Sie kämpfen gegen moderne Architektur im Stadtzentrum: Mitglieder der Gesellschaft Historisches Berlin sammeln Unterschriften für ein „Volksbegehren für die historische Mitte Berlin“. 20 000 Unterschriften müssen bis Ende Juni zusammenkommen. Foto: Stache
Sie kämpfen gegen moderne Architektur im Stadtzentrum: Mitglieder der Gesellschaft Historisches Berlin sammeln Unterschriften für ein „Volksbegehren für die historische Mitte Berlin“. 20 000 Unterschriften müssen bis Ende Juni zusammenkommen. Foto: Stache

Der Kampf um Berlins historische Mitte

Bis Ende Juni sammeln Vereine Unterschriften für ein Volksbegehren, um das Zentrum vor baulicher Verunstaltung zu schützen.

Berlin. Touristen lieben es, durch historische Innenstädte mit reich verzierten Bürgerhäusern, engen Gassen, weitläufigen Plätzen und beeindruckenden Repräsentationbauten zu flanieren. Ein Pfund, mit dem die deutsche Hauptstadt aufgrund der Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg nicht wuchern kann.

In Berlin finden sich nur noch Fragmente einer historischen Mitte: Unter den Linden, Museumsinsel, Gendarmenmarkt nebst Umfeld und Spandauer Vorstadt. Nach Ansicht der Gesellschaft Historisches Berlin (GHB) sind diese Reste der alten Pracht jedoch in Gefahr.

„Es ist bedauerlich, mit wie wenig Sensibilität die historische Mitte behandelt und ihr Erscheinungsbild durch unpassende Neubauten gestört wird“, sagt Annette Ahme, Sprachrohr und Vorsitzende der GHB. Während sie das sagt, steht sie mit dem Rücken zu einem modern errichteten Neubau von David Chipperfield am Anfang der Gasse Hinter dem Gießhaus. So fällt ihr Blick auf das ebenfalls nach Chipperfields Plänen sanierte Neue Museum von Friedrich August Stüler. Am Beispiel des Neuen Museums sprudelt Ahme einige ihrer elementaren Kritikpunkte zum Umgang mit der Mitte heraus. „Eine Missgeburt. Der prachtvolle Stüler-Bau wurde entehrt und entstellt. Statt ursprünglichem Fassadenputz gibt es Klinker, statt des alten Dekors gibt es eine kalte Glätte, und die Statuen bleiben geköpft, wie der Krieg sie hinterließ.“ In den verantwortlichen Behörden gebe es keine Sensibilität für die Würde der alten Stadt.

Deshalb könnte es durchaus dem Druck der GHB geschuldet sein, dass Chipperfield nun nicht – wie ursprünglich geplant – vor die Museumsinsel einen Glaskasten als neues Eingangsgebäude setzen will, sondern mit einem neuen Entwurf Hoffnung auf mehr Umgebungsverträglichkeit weckte.

Doch auch rund um die imageträchtige Museumsinsel verweist Ahme auf zahlreiche Sünden der Moderne in historischem Ambiente: etwa im von der Stadtbahn begrenzten Viertel von der Museumsinsel bis fast zur Friedrichstraße, wo ein weitgehend geschlossenes Ensemble mit prächtigen Funktionsgebäuden sowie der ehemaligen Friedrich-Engels-Kaserne immer wieder durch moderne Architektur seines Zaubers beraubt worden sei. Als jüngstes Beispiel nennt Ahme den Bibliotheksneubau der Humboldt-Universität, das sogenannte Grimm-Zentrum. Das Haus soll nächstes Jahr fertig sein. Architekt ist der Schweizer Max Dudler.

Berliner sollen mitreden

Annette Ahme (49) ist von Unrast getrieben, wenn es darum geht, sich und anderen ein nach ihrer Vorstellung schöneres Lebensumfeld zu schaffen. Früher hat sie das bei den Vorläufern der Grünen getan, heute bei der GHB, mit rund 1000 Mitgliedern eine der größten privaten Interessengruppen der Stadt. Nicht jeder mag ihr forsches und spontanes Auftreten, aber selbst ihre Kritiker erkennen an, dass sie es geschafft hat, die historische Mitte in kürzester Zeit vom Expertenanliegen ins öffentliche Bewusstsein zu bringen.

Nach dem ersten, teilweise erfolgreichen Anlauf, die Museumsinsel mit einem Volksbegehren vor modernistischen Brüchen zu schützen (Chipperfield hatte nach einer Unterschriftenaktion seinen Entwurf geändert), läuft derzeit ein weiteres, das eine Gestaltungssatzung für die historische Mitte und die Berufung eines unabhängigen Beirats aus fachkundigen Bürgern fordert. Dieser soll bei Expertenwillkür Einspruch erheben. Eine solche Gestaltungssatzung könnte – wie am Pariser Platz geschehen – beispielsweise Gebäudehöhen und Fassadenproportionen festschreiben.

Die Aktivisten, die sich mit zehn fliegenden Ständen auf Unterschriftenjagd begeben haben, scheinen jedoch zu ahnen, dass es kaum möglich sein wird, die erforderlichen 170 000 Stimmen bis Ende Juni für das Volksbegehren wirklich zusammenzubringen. Es fehlt an Medienunterstützung und an Geld. Dennoch soll die Öffentlichkeit mobilisiert werden.

