Protest gegen die geplanten Flugrouten: Menschenkette am Müggelsee Foto: Christian Kielmann
Protest gegen die geplanten Flugrouten: Menschenkette am Müggelsee Foto: Christian Kielmann

Der Müggelsee ist überall

In Friedrichshagen protestieren Bürger – gegen Fluglärm, Umweltverschmutzung und die Winkelzüge der Politik.

Berlin. Seit Monaten rumort es in Friedrichshagen. Die Einwohner im Südosten der Stadt wehren sich gegen die Pläne, laut denen vom künftigen Großflughafen Schönefeld täglich bis zu 120 startende Flugzeuge den Müggelsee überfliegen sollen. In einer Mindesthöhe von nur 1150 Metern.

Friedrichshagen ist aufgeschreckt

In stolzer Pose thront Friedrich II. über dem Volk. Das linke Bein nach vorn gestreckt, den rechten Arm auf einen Spazierstock gestützt, blickt der bronzene Monarch von seinem Sockel auf dem Marktplatz in die Ferne. Den Bürgern unter ihm fehlt diese Gelassenheit. Friedrichshagen ist aufgeschreckt, seit bekannt wurde, dass vom künftigen Hauptstadtairport Schönefeld täglich bis zu 120 startende Flugzeuge den Müggelsee überfliegen sollen. Weitere 60 Maschinen würden über Erkner starten.

„Eine Sauerei ist das, was da mit uns gemacht wurde“, empört sich Jürgen Meinhard. Er wohnt direkt am See. „Herrlicher Blick, herrliche Stille“, sagt der junge Mann. „Doch damit wird es vorbei sein, wenn wir uns das gefallen lassen.“

Montag für Montag steht Meinhard nun auf dem kleinen Friedrichshagener Marktplatz, um seinen Protest zu bekunden. 5000 Menschen waren es die vergangenen Male, mehr als 24.000 kamen am letzten Sonntag im August, um eine Menschenkette am Ufer des Müggelsees zu bilden. Ihr Motto: „Der Müggelsee ist überall – Berliner und Brandenburger reichen sich die Hände“.

Es geht um die Zukunft

Auch Meinhard und seine Frau hatten sich eingereiht. „Hier geht es um die Zukunft“, sind sie sich sicher, „und um unsere Lebensqualität.“ Und die ist hoch in Friedrichshagen. Die traditionelle Sommerfrische der Berliner im einstigen Stadtbezirk Köpenick entwickelte sich zum begehrten Wohngebiet.

„Niemand konnte damit rechnen, dass er bald in einer Flugschneise wohnt“, sagt Rüdiger Heide von der Friedrichshagener Bürgerinitiative mit dem schönen Kürzel FBI. „Friedrichshagen hat alles: Wald, Wasser, Geschäfte, Gastronomie, eine gute S-Bahnverbindung ins Zentrum und viele Kinder. Wir fühlen uns ganz einfach betrogen.“.

Lärm und Gefahr für die Umwelt

Tatsache ist, zu allem gehört auch ein Airport, der nur 13 Kilometer Luftlinie entfernt entsteht. Was nichts anderes heißt, als dass die Flugzeuge in einer Mindesthöhe von 1150 Metern das Naherholungsgebiet überfliegen sollen. Doch die Bewohner im Südosten haben nicht nur Angst vor dem Lärm. Sie warnen auch vor einer erhöhten Kerosinbelastung über einem der wichtigsten Wasserreservoirs der Hauptstadt und der Gefahr von Katastrophen, wie sie nie auszuschließen seien. Auf keiner der anderen An- und Abflugrouten über städtischem Gebiet gäbe es dann so viele Flugbewegungen wie über dem Müggelsee. Betroffen wären nicht nur die Friedrichshagener.

Auch Müggelheim, Rahnsdorf, Schöneiche – allesamt prosperierende Einfamilienhausgebiete – hätten das Nachsehen. Insgesamt 620.000 Menschen, so hat die Bürgerinitiative errechnet, wären von den jüngsten Flugroutenplänen der Deutschen Flugsicherung (DFS) betroffen, 80.000 von ihnen müssten erhebliche Lärmbelästigungen hinnehmen.

Immerhin, Klaus Wowereit, der am 18. September als Regierender Bürgermeister wiedergewählt werden will, äußerte Verständnis für den Bürgerprotest. Doch nach Friedrichshagen wagte er sich nicht. Dort betätigten sich stattdessen Renate Künast, Spitzenkandidatin der Grünen, und Linken-Ikone Gregor Gysi als politische Trittbrettfahrer; ohne zu überzeugen. Es ist ein seltsamer politischer Eiertanz, der da aufgeführt wird. Und mancher Beobachter hat das ungute Gefühl, die Parteien wollten nur über die Abgeordnetenhauswahl kommen.

