


Viele Berliner gehen am Computer zu sorglos mit ihren persönlichen Angaben um. Betrugsdelikte im Internet nehmen dramatisch zu.
Berlin. Millionenfach gelangen Daten in falsche Hände. Allein in Berlin griffen dreiste Diebe 14000-mal auf Konto- und Kreditkartendaten zu.
Mit nachträglich in Zahlungsterminals installierten Chips spionieren sie beispielsweise Daten an Tankstellen- und Supermarktkassen aus. Eine weitere Gefahr: Computer. 2007 verzeichnete das Landeskriminalamt den höchsten Anstieg von Delikten in den vergangenen zehn Jahren. Es geht vor allem um Betrug im Waren- und Kreditgeschäft sowie um rechtswidrig erlangte Zugangsdaten zu Kreditkarten und Bankkonten.
Viele Berliner machen es Betrügern leicht, weil sie sich der Gefahren des Daten- und Internetverkehrs nicht bewusst sind. „Um solche Fragen kümmert sich mein Mann“, antwortet Mandy Ostborg (24), Kundin in einem Internatcafé, ausweichend. Auch Norman Koop zeigt sich unbefangen: „Bevor ich den Computer verlasse, schließe ich alle Fenster und melde mich ab.“ Damit bekommt der nächste Kunde jedoch die Möglichkeit, sich sämtliche Seiten des 26-Jährigen anzusehen, die er aufgerufen hat. War er beispielsweise online bei seiner Bank, ist über die Verlaufsspeicherung auch diese Seite wieder aufrufbar. Die wenigsten Internetcafénutzer wissen, dass sie auch den Browserverlauf löschen müssen, bevor sie sich abmelden. „Das werde ich künftig auf alle Fälle tun“, sagt Koop.
Etwa 80 Prozent der strafbaren Handlungen im Internet betreffen Vermögensdelikte. Der Schaden belief sich 2007 nach der Statistik des Landeskriminalamtes in Berlin auf mehr als 3,5 Millionen Euro.
Scharf auf Daten
Doch nicht nur Diebe sind scharf auf Daten. Fast jede Firma registriert die Einkaufsgewohnheiten von Kunden. „Es wird zunehmend schwieriger, irgendetwas zu tun, ohne elektronisch erfasst zu werden“, betont Thomas Petrie, Vizechef des Berliner Datenschutzes. Das gelinge höchsten beim kleinen Bäcker um die Ecke, der noch keine Überwachungskamera hat. „Selbst eine simple Buchbestellung erfolgt heute per Computer“, so Petrie. Damit fließen Leserdaten ins Netz. „Interessierte könnten aus diesen Angaben bereits ein Nutzerprofil erstellen.“ Mit detaillierten Informationen über Kunden will die Industrie Werbung gezielter einsetzen. Wer sich beispielsweise im Internet über Schwangerschaftstests informiert, darf sich nicht wundern, wenn neun Monate später Werbung für Babywindeln ins Haus kommt.
Da es relativ einfach ist, an fremde Daten zu gelangen, nutzen Kriminelle diese Schwachstellen. „Phishing“ nennt sich die Methode, im Internet nach fremden Kontodaten zu „fischen“. Kriminelle schleusen Spione („Trojaner“) auf fremde Computer, um an Bankzugangsdaten zu gelangen. Der Nachteil dieser Masche: Die meisten Nutzer merken nicht, dass ihre Kontodaten ausspioniert wurden. Erst wenn der Kontoauszug mit unbekannten Abbuchungen kommt, fällt der Betrug auf. „Bisher zeigen sich die Banken bei solchen Phishing-Fällen kulant“, sagt Peter Lischke von der Verbraucherzentrale Berlin.
Zwar versichern Banken, Polizei, Grenzschutz oder Bundesminister immer wieder, dass bei ihnen kein Datenmissbrauch erfolgen kann. In Wirklichkeit finden Kriminelle schnell Schlupflöcher. So räumten Internetdiebe kürzlich das Konto des französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy ab. „Daten lassen sich nicht wirklich schützen“, sagt Frank Rosengart vom Chaos Computer Club. In diesem Verein haben sich sogenannte Hacker zusammengeschlossen, die ständig auf der Suche nach Fehlern und Sicherheitslücken sind. Sie zeigten jüngst mit der Veröffentlichung des Fingerabdrucks von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, wie einfach an biometrische Daten heranzukommen ist.