Eigentlich müsste dieser Druck gar nicht nötig sein, denn der Senat hatte erst 2006 in seinen Richtlinien zur Regierungspolitik festgelegt, das historische Zentrum zu entwickeln und durch eine Gestaltungssatzung qualitativ zu sichern. „Eine solche Satzung ist weder da noch in Vorbereitung“, ärgert sich Ahme. Auch aus dem Bezirk kommt wenig Unterstützung für historische Ensembles. Zwischen „schön“ und „traumhaft schön“ bewertet Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) die modernen Einsprengsel im Körper der alten Stadt.

„Angriff aufs Kulturerbe“

Ahme hält der Zufriedenheit der Verantwortlichen eine ganze Liste von geplanten Stilbrüchen entgegen: die Rathausbrücke am Schloßplatz soll in moderner Form und ohne das Schlütersche Reiterstandbild des Großen Kurfürsten gebaut werden; genau vor dem ortsprägenden Staatsratsgebäude darf Thyssen einen würfelförmigen Neubau errichten, ohne dass dessen Design von den Verantwortlichen auf Stadtbild-Verträglichkeit geprüft werden konnte; das Neue Museum wird innen unter Verzicht auf die ehemalige Reichhaltigkeit weitersaniert; die Schlossfreiheit droht bebaut und damit der Blick auf die erhoffte Schlossfassade verstellt zu werden; der Hausvogteiplatz erhält einen modernistischen Abschluss – einen „Brutalo-Entwurf“, wie die Stadtbildkämpferin es nennt. „Diese unsensiblen Vorhaben sind Angriffe auf unser Kulturerbe“, fasst sie den noch unvollständigen Problemkatalog zusammen.

Hilfe erhofft sie sich auch von der UN-Kulturorganisation Unesco, die von Mitgliedern der GHB bereits angeschrieben wurde. Sie könnte mit dem Entzug des Titels als Weltkulturerbestätte drohen. Ahme hofft, dass sie mit Schwung und Energie die schweigende Mehrheit mitreißen kann. Immerhin gebe es wieder viele Eintritte in die Gesellschaft, sagt sie.

Berlin wie vor dem Krieg


Wenn Ahme das Herz der Stadtbildbewegung ist, fungiert Holger Heiken als ihr Hirn. Der Chef des „Forums Stadtbild Berlin“, eines Vereins, der ähnliche Ziele wie die GHB verfolgt, setzt weniger auf die Mobilisierung der Massen als auf Fakten und Argumente. Wo Ahme das Anliegen auf wenige Kernsätze reduziert, geht er seitenweise, beinahe pingelig ins Detail. Er leistet Überzeugungsarbeit, obwohl anscheinend viele Entscheidungsträger gar nicht überzeugt werden wollen.

Heiken, der das Volksbegehren für Mitte unterstützt, ist dabei die Wirkung von Stadtgrundrissen und Ensembles mindestens so wichtig wie das Aussehen einzelner Gebäude. „Wir brauchen einen geschützten Baubereich für die Mitte, in dem das gestalterische Leitbild das Berlin vor seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg ist.“ Zugleich ist Heiken in seiner Politik moderat. So schätzt er ausdrücklich moderne Architektur, solange sie keine historischen Ensembles zerstört. Die Zornesader schwillt aber auch ihm, wenn an der Neuen Wache eigens Bäume gefällt werden, damit das genau in die Sichtachse gebaute Collegium Hungaricum als moderner Fremdkörper noch besser zu sehen ist. „Von der Politik muss endlich der Schutz solcher Ensembles garantiert werden“, fordert er.

Rainer Stache


Neubau oder Nachbildung
Die Rathausbrücke hieß ursprünglich Lange Brücke und war aus Holz. 1692 bis 1695 wurde sie durch eine Steinbrücke ersetzt, auf der 1703 das Reiterstandbild des Großen Kurfürsten seinen Platz fand. 1945 zerstörten deutsche Truppen die Brücke teilweise. 1953 wurde eine Behelfsbrücke fertig. Diese ist so marode, dass der Bezirk einen Neubau angeordnet hat. Beauftragt wurde nach einem Wettbewerb der Architekt Walter Noebel, der eine moderne Formensprache wählte. Verzichtet wurde auf Betreiben der Wasser- und Schifffahrtsbehörde auch auf den Mittelpfeiler der alten Brücke, ohne den das Reiterstandbild des Großen Kurfürsten keinen Halt und Platz findet. Um eine einheitliche Lösung zu finden, fordern Kritiker, mit dem Brückenneubau so lange zu warten, bis die Schlossplanungen abgeschlossen sind. Ansonsten stehe eine moderne Brücke zwischen zwei historisch anmutenden Gebäuden.
Die Unterschriftensammlungen zum Volksbegehren für den Umgang mit der historischen Mitte sollen Ende Juni abgeschlossen sein. Bis dahin stehen die Stände der Initiative unter anderem in der Altstadt Spandau, auf dem Alexanderplatz, der Museumsinsel, auf dem Kranoldplatz, in Zehlendorf-Mitte sowie an der Wilmersdorfer Straße. Regelmäßig kann unterschrieben werden: Friedrichstädtische Galerie (Stresemannstraße 27), GHB-Büro (Am Zirkus 6), montags bis freitags, 9 bis 14 Uhr. Informationen gibt es auch im Internet unter www.volksbegehrenhistorischemitte.de oder unter Tel. 251 07 25. rast

 

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