Das Schild am Hauptbahnhof weist auf den „Service Point“ (zu Deutsch: „Dienstleistungspunkt“) der Deutschen Bahn hin. Hier werden alle Fragen rund ums Reisen mit der Bahn beantwortet. Foto: Augen-Blick
Das Schild am Hauptbahnhof weist auf den „Service Point“ (zu Deutsch: „Dienstleistungspunkt“) der Deutschen Bahn hin. Hier werden alle Fragen rund ums Reisen mit der Bahn beantwortet. Foto: Augen-Blick

Das große Unbehagen

Service Point, Counter, Call & Surf – viele Anglizismen finden sich im Alltag. Doch der Widerstand dagegen regt sich auch in Berlin.

Berlin. Die Forschung kommt zu anderen Ergebnissen, aber das Sprachgefühl vieler Menschen spricht für einen wahren Angriff englischer Wörter auf unsere Muttersprache. Sprachschützer wollen das nicht länger hinnehmen. Doch ihr Engagement schießt oft übers Ziel hinaus.

Da tobt ein Krieg

Man kann Kurt Gawlitta durchaus so verstehen: Da tobt ein Krieg zwischen uns allen, die wir mittels Sprache miteinander in Kontakt treten. Da gibt es einen ideologischen Kampf um – nun ja – die sprachliche Leitkultur. Die einen wollen die deutsche Sprache vor dem vermehrten Eindringen von Anglizismen bewahren, verteidigen ihren „Sprachpatriotismus“ und empfinden ihn als „untrennbaren Teil“ eines allgemein patriotischen Fühlens. Die anderen, so eine Art vaterlandslose Gesellen, möchten von Patriotismus und Sprachpatriotismus nichts wissen. Die Altachtundsechziger, die mit dem Begriff und der Sache namens „Nation“ nichts anfangen könnten, hätten auch das Deutsch aufgegeben und machen es denen schwer, die eben beides retten wollten. Denn in den Augen Gawlittas verwalteten die Lordsiegelbewahrer der 68er-Ideale noch „ein Meinungsmonopol“ und suchen jede Diskussion um die Reinheit der deutschen Sprache zu „tabuisieren“.

In deren Sicht, meint Gawlitta, sei Deutsch nach 1945 ein für alle Mal „die Sprache der Täter“. Wer das Deutsche retten wolle – und der Leiter der Berliner und Potsdamer Region des „Vereins deutsche Sprache“ will dies qua Amt und aus Leidenschaft unbedingt – sei also „der Böse“. Aber kann der Retter böse sein? Sind nicht vielmehr die anderen böse, weil sie die Debatte, wie es der in diesem Freund-Feind-Muster gefangene Gawlitta ausdrückt, „totschlagen wollen“?

Gawlitta ist ein Herr von 68 Jahren, ein Mann mit guten Umgangsformen und bürgerlicher Bildung. Vor seiner Pensionierung stand er als hoher Beamter in den Diensten des Senats. Er und sein Verein versuchen, die deutsche Sprache vor dem Einfluss des Englischen zu schützen. Er weiß, wo der Gegner steht. Er redet sich in Rage, ach, gleich wieder dieses Fremdwort! Sagen wir daher: in Raserei. Er sagt manches, was missverständlich ist, was ihn wie einen ziemlich Verblendeten dastehen lässt. Gawlitta begreift die Deutschen nicht. Was sei nur los mit dem „deutschen Selbstbewusstsein“? Nach zwei verlorenen Weltkriegen habe sich eine solch „peinliche Anpassung“ ans Englische zugetragen, dass es an ein „Lemurenverhalten“ grenze. Wenn Gawlitta durch die Stadt geht und überall nur „Shop“ und „Snack“ und „Sale“, „McClean“ und „Cosy Wash“ sieht, wähnt er sich „in Chicago“. Starke Worte, starker Tobak.

Es geht, sagen Sprachwissenschaftler, um drei bis vier Prozent des deutschen Wortschatzes. Sprachwissenschaftler urteilen überhaupt recht nüchtern und gelassen, wenn es um das vermeintliche Problem der reinen deutschen Sprache geht. Gisela Klann-Delius ist eine von ihnen, und sie versteht die ganze Aufregung nicht. Die Linguistik-Professorin am Institut für Deutsche und Niederländische Philologie der Freien Universität hält die Furcht vor einer sprachlichen Überfremdung für eine „abartige Interpretation der Daten“. Die Sprache an sich sei doch „unschuldig“. Aber auch sie müsse zur Kenntnis nehmen, dass der Streit zwischen Sprachschützern und ihren Widersachern „aufgeladen“ sei. Es steckt viel Emotionalität in dem Thema, es geht wirklich um Gefühle. Meist aber, so scheint es, geht es nur um sie.

