An lauen Sommerabenden wird die Kreuzberger Admiralbrücke zum lauten Partyplatz für Berliner und Touristen. Viele Anwohner sind genervt. Foto: Augen-Blick
An lauen Sommerabenden wird die Kreuzberger Admiralbrücke zum lauten Partyplatz für Berliner und Touristen. Viele Anwohner sind genervt. Foto: Augen-Blick

Berliner Nächte sind laut

Besonders in der Innenstadt regt sich Widerstand gegen den Lärm der Partyhauptstadt: Der Streit wird immer verbissener.

Berlin. Admiralbrücke, Kollwitzplatz, Schlesische Straße: Anwohner zeigen wenig Verständnis für die Belästigung durch feiernde Berliner und Touristen. Statt in einer pragmatischen Lösung mündet der Streit oft in der Konfrontation. Dabei droht der städtische Gemeinsinn auf der Strecke zu bleiben.

Wenn die Sonne sich langsam von einem jener trocken-heißen Tage verabschiedet, die das kontinentale Klima Berlin oft schenkt, wenn der Sommer tatsächlich auch am Abend noch ungeheuer breit und satt ist, dann beginnt für Waltraud Both wieder die Leidenszeit. Die ältere Dame wohnt seit mehr als 40 Jahren am Kreuzberger Fraenkelufer. Und sie lebt gerne dort. Doch was sich seit einigen Jahren sommers vor ihren Fenstern abspiele, sei „abartig“. Dann bevölkern die nahe Admiralbrücke Hunderte meist junge Menschen aus Berlin und aus dem Rest der Welt. Viele haben eine Flasche Bier in der Hand, sie reden und lachen. Es gibt Straßenmusiker, die ein schönes Geschäft wittern. Es ist ein cooler Treffpunkt der Touristen, die immer auf der Suche sind nach billigen Flügen, billigen Hotels, billigen Partys.

Auch die Berliner Marketing-Experten sind bei solch unorganisiert stattfindendem Rummel ganz hin- und hergerissen. Er prägt das Image Berlins als rund um die Uhr geöffnetes Vergnügungszentrum. Es lässt sich damit auch viel Geld verdienen. Die Stadt soll brummen. Wenn sie brummt, ist sie aber auch laut. Und an diesem Punkt beginnen die Probleme.

„Hemmungslos“ verhielten sich die Leute vor ihrer Haustür, klagt Both. Es herrschten Zustände, für die sie „überhaupt kein Verständnis“ aufbringt. Es gab Anfang des Jahres ein teures Mediationsverfahren, das Auswege aufzeigen sollte. Tatsächlich werden nun, wenn nötig, die Besucher der Brücke ab 22 Uhr gebeten, den Ort zu verlassen – von der Polizei. Ohne das Einschreiten der Ordnungsmacht ist dieser Streit offenbar nicht mehr beizulegen. Es ist ein Zeichen dafür, dass die viel beschworene Kreuzberger Zivilgesellschaft an ihre Grenzen stößt.

„Den Konflikt wagen!“

Wie man einem störrisch ausgefochtenen Streit über Lärm und Dreck auch etwas Positives abgewinnen kann, erklärt Frithjof Hager. „Den Konflikt wagen!“, fordert der Soziologe, der im Fachbereich „Historische Anthropologie und Kultursoziologie“ an der Freien Universität tätig ist. Denn die Auseinandersetzung eröffne zugleich den Raum für neue Wege, neue Möglichkeiten und Ideen. Ein funktionierendes Gemeinwesen falle nicht vom Himmel, man müsse es sich erarbeiten, „Tag für Tag“. Auch im Konflikt um eine Ruhestörung übernähmen wir Verantwortung für die Nachbarschaft, den Kiez. Wir identifizierten uns mit dem Quartier, dem Bezirk, der Stadt – sagt der Wissenschaftler. „Probiert es aus!“ wünscht sich Hager, auch wenn er weiß, dass der Prozess der Konfliktregulierung „am Ende schiefgehen kann“. Aus der Sicht von Waltraud Both ist er erst einmal prächtig in die Hose gegangen. „Aushandeln“, sagt sie, wolle sie „gar nichts mehr“.

