


Viele Jugendliche erkennen oft erst zu spät, wie hilfreich ein gutes Zeugnis für den Einstieg ins Berufsleben ist.
Berlin. Auf dem Berliner Ausbildungsmarkt gibt es nicht genug Lehrstellen, andererseits suchen Betriebe händeringend nach geeigneten Auszubildenden. Praxisnahes Lernen an den Schulen mit Unterstützung von Wirtschaft und Arbeitsagentur soll das Missverhältnis abbauen.
Im überbetrieblichen Bildungswerk Kreuzberg (BWK) an der Cuvrystraße gibt es Lehrstellen für mehr als 20 Berufe: Ob Schneiderin, Mechaniker oder Kaufmann/-frau, es ist eine letzte Chance für Jugendliche. So wie für die zukünftigen Teilezurichter Kemal Songür (20) und Kemal Imsirovic (23), die dort ihre Ausbildung erhalten.
Der 25-jährige Benjamin Timreck steht in der Fahrradwerkstatt und kümmert sich um ein lädiertes Rad. Mit der Lehrstelle hat er nach eigener Meinung das große Los gezogen: „Ein paar Mal habe ich mich vorher für Büroberufe beworben, aber das wurde nichts“, erzählt Benjamin. Nun werde sein Hobby zum Beruf.
Von der Schule ist er mit Hauptschulabschluss abgegangen, über die Zeit danach bis zur Lehre beim BWK will Benjamin lieber nichts erzählen. Dafür hat er jetzt Pläne: „Ich will mich unbedingt noch qualifizieren.“ Auch David Bischoff (23) lernt Fahrradmonteur. „Ich hatte mich über 20-mal beworben. Aber keiner wollte mich. Das hier war meine Rettung.“
„Ich werde Hartz IV“
Warum einige junge Leute kaum Chancen auf einen Ausbildungsplatz haben – und erst recht nicht auf ihren Wunschberuf – ,wissen die Experten. So wie die Streetworker von „outreach“. Deren Leiter Ralf Gilb zählt einige Hauptgründe auf: „Keine oder schlechte Schulabschlüsse, Sprach- und Familienprobleme, soziale Benachteiligung, Frustration.“
Oft fehlten Qualifikation und Kompetenzen. Da käme auch, so Gilb, der wirklich ernst gemeinte Berufswunsch „Ich werde Hartz IV“ zustande. Wirtschaft und Handwerk bezeichnen Jugendliche ohne genügend Bildungsgrundlagen als „nicht ausbildungsreif“. Das bekommen auch die Berater in den Berufsinformationszentren (BIZ) der Arbeitsagenturen zu spüren. Im BIZ an der Friedrichstraße erlebt Berufsberaterin Ute Kopper seit sechs Jahren täglich, woran es hapert. „Meist wissen die Schulabgänger nicht, was sie wollen oder haben keine Vorstellungen über die Anforderungen in ihrem Wunschberuf.“ Ob Manager, Pilot, Fluglotse oder Arzt – der Realitätsbezug lasse teils sehr zu wünschen übrig. Manchmal, so Kopper, würden auch einfach Vorschläge der Eltern vorgetragen. So wie „Mein Vater sagt, Bankkaufmann wäre doch prima“. Dass der Junge lieber mit Holz arbeitet, zählt nicht. Auch, dass Polizisten und Köche Schichtdienst haben, scheint sich nicht unter den Bewerbern herumgesprochen zu haben. Berufswahl sei, betont die Beraterin, eine Sache der ganzen Familie.
Ihr Tipp: gemeinsam zur Berufsberatung kommen und sich informieren. Mit vereinten Kräften bemühen sich Politik, Wirtschaft, Arbeitsagenturen und Schulen um mehr praxisnahe Angebote zum Einstieg ins Berufsleben in den siebten bis zehnten Klassen. „Duales Lernen“ heißt das neuste gemeinsame Projekt dafür. Schulischen Alltag und berufliche Praxis miteinander zu verbinden ist das Ziel. Das geht zum Beispiel über Kooperationen und Partnerschaften mit Betrieben, die dann Praktika bei sich und Projekttage an den Schulen anbieten. „Wir versprechen uns davon auch bessere individuelle Förderung und mehr Lehrer an den Schulen“, hofft Ralf Gilb von „outreach“.
Aber schon jetzt ist die Palette der Hilfen zum Einstieg in Lehre und Beruf groß. Ob die Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK), Handwerkskammer (HWK) oder Berufsinformationszentren, alle bieten Ausbildungsplatzbörsen mit freien Lehrstellen in kleineren Betrieben ebenso wie in großen Unternehmen – von Autowerkstätten bis zu Banken.
Berufe vorgestellt
Und ganz wichtig: Die einzelnen Berufe, egal, ob Speiseeishersteller, Binnenschiffer oder Elektroniker, werden genau vorgestellt. Für lernschwache Schüler bemühen sich die Experten um Praktikumsplätze zur Vorbereitung auf die Lehre. In persönlichen Gesprächen mit den Ausbildungsberatern von IHK, BIZ und HWK können sich die Jugendlichen informieren.
