Handy statt Kleingeld: Bestattungsunternehmer Mario Schumacher ist einer von etwa 8700 Berlinern, die ihre Parkgebühren per Mobiltelefon bezahlen.   Foto: Dötsch
Handy statt Kleingeld: Bestattungsunternehmer Mario Schumacher ist einer von etwa 8700 Berlinern, die ihre Parkgebühren per Mobiltelefon bezahlen. Foto: Dötsch

Das Telefon als elektronische Parkuhr

Nach einem erfolgreichen Modellversuch wird das Handy-Parken in Berlin dauerhaft eingeführt. Knapp 8000 Hauptstädter nutzen den Service.

Berlin. Seit drei Jahren können Berliner ihre Gebühren für das Parken auf öffentlichem Straßenland bargeldlos per Handy bezahlen. Das System hat Vorteile: Die Abrechnung erfolgt im Drei-Minuten-Takt, lästiges Suchen nach Kleingeld entfällt ebenso wie das Risiko, nach überzogener Parkzeit ein Verwarngeld berappen zu müssen. Doch die Berliner machen nur zaghaft von dem Angebot Gebrauch.

Leise fluchend wühlt Sabrina Breitenbach in ihrem Portemonnaie. Der Arzttermin könnte zwei Stunden dauern, schätzt die Mittvierzigerin. Zwei Euro müsste sie dafür in den Parkscheinautomaten an der Spandauer Jüdenstraße stecken. Doch in der Geldbörse herrscht Münzennotstand. Gerade einen Euro kann die Autofahrerin zusammenklauben. „Vielleicht geht’s ja schneller“, hofft die Frau und zieht achselzuckend den Parkschein für eine Stunde aus der Automatenklappe. Besonders zuversichtlich ist Sabrina Breitenbach allerdings nicht: „Am Ende fange ich mir sowieso wieder einen Strafzettel ein. Das ist mir schon einmal passiert.“

Mario Schumacher greift zum Handy, nachdem er seinen Firmenwagen an der Wilmersdorfer Güntzelstraße abgestellt hat. Der Bestattungsunternehmer ist beim Betreiber des Handy-Parksystems „m-parking/easytrade“ Kunde der ersten Stunde. „Man ruft einfach eine vorgegebene Nummer an, wenn man einparkt, und macht dasselbe, wenn man wieder wegfährt“, sagt der 38-Jährige. „Das ist wirklich sehr praktisch. Sonst müsste ich alle zwei Stunden vor die Tür laufen und den Parkscheinautomaten nachfüttern.“ Hat man einmal vergessen, sich abzumelden, wird man automatisch zum Ende der kostenpflichtigen Parkzeit ausgeloggt.

 Je nach Standort zwischen fünf und 15 Cent für drei Minuten kostet das E-Parking im Standardtarif. Für Vielfahrer und -parker wird ein Businesstarif angeboten: Bei einer monatlichen Grundgebühr von einem Euro kosten drei Minuten dann sechs Cent. Die Rechnung kommt am Monatsende. Die Gebühren werden vom Bankkonto abgebucht. An herkömmlichen Parkscheinautomaten sind je nach Standort in Berlin zwischen 25 und 75 Cent je angebrochene Viertelstunde fällig.

8700 Nutzer in Berlin

Weil sie die elektronische und relativ zeitgenaue Abrechnung von Parkgebühren für einen bürgernahen Service halten, haben die sechs Bezirke mit bewirtschafteten Parkzonen mit der Betreiberfirma die Fortsetzung der bargeldlosen Parkgebührenabrechnung für Berlin vereinbart, nachdem die Möglichkeit des sogenannten Handyparkens per 1. Januar 2008 auch in die Straßenverkehrsordnung aufgenommen worden ist. Nach Ablauf eines knapp dreijährigen Testlaufs können Autofahrer damit in Charlottenburg-Wilmersdorf, Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte, Spandau, Steglitz-Zehlendorf und Tempelhof-Schöneberg weiter den „elektronischen Parkschein“ nutzen.
Doch vom Ende des Parkscheinautomaten, den Technikenthusiasten zu Beginn des Modellversuchs 2005 bereits vorausgesagt hatten, kann noch keine Rede sein. Das Angebot wird nur zaghaft angenommen. 8700 Kundenfahrzeuge hat m-parking/easytrade derzeit in der Millionenstadt Berlin registriert. Vor einem Jahr waren es etwa 7000 – bei knapp 1,4 Millionen Fahrzeugen in Berlin.

Generell würden die technischen Möglichkeiten des Handys in Deutschland nur sehr zaghaft genutzt, erklärt Philip Zimmermann, Vertriebsleiter von m-parking/easytrade den mäßigen Erfolg des Systems in Berlin. „In Österreich beispielsweise nutzen 25 Prozent der Autofahrer das Handy-Parken“, so Zimmermann. Dort seien allerdings auch die Bußgelder bei Überschreiten der bezahlten Parkzeit deutlich höher als in Deutschland.

