Schreibwaren, Strümpfe, Parfums: Die Verkaufsfläche im Erdgeschoss von Karstadt am Hermannplatz. Foto: Augen-Blick
Schreibwaren, Strümpfe, Parfums: Die Verkaufsfläche im Erdgeschoss von Karstadt am Hermannplatz. Foto: Augen-Blick

Das Zittern hat ein Ende

4000 Arbeitsplätze bei Karstadt in Berlin gesichert. In den elf Warenhaus-Filialen wird Nicolas Berggruen als Retter gefeiert.

Berlin. Karstadt hat eine neue Chance zum Überleben bekommen. Alle Hoffnungen ruhen auf Investor Nicolas Berggruen. In den elf Berliner Warenhäusern sind insgesamt rund 4000 Mitarbeiter betroffen.

Als das Amtsgericht Essen Anfang September den Insolvenzplan der Karstadt Warenhaus GmbH bestätigt hat, knallten in den elf Berliner Karstadt-Häusern die Sektkorken. Möglich war das durch die lange erwartete Unterzeichnung eines Mietvertrages zwischen der Berggruen Holding und dem Vermieterkonsortium Highstreet. Diese Einigung mit Highstreet auf niedrigere Mieten war für den deutsch-amerikanischen Investor Nicolas Berggruen Voraussetzung zum Einstieg in das Geschäft mit der traditionsreichen Warenhauskette.

Über ein Jahr dauerten das Auf und Ab der Gefühle, die Zukunftsangst der Mitarbeiter, das Zittern um die Arbeitsplätze. Nach dem Zuschlag durch den Karstadt-Insolvenzverwalter und dem grünen Licht aus Essen wird Investor Berggruen als Retter gefeiert. Und der lässt es sich nicht nehmen, in einigen seine Filialen überraschend vorbeizuschauen. So wie jüngst am Hermannplatz in Neukölln am verkaufsoffenen Sonntag.

Kunden-Applaus


„Es gab einen kurzen Anruf bei uns, und drei Stunden später war er da“, erzählt Geschäftsführer Fred Lehmann. Schokolade und Pralinen hat Berggruen gekauft und sich den Schulmarkt-Bereich angesehen. Als der neue Chef dann erkannt wurde, standen die Mitarbeiter Spalier und Kunden applaudierten. „Das Händeschütteln nahm kein Ende“, so Lehmann. Nach dem kleinen Sektempfang und den Mitarbeitergesprächen ist es dem Geschäftsführer sogar gelungen, seine Vorschläge für das Haus am Hermannplatz kurz anzusprechen – wie zum Beispiel neue Modemarken im Herrenbereich anzubieten, den Sportteil zu vergrößern und neu zu gestalten sowie die Parfümerie neu zu strukturieren. Sein Fazit: „Endlich sind die Standorte und Arbeitsplätze wieder sicher. Jetzt warten wir optimistisch ab, wie es konkret weitergeht.“ Die Stimmung beim Personal ist ausgesprochen gut. Darauf verweist Verkäuferin Sabine Peisker, die seit 26 Jahren am Hermannplatz arbeitet. „Auch unsere Familien sind erleichtert“, sagt die Neuköllnerin. Alle seien glücklich, dass Herr Berggruen und kein anderer Karstadt übernehme. Ihm vertraue jeder, im Gegensatz zu irgendwelchen „Heuschrecken“.

Neue Modemarken

Am 30. September soll Karstadt offiziell aus der Insolvenz entlassen werden – dann erfolgt die Übergabe der Zuständigkeiten und Unterlagen vom Insolvenzverwalter an Berggruen. Klar ist bisher nur, dass alle Standorte erhalten bleiben und dass es bei dem Unternehmen in Zukunft drei eigenständige Einheiten geben wird: die Premiumhäuser, zu denen auch das KaDeWe gehört, Karstadt-Sport von denen es in Berlin zwei gibt sowie die übrigen Häuser.

Die Gruppen sollen sich laut Berggruen individuell entwickeln und die Häuser sollen weitestgehend selbstständig geführt werden. Die Warenhauskette soll modern, aufregend und aktueller werden, das Sortiment attraktiver – Einkaufen als ein schönes Erlebnis ist das Ziel. So sitzt jetzt der amerikanische Modemacher Max Azria mit im Karstadt-Boot. Er verfügt über diverse Lables, die in Deutschland noch nicht präsent sind. Darunter beispielsweise auch modisch-innovative, bezahlbare Damenoberbekleidung für junge Frauen.