„Nicht mit uns!“

Diese Rechnung aber soll nicht aufgehen. Auch deshalb wird auf dem Marktplatz weiter protestiert. Wer durch die Bölschestraße geht, die als Einkaufsboulevard zwischen S-Bahnhof und Müggelsee die Schlagader Friedrichshagens ist, kann die Zeichen der Entrüstung sehen. „Nicht mit uns!“, ist da zu lesen, oder „Ruhe“. Auch der Alte Fritz ist auf Postern präsent. Als wäre er der Anführer der Protestierenden. Ein solcher ist leibhaftig Leander Haußmann, der mit seinem Film „Sonnenallee“ ein Millionenpublikum zum Lachen brachte.

Haußmann ist alteingesessener Friedrichshagener. Und er sagt von sich, mit ihrem trickreichen Vorgehen hätten die Airport-Verantwortlichen „den schlafenden Hund geweckt“. Man werde ein Stück Heimat nicht so einfach aufgeben, „nur weil Friedrichshagen weniger Lobby als der Wannsee hat“. Gemeint sind auch Potsdam und Zehlendorf. Dort hatten sich die Einwohner und die Kommunalpolitiker früher zur Wehr gesetzt – und Erfolg gehabt.

Bürger brauchten länger

Im Köpenicker Rathaus aber war man sich wohl zu sicher. Auch die Bürger brauchten länger, um ihren Unmut zu kanalisieren. „Nun geht es wohl nur noch um Schadensbegrenzung“, ahnt Jürgen Meinhard. Derzeit prüft die DFS eine Alternative, die für Entlastung sorgen könnte. Sie sieht vor, dass Maschinen, die von der nördlichen Startbahn gen Osten aufsteigen, nicht über Wohngebiete fliegen, sondern vor Müggelheim nach rechts abdrehen. Der Schlenker würde südlich an Gosen und Neu-Zittau vorbeiführen. Das allerdings wäre ein Umweg, verbunden mit einem höheren Kerosinverbrauch.

Es wird sich zeigen, welche Interessen am Ende mehr wiegen; jene der betroffenen Anwohner oder jene der Fuggesellschaften. Bis zur Klärung soll in Friedrichshagen weiter protestiert werden. Und die Aktivisten planen bereits, die Aktionen auszuweiten. Denn es geht um mehr als um die bereits bekannt gewordenen Flugrouten.

Kein internationales Drehkreuz

Unbedingt soll verhindert werden, dass ein Nachtflugverbot zwischen 0 und 5 Uhr aufgehoben wird. Und der Flugplatz soll auch kein internationales Drehkreuz werden. „Wir alle waren wohl zu naiv“, sagt Rüdiger Heide und meint damit auch die Betroffenen in Kleinmachnow, Mahlow oder Zossen.

Am vergangenen Sonntag hatte das Bündnis Südost zur Großdemo vor dem Flughafen eingeladen. Aufgeben will keiner. „Uns gehen die Ideen nicht aus“, versichert Heide, „denn wir werden uns das einfach nicht gefallen lassen.“

Frank Käßner

Bürgerbelange genau prüfen

Mehrheit der Leser möchte keine Flugzeuge über Berlin.

Berlin. „Das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherheit ist gut beraten, wenn es bei seiner Abwägung alle Bürgerbelange genau prüft.“ Das sagt Kathrin Schneider, die Vorsitzende der Fluglärmkommission für den künftigen Großflughafen Schönefeld. „Auf der nächsten Sitzung unserer Kommission am 26. September wird uns der derzeitige Abwägungsstand des Bundesaufsichtsamtes präsentiert.“

Natürlich registriere die Fluglärmkommission den Unmut der Bürger sehr genau. Immerhin 62 Prozent der Teilnehmer an unserer Leserabstimmung sind dafür, dass Berlin grundsätzlich nicht mehr überflogen wird. 38 Prozent allerdings lehnen eine solche absolute Flugverbotszone ab.

Bis zum 26. Januar 2012 wird das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherheit als zuständige Behörde endgültig über die Flugrouten entscheiden. Der „Willy Brandt“-Airport soll am 3. Juni 2012 seinen Betrieb aufnehmen.


Der neue Airport
Der Flughafen Berlin Brandenburg „Willy Brandt“ ist die zurzeit größte Flughafenbaustelle Europas. Der Airport soll am 3. Juni 2012 in Betrieb gehen. Im September 2010 waren von der Deutschen Flugsicherung die geplanten Abflugrouten veröffentlicht worden.
Demnach sollten die Flugzeuge in gerader Linie starten. Nach Protesten waren die Pläne korrigiert worden. Nun sollen drei der vier Abflugrouten um etwa 15 Grad von der geraden Linie abweichen, damit weniger bewohnte Gebiete überflogen werden. Großer Gewinner war Potsdam, kleine Gewinner waren die Bewohner im Südwesten Berlins. Maximal sind jetzt 48 Wannsee-Überflüge am Tag zulässig. Und das auch nur in mindestens 2240 Metern Höhe, während der Müggelsee laut dieser Festlegung in 1150 Metern überflogen werden dürfte.
Zu den Verlierern gehören neben den Anwohnern des Naherholungsgebietes Müggelsee auch viele Brandenburger. Eine endgültige Entscheidung über die Flugrouten soll am 26. Januar 2012 fallen.

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