Dem Verfall preisgegeben: Seit Jahren verkommt der Gebäudekomplex in Kladow, in dem bis 2002 der Deutsche Entwicklungsdienst seinen Sitz hatte.
Dem Verfall preisgegeben: Seit Jahren verkommt der Gebäudekomplex in Kladow, in dem bis 2002 der Deutsche Entwicklungsdienst seinen Sitz hatte.
Die Sprecherin des Liegenschaftsfonds, Irina Dähne, sagt selbstbewusst: „Wir sind kein Schnäppchenmarkt.“ Begierig schauen immer mehr ausländische Investoren auf Berlin.
Die Sprecherin des Liegenschaftsfonds, Irina Dähne, sagt selbstbewusst: „Wir sind kein Schnäppchenmarkt.“ Begierig schauen immer mehr ausländische Investoren auf Berlin.
Beste Lage in der West-City: Das ehemalige Amerika Haus an der Hardenbergstraße ist voller Geschichte. Jetzt wird ein Investor gesucht, der künstlerische und kommerzielle Nutzung vereint und auch noch den Denkmalschutz gewährleistet. Fotos: Eckert
Beste Lage in der West-City: Das ehemalige Amerika Haus an der Hardenbergstraße ist voller Geschichte. Jetzt wird ein Investor gesucht, der künstlerische und kommerzielle Nutzung vereint und auch noch den Denkmalschutz gewährleistet. Fotos: Eckert

Das Milliardenspiel

Land und Bund haben in Berlin Tausende von Immobilien zu vergeben. Der Verkauf ist ein spannendes Geschäft – und extrem lukrativ.

Berlin. Prominente Grundstücke und Häuser aus öffentlicher Hand sind begehrt in aller Welt. Im Angebot stehen spektakuläre Objekte wie das Amerika Haus am Zoo. Bei anderen Offerten zieht sich die Veräußerung qualvoll in die Länge. Als Ladenhüter verschandeln sie jahrelang das Stadtbild.

Das Schild ist – je nachdem, wie man es nimmt – nur noch bizarr zu nennen oder aber bereits der blanke Hohn. „Unberechtigt geparkte Fahrzeuge“, heißt es an der Einfahrt warnend, würden umgehend abgeschleppt. Nein, abgeschleppt wird hier schon lange nicht mehr. Warum auch, es fehlt offensichtlich jedwede Ordnung. Was sich die Natur nicht bereits zurückerobert hat, ist in großen Teilen dem Vandalismus anheimgefallen. Das Gebäude am Kladower Damm 299, in den 70er Jahren im Stil jener so brachialen Beton-Moderne in die bewaldete Spandauer Landschaft gesetzt, ist zu einem Schandfleck geworden. Seit der Deutsche Entwicklungsdienst (DED) 2002 an den Rhein gezogen ist, verkommt der dreistöckige Komplex rapide. Kein Wunder also, dass der Bau dem Besitzer schon seit geraumer Zeit „schwer im Magen“ liegt. Der Besitzer ist die Bundesrepublik Deutschland, und dringend möchte er sich von dem maroden Anwesen trennen. Es ist ihm fast ein bisschen peinlich.

Erbe der Alliierten


Helmut John vertritt den Bund in diesen heiklen, aber auch Gewinn bringenden Veräußerungsgeschäften. Der Leiter der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben schlägt Jahr für Jahr Grundstücke und Gebäude im Wert von 110 bis 160 Millionen Euro los. Diese Immobilien liegen in Berlin, gehören aber dem Bund. Vieles ist dem Bundesbesitz aus ehemals alliierter Nutzung zugefallen, für anderes findet sich keine Verwendung mehr. Rund zwei Milliarden hat John seit der Wende für seinen Arbeitgeber erlöst. Es ist ein lukratives, aber auch ein beinhartes Geschäft.
Von außen gesehen scheint es rätselhaft, warum sich bei vielen verwaisten Gebäuden oder brach liegenden Flächen nichts zum Besseren verändert. Aber es ist in der Regel ein langer und komplizierter Weg, bis eine Immobilie ihren Käufer findet. Gutachten müssen erstellt, Altlasten geprüft, das Planungsrecht ausgearbeitet, der Wert ermittelt werden. Dann muss sich, je nach Eigentümer und Vergabeart, der Steuerungsausschuss, in dem Senat und Bezirk vertreten sind, mit dem Vorhaben beschäftigen. Im Fall des ehemaligen DED-Standorts zum Beispiel legte sich das Bezirksamt lange Zeit quer. Und so kann es dauern. Und dauern. Und dauern.

Zu den vom Bund betreuten Arealen kommen noch die Offerten des landeseigenen Liegenschaftsfonds Berlin. Rund 5000 Grundstücke sind im Augenblick im Angebot, ständig werden welche verkauft und kommen neue hinzu. Knapp anderthalb dringend benötigte Milliarden Euro hat die 2001 gegründete Einrichtung bisher erlöst, veräußert wurden bei 3600 Verkäufen rund neuneinhalb Millionen Quadratmeter Fläche. Der Fonds ähnelt ein bisschen der Gans, die goldene Eier legt: ein wahrer Segen für die Landeskasse in diesen klammen Zeiten.

