

Viele Berliner Autofahrer haben Vorbehalte gegen Super E10 und zapfen weiterhin ihre gewohnten Kraftstoffsorten.
Berlin. In diesem Jahr wird der neue Kraftstoff Super E10 bundesweit eingeführt. Doch auch in Berlin weigern sich zahlreiche Autofahrer, das neue E10 zu tanken.
Denn die Angst ist groß, dass der Kraftstoff dem Auto schaden könnte. Bei der Markteinführung sei schiefgelaufen, was hätte schieflaufen können, sagen indes Experten und sprechen von Dilettantismus. Wer hat das verzapft? Ölbosse, Automanager, Politiker, Verbraucher- und Umweltverbände schieben sich gegenseitig den Schwarzen Peter zu. Und was sagen die Verbraucher?
Das Risiko ist zu groß
„Angeblich verträgt mein Auto den neuen Kraftstoff. Angeblich. Mir ist das Risiko aber zu groß. Ich tanke weiter meine bisherige Marke“, sagt Silvana Friedrich. Die junge Frau aus Stendal hat gerade auf einer Total-Tankstelle an der Heerstraße ihren Renault Clio vollgetankt. Sie ist auf dem Weg über die B5 zum Berliner Ring und weiter nach Hause.
Hier am Stadtrand, an der größten westlichen Ausfallstraße Berlins, gibt es auf knapp zwei Kilometern fünf Tankstellen. Drei an der Ecke Heer- und Wilhelmstraße, eine an der Ecke Gatower und eine an der Ecke Fahremundstraße. Fragt man beim Personal nach, wie Super E10 laufe, hört man „Mau“, „Mäßig“ oder ein vielsagendes „Naja“. Will man es genauer wissen, wird man an die Chefs verwiesen. Diese wiederum verweisen unisono an die Deutschlandzentralen ihrer Konzerne. Alle mauern. War die Information im Vorfeld der Markteinführung unzureichend? Ein Pächter hinter vorgehaltener Hand: „Wir haben schon seit Wochen Infomaterial hier. Wir haben unsere Kunden persönlich angesprochen. Sie haben sich nicht interessiert. So sind die Menschen. Erst wenn etwas da ist, kommt das Erwachen.“
Kunde ratlos beim Tanken
An der Shell-Station Ecke Wilhelmstraße ist Kai Ratzinger aus Charlottenburg mit seinem Mercedes (Baujahr 1994) vorgefahren: „Ich hatte meine Fachwerkstatt angerufen, die sagte, mein Wagen sei E10-tauglich. Einige Tage später zeigte das Fernsehen einen BMW-Techniker, der vor möglichen Langzeitschäden warnte, die man erst einmal untersuchen wolle. Was soll man als Kunde tun?“, fragt er ratlos und tankt Super plus. Da bei der Verbrennung von Alkohol Wasser entstehe, müsse nun untersucht werden, ob und wie sich dieses Wasser im Motor und auf den Ölstand auswirke, sagte der BMW-Techniker weiter. Er empfahl E10-Verbrauchern, bei ihren Fahrzeugen den Ölstand zu beobachten, und riet zu kürzeren Ölwechselintervallen.
„Alles Schwachsinn mit dem neuen Sprit“, meint Sven Tschirschke aus Kladow. Er hat auf der Agip-Station an der Ecke Fahremundstraße nachgetankt, kontrolliert nun Waschwasserstand und Reifendruck: „Da spart man jetzt beim Tanken von E10 ein paar Cent, und einige Jahre später zahlt man bei Reparaturen doppelt und dreifach drauf.“ Lutz Gräfe aus Spandau fährt mit seinem Toyota bei Esso an der Ecke Gatower Straße vor. Das Hybrid-Modell Prius signalisiert Umweltbewusstsein: „Wenn mein Wagen den neuen Sprit verträgt, steige ich um, der Umwelt zuliebe.“
„Das ist doch alles nur Abzocke“, sagt Simone Leite aus Pankow eine Säule weiter. „Als Normal-Benzin und Super vor mehr als drei Jahren im Preis angeglichen wurden, habe ich mir diesen Golf Diesel gekauft. Zum Glück habe ich jetzt mit den neuen teuren Benzinsorten nichts zu tun.“
Und, was sagt der Profi? Taxiunternehmer Michael Wilke von TB Taxi Berlin in Charlottenburg betankt seinen Opel Astra: „Bei meinem Privatwagen tanke ich die günstigste normale Sorte und auf keinen Fall Super E10. Und diese angeblichen Super-Marken, die von allen Firmen angeboten werden wie V-Power, Plus oder Ultimat mit höherer Oktanzahl auch nicht. Die bringen doch nur dem Hersteller etwas, nämlich Bares. Bei meinen Taxen interessiert mich das Theater um E10 nicht. Die 13 Wagen haben wir schon vor Jahren auf Flüssiggas umgestellt.“
