

Artikel vom 25. Januar 2012
An 330 Stellen der Stadt wird täglich gearbeitet. Ohne Koordination würde der Verkehr im Chaos versinken.
Berlin. Bis auf eine Handvoll von Großprojekten wie beispielsweise an der Avus und Invalidenstraße sind die Fahrbahnen der Hauptstadt derzeit fast frei von Baustellen. Aber Autofahrer sollten sich nicht zu früh freuen. Der nächste Bautrupp kommt bestimmt.
Am Vormittag ist auf der Karl-Marx-Allee trotz U-Bahnbaustelle und Tempo 30 gut durchzukommen. Auch die Straße Am Tierpark in Lichtenberg, in der neue Tramgleise verlegt werden, lässt sich ohne Stau befahren. Anders sieht es rund um die Invalidenstraße in Mitte aus. Dort stauen sich an den Kreuzungen die Wagen in alle Richtungen. Die Verkehrsführung erscheint – besonders bei Dunkelheit – sehr unübersichtlich.
Auch an der Baustelle auf der Avus in Höhe Anschlussstelle Hüttenweg ist Schritttempo Höchstgeschwindigkeit. Verschwunden sind jedoch die unzähligen kleinen Baustellen vor allem an Kreuzungen, die Ende 2011 plötzlich wie Pilze aus dem Boden geschossen waren. „Es gab 2011 Geld aus dem Konjunkturfonds“, erinnert sich Reinickendorfs Baustadtrat Martin Lambert (CDU). „Das Geld kam sehr spät, musste aber noch ausgegeben werden.“ Die Folge: Bauarbeiten mussten 2011 beginnen, damit sie aus diesem Sondertopf bezahlt werden konnten. Auf einigen Baustellen stockten dann allerdings über Wochen die Arbeiten.
Im Herbst wieder jede Menge Baustellen
Lambert rechnet in diesem Jahr mit einem ähnlichen Effekt. „Der Landeshaushalt wird frühestens im Mai, Juni beschlossen.“ Erst danach können die Bezirksämter die Ausschreibungen starten. Bis dann alles unter Dach und Fach ist, ist der Sommer vorbei. „Also wird es auch in diesem Herbst wieder eine Menge neuer Baustellen geben.“
Um Chaos auf den Straßen zu vermeiden, wurde die Verkehrslenkung Berlin (VLB) ins Leben gerufen. „Deren Aufgabe ist es, dafür sorgen, dass der Verkehr flüssig läuft und nicht im Stau erstickt“, erklärt Petra Rohland, Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Und da müssen auch notwendige Bauarbeiten miteinander abgestimmt werden. Durchschnittlich wird in der Hauptstadt an 330 Baustellen täglich gearbeitet und pro Jahr werden etwa 3500 Verkehrseinschränkungen genehmigt.
Das klappt aber nach Ansicht des Allgemeinen Deutschen Automobilclubs (ADAC) nur unzureichend. „Wir sind froh, dass die große Koalition die Baustellenkoordination verbessern will“, sagt Verkehrsexperte Jörg Becker vom ADAC.
Kritik vom ADAC
Er bemängelt die fehlende Überwachung von Baustellen sowie mangelhafte Absprachen zwischen Senat und Bezirken. „Zudem ist es dringend notwendig, in der Innenstadt Baustellen, Demonstrationen und Veranstaltungen aufeinander abzustimmen.“ Es könne nicht angehen, dass gleichzeitig Tiergartenstraße und Straße des 17. Juni gesperrt seien. „Die Funktionalität der Stadt muss gewährleistet sein“, fordert Becker. Wird es zu bunt, untersagt die VLB schon mal eine Baumaßnahme.
So konnte das Bezirksamt Pankow nicht so bauen, wie es wollte. „Wir durften 2011 an der Mühlenstraße nicht bauen, weil Berliner und Pasewalker Straße bereits aufgerissen waren“, sagt Vizebürgermeister Jens-Holger Kirchner (Grüne). Im Pankower Rathaus sprechen die Straßenbauherren jeweils im Januar ihre Arbeiten ab.
Miteinander abstimmen
Dennoch lassen sich so nicht alle Probleme lösen. Die Berliner Wasserbetriebe (BWB), Gasag und Vattenfall stimmen ihre Bauarbeiten, wenn möglich, miteinander ab. Doch selbst dann gibt es immer wieder Überraschungen. „Vor drei Jahren haben wir an der Kreuzung Schönhauser Allee und Pappelallee die Gullys erneuert, weil das Tiefbauamt die Kreuzung umgestaltete“, sagt Stephan Natz, Sprecher der BWB.
Ein Jahr später habe man an gleicher Stelle neue Trinkwasserleitungen verlegt, obwohl die alten noch in Ordnung waren. Grund: Vattenfall wollte dort Fernwärmerohre verlegen. Dafür mussten vorher neue Trinkwasserrohre in den Boden gebracht werden. „Hätten wir das alles eher gewusst, wären die Bauarbeiten schneller fertig gewesen.“ Natz geht davon aus, dass in den kommenden Jahren wieder mehr Wasser- und Abwasserleitungen im innerstädtischen Bereich erneuert werden. „Unsere Leitungen sind 19.000 Kilometer lang“, so Natz. Pro Jahr sanieren die BWB etwa ein Prozent ihres Netzes, das sind 190 Kilometer, was der Strecke von Berlin-Mitte nach Leipzig entspricht.