Auch Kooperationen und Partnerschaften zwischen Unternehmen und Schulen bestehen schon länger. Unter dem Motto „Schule trifft auf Praxis“ engagieren sich beispielsweise Fleischer, Bäcker, Versicherungen und Industriebetriebe an Oberschulen.
Als Geschäftsführer Aus- und Weiterbildung der IHK verbindet Christoph von Knobelsdorff mit dem dualen Lernen eine „erheblich verbesserte Berufsorientierung“ schon ab der siebten Klasse. Seine Forderung: „Jede Sekundarschule muss mindestens einen Partner in der Wirtschaft bekommen.“
Auch bei der Handwerkskammer sind die Probleme der Jugendlichen bekannt. „Oft sind deren Wünsche zu hoch gesteckt“, sagt Katharina Schumann, Leiterin der Bildungsberatung bei der Handwerkskammer. Viele freie Stellen blieben unbesetzt, weil die Bewerber nicht den Anforderungen entsprächen. „Da merken einige zum ersten Mal, wie wichtig der Schulabschluss ist.“ So haben derzeit laut Katharina Schumann Firmen Probleme, freie Lehrstellen für Sanitärberufe, Friseure, Bäcker oder Fachverkäufer zu besetzen. Die Kfz-Branche dagegen habe kaum neue Angebote.
In den drei Berliner Berufsinformationszentren kann am Computer getestet werden, welcher Beruf den eigenen Neigungen und Fähigkeiten am meisten entspricht. „Zusätzlich zum normalen Informationsangebot gibt es inzwischen immer mehr Sonderprogramme in Berlin.“ Darauf verweist Erik Benkendorf von der Regionaldirektion der Arbeitsagentur. So gebe es auch ein einjähriges Praktikum als Einstiegsqualifizierung zur Berufsausbildung. Läuft alles gut in dem Betrieb, bestehe die Möglichkeit, dort einen Ausbildungsvertrag zu erhalten. Voraussichtlich am 11. Mai, so Benkendorf, werde wieder von der Arbeitsagentur ein Tag des Ausbildungsplatzes veranstaltet. Dann gehen Berufsberater zum Beispiel in die Betriebe, um zusätzliche Lehrstellen zu akquirieren.
Gabi Zylla
| Wo es Tipps und Informationen gibt |
| Für das Ausbildungsjahr 2008/2009 gab es laut Arbeitsagentur in Berlin 20.843 Bewerber auf Lehrstellen. Letztendlich konnten 1563 Suchende nicht vermittelt werden. Die meisten von ihnen hatten sich in der Dienstleistungsbranche beworben. Besonders schwer war es für Hauptschüler, eine Lehrstelle zu finden: Nur jeder zehnte Hauptschulabgänger bekommt einen Platz. An der neuen Sekundarschule soll nun das „duale Lernen“ in Verbindung mit Partnern aus der Wirtschaft für bessere Voraussetzungen sorgen. Einen Tag der offenen Tür zum Thema Berufswahl bietet das Berufsinformationszentrum BIZ (Tel. 55 55 99 26 26) an der Friedrichstraße 39 am Sonnabend, 6. März, von 11 bis 15 Uhr an. Weitere Informationen zu Ausbildungsplätzengibt es bei der Industrie und Handelskammer IHK (Tel. 31 51 00, www. berlin.ihk24.de), Handwerkskammer HWK (Tel. 259 03 01, www.hwk-berlin.de), Arbeitsagentur (www.arbeitsagentur. de, www.planet-beruf.de). zy |
|
Weitere Online-Angebote der Axel Springer AG: AUDIO VIDEO FOTO BILD | BERLINER MORGENPOST | BILD | BILD am SONNTAG | BILD der FRAU | B.Z. | COMPUTER BILD | COMPUTER BILD SPIELE | DIE WELT | WELT am SONNTAG | €URO | EURO am SONNTAG | FAMILIE & CO | HAMBURGER ABENDBLATT | HAMBURGER WOCHENBLATT | HÖRZU | JOLIE | MÄDCHEN | METAL HAMMER | MUSIKEXPRESS | POPCORN | ROLLING STONE | SPORT BILD | STARFLASH | TV DIGITAL | YAM! | www.autobild.de | www.immonet.de | www.stepstone.de | www.arbeiten.de | www.idealo.de | www.dvd-idealo.de | www.spiele-idealo.de | buch-idealo.de | www.axel-springer-akademie.de www.axelspringer.de |
© 2004-2010 Berliner Wochenblatt Verlag GmbH - Alle Rechte vorbehalten. Impressum Datenschutz
Berliner, wochenblatt, woche, redaktion, anzeigen, kleinanzeigen, download, beilagen, zeitung, anzeigenblatt, wochenzeitung, kostenlos, gratis, Marktführer, Nr. 1, lokalzeitung, lokal, Berlin, Hallo, Spandau, Spandauer, Volksblatt, Reichweite, Leserreisen, Leser, Reportage, Motorradtouren, Stellenmarkt, Ausgaben, Werben, Themenplan, Leseranalyse, Referenzen, Werbeprospekte, Direktverteilung, Centerzeitungen, Prospektanzeigen, Autorenwettbewerb, Durchblick, Berliner Helfen, Leseraktionen, Ostpool, Zustellqualität, Halfcover, Flying Page, Jobs, Vertriebsqualität, Einkaufscenter