

Artikel vom 7. Dezember 2011
Die berühmteste Schule Deutschlands will ganz normal sein. Aber eigentlich ist sie ein Wunder.
Berlin. Erst Rütli-Schule, dann 1. Gemeinschaftsschule Berlin, morgen Campus Rütli: Aus Verzweiflung wurde Stolz, aus Ausweglosigkeit Zukunft. Die ehemalige Skandalschule will den Beweis antreten, dass auch unter schwierigsten Bedingungen kein Schüler verloren gehen muss.
Sie sind jetzt sehr selbstbewusst und keck. Schnell mit ein paar Bemerkungen dabei und dann warten sie – gespannt, freundlich herausfordernd –, wie das wohl ankommt bei ihrem Gegenüber. Khadije ist 14 und geht in die achte Klasse. „Ich bin richtig schlau“, sagt sie, und es liegt kein Funken Ironie darin. Ihre Eltern hätten sie zum Lernen ermahnt. Und das hätte sie getan. Zeinab ist 13 und besucht die siebte Klasse. Sie sagt, die Lehrer begännen mit dem Unterricht erst, wenn es in der Klasse leise geworden sei, das findet sie sehr angenehm. Es gibt hier nun so etwas wie gegenseitigen Respekt. Gutes Benehmen und andere bürgerliche Tugenden werden vorgelebt – und gefordert. Zeinab sagt, dass sie Kindergärtnerin werden wolle. Kindergärtnerin ist für ein türkisches Mädchen heute in etwa das, was für einen deutschen Jungen vor 50 Jahren Weltraumfahrer war.
Du hast verloren
Dahin also haben sie es gebracht an der 1. Gemeinschaftsschule Berlin, Bezirk Neukölln, landläufig bekannt als Rütli-Schule, einer Einrichtung, die zu besuchen einmal hieß: Du hast verloren. Wo Lehrer tätig waren, die sich nur ihrer Pensionierung noch entgegensehnten. Deren Kollegium am 28. Februar 2006 jenen berühmten Brief schrieb, in dem es „Aggressivität, Respektlosigkeit und Ignoranz uns Erwachsenen gegenüber“ beklagte und bekannte: „Wir sind ratlos.“ Plötzlich war die Schule die berühmteste Schule Deutschlands und die berüchtigtste zugleich. Doch schon ein Jahr später trugen die Schüler selbst gefertigte T-Shirts, auf denen nur ein Wort stand: „Rütli“. Viel Hohn und Verachtung hatte die Schule ertragen müssen, nun wollte man Flagge zeigen. Es war das Jahr, das Klaus Lehnert das „Zauberjahr“ nennt. Lehnert ist Anlaufstelle, Koordinator, Ideengeber, kurzum: die gute Seele des Unternehmens Campus Rütli.
Selbstbewusst und bescheiden
Cordula Heckmann gibt sich selbstbewusst und bescheiden zugleich. Es gibt viel Neid in der Berliner Schullandschaft gegenüber dem, was sie bei Rütli schon geschafft haben und noch schaffen wollen. Die Schule steht im Fokus der Öffentlichkeit und der Politik, private Stiftungen und Unternehmen unterstützen sie. Man war ganz unten und will ziemlich weit nach oben. „Wir haben eine Volldrehung geschafft“, sagt die Direktorin. Tatsächlich gab es nach dem Brief grundlegende Veränderungen. So wurden die Rütli-Hauptschule, die Heinrich-Heine-Realschule und die Franz-Schubert-Grundschule zu einer Lehranstalt zusammengelegt. Die Lehrerschaft wurde ausgetauscht und neu organisiert, das Projekt Rütli Campus ins Leben gerufen und mit Cordula Heckmann 2009 eine Frau an die Spitze berufen, die sich in ihrem Ziel nicht beirren lässt, Rütli zu einem positiv besetzten Namen zu machen. Der 53-Jährigen liegt das Anpacken beträchtlich näher als das Jammern vieler ihrer Kollegen an anderen Schulen. „Wir haben die klare Verpflichtung, jedem einzelnen Schüler gerecht zu werden“, jeder soll sich „willkommen“, niemand mehr zurückgelassen und aussortiert fühlen. Es ist eine Art Schwur. „Wir sind eine ganz normale Schule.“ Das ist eine schöne Untertreibung. Nein, eine normale Schule ist Rütli nicht. Rütli ist der Beweis, dass man Dinge ändern kann.
Im Büro von Klaus Lehnert hängt ein Plan an der Wand, der die Zukunft in konkrete Bauvorhaben ummünzt. Fast ein Dutzend Bildungseinrichtungen sollen auf dem Campus so eng miteinander verzahnt werden, dass die Schüler ihre schulische Laufbahn ohne Brüche meistern können. Das Ziel ist es, unterschiedliche Bildungsofferten aus einer Hand und fast rund um die Uhr anzubieten.
