Der Allgemeinmediziner Michael Janssen behandelt in seiner Neuköllner Praxis Heroinabhängige.
Der Allgemeinmediziner Michael Janssen behandelt in seiner Neuköllner Praxis Heroinabhängige.
Methadon ist eine hochwirksame, aber auch schwerstabhängig machende Substanz. Fotos: Eckert
Methadon ist eine hochwirksame, aber auch schwerstabhängig machende Substanz. Fotos: Eckert

Das Leben als Horrorfilm

In Berlin leben zwischen 8000 und 10 000 Drogenabhängige. 3000 Fixer werden mit Methadon behandelt.

Berlin. Die Existenz als Junkie ist eine Qual. Erleichtert wird sie allerdings durch die Einnahme des Ersatzmittels Methadon. Nun erwägt der Berliner Senat sogar die kontrollierte Abgabe von Heroin.

Ein normaler Vormittag in einer Arztpraxis in Neukölln: In kurzen Abständen kommen junge Männer und Frauen in den ersten Stock, um sich eine kleine Flasche abzuholen – gefüllt mit Methadon. Der Stoff ist für sie nahezu überlebenswichtig.
 
Für einen „Jäger“ ist sein Gesicht erstaunlich weich. Vielleicht liegt es auch daran, dass er nicht mehr so aktiv wie früher ist. Damals, sagt er, sei er „das Jagen gewohnt“ gewesen, bei Tag und bei Nacht. Es gab für ihn kaum einen anderen Gedanken, fast jede Sekunde war dem kräftezehrenden Tun – der „Jagd“ – gewidmet. Damals, das ist rund anderthalb Jahre her. Seitdem verläuft das Leben von Jens (Name von der Redaktion geändert) in sehr viel ruhigeren Bahnen. Er muss sich nicht mehr um das Aufspüren jenes Stoffs kümmern, der am Anfang vielleicht verführerische Träume, am Ende aber nur noch grenzenlosen Schrecken verheißt.

Jens ist ein Junkie, und dank Methadon muss er nicht mehr auf die Piste, um das Heroin aufzutreiben. Der 37-Jährige ist einer der 8000 bis 10 000 Drogenabhängigen in Berlin. Einmal in der Woche kommt er in die Praxis von Michael Janssen, um sich seine Ration Methadon abzuholen. Rund 3000 Fixer werden derzeit mit diesem Ersatzwirkstoff versorgt, die Zahl ist seit Jahren relativ stabil. Die Behandlungs- und Warteräume liegen an der Karl-Marx-Straße in Neukölln, eine harte Gegend. Im Nebeneingang hängt ein Schild, das darum bittet, nicht gegen das Tor zu urinieren.

Im ersten Stock geht es vergleichsweise zivilisiert zu. Das drogenabhängige Publikum, das hier verkehrt, mischt sich relativ zwanglos und konfliktfrei mit den „normalen“ Patienten. Das ist kein Zufall, es ist Konzept. Es gibt andere Vergabestellen, die sich ganz auf die Drogenszene spezialisiert haben. Dort herrscht ein rauerer Ton.

Diesen Arztpraxen und Krankenhäusern könnte in Zukunft noch eine weitere und sehr umstrittene Aufgabe zugewiesen werden. Nach Planungen des Senats soll dort Schwerstabhängigen Heroin verabreicht werden. Es wäre ein nächster Schritt in dem Bemühen, für die Betroffenen eine halbwegs erträgliche Situation zu schaffen. So könnte auch jenen, bei denen Abstinenz, Entziehung oder Substitution nicht greifen, geholfen werden, also „den ärmsten Schweinen“, so Martin Buchweitz-Sautier, Geschäftsführer von Vista, einem Zusammenschluss therapeutischer Arbeitsgruppen in Berlin.

Wenn Jens erscheint, greift Arzthelferin Iris hinter sich in einen Stahlschrank, nimmt die kleinen, braunen Fläschchen hervor und reicht sie ihm über die Theke. Die Ausgabe auf Vorrat ist ein enormer Vertrauensbeweis. Den muss man sich erst einmal erarbeiten. Gewöhnlich fallen nach der Übergabe noch ein paar freundliche Worte, dann sagen beide Tschüss. Das war’s. Routine.

Hoffen auf Normalität


Es ist eine Routine, die vieles ungeheuer erleichtert, die den Drogenabhängigen ein einigermaßen normales Leben ermöglichen soll, die sie vom brutalen Überlebenskampf auf der Straße, aus den düsteren Verstecken der Dealer und der Versuchung, in die Beschaffungskriminalität abzurutschen, bewahren soll. Und dennoch ist es, von außen gesehen, ein zutiefst verstörender Alltag.

Schließlich handelt es sich bei der Ware, die hier so lässig ausgegeben wird, um eine hochwirksame, schwerstabhängig machende Substanz. Zwar schädigt sie, auch bei langwährender Einnahme, nicht den Körper, doch sie verlangsamt die Motorik, hemmt die Verdauung, führt zu Schweißausbrüchen. Und sie bringe, klagt Jens, die Libido „auf Null“. Mit seiner Freundin ist schon seit langem Schluss.

