


Seit zwei Jahren werden in Berlin wieder mehr Stiftungen gegründet. Sie fördern soziale Einrichtungen sowie Jugend- und Seniorenarbeit.
Berlin. Seit zwei Jahren boomt die Neugründung von Stiftungen. Neben sozialen Zwecken dienen sie auch dem Erhalt von Kunstwerken oder der wissenschaftlichen Forschung.
In der Suppenküche an der Pflugstraße in Mitte sitzt Kalle und kaut bedächtig die letzten Gemüsestücke der Suppe. „Ich habe nicht mehr einen Cent in der Tasche, lebe auf der Straße“, erzählt der Mittdreißiger. Es ist ihm peinlich. „Meine Mutter weiß davon nichts. Früher hatte ich sogar ein Haus, habe alles verloren.“ Seine Stimme stockt, die ersten Tränen kommen. 30 bis 60 Essen verteilt die „Jenny De la Torre Stiftung“ täglich an Obdachlose.
Mit dem Geld aus der Verleihung des Medienpreises „Goldene Henne“ hat die Ärztin, die sich seit Jahren um Obdachlose kümmert, diese Stiftung gegründet und in einer ehemaligen Schule ein Gesundheitszentrum eingerichtet. „70 Prozent der Menschen, die zu uns kommen, sind nicht krankenversichert“, berichtet die engagierte Medizinerin.
„Bei uns werden pro Jahr etwa 12000 Menschen von mehreren Ärzten kostenlos behandelt, können duschen, sich die Haare schneiden lassen oder neue Bekleidung erhalten.“ Viele Aufgaben werden ehrenamtlich erledigt. Auch ein Rechtsanwalt, eine Sozialarbeiterin und ein Psychologe geben Hilfestellung.
Missstände lindern
Die „Jenny De la Torre Stiftung“ versucht, Missstände zu lindern, die es in einem Sozialstaat nicht mehr geben dürfte. Stiftungen mit sozialer Zielstellung gibt es schon lange. In Zeiten ohne Sozialversicherung standen Familienangehörige oft mittellos dar, wenn der Familienernährer erkrankte oder starb. So wurden in vergangenen Jahrhunderten viele Stiftungen zum Zweck der Absicherung von Witwen, Waisen und Kranken gegründet.
Seit einigen Jahren verzeichnet die Justizverwaltung des Senats einen neuen Boom. „Wir haben seit zwei Jahren 30 bis 40 Neugründungen“, sagt Referatsleiter Andreas Münch, bei Justizsenatorin Gisela von der Aue (SPD) zuständig für das Stiftungswesen. Waren lange Zeit Stiftungen größtenteils zur Förderung von Bildung und Erziehung gegründet worden, kümmern sich neue Stiftungen auch um Kunst und Umwelt. So engagiert sich beispielsweise die Schilkin-Stiftung in der Denkmal- und Landschaftspflege.
Münch führt den jüngsten Boom auf neue Steuergesetze zurück. Danach lassen sich per Stiftung bereits zu Lebzeiten Steuern sparen. Jedoch müssen Stifter dafür schon einiges auf den Tisch legen. „100.000 Euro ist in etwa das Minimum, um dauerhaft eine Stiftung ins Leben zu rufen“, sagt Münch. Denn aus den Erträgen des Gründungskapitals muss sich die Stiftung finanzieren.
Inzwischen hat die Verwaltung auf das größere Gründungsinteresse reagiert. Stifter müssen jetzt im Gegensatz zu früher nur noch mit der Justizverwaltung die Bedingungen aushandeln. Weitere Klärungen (beispielsweise mit dem Finanzamt) übernimmt die Stiftungsabteilung der Justizverwaltung.