Die Kontrahenten gehen nicht gerade zimperlich miteinander um. Sprechen die einen im Hinblick auf die englischsprachigen Einflüsse von „Kolonialismus“ und „Sprachimperialismus“, von einer Attacke der Coca-Cola-Kultur gegen das Land der Dichter und Denker, wird ihnen von der Gegenseite „Deutschtümelei“ und in Bezug auf ihr Engagement gegen eine Erosion der Muttersprache „Größenwahn“ vorgehalten.

Generelle „Verhunzung“

Klann-Delius bestreitet eine generelle „Verhunzung“ der Sprache durch Anglizismen. Allerdings fühlt auch sie sich von weitgehend sinnfreien Slogans wie „Come in and find out“ genervt. „Unsere Sprache“, beteuert sie jedoch, „ist robuster, als wir glauben.“

Genau betrachtet dringen die Worte aus England und Amerika nicht als ungebetene Gäste in unseren Sprachschatz ein. Vielmehr laden wir sie ein, wir bitten sie sozusagen zu uns herüber, um uns sprachlich auszuhelfen, um die Sprache plastischer, differenzierter zu gestalten. Manches Wort bleibt bei uns und wird eingemeindet, manches wieder zurückgewiesen. Sprache lebt, verändert sich. Was Ende des 18. Jahrhunderts noch heftig als Fremdwort gebrandmarkt wurde – etwa „Frisur“, „Pult“ oder „Zirkel“ –, ist heute als solches kaum noch zu erkennen. Vielleicht sollte man nicht gegen Anglizismen sein, sondern für die Genauigkeit des Ausdrucks. Nicht für Verbote, gar per Gesetz, sondern für einen guten Deutschunterricht, für ein gutes Deutsch in Zeitungen, in Talkshows, in den Parlamenten.

Vielleicht spricht und schreibt derjenige das schönste Deutsch, dessen Gedanken die klarsten sind, der weiß, wovon er spricht und wie er über eine Sache sprechen möchte. Vielleicht steckt in der Angst vor der Überfremdung der deutschen Sprache eine Angst vor dem Fremden generell. Vielleicht wird der Vorwurf gegen den Gebrauch von Fremdworten gegen den erhoben, dessen Gedanken einem nicht gefallen, weil sie zu kompliziert erscheinen, zu akademisch, zu elitär. Vielleicht wenden sich viele gegen Anglizismen, weil ihnen die Globalisierung nicht passt. Vielleicht gegen die englischen Computer- und IT-Ausdrücke, weil ihnen die undurchsichtige Internetwelt nicht behagt. Vielleicht schlagen sie auf den Ausdruck ein und meinen den Inhalt. „Wir sollten“, sagt Klann-Delius, „der Sprache nicht anlasten, dass sie Träger von Inhalten ist, die uns nicht gefallen.“ Mit einem Wort: Bleiben wir also kühl oder bleiben wir cool. Vor allem aber: Bleiben wir der Sprache gegenüber fair.

Kai Ritzmann



Initiativen zum Schutz der deutschen Sprache
Der „Verein deutsche Sprache“ hat sich zum Ziel gesetzt, „Deutsch als eigenständige Kultursprache“ zu fördern und für das „Ansehen der deutschen Sprache“ zu werben. Besonders angesprochen werden sollen dabei die „richtigen Stellen“ in Politik, Medien und Wissenschaft. Die „Stiftung deutsche Sprache“ bekämpft den „schädlichen Einfluss“ des „Denglisch“, indem sie „die deutsche Sprache für die heutigen und kommenden Generationen als ein Kulturgut von höchstem Wert“ zu stärken sucht. Die „Neue fruchtbringende Gesellschaft“ endlich will, im Rückgriff auf die 1617 gegründete patriotische „Fruchtbringende Gesellschaft“, „ein Bewusstsein für den Wert der deutschen Sprache und ihrer Ausdrucksfähigkeit“ schaffen.

 

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