Jens ist in der DDR aufgewachsen, 1988 kam er nach West-Berlin. Es folgten Jahre mit Gelegenheitsjobs und Partydrogen, ein längerer Aufenthalt in den USA, wo er erstmals Kokain und Heroin konsumierte, Rückkehr nach Deutschland – und noch mehr Kokain und Heroin. Er habe damals jedes Gefühl für Zeit verloren, es war ein Dasein ohne wahre Gefühle und ohne Antrieb. Eine Existenz, sagt er, „wie ein endloser Film“ – wie ein Horrorstreifen.

Heute hat Jens, auch dank des Methadons, eine Anstellung in einem Hundefachgeschäft. Der Umgang mit Hunden, sagt er, werde Junkies empfohlen. Im Augenblick ist er dabei, sich eine Wohnung zu suchen, eine Therapiegruppe zu finden, seine Hepatitis C zu behandeln, die Methadon-Dosierung runterzufahren. Eine Menge Projekte, eine Menge Anläufe, eine Menge Selbstüberwindung. Beinahe zu viel – selbst für einen gesunden Menschen.

Jens ist nicht gesund, aber man merkt es ihm nicht an, zumindest nicht, wenn man keinen Blick für Drogenabhängige hat. Kurze, struppige Haare, Turnschuhe, Sporthose, schlank, schlaksig. Stutzig machen nur die eintätowierten Buchstaben seines Vornamens auf den Knöcheln seiner rechten Hand. Ein Relikt aus vergangenen, wilderen Zeiten.

Wut und Zuversicht

Jens hat Rückfälle, der letzte liegt erst ein paar Tage zurück. Er wirft, wenn es ihn packt, alles durcheinander in sich hinein. Opiate, Kokain, angstlösende Benzodiazepine („Benzos“), aufputschende Amphetamine (Speed), eben alles, was der Markt gerade hergibt. Er weiß nicht, wieso er sich das antut. Er sagt, da baue sich plötzlich und rasch „ein Druck auf“ wie bei einem Quartalssäufer. Genau erklären kann er es nicht. Er fragt sich dann, niedergeschlagen, erschrocken über sich selbst, nur eins: „Warum?“

Dennoch, so scheint es, hat er sein Leben einigermaßen im Griff, nicht zuletzt dank der geregelten Methadonversorgung. „Mit Methadon kommt der Abhängige zur Ruhe“, sagt der Arzt Michael Janssen. Seit 2002 behandelt der 48-Jährige Menschen wie Jens. Seine Arbeit mit den Junkies sei ein ständiges Wechselbad von Resignation und Zuversicht, Wut und Zuspruch, Distanz und Empathie. Kein leichter Job.

Wie die meisten Experten würde auch Janssen Heroin nur an einen besonders definierten und eng umgrenzten Kreis von Bedürftigen ausgeben. Allein für „etwa zehn Prozent“ der Abhängigen komme die streng kontrollierte Abgabe überhaupt in Frage. Zu diesen Personen müsste eine sehr intensive Beziehung hergestellt werden. Dann aber könnte einem kleinen Kreis nahezu hoffnungsloser Fälle immerhin eine effektivere Behandlung zuteilwerden. In einem solchen, sozusagen amtlichen Einsatz von Heroin, erkennt Janssen durchaus einen Fortschritt.

Es ist kurz nach zwölf, für heute ist in der Praxis von Doktor Janssen Schluss mit der Methadonverteilung. Auch Jens ist wieder weg, allerdings bleibt die bange Frage, wie es nach seinem Rückfall mit ihm weitergeht. Zu spät Kommende werden von Arzthelferin Iris ungnädig begrüßt. Sie mögen bitte morgen wiederkommen. Ein Nachzügler kann nur mit Mühe vom Randalieren abgehalten werden. Er poltert los, schwadroniert, stürzt sich in Ausreden („Termine!“), wirft wütend ausliegende Bücher zu Boden. Aufregen tut sich darüber hier aber niemand. Der junge Mann wird sanft, aber bestimmt hinausgeworfen. Routine.

Kai Ritzmann


Heroinabgabe an Schwerstabhängige
Der Berliner Senat unterstützt im Bundesrat die Fortsetzung eines allgemein als erfolgreich beurteilten Pilotprojekts zur kontrollierten Verabreichung von Heroin an Schwerstabhängige. Sieben Städte und Regionen haben sich daran beteiligt, darunter Frankfurt am Main, Hamburg, Köln und München. Von der Senatskoalition wird die Initiative wohlwollend unterstützt, ein Beschluss über die Abgabe an Süchtige ist aber noch nicht gefasst. Derzeit tragen die Krankenkassen die Kosten für die Methadon-Abgabe. Ein Milliliter kostet rund 2,60 Euro, eine Monatsration etwa 90 Euro. Von einer Heroin-Verteilung erwartet Martin Buchweitz-Sautier keine Wunder. Für den Geschäftsführer von Vista, einem Verbund für soziale und therapeutische Arbeit, sei auch durch die amtliche Heroinversorgung „das Drogenproblem nicht zu lösen“. Buchweitz-Sautier rät zur „Vorsicht“. Die Vergabe komme nur für Leute infrage, „bei denen Methadon nicht greift“ und die sich anderen Therapien entziehen. Zudem müsse sichergestellt werden, dass die Patienten nicht nebenher noch weitere Drogen konsumieren: „Sonst wäre es eine staatlich verordnete Drogeneinnahme.“

 

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