


Tauben verschmutzen die ganze Stadt: Desto besser die Vögel genährt werden, desto mehr gesundheitsschädlicher Kot fällt an.
Berlin. In der Hauptstadt leben nach Expertenschätzung weit mehr als 50 000 Tauben. Sie nisten an Hausfassaden, in Nischen und auf Dachböden. Laut Landesamt für Gesundheit und Soziales hinterlässt ein Tier jährlich bis zu zwölf Kilogramm ätzenden Nasskot. Der kann gesundheitsschädlich sein und ist eklig.
„Die Jacke ist nicht mehr zu retten, hat die Frau von der Reinigung gesagt.“ Siegrid Schmidtke ist sauer. Sauer auf die columba livia forma urbana, wie die gemeine Straßentaube auf Latein heißt. Denn deren Hinterlassenschaft flog direkt auf ihren Herbstmantel. Der weiße Fleck ist unübersehbar, die Farbe förmlich weggeätzt. Jetzt bleibe ihr nur noch, das Stück zu entsorgen, sagt die 40-jährige Angestellte aus Prenzlauer Berg.
Ihr ist das Taubenmalheur am Alexanderplatz passiert, aber ereilen kann es die Berliner überall: unter Brücken und Bäumen, auf Plätzen, beim Spazierengehen, auf Bahnhöfen, oder beim Fahrradanschließen an einer Laterne. „Tauben lieben die Hochbahn-Viadukte über alles. Ihr absoluter Lieblingsbahnhof ist Hallesches Tor“, sagt BVG-Sprecherin Petra Reetz. Dort sitzen sie zu Hunderten auf dem Dach und gurren zufrieden. Da gibt es nur eins: „Wir investieren in Taubenabwehrsysteme, um die Reinigungskosten zu reduzieren.“ Deshalb sind feine Dornen auf den Bahnhofsuhren, Simsen, Querstreben und Anzeigern angebracht. Unter den Decken von Eingangshallen und Brücken finden sich feinmaschige Taubennetze. Recht wirkungsvoll sind nach BVG-Erfahrung auch die Metallpiker (Spikes). Der Test mit künstlichen Raben auf dem U-Bahnhof Prinzenstraße verpuffte hingegen ohne Wirkung bei den gefiederten Untermietern.
Rund 80 000 Euro jährlich gibt die BVG für die Beseitigung des Taubenkots aus. Ebenfalls bei „zig Tausenden“ liegen Deutsche Bahn und S-Bahn. Bahnsprecher Burghard Ahlert ist sich darüber im Klaren, dass der Taubendreck nie verschwinden wird. „Aber wir haben an stark verdreckten Stellen inzwischen stabile Stabgittermatten angebracht, durch die die Tauben nicht kommen: Das hat schon etwas geholfen“, davon ist Ahlert überzeugt. Er verweist zum Beispiel auf die Bahnhöfe Friedrichstraße, Schöneberg, Marzahn, Westkreuz sowie die Bahnunterführungen an Wilmersdorfer und Kantstraße oder Zoo und Savignyplatz – insgesamt 40 massive Problemecken sind so von der Bahn „taubenentschärft“ worden. Ärgerlich wird’s, wenn Fahrgäste gezielt auf Bahnhöfen Tauben füttern. „Laut Hausordnung ist das bei uns und bei der S-Bahn verboten“, betont Ahlert. Und noch immer sind Tierschützer unterwegs, die Taubennetze aus Überzeugung zerstören: um die Vögel davor zu bewahren, sich darin zu verfangen und zu verletzen. „Deshalb verwenden wir möglichst Metallgitter“, kommentiert Ahlert.