Im Trend sind auch Bürgerstiftungen wie etwa in Neukölln und Lichtenberg. Viele Bürger tun sich zusammen, um Geld für eine neue Stiftung zu sammeln. In Neukölln waren es mehr als 100 Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Kultur, Kirche und Politik, die etwa 70.000 Euro als Startkapital zusammentrugen. Diese Bürgerstiftung, die weiterhin Spenden sammelt, fördert seit vier Jahren Projekte der Jugend- und Altenhilfe, Kultur, Erziehung und Berufsbildung, Völkerverständigung und des Umweltschutzes.
Neben den 677 rechtsfähigen Stiftungen mit Stiftungsrat, die der Senatsjustizverwaltung unterstehen, übernehmen die Bezirke als Treuhändler die Aufgaben für nicht eigenständige Stiftungen. Deren Vermögen ist häufig zu gering, um eine eigene Stiftungsorganisation zu finanzieren. Teilweise gibt es Schwierigkeiten, den Willen der Stifter heute noch umzusetzen. „Eine unserer Stiftungen darf nur Vollwaisen zugute kommen“, sagt die Bürgermeisterin von Charlottenburg-Wilmersdorf, Monika Thiemen (SPD). „So ein Unglückfall ist heutzutage jedoch selten.“
Lesekoffer für Kinder
Charlottenburg, einst eigenständige und reiche Stadt vor den Toren Berlins, profitiert immer noch vom Bürgersinn seiner Bewohner. So gibt es etwa 50 Stiftungen, die den Bewohner des heutigen City-Bezirks zugutekommen. „Eberhard Alexander-Burgh, Autor des Kinderbuches ,Hui Buh das Schlossgespenst‘ hat sein Vermögen dem Bezirk vermacht“, so Thiemen. Die Stiftung mit einem Grundkapital von einer Million Euro dient Jugendprojekten, die Lesen und Schreiben fördern. „Mit dem Geld haben wir beispielsweise Lesekoffer angeschafft“, berichtet Thiemen. Die können sich Kindertagesstätten ausleihen. Thiemen: „Diese Stiftung bietet viele Möglichkeiten, sinnvolle und zeitgemäße Projekte zu fördern.“
Ausgeklügelte Strategie
Neben ausreichendem Kapital war und ist außerdem eine ausgeklügelte Strategie nötig, um das Vermögen einer Stiftung über Jahrhunderte zu erhalten. So ließ sich bereits der Kaufmann Sigismund Streit (1687-1775) von Friedrich II. ein Edikt erteilen, damit er dem Gymnasium zum Grauen Kloster 60.000 Taler sowie seine Bücher und Gemälde vermachen konnte. Auf diese Weise verhinderte er, dass der Staat Zugriff darauf bekam. Streit, Schüler des Grauen Klosters, erwarb als Kaufmann in Venedig beträchtliches Vermögen sowie Gemälde, darunter Werke des Malers Canaletto. Die Bilder hängen als Leihgabe in der Berliner Gemäldegalerie und ziehen heute Kunstinteressierte aus aller Welt an.
Marianne Rittner
| Kirchen waren oft Nutznießer |
| Neben dem Ziel, etwas Gutes zu tun, spielte das Seelenheil bei Stiftern aus vergangenen Jahrhunderten durchaus eine wichtige Rolle, wenn sie sich entschlossen, einen Teil ihres Vermögens in eine Stiftung einzubringen. Die Kirchen waren daher auch in früheren Zeiten oft Nutznießer und Verwalter der Stiftungen, wie beispielsweise die etwa 800 Jahre alte Stiftung für das „Hospital Zum Heiligen Geist“ in Spandau. Berlin hatte vor dem Ersten Weltkrieg etwa 1000 Stiftungen. Jedoch schmolz das Kapital etlicher dieser Einrichtungen nach dem Schwarzen Freitag 1929 rapide zusammen. Während der Nazizeit wurden Stiftungen jüdischen Ursprungs aufgelöst. Ebenfalls zum Verlust von Stiftungen führte die Teilung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Von etwa 100 Stiftungen, die zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung noch existierten, wurde etwa jede dritte aufgelöst, weil nicht ausreichend Kapital vorhanden war, um den Stifterwillen zu erfüllen. |
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