Auf der gegenüberliegenden Seite, dem Reichpietschufer, ist ebenfalls oft kein Durchkommen. Eine Autofahrerin aus Spandau ist dem abendlichen Rückstau ausgeliefert, der teilweise bis zum Halleschen Tor reicht: „Ich brauche eine viertel Stunde länger, um nach Hause zu kommen.“
Während viele kleinere Baustellen zum Schulanfang fertiggestellt wurden, sprießen an anderen Ecken neue Absperrungen wie Pilze aus dem Boden. Viel Asphalt und Erde wird in Treptow-Köpenick bewegt. Bis Ende 2009 gibt es Behinderungen auf der Oberspreestraße wegen Leitungsarbeiten. Im Oktober wird es kurzfristig an der Rummelsburger Landstraße eng, die Wasserwerke sind dort zugange. Bis Ende 2010 dauert der Umbau der Wendenschloßstraße mit Brückenneubau. So lange kommt es auch rund um die Rudower Chaussee zu Engpässen. Die Straße ist wegen Sanierung der S-Bahn gesperrt. Der Ausbau des Glienicker Wegs wird sogar bis Herbst 2012 dauern. Auch hier gilt: Nerven behalten, wenn es nur im Schneckentempo vorangeht.
Lange Wartezeiten
Mehrere größere Baustellen führen in Pankow zu Behinderungen. Die jetzt begonnene Sanierung von Blankenburger, Pasewalker und Dietzgenstraße soll 2009 beendet werden. Von kommender Woche an sind Gleisbauarbeiten in der Bornholmer Straße und Schönhauser Allee geplant. Außerdem wird die Schönholzer Brücke saniert. Bis Ende des Jahres ist dort mit Behinderungen zu rechnen. In der Greifswalder, Danziger und Gürtelstraße sind ebenfalls bis Ende des Jahres Einschränkungen zu erwarten. Dort werden Radwege gebaut.
Ein weiterer neuralgischer Punkt in Friedrichshain ist das Frankfurter Tor. Der U-Bahnhof erhält einen Aufzug, bis Ende des Jahres erfolgen Gleisbauarbeiten der Straßenbahn. Die Folge: Längere Wartezeiten für diejenigen, die von der Warschauer Brücke kommen. „Mit dem Auto komme ich zu langsam voran. Deshalb habe ich es verkauft“, sagt ein Motorradfahrer, der sich mit seinem Zweirad (verbotenerweise) zwischen den wartenden Autos bis zur Ampel an der Frankfurter Allee hindurchschlängelt. Kein Einzelfall: Zwei Motorroller folgen ihm. Und bei Grün sind die drei längst über die Kreuzung geflitzt, ehe die Autokolonne überhaupt anfährt.
Zähfließender Verkehr auch weiterhin in Mitte: Während in der Behren- Ecke Glinkastraße die Wasserwerke neue Leitungen verlegen, werden die Breite, Rathaus- und Gertrauenstraße umgebaut. Dauer: bis Frühjahr 2009. „Ich kenne hier leider keine Schleichwege“, sagt ein wartender Volvofahrer genervt.
Täglich koordiniert Hans-Jörg Jaehne von der Verkehrslenkung Berlin 400 Baustellen. „Pro Jahr sind es allein im Hauptstraßennetz etwa 3500“, sagt der Referatsleiter für Ereignismanagement – zu deutsch: Baustellenkoordination. „Unser Ziel ist es, die Verkehrsbehinderungen so gering wie möglich zu halten.“ Deshalb erfolgen vor der Genehmigung von Bauarbeiten umfangreiche Sondierungen. Jaehne: „Bei einer fünfspurigen Fahrbahn wie in der Bismarckstraße in Charlottenburg prüfen wir, ob es schneller geht, wenn für einige Wochen der Verkehr auf zwei Spuren eingeengt wird, oder ob bei einer längerfristigen Baumaßnahme vier Spuren erhalten bleiben müssen, damit der Verkehr nicht zum Erliegen kommt.“
Jaehne versucht auch, Bauarbeiten auf Parallelstraßen zur gleichen Zeit zu vermeiden. „Manchmal lässt sich so etwas aber nicht verhindern, weil sonst beispielsweise das Geld für den geplanten Bau verloren geht.“ So begann in Reinickendorf die Sanierung der Bernauer Straße, obwohl gleichzeitig bis Mai dieses Jahres der Autobahntunnel Tegel gesperrt war.
