

So hat sich die Hauptstadt vorbereitet, um mit Schnee und Glätte fertig zu werden.
Berlin. Die Enteisungsmannschaften auf dem Flughafen Schönefeld treten bereits bei Raureif in Aktion, die Stadtreinigung weiß schon heute, dass alles gut wird. Und ob sich die neuesten Regelungen zum Winterdienst bewähren werden, bleibt abzuwarten.
Manchmal geht es nur mit Handauflegen. Wenn der frostige Atem des Winters noch nicht mit voller Stärke weht, dann besteht die größte Gefahr, etwas zu übersehen, dann kann sich auf den Tragflächen der Maschinen das gefürchtete Klareis bilden. Es ist praktisch unsichtbar, einige Zentimeter dick und hochgefährlich. Es beeinflusst die aerodynamischen Eigenschaften eines Flugzeugs auf dramatische Weise. Und oft ist dieser bösartige Feind eben nur durch ein feinfühliges Streicheln über die sensiblen Flugzeugteile zu entdecken. Da helfen nur Steffen Schindler und seine Männer mit ihrer Routine.
Sie nennen sich „Eisbären“
Schindler ist in Schönefeld Stationsleiter vom Dienst beim Serviceunternehmen Globe Ground Berlin. In der kalten Jahreszeit sind 35 gut ausgebildete Mitarbeiter damit beschäftigt, das Fluggerät startklar zu machen. Dazu stehen ihnen fünf Enteisungswagen zur Verfügung, jeder knapp eine Million Euro teuer. „Wir sind“, sagt Schindler, „gut aufgestellt.“ Der 49-Jährige kennt noch die alten Zeiten, als er die Tragflächen mit breitem Besen vom Schnee befreien musste. Lange vorbei. Heute gehen die „Eisbären“, wie sie sich stolz nennen, mit einem Gemisch aus 60 Grad warmem Wasser, Glykol und Verdickungsmittel gegen Schnee, Matsch und Eis vor. Doch auch schon Raureif auf den Flügeln setzt sie in Aktion. Mit einem Druck von 25 Bar werden zehn Liter in der Sekunde auf Leitwerk, Tragflächen und die Ruder gesprüht. Ein eindrucksvolles, bei großer Kälte von viel Wasserdampf begleitetes Schauspiel.
Doppelte Kosten
Es geht auch ein paar Nummern kleiner, doch gerade vor der eigenen oder des Nachbarn Haustür könnte auch in diesem Winter wieder Unbill lauern. Bereits im vergangenen Jahr hatte das novellierte Straßenreinigungsgesetz für Unmut gesorgt. Die neuen Paragrafen waren eine Reaktion auf den ungemütlichen Winter 2009/2010, als sich auf vielen Gehwegen Eisschichten gebildet hatten, die tage- und teilweise wochenlang nicht beseitigt wurden. Als Konsequenz rückte der Senat von der seit Jahrzehnten in Westberlin gewohnten Übung ab, die Verantwortung für das Räumen an die beauftragte Firma delegieren zu können. Nun wurden die Hauseigentümer direkt haftbar gemacht. Der gültige Text schreibt den Eigentümern vor, „die ordnungsgemäße Durchführung des Winterdienstes durch beauftragte Schneeräumfirmen zu kontrollieren“.
Senat will sich nicht länger auf der Nase herumtanzen lassen
Schon damals ins Gesetz geschrieben und am 1. November noch einmal bekräftigt wurde die Vorschrift, auf den Hauptverkehrsstraßen und den meisten Geschäftsstraßen die Gehwege auf einer Breite von 1,50 Metern zu räumen, und zwar so, dass auch „Eisbildungen, denen nicht ausreichend durch Streuen entgegengewirkt werden kann“, beseitigt werden. Der Senat will sich nicht länger auf der Nase herumtanzen lassen und dafür noch öffentlich Kritik kassieren.
Dass er damit übers Ziel hinausgeschossen ist, wirft ihm nun der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) vor. Die Verschärfung der Vorschriften sei „ohne Not“ geschehen, kritisiert Verbandssprecher David Eberhart. Die alten Regeln hätten sich bewährt, die neuen seien nichts anderes als ein „Herumdoktern an Symptomen“, was aber im vergangenen Jahr zu einer Verdoppelung der Schneebeseitigungskosten geführt habe. In diesem Winter sei mit einer weiteren Kostensteigerung um 30 Prozent zu rechnen. Sorgen macht dem BBU auch die Pflicht, an den Hauseingängen Hinweisschilder mit den Kontaktdaten des mit dem Winterdienst Beauftragten anzubringen. Dies sei eher eine Einladung zum „Spitzeln“ als von wirklichem Nutzen.
Klüger, als neue Gesetze zu verabschieden, sei es, für eine wirkungsvollere Umsetzung sowie Kontrolle des hergebrachten Reglements zu sorgen. Um der veränderten Praxis dennoch gerecht zu werden, schlägt der BBU einen „runden Tisch“ vor, der bei schwerem Wintereinbruch rasch zusammentreten sollte. An ihm könnten akute Probleme zur Sprache kommen. Gut wäre im Extremfall auch der Einsatz von Salz durch private Räumdienste, den die Senatsverwaltung bisher strikt abgelehnt hat. Es gibt jedoch Zeichen für eine Abkehr von dieser Haltung unter der künftigen rot-schwarzen Koalition.