Gerade mitten in diesem Akt des Streitens befindet sich das Viertel rund um die Schlesische Straße in Kreuzberg, wo den Anwohnern in lauen Nächten an Wochenenden eine Ballermann-Atmosphäre um die Ohren gehauen wird. Die Wogen schlagen hoch, die Nerven liegen blank. Erst jüngst machten die Quartiersleute ihrem Unmut Luft und verlangten das Eingreifen des Staates gegen die aufgekratzt lauten Touristen. In der Heimat der ehemaligen Hausbesetzer eine beinahe schon bizarre Konstellation. Doch die Geduld mit lärmenden Mitmenschen in Feierlaune scheint abzunehmen in Berlin.

Diese Erfahrung macht auch Jens-Holger Kirchner (Bündnis 90/Die Grünen). Der Pankower Stadtrat, in dem mit Clubs, Diskotheken, Wirtschaften mit und ohne „Schankvorgärten“ reich gesegneten Bezirk zuständig für öffentliche Ordnung, registriert, dass die „Gelassenheit deutlich schwindet“. Die Versuche nähmen zu, die „ureigensten Interessen zu 100 Prozent durchzuboxen“.

Es sieht danach aus, als verliere diese Stadt, die sich in den vergangenen 20 Jahren radikal verändert hat, so etwas wie Gemeinsinn. Der Ton wird rauer und verbissener. Zurückhaltung, Distinktion, anständige Umgangsformen, also die existenziellen Bindemittel, die eine Stadtgesellschaft erst zusammenhalten, verflüchtigen sich langsam. „Höflichkeit“, sagt Kirchner, „können Sie vergessen.“ Dabei wäre ein Aufeinanderzugehen gerade in der Großstadt wichtig.

„Hier sind pragmatische Lösungen gefragt“, sagt Kirchner. Der Lokalpolitiker kennt durchaus „viele gelungene Beispiele einer bürgerlichen Konfliktbereinigung“. Doch die Schere zwischen friedlichen und konfrontativen Strategien gehe „immer weiter auseinander“.

Ein frommer Wunsch dürfte auch die gütliche Einigung im Konflikt um den Wochenmarkt auf dem Kollwitzplatz bleiben. „Eskalationsstufe acht“, sagt Kirchner, bei Stufe zehn seiner persönlichen Skala wird es handgreiflich. Viele Bürger führen dort Klage gegen Lärm, Dreck, Gedränge, versperrte Zuwege. Dabei seien „eifrig gepflegte Feindschaften“ entstanden.

Wo es Streitigkeiten wegen Ruhestörung mit Gaststättenbetreibern gibt, ist derzeit die Tendenz zu erkennen, die Rechte der Wirte mindestens so stark zu bewerten wie die Rechte der Nachbarn. „Wenn sich ein Gastwirt erkennbar Mühe gibt bei der Lärmreduzierung und wenn deutliche Verbesserungen eingetreten sind“, so Kirchner, „dann muss es auch mal reichen.“ In der Öffentlichkeit überwiegt ohnehin die Meinung, dass diejenigen, die sich beschweren, engstirnige und provinzielle Sonderlinge seien und nur das Ansehen Berlins beschädigten.

Toleranz ist gefragt

Ganz so einfach ist es nicht. Gefragt ist Toleranz. Wer unnachgiebig nach Dezibel-Messungen, Ordnungsamt, Verordnungen und Strafen ruft, setzt einen Kontrollapparat in Gang, der die fein gesponnene und austarierte städtische Kultur aus der Balance zu bringen droht. Lärmordnung, Abfallordnung, Alkoholordnung, Ordnung für den Tag, Ordnung für den Abend und für die Nacht, für Gaststätten, für den Fremdenverkehr, vielleicht noch eine Ordnung gegen das nervtötende Klackern der Rollkoffer.

Alles irgendwie wichtig, alles irgendwie zu verstehen, aber sollte das Einhalten einer gewissen Ordnung nicht viel eher unsere eigene, gewollte Entscheidung sein, statt von Behörden verhängt, überwacht und sanktioniert zu werden? Staatliches Eingreifen müsste dann nur das letzte Mittel sein.

Berlin bedeutet auch, gut preußisch, leben und leben lassen. „Das Label dieser Stadt“, sagt Kirchner, „ist Freiheit.“

Kai Ritzmann

 

Laute Nächte in Berlin: von Toleranz leider keine Spur

Zur Reportage „Berliner Nächte sind laut“ in der Ausgabe vom 13. Juli erreichten uns mehrere Leserbriefe.