Zu den großen Bauarbeiten gesellen sich unzählige Kleinbaustellen, die seit der Liberalisierung des Straßengesetzes 2006 nicht mehr in die Koordination aufgenommen werden. So können Firmen Bauarbeiten in kleinerem Umfang starten, ohne sich mit anderen Betrieben abzusprechen. Die Telekom kann beispielsweise auf Gehwegen Löcher graben, wann und wo sie will, wenn dadurch keine großen Verkehrsbehinderungen entstehen.
Jeder baut, wann er will
Früher kontrollierten die Bezirksämter regelmäßig, wie die Bauarbeiten vorangingen. „Dafür haben wir kein Personal mehr“, nennt Christian von Harlem, kommissarischer Leiter der Verkehrslenkung in Steglitz-Zehlendorf, einen weiteren Grund, warum Autofahrer vielfach den Eindruck hätten, es tue sich nichts. Er handelte sich sogar Beschwerden ein, weil er drei Bauherren wegen der Vielzahl von Baustellen die Genehmigung versagte.
Pankows Vizebürgermeister Kirchner bedauert, dass die Tiefbauämter nicht mehr wie früher darauf drängen können, Bauzeiten einzuhalten. Das sieht Thomas Schuster, Mitarbeiter der Straßenunterhaltung des Bezirksamtes Mitte, ähnlich. „Die Liberalisierung des Straßengesetzes hatte zur Folge, dass jeder baut, wann er will. Wir können so etwas nicht mehr verhindern.“
Marianne Rittner

Leser sind mit der Organisation der Baustellenabläufe in Berlin unzufrieden.
Berlin. Die Baustellen in Berlin sollen besser koordiniert werden. Da sind sich unsere Leser einig.
98 Prozent sprachen sich beim Leserbarometer für eine bessere Abstimmung der Straßenbauarbeiten aus. „Das fordern wir seit Jahren. Der Senat hätte schon längst einen Baustellenkoordinator einsetzen sollen“, sagt Carsten Zorger, Sprecher des ADAC. Denn die Anzahl der Tage, an denen auf Straßen gebaut wird, „hat um 55 Prozent zugenommen“. Einen Grund für die vielen Bauplätze sieht der ADAC im maroden Straßennetz. „Seit 50 Jahren werden die Straßen nur geflickt und nicht grundlegend erneuert“, sagt Zorger. „Es wären pro Jahr mindestens 250 Millionen Euro nötig, um die Fahrbahnen und Gehwege endlich ordentlich zu sanieren.“ Noch nicht einmal ein Drittel wurde 2011 dafür ausgegeben. „Jetzt haben wir wieder überall Schlaglöcher, die aufbrechen, weil der viele Regen in die Ritzen rinnt und den Asphalt unterspült wie an der Avus.“
Baustellen lassen sich bei dem maroden Straßennetz in der Hauptstadt zwar nicht vermeiden, aber besser koordinieren. „Wir wollen in den kommenden Monaten die organisatorischen und technischen Voraussetzung für eine zentrale Baustellenkoordinationsstelle schaffen“, sagt Petra Rohland, Sprecherin der Senatsstadtentwicklungsverwaltung. Jedoch ließen sich Staus durch Baustellen auch bei besserer Koordination nicht ausschließen. So werde es erhebliche Behinderungen geben, wenn im März mit dem U-Bahnbau Unter den Linden begonnen wird.
| Dauerärgernis Tiergartenstraße |
| Seit 2009 ist die Tiergartenstraße in Mitte Dauerbaustelle und fällt als Ausweichstrecke aus, wenn etwa auf der Straße des 17. Juni gefeiert wird. Die erste Havarie am Fernwärmenetz gab es vor gut drei Jahren. Nachdem der Schaden behoben war, begann der Bezirk Mitte mit Umbauarbeiten im Bereich der Mittelinsel an der Klingelhöferstraße. „Wir haben uns diesen Bauarbeiten angeschlossen“, sagt Vattenfall-Sprecherin Barbara Meifert. „Nachdem wir fertig waren, ergab sich leider ein weiterer Leitungsschaden. Den haben wir punktuell gesucht, mit fünf kleinen Grabungen.“ Mit dieser Methode sei es gelungen, die Verkehrseinschränkungen gering zu halten. Die Bohrungen ergaben, dass die gesamte Strecke neue Rohre benötigt, um eine sichere Fernwärmeversorgung zu gewährleisten. Als die neuen Rohre verlegt waren, kam es im November 2011 zu einem Brand. „Dabei wurden die Dämmstoffe beschädigt“, so Meifert. Folge: Neue Rohre mussten besorgt werden. Deshalb ruhten die Bauarbeiten einige Wochen. Das war aber noch nicht alles. Meifert: „Durch den Brand sind leider auch Fernmeldekabel beschädigt worden. Sie werden jetzt im Januar erneuert.“ Bis Ende Februar soll die Baustelle geschlossen werden. Meifert weiter: „Danach werden wir in Richtung türkische Botschaft neue Leitungen verlegen.“ Wegen verschiedener Veranstaltungen rund ums Brandenburger Tor bekomme Vattenfall von den Behörden Auflagen, wann gebaut werden kann. Bis Ende des Jahres sollte dieser Bereich baustellenfrei sein. |