Selbst beste Sicherheitstechnik nutzt nichts, wenn der Faktor Mensch ins Spiel kommt. „Eine 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht“, so Datenschützer Petrie. Für ihn kommt deshalb Onlinebanking nicht infrage. Selbst die Daten der Meldestelle sind vor Zugriff nicht sicher. „Meldestellen verstehen sich zunehmend als Dienstleister, und das Weiterreichen von Dateien für Werbezwecke ist in Berlin nach dem Meldestellengesetz erlaubt“, weist Datenschützer Petrie auf eine Gesetzeslücke hin, die es Werbefirmen genauso wie der Staatsanwaltschaft ermöglicht, auf die Daten jedes Bürgers zuzugreifen. Petrie, der inzwischen seine Kontoauszüge genau prüft, um bei falschen Abbuchungen sofort zu reagieren, rät, Daten nur dann weiterzugeben, wenn es dringend erforderlich ist.
Der „gläserne Bürger“
„Wer per Internet Bankgeschäfte abwickelt, sollte besondere Vorsicht walten lassen“, empfiehlt auch Rosengart. Er hat noch einen weiteren Tipp: Wer nicht will, dass Internetfirmen Daten erfassen und für andere Zwecke nutzen, sollte auf deutsche Firmen zurückgreifen. „Es ist es in der Bundesrepublik verboten, Mails auf werberelevante Wörter zu untersuchen oder Kundendaten ohne Einverständnis weiterzugeben.“ Amerikanische oder asiatische Firmen müssen sich nicht an deutsche Gesetze halten. So speichert die amerikanische Firma Google 18 Monate lang jede Anfrage auf seiner Suchmaschine inklusive der Identitätsnummer des Computers.
Das uneingeschränkte Sammeln von Daten geht der Deutschen Vereinigung für Datenmissbrauch inzwischen erheblich zu weit. „Über Kundenkarten sind inzwischen Kaufgewohnheiten von 60 Millionen Bürger erfasst worden“, weist Roland Schäfer von der Vereinigung auf eine Datensammlung hin, die Kunden zu gläsernen Bürgern macht.
Die von der Bundesregierung seit Januar geltende Vorratsdatenspeicherung aller Telefon- und Internetverbindungen geht nicht nur der Vereinigung zu weit. Darin sehen auch die amtlichen Datenschützer eine Gefahr. „Nach unserer Auffassung ist das generelle Sammeln der Telefon- und Internetverbindungen auf Vorrat verfassungswidrig“, sagt Petrie. Diese Meinung vertreten sie auch vor dem Bundesverfassungsgericht, das über die Zulässigkeit der Datenerfassung voraussichtlich im März entscheiden will.
Marianne Rittner
| So können Sie sich schützen |
| Um Datenmissbrauch zu verhindern, rät die Verbraucherzentrale beispielsweise, auf Kundenkarten zu verzichten. „Das Sammeln von Punkten lohnt sich für die meisten Verbraucher nicht. Sie geben aber den Kartenbetreibern bei jedem Einkauf ihre Vorlieben preis“, so Cornelia Tausch von der Verbraucherzentrale. Weitere Datensammler sind soziale Netzwerke und Kontaktbörsen wie studiVZ oder Facebook. „Die Nutzung der Portale ist kostenlos“, so Tausch. „Um mitmachen zu können, müssen Nutzer aber zustimmen, dass ihre Daten zu Werbezwecken weiterverwendet werden.“ Deshalb sollten Nutzer genau überlegen, wo sie mitmachen. Und: „Nicht jede Information sollte öffentlich zugänglich sein“, betont Tausch. Gewinnspiele im Internet sollten genauso tabu sein wie das Surfen ohne Sicherheitsprogramme, die Viren und Spione fernhalten. Fürs Onlinebanking sollten Verbraucher auf sichere Verfahren – wie nur einmal gültige TAN-Nummern – setzen. Die Übermittlung von Konto- oder Kreditkartennummern sollte nur über verschlüsselte Seiten erfolgen. rit |
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