Gewiefter Stratege
Lehnert ist ein gewiefter Stratege und ein erfahrener Kämpe. 30 Jahre stand er in Neukölln ganz vorn an der pädagogischen Front, gleich nach seiner Pensionierung ereilte ihn die von Heinz Buschkowsky ausgesprochene Bitte, den Job des Campus-Projektleiters zu übernehmen. Keiner weiß besser als der 69-Jährige, dass am Anfang des Rütli-Wunders eine Vision stand, die auf den drei Säulen Beteiligung, Transparenz und Konsens ruht und deren Verwirklichung nur gelingt, wenn Lehrer, Schüler und Eltern, aber auch Politik, Verwaltung und viele Institutionen undprivate Stiftungen sich mit dieser Schule identifizieren und an einem Strang ziehen.
Der Campus, sagt Lehnert, sei ein „Labor“, ein „Bildungssoziotop“, in dem die Schule ihre Tore sperrangelweit öffnet für all das, was um sie herum geschieht. Um sie herum im Reuterkiez ist die Lage derart, dass knapp 90 Prozent der Rütli-Schüler Kinder von Einwanderern sind und 80 Prozent aus Hartz-IV-Familien kommen. Das ist die Realität, mit der sich Rütli auseinandersetzen muss. Man darf nicht verschweigen, dass die negativen Effekte dieser Wirklichkeit, trotz allen Gegensteuerns, noch immer auf den Schulalltag durchschlagen können. Das Thema Gewalt bleibt auf der Tagesordnung und die Arbeit der Lehrer Tag für Tag eine Herausforderung. Zu Anfang des laufenden Schuljahres konnten alle knapp 100 Plätze, die die Schule neu zu vergeben hatte, belegt werden. Rütli ist beliebt. Und erfolgreich: Nur 1,7 Prozent der Schüler verließen die Schule ohne Abschluss, ein Drittel der Zehntklässer erhielten die Empfehlung für die gymnasiale Oberstufe.
„Schade, dass ich so früh geboren wurde“
2014 wird es die erste Abi-Feier in der Gemeinschaftsschule geben. Über das, was den Lehrern, den Eltern, den Politikern, vor allem aber den Schülern und Abiturienten dann durch den Kopf geht, braucht man nicht lange zu spekulieren. „Schade, dass ich so früh geboren wurde“, habe ein älterer Schüler gesagt, als die Rütli-Schule 2007 ihre zweite Chance bekam, erzählt Lehnert. Die, die in drei Jahren feiern werden, werden wissen, dass sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Sie werden stolz wie Oskar sein. Und, wenn sie klug sind – und das werden sie sein! –, auch dankbar. Kai Ritzmann
Kai Ritzmann

Mehrheit der Leser glaubt an den Erfolg des neuen Konzepts.
Berlin. Unsere Leser begleiten das Vorhaben Campus Rütli offenbar mit großem Wohlwollen. 61 Prozent von ihnen glauben, dass der Campus den Schülern eine echte Chance bietet, nur 39 Prozent sind skeptisch. Zufrieden mit diesem Ergebnis zeigt sich auch der zuständige Projektleiter. Für Klaus Lehnert fügt sich diese Zustimmung in die mannigfaltige Unterstützung ein, die der Campus von vielen Seiten erfahre. „Gerade aus der Politik bekommen wir viel Rückenwind.“ Rütli habe heute, nach dem Desaster von 2006, einen positiven Klang.
Das Fundament für die „radikalen Lösungen“, die vor allem der Gemeinschaftsschule eine Perspektive geben sollen, sei „die Besinnung auf die eigenen Stärken“, auf ein abgestimmtes Spektrum von pädagogischen und schulischen Offerten und Freizeitaktivitäten, das den Kindern und Jugendlichen von der Kita bis zum Schulabschluss zur Verfügung stehe. Damit schaffe man ein Modell, das trotz aller Schwierigkeiten auch bei den Eltern ankomme. Deren Mitarbeit sei für das Gelingen der neuen Rütli-Idee entscheidend.
| Ein Campus für Bildung und Freizeit |
| Das Projekt Campus Rütli ist ehrgeizig. Bis 2016 sollen auf 48.000 Quadratmetern und für 31 Millionen Euro eine Mehrzweckhalle, ein Haus für Arbeitslehre und berufsorientierte Angebote, ein Schulerweiterungsbau und ein Elternzentrum samt pädagogischer Werkstatt entstehen. Die Neubauten gesellen sich dann als integrative Ergänzung zu der Gemeinschaftsschule, zu zwei Kindertagesstätten, der Schulsporthalle und dem Jugendfreizeitheim „Manege“. An der Zufahrt zu dem Gelände stehen wie zum Schutz zwei riesige, aus goldenem Kunststoff geformte Frösche. Auf einem Sockel steht auf Latein: „Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir.“ Tatsächlich basiert auch das Campus-Konzept auf der Verzahnung von Alltagsleben, Kiez, Pädagogik und Lernen. Ziel sei die „Schaffung eines gemeinsamen Sozialraums“. |