Völlig reibungslos läuft der bargeldlose Gebühreneinzug in Berlin allerdings noch nicht. Der Wilmersdorfer Geschäftsmann Mario Schumacher findet trotz Registrierung von Zeit zu Zeit ein „Knöllchen“ hinter seinem Scheibenwischer vor. „Ich habe da schon einen Formbrief für meine Widersprüche“, sagt er lakonisch. Auch wenn bisher allen Einsprüchen stattgegeben wurde – ärgerlich ist das ungerechtfertigte Strafticket allemal. Schumacher vermutet, dass die Geräte nicht einwandfrei funktionieren, mit denen die Parkraum-Überwacher der Berliner Ordnungsämter überprüfen können, ob sich ein Handy-Parker auch wirklich angemeldet hat.

System bundesweit?


Der Vertriebschef von m-parking weist das zurück. Die weiß-grüne Plakette werde von den Ordnungshütern manchmal übersehen, ist Philip Zimmermann sicher: „Die sind darauf geeicht, nach dem weißen Parkschein zu gucken.“ Die Vignette käme einfach noch zu selten vor, erklärt Zimmermann zwischen zwei Geschäftsterminen. Der Mann von m-parking ist derzeit viel in der Bundesrepublik unterwegs. Seine Mission: ein stadtübergreifendes System zu etablieren. Einmal angefordert, soll eine Vignette dann in allen Städten gültig sein.

Bisher ist das noch Zukunftsmusik. Um auch in der Bundeshauptstadt das Handy-Parken populärer zu machen, hat m-parking eine Kampagne für das Angebot gestartet. Inzwischen weisen an vielen Parkscheinautomaten blau-weiße Aufkleber mit der Frage „Kein Kleingeld?“ auf die Möglichkeit der mobilen Gebührenabrechnung hin. Vielen Berlinern sei jedoch eine Registrierung schon zu umständlich, klagt der Vertriebsmann von m-parking. „Die sehen den Aufkleber am Parkautomaten, und wollen dann sofort ihre Parkgebühren per Handy bezahlen“, weiß Zimmermann. Eine Registrierung im Internet (www.handy-parken.de), per Brief oder telefonisch ist aber erforderlich. Mit dem – jederzeit kündbaren – Vertrag kommt dann per Post auch die Vignette, an der Polizei und Ordnungsämter Handy-Parker erkennen können.

2,9 Millionen „Verwarngeldangebote“ wegen Verkehrsordnungswidrigkeiten – wie die „Knöllchen“ im Amtsdeutsch heißen – haben Polizei und Ordnungsämter 2006 in Berlin verhängt – die meisten an Falschparker. Münzparkerin Sabrina Breitenbach kommt trotz überzogener Parkzeit in Spandau ohne Knöllchen davon – zumindest an diesem Tag.

Helga Labenski


Auch Bahnfahrkarten gibt es per Handy
Das Handy als Instrument zur Abrechnung hat sich bei der Deutschen Bahn bereits bewährt: Der Fahrrad-Verleih-Service „Call a Bike“ der Bahn wird seit Jahren über das Funktelefon abgewickelt. 1450 rot-silberne Leihfahrräder werden an den verkehrsreichen Orten der Hauptstadt wie Potsdamer Platz, Zoo und Wittenbergplatz angeboten. Sie können nach Gebrauch an allen größeren Kreuzungen im inneren S-Bahnring wieder abgestellt werden. Beginn und Ende der Fahrt melden registrierte Nutzer des Systems per Handy. Per Telefon gibt es auch den Code für das Fahrradschloss. Bezahlt wird (Normaltarif: 8 Cent je Minute) nur die tatsächliche Nutzungszeit.
20 000 Menschen haben den Fahrradverleih der Bahn 2007 in Anspruch genommen – ein Drittel mehr als ein Jahr zuvor. Während der Call-a-Bike-Saison von März bis Dezember waren die Velos der Bahn im zurückliegenden Jahr 125 000-mal im Einsatz. Trotz des verregneten Sommers 2007 blieb die Zahl der Fahrten mit den Leihrädern der Bahn damit in Berlin konstant.
Nun will die Deutsche Bahn auch die Fahrkostenabrechnung per Handy einführen. 200 Testkunden aus Berlin, Potsdam und Hannover erproben seit März das System „Touch & Travel“. Es setzt auf den Kurzstreckenfunk Near Field Communication (NFC). Der Reisende meldet sich am Startbahnhof mit einem NFC-tauglichen Handy an einem Touchpoint an und am Ziel wieder ab. Am Monatsende erhält der Nutzer eine Rechnung für seine Bahnfahrten. Bewährt sich „Touch & Travel“, soll es 2010 flächendeckend eingeführt werden.

 

LESERAKTIONEN



Frage der Woche

 

 

Halten Sie den Reaktor in Wannsee für gefährlich?


ja
nein

Vor Abstimmung bitte Zeichenfolge eingeben.
Captcha-Code



Ergebnis der Vorwoche

Haben Sie Angst, Opfer eines Einbruchs zu werden?
 
ja: 87%
 
nein: 13%
 

100 Stimmen gesamt

1-2-Job