Stadtführer Reinhard Bahlow führt eine Reisegruppe rund ums Kottbusser Tor in Kreuzberg. Beschönigt wird beim Spaziergang durch den Kiez nichts. Foto: Augen-Blick
Stadtführer Reinhard Bahlow führt eine Reisegruppe rund ums Kottbusser Tor in Kreuzberg. Beschönigt wird beim Spaziergang durch den Kiez nichts. Foto: Augen-Blick

Berlin zeigt alles

Hausbesuch bei schrägen Berlinern oder Kiezrundgang: Stadtführer bringen Touristen und Einheimische an die ungewöhnlichsten Orte.

Berlin. Nirgends sonst wird ein so breites und facettenreiches Spektrum von Stadterkundungen geboten wie in Berlin. Besonders ganz spezielle Rundgänge und -fahrten haben regen Zulauf.

Es ist die schlichte Wohnungstür eines schmucklosen Nachkriegshauses unweit des Savignyplatzes in Charlottenburg, die sich vor den elf Frauen und Männern aus Amerika öffnet, doch hinter ihr wartet auf sie eine andere Welt. Die Gruppe zwängt sich durch den schmalen Flur und nimmt im Wohnzimmer Aufstellung inmitten von Tigerfellen, Tiger-Porzellan-Figuren, Tigersofa, flankiert von einem indischen Sonnenschirm und 50er-Jahre-Tinnef. Vor allem aber wird die Gruppe konfrontiert mit Monika, die sich als „Soul woman“ vorstellt, um den Kopf ein rotes Tuch gewickelt, am Leib ein mit Strass besetztes Totenkopf-T-Shirt trägt. Es ist alles ein wenig bizarr, und die eher puritanisch aufgewachsenen Amerikaner blicken etwas verstört zu Boden. Doch es ist genau das, wofür sie viel Geld bezahlt haben. Sie sind sozusagen Touristen erster Klasse. Sie haben bei den „Berlinagenten“ gebucht, einem kleinen Unternehmen, das sich auf ganz spezielle Stadtexpeditionen verlegt hat. Sie wollen nicht mit einer Masse anderer „Touris“ durchs Brandenburger Tor gescheucht werden, nicht brav über den Reichstag staunen, nicht in einem Bus über die Linden gekarrt werden. Sie wollen es exklusiv, originell, unvergesslich.

Verrücktes Berlin

Sie haben tausende Kilometer zurückgelegt, in ihren Köpfen die Vorstellung von diesem verrückten Berlin. Nun lauschen sie, wie sich Monika daran erinnert, wie ihr David Bowie einst in den Hintern gekniffen und dass damals jeder mit jedem geschlafen habe. Es ist das schräge, alte Westberlin, das da wie aus dem Nichts aufblitzt. Monikas Gäste lauschen fasziniert. Ihr Entzücken kennt kaum Grenzen, als sie sogar in Monikas Schlafzimmer geleitet werden. Und sie wissen, dass sie als Reisende mit knapp bemessener Zeit wohl nirgends tiefere Einblicke ins Stadtleben serviert bekommen hätten.

Das Geschäft mit derlei touristischen Nischenprodukten läuft ausgezeichnet. Berlin ist die Hauptstadt der Stadterkundungen, nirgends sonst ist die Auswahl und Bandbreite so groß. Es gibt kaum einen Aspekt aus Vergangenheit und Gegenwart der Stadt, der nicht von einer Führung aufgegriffen wird. Henrik Tidefjärd, Geschäftsführer der „Berlinagenten“ (Tel. 43 72 07 01) und Guide in einer Person, kann selbst in Folge der Wirtschaftskrise keinen geschäftlichen Einbruch erkennen, im Gegenteil: die „Urban Inside Tour“, aber auch seine Erlebnistour durch Berlins Restaurants („Gastro-Rallye“) erfreuen sich großer Nachfrage. Die einen lassen sich in Monikas exotisches Berlin der Subkulturen entführen, andere vertiefen sich für ein paar Stunden unter fachkundiger Leitung in einen spannenden Kiez, die Gegend zwischen Kottbusser Tor und Landwehrkanal zum Beispiel.

Unter den Teilnehmern einer Tour von „Stattreisen“ (Tel. 455 30 28) an diesem Nachmittag sind nicht nur Stadtfremde: Ein junger Neuberliner möchte sein Quartier besser kennenlernen; ein älterer Herr kehrt mit dem betreuten Spaziergang an den Ort seiner Jugend zurück. Stadtführer Reinhard Bahlow kommt selbst aus Neukölln, er kennt den Dreh, er kann Geschichte und Geschichten „von unten“ erzählen. Der 46-Jährige verschweigt am Kottbusser Tor nicht die Drogenszene („Nix zu beschönigen“). Der Trupp übersteht die Zumutungen des Kreuzberger Alltags einigermaßen gefasst, schließlich hat auch er es so gewollt. „Wir wollen Wirklichkeit zeigen“, sagt „Stattreisen“-Chef Jörg Zintgraf, in seinem Programm sind bis zu 150 Spezialführungen buchbar, jedes Jahr kommen acht bis zehn neue hinzu.

Großes Tourenangebot

Der Stadtführungsmarkt ist ständig in Bewegung. „So schnell wie sich Berlin verändert, so schnell wechselt auch das Angebot der Touren“, sagt Christian Tänzler, Sprecher von „Berlin Tourismus Marketing“. Ob Exkursionen durch den Berliner Untergrund oder zu „Brechts letzten Wegen“, ob Gänge entlang des ehemaligen Grenzstreifens oder auf den Spuren der rebellischen Achtundsechziger, ob Abtauchen in „Nachtwelten“ oder Begegnungen mit dem jüdischen Berlin – die Palette ist groß und die Konkurrenz hart. „Doch wer ein gutes Angebot hat“, sagt Tänzler, „findet auch seinen Markt“.

Thilo Schmied hat an diesem wolkenverhangenen Vormittag nicht so viel Glück. Die Truppe von Azubis aus Fulda hat offensichtlich eine anstrengende Nacht hinter sich und konsumiert die Erkundung zur jüngsten Popgeschichte Berlins eher im Zustand des gediegenen Halbschlafs. Davon aber lässt Schmied sich nicht beirren. Der gelernte Toningenieur hat früher eine eigenen Band gehabt, er hat Künstler betreut, für Plattenfirmen gearbeitet, er ist mit der Szene eng vernetzt, er sei, sagt er, „nah dran“, ein Vorteil, der die Busfahrt mit ihm ungemein authentisch erscheinen lässt. Schmied bringt seine Person intensiv mit ein: Bei Musikbeispielen swingt er oft sanft mit, seine Erklärungen zu den Musikern und den Orten ihres Schaffens sind von seinem stolzen Erfahrungsschatz durchtränkt. Seine „Berlin Musictours“ (Tel. 30 87 56 33) zielen direkt ins Herz, dahin, wo die Leidenschaft für Musik zu Hause ist.

Nach dem Besuch bei Monika geht es für die Besucher aus Übersee weiter in einen abenteuerlichen Raum in Schöneberg, eine Art exotisches Terrarium des Trödels und der Seltsamkeiten, das zugleich als Partyzone dient. Und zu einer Fotografin, die in die ehedem schöne sozialistische Wohnwelt an der Karl-Marx-Allee gezogen ist. Die Amerikaner kommen aus dem Staunen kaum noch raus. Irre, dieses Berlin, ganz irre.

Kai Ritzmann



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