Mit Erfolg verweist Jaehne darauf, dass in der Stadt sehr viele Baumaßnahmen in den großen Ferien erfolgen. „In dieser Zeit gibt es 30 Prozent weniger Verkehr.“ Weil weniger Autos unterwegs sind, kommt es in den Ferien zu weniger Staus.
Für Jörg Becker vom ADAC ist weniger die Koordination der Baustellen ein Problem als vielmehr die Anzahl der Baustellen. „Das Hauptstraßennetz ist marode und muss instand gesetzt werden.“ 50 Millionen Euro Reparaturetat im Jahr seien zu wenig (siehe Info-Kasten). Becker verweist auf die seit Jahren übliche Praxis, Löcher nur mit Asphalt auszugießen anstatt die Hauptstraßen gründlich zu überholen. „Wir fordern ein Hauptstraßensanierungsprogramm“, sagt Becker.
Arbeit in drei Schichten
Nach Berechnungen des ADAC nimmt Berlin jährlich 320 Millionen Euro an Kfz-Steuer ein. Becker: „Würde die Stadt davon jährlich 150 Millionen Euro in den Tiefbau investieren, wären in vier Jahren die Hauptstraßen saniert und damit die jährliche Baustellenflut eingedämmt.“ Becker hält es zudem für erforderlich, an neuralgischen Kreuzungen wie beispielsweise der Hardenbergstraße, über die viele Busse rollen, in drei Schichten Tag und Nacht zu arbeiten. Besonders Berufskraftfahrer wünschen sich generell einen zügigen Bauablauf.
Dagegen hätte Jaehne auch nichts. „Wo es geht, machen wir es.“ Jedoch gäbe es rund um den Bahnhof Zoo zu viele Hotels. Wegen des Lärmschutzes sei es an vielen Stellen in der Stadt nicht möglich, nachts zu arbeiten. „Am Spandauer Damm würde es nicht stören, wenn Tag und Nacht gebaut wird“, sagt dagegen der Taxifahrer und Innungsvorsitzende Bernd Dörendahl. Sein Kollege Detlev Freutel vom Taxi-Verband sieht es ähnlich und verweist auf eine anderes Nadelöhr: „Bei einigen Baustellen sind wir sogar froh, dass die Verkehrsführung erneuert wird, wie beispielsweise am Alexanderplatz.“
Marianne Rittner
| Mehr Geld für Sanierung gefordert |
| Etwa 50 Millionen Euro pro Jahr gibt die Senatsverkehrsverwaltung für die Reparatur und Erneuerung von Straßen und Brücken aus. Durchschnittlich weitere 30 Millionen Euro kommen aus den Bezirksetats. Bis 2007 gab es zudem ein Sonderprogramm zur Reparatur von Straßen und Gehwegen der Bezirke in Höhe von sieben Millionen Euro. „Viel zu wenig“, meint nicht nur Jörg Becker von ADAC. Auch der Landesrechnungshof hatte vor ein paar Jahren kritisiert, es fließe nicht genügend Geld für den Erhalt der Straßen. Langfristig entstünden dem Land Berlin Schäden in Millionenhöhe. Denn durch mangelnde Instandhaltung seien später wesentlich teurere Neubauten erforderlich. Aktuelle Informationen zu Baustellen gibt die Verkehrsmanagementzentrale im Internet unter www.vmzberlin.de. |