UDie Bundesanstalt für Materialprüfung (BAM) testet auf ihrem Versuchsgelände in Horstwalde Feuerwerkskörper. Foto: BAM
Die Bundesanstalt für Materialprüfung (BAM) testet auf ihrem Versuchsgelände in Horstwalde Feuerwerkskörper. Foto: BAM
Die Diplom-Ingenieurinnen Heidrun Fink (links) und Gabriele Robbert bereiten einen Test auf der Sprengplatte vor. Foto: BAM
Die Diplom-Ingenieurinnen Heidrun Fink (links) und Gabriele Robbert bereiten einen Test auf der Sprengplatte vor. Foto: BAM

Berlin lässt es krachen

Artikel vom 27. Dezember 2011

Das Feuerwerk ist der Höhepunkt der Silvesternacht: Doch Vorsicht vor nicht zugelassenen Böllern und Raketen!

Berlin. Für viele Berliner ist Feuerwerk Ausdruck purer Lebensfreude. Andere wiederum kritisieren an der Knallerei, dass es sich um Geldverschwendung handele, die außerdem der Umwelt schade und sowohl für Tiere als auch für Menschen eine große Belastung darstelle. Stattliche 110 Millionen Euro werden bundesweit zum Jahreswechsel verknallt, schätzt der Bundesverband Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk.

Ein Zischen, ein Plopp, am Himmel ergießen sich Farbkaskaden. Zu Silvester verwandeln die Raketen den Himmel über Berlin in ein glitzerndes und funkelndes Farbenmeer. Mit Knallern, Böllern und Kanonenschlägen, mit Heulern, Fröschen und bengalischem Licht wird das neue Jahr begrüßt. Doch bevor Boden- und Höhenfeuerwerk zum „Feierwerk“ werden, ist es ein weiter Weg.

Ein heißes Geschäft

Pyrotechnik ist ein heißes Geschäft. Alljährlich kommen neue Kreationen in den deutschen Handel, die – zumeist in Fernost gefertigt – nur nach Prüfung und Zulassung durch die Bundesanstalt für Materialprüfung (BAM) in Lichterfelde auf den deutschen Markt gebracht werden dürfen. Horstwalde bei Baruth, rund 50 Kilometer südlich von Berlin. Dort liegt das zwölf Quadratkilometer große „Testgelände Technische Sicherheit“ der BAM.

Hochsommer. Heidrun Fink und Gabriele Robbert in orangefarbenen T-Shirts und Blaumann zünden auf der kreisrunden Betonplatte des Sprengplatzes eine Feuerwerksbatterie. Die Stoppuhr läuft. Drei bis acht Sekunden beträgt die vorgeschriebene Dauer zwischen Zündung und Detonation der Treibladung. Der Schallpegel darf nicht über 120 Dezibel in acht Metern Abstand liegen. Dann steigt das getestete Feuerwerk in die Höhe. Der Winkel wird gemessen. Bis 15 Grad Abweichung von 90 Grad sind zulässig. Es dürfen in einem Radius von acht Metern keine brennenden Teile herabfallen. Nach der Detonation in der Höhe muss der Artikel komplett durchreagieren und am Ende völlig erloschen sein. Die beiden Diplom-Ingenieurinnen dokumentieren jeden Versuch mit allen Messwerten.

„Wir haben pro Jahr 300 bis 400 Anträge auf Neuzulassung von Feuerwerksartikeln. Wir testen das ganze Jahr hindurch“, sagt Ulrike Rockland von der BAM. Bevor die neuen Produkte dem Praxistest unterzogen werden, wurden sie 48 Stunden in der Wärmekammer bei 75 Grad und auf einem Rütteltisch getestet. „Das simuliert die möglichen Transportbedingungen aus Fernost nach Europa“, erklärt die BAM-Sprecherin. Dann werden die Artikel zerlegt und die Bestandteile analysiert. Wird eines der Prüfkriterien nicht erfüllt, gibt es keine Zulassung für den deutschen Markt.

Beim Einkauf sollte man auf die BAM-Zulassung genau achten. Zwar muss Feuerwerk in allen EU-Ländern zugelassen werden, jedoch gelten jeweils eigene Bestimmungen. So sind in einigen Ländern wie beispielsweise Polen sogenannte Blitzknallsätze (Aluminiumchlorat-Mischungen) erlaubt, die in Deutschland verboten sind. „Die können unkalkulierbar stark detonieren“, sagt Ulrike Rockland. Die BAM hatte Tests mit derartigen Knallern gemacht, deren Sprengkraft wesentlich höher sei als die in Deutschland geltenden Grenzwerte. „Wir hatten dabei eine künstliche Hand eingesetzt, in der der Böller explodierte. Im wirklichen Leben wäre die Hand weg gewesen.“

Feinstaub durch Knaller

Wie stark die Umwelt in Deutschland durch das Silvesterfeuerwerk belastet wird, zeigen die Messwerte der Umweltstationen. BAM-Sprecherin Ulrike Rockland: „Regelmäßig werden nach der Silvesternacht für zwei Tage die zulässigen Feinstaubwerte in der Luft überschritten. Und das bundesweit, das ist einzigartig.“

Der Verkauf von Pyrotechnik ist hierzulande streng geregelt. „Wir überwachen das Feuerwerksverbot an den Tagen vor Silvester und sonst nur noch das Verkaufsverbot von Feuerwerkskörpern der Klasse II an Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren“, sagt Elke Grassert vom Ordnungsamt Spandau. Da seit Herbst 2010 die zulässige Lagermenge in den Geschäften erhöht worden ist, gebe es dort keinen Kontrollbedarf. „Unsere Mitarbeiter sind den ganzen Tag unterwegs. Sehen sie Kinder oder Jugendliche mit den typischen Tüten, werden sie angesprochen und kontrolliert“, sagt Elke Grassert weiter. Sollte „Erwachsenen-Feuerwerk“ gefunden werden, gehe man mit den jungen Käufern zum Händler und konfrontiere ihn mit den Aussagen. Grassert: „Außer einem Bußgeld kann es so weit gehen, dass dem Händler die Verkaufserlaubnis entzogen wird.“