Volle Auftragsbücher
Wo es vermeintliche Verlierer gibt, gibt es auch Gewinner. „Gut gewappnet“ zeigt sich der Berliner Verband gewerblicher Schneeräumbetriebe. Die Auftragsbücher der großen Berliner Dienste sind bis zur letzten Seite voll, die Firmen seien „ausgebucht bis zum Geht-nicht-mehr“, erklärt Verbandsvorsitzende Katja Heers, obwohl heute aufgrund der erhöhten Anforderungen überhaupt nur noch die Hälfte der Kunden bedient werden könne. „Wir wollen das, was vertraglich neu vereinbart wurde, ordentlich machen“, gibt Heers die Linie vor. Der momentan herrschende Nachfragedruck „belebt das Geschäft“, freut sich die Vorsitzende. Keine Frage: Das Schneeräumgeschäft boomt.
Darf Berlin also dem Winter gelassen entgegensehen? Schwer zu sagen. Die S-Bahn immerhin, die in den beiden vergangenen Wintern infolge massiver Verspätungen und Ausfälle einen nachhaltigen Vertrauensverlust hat hinnehmen müssen, investiert 20 Millionen Euro, um die erkannten Mängel an der Fahrzeugtechnik zu beheben. Die Schwerpunkte bei der Umrüstung liegen bei der Antriebstechnik und den Besandungsanlagen der Züge. Die getroffenen Maßnahmen stellten den „besten Kompromiss“ dar: Das klingt nach vorsichtigem Optimismus, aber irgendwie auch danach, dass noch ziemlich viel schiefgehen kann.
Bis zur letzten Flocke alles im Griff
Und wie sind die Berliner Oberkehrer aufgestellt? Erst dieser Tage will sich die BSR dazu im Detail äußern, vorab aber gibt man schon mal zu erkennen, dass man von der ersten bis zur letzten Flocke alles im Griff haben werde. Bereits in der vergangenen Wintersaison habe die orange Truppe die erweiterten Anforderungen – etwa die Räumung der Haltestellen und besonders belebter Plätze – ohne größere Beanstandungen erfüllt. Viele Berliner waren da zwar anderer Meinung, aber nach dem Winter ist vor dem Winter, und die BSR ist gewiss lernfähig.
Von den sturmerprobten „Eisbären“, die auf den Flughäfen Schönefeld und Tegel tätig sind, postiert sich bei Eis und Schnee nach jeder Landung einer genau dort, wo das Flugzeug seine Parkposition erreicht. An der Schnauze der Maschine steckt er ein Kabel ein, um mit dem Piloten die Enteisungsmaßnahmen zu besprechen. Dieser Kollege, so wird erzählt, könne auch drei Paar Socken tragen, er habe immer kalte Füße. Für ihn wird auch dieser Winter wieder ziemlich unerfreulich.
Kai Ritzmann

BSR gibt sich optimistisch. Leser sind eher skeptisch.
Berlin. Die große Mehrheit unserer Leser rechnet auch künftig mit erheblichen Behinderungen durch Schnee und Eis auf Gehwegen und Straßen.
Auf die Frage „Erwarten Sie in Berlin wieder ein Winterchaos?“ antworteten 89 Prozent mit Ja. Die Berliner Stadtreinigung (BSR) fühlt sich gleichwohl gut gerüstet. „Was unseren Zuständigkeitsbereich angeht, wird es kein Chaos geben“, sagt BSR-Pressesprecherin Sabine Thümler. Durch den Einsatz zusätzlicher Fahrzeuge und Mitarbeiter seien bereits im vergangenen Winter Straßen deutlich besser geräumt worden als 2009/2010. Zudem ist in der Pankower Kniprodestraße eine neue Salzhalle gebaut worden.
„Wir werden auch künftig dafür Sorge tragen, dass die Straßen geräumt sind und der Öffentliche Personennahverkehr nicht zum Erliegen kommt “, so Sabine Thümler. Während die BSR ihre Hausaufgaben gemacht habe, sei es nun an den privaten Haus- und Grundstückseigentümern die Neuregelungen im Straßenreinigungsgesetz umzusetzen. Wenn der Winterdienst auf Gehwegen funktioniere, könne auch von einem Winterchaos keine Rede mehr sein.
| Regelungen zum Winterdienst |
| Das Straßenreinigungsgesetz schreibt einen Winterdienst vor, der auf Gehwegen „die Schneeräumung, das Abstreuen von Winter- und Eisglätte sowie die Beseitigung von Eisbildung“ umfasst. Unter Eisglätte wird durch Eisregen oder überfrierende Nässe gebildetes Glatteis verstanden, aber auch eine Eisschicht, die „insbesondere wegen nicht rechtzeitiger Schneeräumung durch festgefahrenen oder -getretenen Schnee“ entstanden ist. In den Straßen der Reinigungsklasse 1 und 2 müssen die Gehwege auf einer Breite von 1,5 Metern von Schnee und Eis befreit werden, für Kurfürstendamm, Tauentzien-, Ebert-, Scheidemannstraße, Unter den Linden und Schlossplatz gilt eine Breite von drei Metern. |