


Überall in der Stadt feiern Fußballfans gemeinsam. Gleichzeitig wird heftig über den Lärm der Vuvuzelas debattiert.
Berlin. Noch hält sich die ganz große Euphorie für den Fifa-Cup in Grenzen. Doch wenn die deutsche Mannschaft spielt, ist die Stimmung prächtig. Eine Reise in fünf Etappen durch die Berliner WM-Begeisterung.
1 Die Kamerateams sind schon da, die Übertragungswagen, die Scheinwerfer, die Sattelitenschüsseln. Die ganze schwere Phalanx, die die Sender aufzubieten haben. ARD, ZDF, RTL, die Nachrichtenkanäle – sie alle brauchen jetzt nur eines: die richtigen Bilder, Bilder vom Jubel, von Schwarz-Rot-Gold, Bilder, die an das „Sommermärchen“ von 2006 erinnern. Doch auf der Fanmeile auf dem Platz vor dem Olympiastadion verlieren sich die paar Hundert Besucher. Noch eine halbe Stunde bis zum Anpfiff dieser Fußballweltmeisterschaft.
Die Fernsehreporter beginnen, sich die wenigen Fußballbegeisterten, die sich mit deutschen Fahnen, mit Perücken, Hüten, Girlanden in den Nationalfarben geschmückt haben, gegenseitig abzuwerben. Ein Fotograf animiert eine junge afrikanische Schönheit dazu, sich begeistert zu zeigen. Es ist zu dieser Stunde für die Kollegen eine harte Arbeit. Auch wir wollen das große Ereignis groß beginnen. Auf dem offiziellen „Fifa Fan Fest“, wo sonst. Überwältigend hier draußen ist aber weniger die Stimmung als die Präsenz der Sponsoren. Wohin man auch schaut, der Blick fällt auf große Reklametafeln, auf die Stände der beteiligten Konzerne. Auf der Showbühne, auf den riesigen Bildschirmen: Werbedurchsagen am laufenden Band. Alles globale Strategie, alles perfekt – und ziemlich erdrückend.
Dann endlich: das Live-Bild aus Südafrika, Gastgeber Südafrika gegen Mexiko. Und zum ersten Mal hören wir dieses Surren. Wie das Nahen eines gigantischen Hornissenschwarms. Ein Voodoo-Sound, laut und fremd, um die Freunde zu bezaubern und die Gegner zu verhexen. Der Wahnsinn. In den Tagen darauf wird man uns über die Vuvuzelas viel erzählen. Man wird uns sagen, dass sie nerven. Ein Psychologe wird sich empört zeigen, auf diese Art belästigt zu werden. Ja, Afrika soll schön bunt sein, aber nicht zu laut für unsere empfindlichen europäischen Ohren.
Spielpause. Ein junger Maschinenbaustudent aus Ghana sagt uns breit lächelnd, wie stolz er sei, dass die WM in Afrika stattfindet. Aber Ghana und Südafrika, das seien doch zwei Welten. Der Mann aus Ghana aber lässt sich nicht beirren. „Nein, nein, jetzt sind wir alle Afrikaner.“ Da ist sie dann doch, die Emphase, das Glück, pur und rein, unbefleckt von allen PR-Maschinerien dieser Welt. Wir freuen uns mit ihm. Wir freuen uns mit Afrika, diesem geschundenen, sich manchmal selbst zerfleischenden Kontinent. Von „bewegenden Bildern“ spricht der Fernsehkommentator bei der Übertragung aus dem Soccer-City-Stadium in Johannesburg. Afrika jubelt. Vergisst es seine Sorgen für ein paar Wochen? Und danach? Auch solche Gedanken gehen uns nun durch den Kopf.