Im Absatz „Toleranz ist gefragt“ werden schlicht Ursache und Wirkung verwechselt. Wenn man des Nachts gezwungen wird, bei geschlossenem Fenster zu schlafen und dennoch das Basswummern des Clubs um die Ecke hört oder grölende Kids auf der Straße inklusive berstender Bierflaschen und bellender Hunde von Punks, dann ist die „fein austarierte städtische Kultur“ bereits aus der Balance. Der arbeitende Städter braucht auch seine Ruhezeiten, und die acht Stunden von 22 bis 6 Uhr, die ihm der Gesetzgeber und damit die Gesellschaft zugesteht, sollten eingehalten werden. Dauerhafter Lärm macht krank (auch ohne den einher gehenden Schlafentzug). Der Musiklärm hat in den letzten 20 Jahren dank des technischen Fortschritts eine neue Qualität bekommen: Er ist wesentlich basslastiger geworden. Bässe wiederum setzen sich auch über große Entfernungen durch. Gerade sie aber lösen Stress und Unruhe aus. Lärm gehört nun mal zu den Sinnesreizen, denen man sich nur bedingt entziehen kann. Wie tolerant ist da eigentlich das in diesem Zusammenhang oft gebrauchte Argument „Wenn’s Dich stört, kannste ja wegziehen“. Es wird Zeit für Toleranz seitens der Lärmerzeuger, denn die angesprochene „gut preußische“ Freiheit des einzelnen hört nach wie vor da auf, wo die des anderen beginnt. Robin Pohle

Das Zusammenrotten junger Leute bei unbeschwertem Grölen, Kreischen und Saufen, zu Bruch gehender Flaschen und oftmals noch lauter Musik wird allgemein als scheußlich, nervtötend und belästigend empfunden. Die Leute haben Zeit, (Zwangs-)Ferien, kein Geld für Tanz- oder andere Lokalitäten, Jugendclubs sind alle wegrationalisiert worden. Spaß ist angesagt, gnadenlos. Das ist jedoch nicht „die Großstadt“, das ist schlichtweg aggressiv und hemmungslos ausgelebte Rücksichtslosigkeit von fast ausschließlich jungen Kleinstädtern, die hier in Berlin das rücksichtslose Ausleben-Können „geil“ finden, was in ihrem Umfeld zu Hause anscheinend nicht möglich ist. Bitten um Verständnis, der Hinweis auf die späte Stunde ... ein Witz! Und so bleibt nichts anderes übrig als die Polizei zu holen. Das nenne ich eine betrübliche Entwicklung. Sylvia Engel


Bis zu 50.000 Euro Strafe
Vor Lärm soll das Landes-Immissionsschutzgesetz die Bürger schützen. Von 6 bis 22 Uhr wird dieser Schutz wirksam, wenn „vermeidbare und störende Geräusche“ verursacht werden, in der Nacht und an Sonn- und Feiertagen, wenn durch „menschliches Verhalten und durch den Betrieb nicht genehmigungsbedürftiger Anlagen“ die Ruhe gestört wird. Das Gesetz verzichtet auf die Nennung konkreter Lärmwerte. Nach einer Richtlinie des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) gilt etwa für ein allgemeines Wohngebiet ein Grenzwert von 55 Dezibel (Nacht: 40 Dezibel). Verstöße können mit Geldbußen von bis zu 50.000 Euro geahndet werden. Im Konfliktfall zum Beispiel zwischen einer Gaststätte „mit Schankvorgarten“ und Anwohnern bieten sich technische und organisatorische Maßnahmen an. So kann der Wirt mit baulichen Nachbesserungen für Schallschutz sorgen, seine Gäste ab 23 Uhr nach drinnen bitten, die Zahl von Veranstaltungen verringern, eine Art Hotline für Beschwerden einrichten – und ein gutes Verhältnis zu seinen Nachbarn pflegen.

Reportagen 2011


Weitere Reportagen


 

LESERAKTIONEN



Frage der Woche

 

 

Halten Sie den Reaktor in Wannsee für gefährlich?


ja
nein

Vor Abstimmung bitte Zeichenfolge eingeben.
Captcha-Code



Ergebnis der Vorwoche

Haben Sie Angst, Opfer eines Einbruchs zu werden?
 
ja: 87%
 
nein: 13%
 

100 Stimmen gesamt

1-2-Job