Der Tierschutzbeauftragte des Berliner Senats mahnt zur Rücksichtnahme auf Haustiere und die heimische Tierwelt, die instinktiv verschreckt auf die Knallerei reagieren. „Haustiere sollten Silvester sorgsam betreut werden. Es kommt leider immer wieder vor, dass sie verschreckt weglaufen und verängstigt nicht mehr nach Hause finden“, sagt Klaus Lüdcke. Der Veterinär appelliert insbesondere an Jugendliche, nicht schon vor dem Jahreswechsel zu knallen.

„Der Trend geht auch in diesem Jahr hin zu immer größeren Verbundfeuerwerken, die nacheinander verschiedene Lichteffekte am Himmel zeigen“, sagt Marco Finessie von der Firma Pyro-Partner in Marienfelde, die bundesweit zu den Marktführern gehört. Mehr Effekte, weniger Böller – das sei schon seit Jahren der Publikumsgeschmack.

Effekte liegen im Trend

„Immer mehr Kunden geben mehr Geld für große Batterien aus und verzichten dafür auf andere Feuerwerksarten. Qualität statt Vielfalt ist gefragt. Wobei zusätzlich gilt: Je jünger der Kunde, desto größer sei der Anteil von Knall-Artikeln. Je älter der Käufer, desto größer sei der Anteil an Effekten. Und auch bei Männern und Frauen hat der Vertriebsmann Unterschiede festgestellt. Frauen bevorzugten Effekte und auch Kinderfeuerwerk, das ab zwölf Jahren gekauft werden darf. Heuler wie „Wilde Hummel“ und „Tolle Biene“ dürfen den Boden nicht verlassen. Marco Finessie: „Überspitzt könnte man sagen: ,Mutti knallt am liebsten mit den Kindern.‘“ Während die Männer „schweres Geschütz“ bevorzugten. Die meisten Kunden hat Pyro-Partner, der auch professionelles Großfeuerwerk vertreibt, in der Altersgruppe der 18- bis 45-Jährigen. Die Firma lässt, wie alle anderen Hersteller auch, in China fertigen.

Matthias Berner

 

Feiern ohne Böller

Mehrheit der Leser kann auf die Silvesterknallerei verzichten.

Berlin. Mehr als 100 Millionen Euro haben sich wieder zu Silvester in Luft aufgelöst. Doch der Anteil der Berliner, die ihr Geld nicht für Böller ausgeben wollen, steigt.

Von unseren Lesern können sich immerhin 86 Prozent vorstellen, auf Feuerwerk zu verzichten. Vor allem stehen ältere Menschen und Besitzer von Tieren dem Feuerwerk kritisch gegenüber. Zwischen Wunsch und Wirklichkeit klafft aber eine große Lücke. Der Berlin-Brandenburgische Handelsverband registrierte keine Zurückhaltung beim Kauf von Feuerwerk. „Im Vergleich zum Vorjahr war das Angebot sogar größer und die Käufer gaben mehr Geld aus“, so der Vizegeschäftsführer Günter Päts.

Feuerwerk geht aber auch anders: Im Appstore von Apple bot das evangelische Hilfswerk „Brot für die Welt“ ein virtuelles Feuerwerk an. Seit nunmehr 30 Jahren sammelt die Hilfsorganisation jährlich unter dem Motto „Brot statt Böller“ Spenden für ihren Kampf gegen den Hunger in der Welt. Ganz zeitgemäß können Mäzene auch per SMS Gutes tun. Rainer Lang, Sprecher der Hilfsorganisation: „Die Resonanz nimmt beständig zu.“


Sicherer Umgang
Für Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst ist die Silvesternacht die „heißeste“ Nacht des Jahres. Allein bei der Polizei gingen zum vergangenen Jahreswechsel knapp 4000 Notrufe ein. Von 18 Uhr in der Silvesternacht bis 7 Uhr am Neujahrsmorgen ist das Abbrennen von Feuerwerkskörpern gestattet. Die Feuerwehr gibt Tipps für einen sicheren Umgang mit Böllern und Raketen:
- Nur Feuerwerk mit Zulassung der BAM verwenden. Schwarzmarkt- oder ausländische Ware kann unkontrolliert heftig explodieren.
- Mit klarem Kopf die Gebrauchsanleitung lesen.
- Beim Umgang mit Feuerwerk nie den gesamten Vorrat an einer Stelle bereithalten. Feuerzeuge und Streichhölzer separat aufbewahren.
- Zur Silvesternacht Fenster und Balkontüren schließen.
- Tischfeuerwerk auf feuerfester Unterlage abbrennen.
- Feuerwerk der Klasse II (ab 18 Jahre) nur im Freien abbrennen. Raketen senkrecht von sicherer Rampe starten (Tipp: leere Flaschen in einer Getränkekiste). Auf freie Flugbahn achten.
- Angezündete, nicht explodierte Pyrotechnik ist unberechenbar. Liegen lassen!
- Raketen und Böller nie gegen Menschen oder Tiere richten.
- Für Notfälle einen Eimer Wasser oder eine Blumenspritze bereithalten.
- Geschosse aus Schreckschuss- oder Signalpistolen sind nicht zugelassen!
Weitere Informationen gibt es im Internet unter www. berliner-feuerwehr.de.

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