Entsprechend groß ist der Druck, den – mit Billigung der Politik – der Fonds auf die Bezirke ausübt, ihre Bestände nach überzähligen Objekten zu durchforsten. Aber was ist überzählig? Auf welchen Raum – zum Beispiel für soziale Einrichtungen – kann verzichtet werden? Wo werden vielleicht die besten Liegenschaften zu leichtfertig weggegeben? Soll das Berliner „Tafelsilber“ wirklich Stück für Stück versteigert werden? Konflikte und öffentliche Debatten sind da programmiert.

In Spandau erhebt jetzt niemand mehr Einwände gegen den Verkauf des DED-Komplexes. Die Liegenschaft gilt mittlerweile als eine Art Abenteuerspielplatz für Jugendliche. Weit schlimmere Verwüstungen aber hinterlassen Einbrecher, die es auf die Kupferleitungen abgesehen haben. Ohne jede Rücksicht reißen sie die Rohre aus den Wänden und hinterlassen wahre Trümmerfelder. Bei seinem Kontrollgang guckt Hausmeister Detlef Flöter traurig und ein wenig ängstlich auf den hervorquellenden Asbest-Dämmstoff. „Erst kamen die Kinder und Jugendlichen“, sagt er, „dann kamen die Profis.“
Natürlich gibt es im Portfolio der Bundesanstalt auch jede Menge äußerst attraktive Angebote. Da stehen weiträumige Freiflächen, Bürohäuser und schmucke Einfamilienhäuser zum Verkauf, aber auch, in bevorzugter Dahlemer Lage, die ehemalige, später von den Amerikanern bewohnte Dienstvilla General Keitels. Das Spektrum reicht von bieder bis hoch spannend, auch Prekäres ist dabei, etwa umweltverschmutzte ehemalige Militärgebiete. Den Zuschlag bekommt der Meistbietende.

Weltweites Interesse


Der Berliner Liegenschaftsfonds braucht sich mit seinem immer wieder aktualisierten Katalog nicht zu verstecken. In ihm sind etwa die Alte Münze an der Spree, der Humboldt-Hafen, das Robert-Koch-Forum mit dem legendären Hörsaal des alten Hygieneinstituts aufgeführt. Zwar tauchen in diesen Listen auch ein paar Ladenhüter – etwa das Krankenhaus Staaken – auf, doch kann dies die gute Laune bei den Fonds-Mitarbeitern nicht trüben. Sie merken, dass immer mehr ausländische Investoren begierig auf die Stadt schauen. Berliner Immobilien stoßen auf weltweites Interesse. Die Preise ziehen an, sehr zur Freude auch des Finanzsenators. „Wir sind“, sagt Liegenschaftsfonds-Sprecherin Irina Dähne, „kein Schnäppchenmarkt.“

Wohl kaum verschleudert werden dürfte auch ein anderes spektakuläres Gebäude in Bestlage. Zwar ist der äußere Schein nicht eben strahlend, doch kommt hier ein ganz anderer Wert zum Tragen. Das seit zwei Jahren geräumte Amerika Haus an der Hardenbergstraße in Charlottenburg ist vollgesogen mit Vergangenheit und Erinnerungen – durchaus ein Pfund, mit dem sich wuchern lässt. Anfangs wollte das Land diesen Besitz behalten. Aber wieder einmal lautete die Devise: (Fast) alles muss raus! Denn die Kassen sind leer. „Man kauft Geschichte mit“, sagt Irina Dähne beim Besuch des eher schlichten Zweckbaus. Grauer Kunststoffboden, unbedarft abgehängte Decken, Neonlicht: Es ist einige Vorstellungskraft nötig, um sich für diesen Ort wieder eine blühende Zukunft vorzustellen. Doch zählt auch hier vor allem der harmonische Maklerdreiklang „Lage, Lage, Lage“.

Ab März wird die Ausschreibung drei Monate lang laufen. Der Bezirk erwartet ein überzeugendes Konzept. Eines, das die kommerzielle mit einer kulturellen Nutzung vereint, den Denkmalschutz gewährleistet und am Ende noch etwas mit Amerika zu tun haben soll. Da darf man aufatmen: Eine McDonald’s-Dependance an dieser Stelle scheint erst einmal ausgeschlossen.

Kai Ritzmann


Flughafen Tempelhof und Humboldthafen im Angebot
Am vergangenen Wochenende konnte Berlin auf der MIPIM, der weltgrößten Immobilienmesse in Cannes, mit einigen Highlights aufwarten. So präsentierte man den internationalen Investoren mit dem Humboldthafen nicht nur 35 000 Quadratmeter in exzellenter City-Lage, sondern – nicht weniger spektakulär – auch gleich Gebäude und Gelände des Tempelhofer Flughafens. Im Jahr 2007 verkaufte der Liegenschaftsfonds Berlin 594 Immobilien im Wert von 281 Millionen Euro – mehr als jemals zuvor. Nach der gerade veröffentlichten Bilanz konnten über 230 Millionen Euro an den Landeshaushalt abgeführt werden. Die Berliner Bezirke waren mit 24 Millionen Euro am Erlös beteiligt.

 

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