2 Wieder Fanmeile. Zum ersten deutschen Spiel sind nun einige Tausend gekommen. Viel freier Raum bleibt dennoch. Ein Fahnenmeer, kompakt, massiv. Der Moderator auf der Bühne demonstriert dem Publikum, wie er „die Deutschen“ und „die Australier“ nach dem Spiel gehen sehen möchte: die einen aufrecht und mit vor Stolz geschwellter Brust, die anderen geduckt. Etwas peinlich ist auch peinlich. Wir fragen uns, ob ein solches Aufgebot an Schwarz-Rot-Gelb vielleicht doch eine unselige Wirkung hat? Von den eifrigsten Fans ist da keine Antwort zu bekommen. Sie sind im Rausch. Zwei deutsche Tore vor der Pause. Um passende Bilder braucht sich jetzt kein Kamerateam mehr zu sorgen.
3 Zweite Halbzeit des Spiels Deutschland – Australien, wir fahren vom Olympiastadion in Richtung Mitte. Eine Tour durch leere Straßen, vorbei an leeren Tankstellen, leeren Bushaltestellen. Zwei Autos auf dem Großen Stern. Berlin gleicht einer Geisterstadt. Als wir ein Stück zu Fuß unterwegs sind, schauen wir verlegen zur Seite, als uns ein anderer Passant entgegenkommt: Es ist uns irgendwie peinlich, jetzt nicht vor dem Fernseher zu sitzen. Wir fühlen uns in diesem Augenblick als Außenseiter.
4 Die zweite Halbzeit läuft, wir erreichen „Tante Käthe“. Keine – doch: drei! – Fahnen. Die zum „WM-Club“ umfunktionierten Schuppen auf dem Brachgelände zwischen Prenzlauer Berg und Wedding sind brechend voll. Keine Fifa-Aufsicht, kein Sponsoren-Aufmarsch, stattdessen viel Platz für Begeisterung.
Zwischen den primitiv gemauerten Wänden hat sich eine Szene eingefunden, die mit dem amtlichen Fifa-Fest wenig anzufangen weiß. „Die Fanmeile“, sagt Paul (27), eine Flasche Bier in der Hand, „ist nicht mein Ding.“ Auch bei „Käthe“ wird gejubelt, zweimal noch bis zum Abpfiff, aber anders, freundlicher, freier, ironischer. Hier trifft sich die iTunes-Generation. Hier erleben wir die neue Lässigkeit im Umgang mit der nicht unbedingt zwanglosen Welt des Profifußballs. Der Unterton dieser Begeisterung sagt: Ein schöner Abend, ein schöner Sieg, aber wäre es anders gekommen, wäre es auch kein Drama gewesen.
5 Kurfürstendamm, kurz vor Mitternacht. Auf die leeren Straßen der Stadt ist das Leben wieder zurückgekehrt, mit aller Macht. Ein Autokorso legt den Verkehr auf dem Boulevard fast lahm. Fahnen, Gejohle, Gehupe. Sehr viele Türken unter den Feiernden, wie schon zu früheren Welt- und Europameisterschaften. Fröhliches Multikulti – für einige Stunden. Auf der Kreuzung Joachimstaler Straße ist kein Weiterkommen mehr. Rasender Stillstand. Deutschland im Sommer 2010, ein Sommermärchen? Wir wissen es nicht. Wir warten ab.
Kai Ritzmann
| Public Viewing in Berlin |
| Ab 23. Juni findet auf der Straße des 17. Juni zwischen Yitzhak-Rabin-Straße und Großem Stern das „Fifa Fan Fest“ statt. Auf der größten Fanmeile Deutschlands wird an der Hauptbühne vor der Siegessäule eine 80 Quadratmeter große Leinwand installiert. Auf dieser werden bis zum Finale am 11. Juli alle Spiele übertragen. Wer es etwas intimer mag, kann zum Beispiel den „WM-Club“ bei „Tante Käthe“ (Bernauer Straße 63, am nördlichen Ende des Mauerparks), das Haus der Kulturen der Welt (John-Foster-Dulles-Allee 10), den Innenhof der Kulturbrauerei (Schönhauser Allee 36) besuchen – oder einfach die Kneipe nebenan. |
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