


Streetworker kümmern sich von Marzahn bis Neukölln um Straßenkids – und sie sind oft ihre letzte Chance.
Berlin. In der Öffentlichkeit wird derzeit viel über jugendliche Gewalttäter debattiert. Letztendlich wissen Politiker jedoch nur wenig über diese Klientel, die einige von ihnen am liebsten wegschließen würden. Die Sozialarbeiter vom Berliner Verein Outreach kennen diese verwahrlosten und verrohten Jugendlichen. Die Streetworker sind oft ihre letzte Chance.
Die Sozialarbeiter ziehen durch Kieze mit sozialen Brennpunkten, um mit den Halbwüchsigen zu reden, Hilfe anzubieten und sie von der Straße zu holen. Ein Job für Idealisten, da von den Familien kaum Unterstützung zu erwarten ist. Zu diesen „Straßenarbeitern“ im legeren Look – Jeans, Lederjacke und Rucksack – gehört auch Ralf Gilb vom Streetworker-Verein Outreach. Er hat jahrelang auf der Straße gearbeitet und meint: „Die gesetzlichen Vorgaben reichen aus. Sie müssen nur schneller umgesetzt und voll ausgeschöpft werden.“ Vorrang hat für den „alten Hasen“ jedoch eindeutig Prävention. „Ob in Marzahn, wo speziell die Russlanddeutschen Hilfe brauchen, oder in Neukölln, wo es zumeist um türkische und arabische Migrantenkinder geht: Die Eltern wissen nicht mehr ein noch aus und sind überfordert.“
Beim 14-jährigen Gregor ist es der Wodka, beim 15-jährigen Ayhan das Schmerzmittel Tilidin mit seiner berauschenden Wirkung. „Aber die Drogen ändern nichts an den Sprachproblemen, der Angst vor der Zukunft, den schlechten Schulleistungen und dem fehlenden Ausbildungsplatz“, so Gilb. Da hilft nur seelische und praktische Unterstützung von Außenstehenden wie etwa von Streetworkern.
„Was soll ich zu Hause?
In Neukölln kommen rund 70 Prozent der Streetworker aus Migrantenfamilien. „Die verstehen die Sprache und Probleme der Jugendlichen und werden von ihnen respektiert“, sagt Gilb. Alarmierend findet er, „dass die hilfsbedürftigen Kinder, die wir auf der Straße treffen, immer jünger werden“. So wie der achtjährige Jamal, der nun seine Nachmittage im von Outreach geführten Stadtteilladen an der Neuköllner Bartastraße verbringt. Dort testet er mit seinem Kumpel Computerspiele. Auch der 15-jährige Ibrahim ist Stammgast. Er zieht es vor, dort Gewichte zu stemmen und mit Streetworker Nazih zu quatschen, als den Nachmittag mit Eltern und Geschwistern zu verbringen. „Was soll ich denn zu Hause?“, antwortet er auf die Frage, warum er in den Stadtteilladen kommt. Nazih ist Ibrahims Ansprechpartner von Outreach und hilft, wo er kann – sofern die Eltern mitspielen. „Gerade habe ich den Vater eines Jungen angerufen, der schon mittags – lange vor unserer Öffnungszeit um 16 Uhr – hier war“, berichtet Nazih El-Chouli. „Er soll überprüfen, ob sein Sohn die Schularbeiten gemacht hat. Ich habe da so meine Zweifel.“ Nun bleibt Nazih nur die Hoffnung, dass sein Anruf etwas bewirkt hat und der Vater sich um den Jungen kümmert.
Nazih bezeichnet sich als Palästinenser aus dem Libanon. Denn dort ist er in einem Flüchtlingslager aufgewachsen, bevor er mit elf Jahren nach Deutschland kam. „Ich bin gleich in die sechste Klasse gesteckt worden – ohne Deutsch zu sprechen.“ Das Lernen, betont Nazih El-Chouli immer wieder, habe er nur seinen Eltern zu verdanken, die sich intensiv um ihn gekümmert haben. Dankbar erinnert er sich daran, dass der Vater für ihn sogar einen Privatlehrer kommen ließ: „Das hat damals 500 Mark gekostet und ist ihm finanziell bestimmt nicht leicht gefallen.“ Seine Familie habe gewollt, dass er sich bilde und dafür habe sie alles getan. „Vielleicht auch, weil meine Mutter Analphabetin ist“, fügt Nazih hinzu. Den Sprung ans Gymnasium hat er damals geschafft.
„Das ist gut gelaufen für mich. Andere können das sicher auch“, sagt El-Chouli und lächelt durch seinen Vollbart. Er habe bei einem Praktikum festgestellt, dass ihm die Arbeit mit Jugendlichen besonders zusagt. Und jetzt, mit 40 Jahren, ist der Mann mit dem angegrauten Haar bereits seit elf Jahren Streetworker, verheiratet und hat zwei Kinder von elf und acht Jahren. Im Laden in der Bartastraße landen zumeist Kinder, die vorher auf der Straße rumhingen – jene, die in Jugendclubs schon Hausverbot haben, weil sie sich an keine Regeln halten und nur rumstänkern. Schimpfworte wie „Hurensohn“ und „Missgeburt“ sind gängige Anreden unter Freunden. „Da muss erklärt werden, was die Begriffe genau bedeuten, um in die Köpfe zu bekommen, dass solche Bezeichnungen nicht akzeptabel sind“, so El-Chouli.