Lebensmittel vernichtet
Eine Straßenecke weiter, rund 500 Meter von der Esso-Tankstelle entfernt, befindet sich das Restaurant „Havelkrug“. Auch hier ist die Benzindebatte Tagesthema: Eine Kegeltruppe kommt herein, setzt sich an einen Tisch, bestellt Essen und Getränke. Auch hier dreht sich das Gespräch um E10. Drei Kegelbrüder befürworten die umweltfreundliche E10-Mischung, lehnen sie aber aus politischen Gründen ab: „Für die Herstellung des Alkohols werden Lebensmittel vernichtet. Es gibt so viele Menschen auf der Welt, die hungern müssen.“ Außerdem könnten dadurch in der Landwirtschaft Monokulturen entstehen, weil der Anbau für Biosprit profitabler sei als für Nahrungsmittel. Wirtin Helga Lösche schlägt sich auf die Seite der Befürworter: „Ich fahre wegen des Preisunterschieds deutlich günstiger trotz geringen Mehrverbrauchs.“
Da staunt der Laie, und der Fachmann wundert sich – angesichts der heftigen Debatten um Pleiten, Pech und Pannen bei der Markteinführung von Super E10. Informationsdefizite und Dilettantismus beim vollmundig gepriesenen „Öko-Super“. Was bleibt dem Laien außer Verunsicherung, während sich die Experten munter weiter streiten?
Simone Leite aus Pankow ist auf einen Dieselwagen umgestiegen, als die Preisspirale mit der Abschaffung von Normal-Benzin ins Drehen kam. Taxiunternehmer Michael Wilke betankt seine Firmenautos schon seit Jahren mit kostengünstigem Flüssiggas. Flüssiggas, Erdgas und auch Wasserstoff bekommt man übrigens auch auf der Tankstellenmeile an der Heerstraße, wo sich die Macht der Kunden an der Tankstellenkasse zeigt.
Matthias Berner

Berlin. Wutabstimmung der Berliner: Mit großer Mehrheit sprachen sich Leser dafür aus, dass Super E10 wieder vom Markt genommen wird.
97 Prozent votierten gegen den von der Bundesregierung verordneten Bio-Sprit, nur drei Prozent befürworten den neuen Kraftstoff, dem zehn Prozent Alkohol beigemischt sind. „Wir müssen den Vorbehalten der Verbraucher Rechnung tragen“, räumt Jörg Kirst vom ADAC Berlin ein. Sein Verband empfehle Autofahrern, deren Wagen E10-fähig sind, den neuen Kraftstoff zu tanken. „Wir werden das kritisch begleiten“, sichert er zu. Sollten Schäden an den Fahrzeugen auftreten, werde der ADAC für seine Mitglieder gegebenenfalls Musterverfahren vor Gericht anstrengen. Einen deutlichen Mehrverbrauch mit E10 stellten zwei Journalisten einer Berliner Tageszeitung bei einer Testfahrt mit baugleichen Autos fest. Der mit Super E10 betankte Wagen hatte einen Mehrverbrauch von 13,86 Prozent gegenüber dem Super-Fahrzeug (98 Oktan). Bei jährlich 25.000 Kilometern errechneten sie für mit E10 betankte Fahrzeuge Mehrkosten in Höhe von 186,67 Euro. mab
| E10 – Daten und Fakten |
| Anfang Februar hat das erste Mineralölunternehmen Super-Benzin mit einem zehnprozentigen Anteil an Bioethanol bundesweit an allen seinen Tankstellen eingeführt. Andere Unternehmen folgten oder werden noch folgen. Der Bioalkohol wird aus energie- beziehungsweise zuckerreichen Pflanzen wie Mais, Gerste, Raps oder Soja gewonnen, in Lateinamerika vorzugsweise aus Zuckerrohr. Die Tankstellen sind seit diesem Jahr verpflichtet, das neue Super E10 anzubieten. Wenn die Mineralölfirmen einen bestimmten Teil am Umsatz nicht erreichen, drohen Strafen. Deshalb wurden an Tankstellen die E10-Lager auf Kosten anderer Sorten erweitert. Da die kleineren Tanks der Alternativmarken schnell ausverkauft waren, kamen und kommen die Tankwagen zeitweise mit dem Beliefern nicht nach. Die Bundesregierung erließ die Vorgaben für den neuen Biosprit, um den Kohlendioxid-Ausstoß zu verringern, wie dies den EU-Richtlinien entspricht. Andere europäische Länder entschieden sich indes für andere Maßnahmen: Bioethanolbeigabe zum Diesel, Einsatz von Solarenergie bei Heizungen oder Windkraft für die Stromerzeugung, um die EU-Richtlinien für die Kohlendioxid-Reduzierung zu erfüllen. |