Erika Ritter von Ver.di ist „sehr zufrieden“, dass der Gewerkschafts-Favorit Berggruen das Rennen gemacht hat. Und sie betont, dass es richtig war, so hartnäckig um den Mietnachlass zu verhandeln. „Die Mieten waren ein riesiges Problem“, sagt Ritter. Arbeitsplätze und Tarif seien nun bis Ende 2012 gesichert. Rund 50 Millionen Euro pro Jahr geben, so Ritter, die Karstadt-Beschäftigten zum Neustart dazu – zumeist durch Verzicht auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Zum neuen Konzept für Karstadt habe Ver.di derzeit allerdings auch nur ein neunseitiges, recht allgemeines Infopapier in der Hand. Ein dickes, 200 Seiten starkes Konzept liege noch beim Insolvenzverwalter.

Für 70 Millionen Euro hat Investor Berggruen gekauft, in den kommenden Jahren muss kräftig in Umbau und Modernisierung der Filialen investiert werden. Für den Mietnachlass haben Politiker wie Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, Gewerkschaften und Berggruen an einem Strang gezogen. Nun verzichten die Hauseigentümer von Highstreet der Rede nach auf fast 400 Millionen Euro. Der Berliner Unternehmer und stellvertretende CDU-Landesvorsitzende Thomas Heilmann hat im Auftrag der Regierung beim Verhandlungspoker vermittelt. Auch der Mann aus der Internet- und Medienbranche ist mit dem Erreichten zufrieden: „Die deutschlandweit 25.000 Karstadt-Arbeitsplätze sind gerettet, und die öffentliche Hand hat durch das Zustandekommen des Vertrags 1,5 Milliarden Euro gespart. Das war mein Auftrag, und ich bin froh, dass das gelungen ist.“ Denn immerhin mussten, so Heilmann, mehr als 150 Finanzinvestoren bei Highstreet von der Mietminderung überzeugt werden und dafür ihre Unterschrift leisten.

Gute Zukunftsaussichten


„Das Wichtigste ist zurzeit, dass für die Mitarbeiter genauso wie für die Kunden Klarheit herrscht. Karstadt existiert weiter und wird sich wieder stabilisieren“, zieht Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer beim Einzelhandelsverband Berlin-Brandenburg, Bilanz nach 15 Monaten Insolvenzverfahren. „Alle Standorte in der Region haben nun wirklich gute Zukunftsaussichten“, ist Busch-Petersen überzeugt. Er hofft, der Investor sehe das genau so. Unternehmer Nicolas Berggruen ist zwar einerseits glücklich über die erworbene Traditionsmarke Karstadt, weiß aber auch, dass jetzt die Arbeit erst richtig beginnt. Denn nur, wenn in ein paar Jahren noch alle Mitarbeiter und Kunden lächeln, ist es geschafft, davon ist Berggruen überzeugt.

Gabi Zylla


Nicolas Berggruen
Nicolas Berggruen (49) ist ein deutsch-amerikanischer Investor und Kunstsammler. Sein Vermögen wird auf mehr als zwei Milliarden Dollar veranschlagt. Verstärkt orientiert Berggruen seine Interessen auf langfristige und sozial ausgerichtete Projekte. Er wird heute zu einer neuen Generation von sozial und ökologisch verantwortungsbewussten Investoren gerechnet. Die Nicolas Berggruen Holdings GmbH ist ein unabhängiges, inhabergeführtes Investmentunternehmen für Immobilien mit Bürositz in Kreuzberg. Es kauft, saniert, modernisiert und vermietet Wohn-, Büro- und Gewerbeimmobilien in Berlin und Potsdam. Seit ihrer Gründung 2005 wurden rund 225 Millionen Euro in den Erwerb und die Sanierung von rund 60 Immobilien investiert. Dazu gehören zum Beispiel die Lichtfabrik, ein fünfgeschossiger Gewerbehof an der Kohlfurter Straße in Kreuzberg, das Café Moskau an der Karl-Marx-Allee in Mitte und Altberliner Wohnhäuser wie das an der Oranienstraße 187. Berggruens Vater, Kunstmäzen Heinz Berggruen, überließ Berlin seine wertvolle Gemäldesammlung zu einem Preis weit unter Wert. Sie ist im Museum Berggruen im Stülerbau gegenüber vom Schloss Charlottenburg zu sehen. Mit dabei sind zum Beispiel Werke von Pablo Picasso, Paul Klee und Henri Matisse.

 

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