Opfer werden Täter
Schwierig ist es für die Pädagogen, die oftmals desinteressierten Eltern einzubeziehen. Besonders in Großfamilien werden die Hausaufgaben nicht kontrolliert. Außerdem schwänzen die Kinder die Schule. „Streit und Schläge zu Hause werden oft aus Angst vorm Jugendamt verschwiegen.“ Denn stehe „das Amt“ vor der Tür, um Kinder aus der Familie zu holen, sei das peinlich – so El-Chouli – den Nachbarn, Verwandten und Freunden gegenüber.
„Es ist auch schon passiert, dass Jugendliche bei Problemen mit ihren Eltern sogar nachts zu Hause bei den Streetworkern anrückten, um sich den Schlüssel für den Treffpunkt zu holen um dort übernachten zu können“, erzählt Jana Krystlik und setzt sofort hinzu: „Natürlich machen wir so etwas nicht.“
Die 25-Jährige stammt aus Prag, kam mit ihren Eltern 1985 als Dreijährige nach Deutschland. Auch sie ist auf den Straßen Berlins im Einsatz. Erst 2006 hat sie ihre Diplomarbeit zum Thema „Ghettokinder in Neukölln“ geschrieben – und ist als Streetworkerin geblieben. Jana hat sie kennengelernt, die Gruppen, die sich auf der Straße zusammenfinden, pöbelnd durch „ihr“ Revier ziehen und anderen verbal und körperlich Gewalt antun.
„Dort gibt es 15-jährige Jungen wie Hassan, die vom Opfer zum Täter werden“, berichtet Jana. Opfer war er noch, als sich seine Eltern nach mehreren Gewaltvorfällen trennten und die Mutter ihre sechs Kinder allein versorgen musste, da der Vater keinen Unterhalt zahlte. Die Wohnung zu klein, die Mutter verlor ihren Job, Hassan ging nicht mehr in die Schule und lungerte stattdessen auf der Straße herum – quasi als Familienersatz. „Mit allen Konsequenzen wie Raub, Körperverletzung, Vandalismus, Rausschmiss aus der Schule“, sagt Jana. Und schon war Hassan nicht mehr Opfer, sondern auch Täter.
Abschiebung verhindert
„Wir haben Hassan auf der Straße kennengelernt und ihm angeboten, zum Stadtteilladen zu kommen“, erinnert sich die Streetworkerin. Gut für ihn, dass er wirklich eines Tages vor der Tür stand – da war es schon fast zu spät: In Deutschland geboren, sollte Hassan dennoch in die Türkei abgeschoben werden. Die Streetworker sprachen mit der Familie und halfen, eine neue Schule zu finden, die Abschiebung konnte verhindert werden. „Inzwischen hat er seine kreative Ader entdeckt: Er malt, macht Musik und stellt seine Rap-Songs ins Internet.“ Die Freude über solche kleinen Erfolge ist Jana und Nazih ins Gesicht geschrieben.
Und nicht nur Hassan hat durch die Sozialarbeiter Energie getankt, um von der Straße und Gewalt wieder wegzukommen. Musikvideos mit selbst getexteten Songs, Musikwettbewerbe, das Reden über persönliche Probleme, Schulbildung – erste Schritte mit Blick auf eine optimistischere Zukunft, finden die Streetworker. Und diese kleinen Erfolge sind es auch, die sie trotz vieler Rückschläge weitermachen lassen.
Gabi Zylla
| Einsatz an sozialen Brennpunkten |
| Streetworker sind in Berlin seit den 90er Jahren im Einsatz. Die Vereine Gangway und Outreach sind zuständig für die Sozialarbeit auf den Straßen. Beide arbeiten in neun der zwölf Bezirke. Insgesamt sind damit etwa 100 Streetworker in der ganzen Stadt unterwegs. In Marzahn, Mitte oder Pankow, Reinickendorf oder Neukölln – das Ziel der Sozialarbeiter ist überall gleich: Abbau von Gewalt, Hilfe bei Problemen und Freizeitangebote. Ansprechpartner sind besonders wichtig für Kinder und Jugendlichen, die ihre Freizeit meist auf Straßen und Plätzen, in Parks oder Einkaufszentren verbringen. Denn oft sind deren Eltern nicht in der Lage oder überfordert, ihren Kindern zu helfen. Das liegt zum Beispiel an Arbeitslosigkeit, Selbstaufgabe, häuslicher Gewalt, Desinteresse und bei Migranten- und Aussiedlerfamilien auch an der Sprachbarriere. Weitere Infos gibt es bei Outreach, Axel-Springer-Straße 40/41, Tel. 253 99 74, www.outreach-berlin.de, und Gangway, Schumannstraße 5, Tel. 283 02 30, www.gangway.de |