Risiken für Gesundheit
Von den einen wird die gemeine Straßentaube innig geliebt, von den anderen regelrecht gehasst. Sie wird entweder gefüttert oder unsanft verscheucht. Die Experten im Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) warnen. „Der harnsäurehaltige Taubenkot schädigt nicht nur die Bausubstanz von Gebäuden. Auch gesundheitliche Risiken zum Beispiel durch Taubenzecken sind möglich“, erklärt Detlef Kadler vom Lageso. „Professionelle“ Fütterer sind Kadler ein Graus. „Ob Wittenbergplatz oder Kottbusser Tor, die Reste bleiben einfach liegen.“ Aber: „Wenn die Streifen der Ordnungsämter jemanden in flagranti erwischen, kann ein Verwarnungsgeld von bis zu 30 Euro kassiert werden.“ Grund: mutwillige Verschmutzung von Straßenland nach dem Straßenreinigungsgesetz. Denn, und das ignorieren Taubenliebhaber, das Füttern ist zwar nicht verboten, jedoch müssen die Reste wieder eingesammelt werden. Aber wer macht das schon? Daher gab es deswegen sogar schon Verwaltungsverfahren.
In den Bezirken grübeln die Politiker ebenfalls über den Umgang mit den Tieren. Vergiften und Erschießen ist nach dem Tierschutzgesetz verboten, und Taubenpillen sind als Tierarzneimittel nicht zugelassen worden. So bleiben Spikes, Netze und Metallgitter. Und Falken-Attrappen: Die zeigen zumindest in Kombination mit weiteren Abwehrdrähten im Hof des Rathauses Schöneberg Wirkung. Mit lebenden Falken hat es die Wohnungsgesellschaft Degewo an der Schlangenbader Straße geschafft. „Wir haben bei den Häusern der Autobahnüberbauung Nistkästen für Falken aufgestellt“, bilanziert Michael Zarth von der Degewo. Experimente wie der Einsatz von fünf Wanderfalken in den 90er Jahren in Kreuzberg oder das Aufstellen von Taubenhäusern, in denen die Eier gegen Gipsattrappen ausgetauscht wurden, sind dagegen gescheitert.
Aber: „Wir gehen jedem Hinweis auf Taubenfütterer an Ort und Stelle nach und wenden das Gesetz an“, da ist die Leiterin des Ordnungsamtes Friedrichshain-Kreuzberg, Marlies Meunier, eisern. Empfehlung: kleine Schaufeln zum Zusammenfegen der Krümel mitnehmen. Lichtenbergs Baustadtrat Andreas Geisel bringt auf den Punkt, was die meisten Offiziellen immer wieder fordern. Sein Appell: „Bitte nicht füttern.“ Das sei zwar hart, aber damit werde der natürliche Verlauf der Taubenvermehrung beeinflusst. Es sei außerdem völlig normal, dass die Tiere sich selbst versorgen müssten. Auch in Neukölln folgt jeder Beschwerde eine Ortsbesichtigung. Auf den Einsatz von Falken verzichtet Neuköllns Gesundheitsstadträtin Stefanie Vogelsang. Dafür mahnt sie das Inkrafttreten der „Neufassung der Verordnung zur Bekämpfung von Schädlingen“ beim Senat an. Darin werden nämlich auch Tauben unter bestimmten Bedingungen als Schädlinge definiert. „Damit gibt es dann auch eindeutige Regelungen für Eingriffsmaßnahmen gegen Straßentauben“, hofft die Stadträtin. Diese Rechtsgrundlage, zum Beispiel gegenüber Grundstückseigentümern Schädlingsbekämpfungsmaßnahmen anzuordnen, fehle bisher.
Gabi Zylla
| Vorsicht vor Taubenzecken |
| Hauseigentümer und Verwalter sollten wissen, dass über Taubenbrutplätze auch eine Reihe von Schädlingen und sogenannten Lästlingen in den Wohn- und Arbeitsbereich der Menschen gelangen können. Gerade für immungeschwächte Menschen kann der Kontakt mit Taubenkot laut Landesamt für Gesundheit und Soziales eine Gefahr bedeuten. Daher sollten Tauben durch Spikes, Netze oder Drähte vertrieben und Füttern verboten werden. Vor dem Aus- und Umbau von Dachgeschossen – besonders in Altbauten – sollte auf Taubenzecken und deren Bekämpfung geachtet werden. Ihr Stich kann zu heftigen allergischen Reaktionen mit Fieber und Übelkeit bis zur Schockreaktion führen. Informationen zu Tauben gibt es in den Bezirksämtern (Ordnungs- oder Gesundheitsamt) sowie beim Landesamt für Gesundheit und Soziales, Tel. 901 20 und im Internet unter www.lageso.berlin.de |
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