Ärgernis in jeder Straße: Graffiti und Tags finden sich auch am Stadtbad Oderberger Straße in Prenzlauer Berg. Foto: Hahn
Ärgernis in jeder Straße: Graffiti und Tags finden sich auch am Stadtbad Oderberger Straße in Prenzlauer Berg. Foto: Hahn

Der tägliche Kampf gegen die Graffiti-Flut

Auf einem Treffen in Pankow diskutierten Experten Strategien zur Eindämmung der Sprayer-Szene, die sich zu Unrecht verfolgt sieht.

Berlin. Besprühte Züge, zerkratzte Scheiben, bemalte Fassaden – die meisten Berliner haben schon lange die Nase voll von den hässlichen Tags und Kritzeleien. Nur die Verursacher meinen, ihre Werken würden die Stadt bunter machen.

Claus Bachmann ist Hausverwalter in Pankow. Gerade hat er eine schmuddlige Rückwand der Florastraße 48 streichen lassen. Doch nach wenigen Tagen ist sie wieder beschmiert. Bachmann muss für 2000 Euro den Anstrich erneuern lassen. Doch ärgert er sich nicht allein darüber, sondern wie Sprayer überhaupt mit seinem Kiez umgehen. Auch das denkmalgeschützte Gesundheitsamt an der Grunowstraße fällt ihm als Graffiti-Schandfleck auf. „Wir haben doch genug Schmuddelecken. Deshalb ist es mir unbegreiflich, wie solche Leute immer neue schaffen wollen.“

Sprayer sehen dies ganz anders. „Um uns herum ist alles so leer, es gibt nichts zu gucken, höchstens hässliche Häuser. Da helfen wir, dieses Nichts zu füllen“, sagt Sprayer Denis und glaubt sogar, der Allgemeinheit einen Dienst zu erweisen. „Ohne unsere Inspirationen ist die Stadt deprimierend“, fährt er fort.

Dem 17-jährigen Mike will nicht einleuchten, dass Fahrgäste bemalte U-Bahn-Waggons nicht schön finden, denn „die sind doch sonst nur gelb“. Außerdem bekämen die Reinigungskräfte dadurch erst einen Job. Natürlich verraten Denis und Mike nicht ihre Nachnamen – aus gutem Grund. Seit 2005 ist das Sprühen nach einer Gesetzesänderung kein Kavaliersdelikt mehr. Neben Jugend- und Gefängnisstrafen schmerzt besonders ein 30 Jahre gültiger Rechtstitel, den der Geschädigte erwirken kann. So kann der jugendliche Täter noch zum Schadenersatz gebeten werden, wenn sogar dessen Söhne schon wieder aus dem Sprayalter heraus sind.

70 Prozent aufgeklärt

Doch viele Sprüher schreckt selbst das nicht, sondern es erhöht nur den Nervenkitzel. Mike preist den „besonderen Kick, wenn jeden Moment jemand kommen könnte“. Außerdem: „Was interessieren mich die Strafen, wenn ich nicht erwischt werde.“ Da allerdings sollte sich Mike nicht zu sicher sein, denn die Polizei gibt die Aufklärungsquote mit stolzen 70 Prozent an.

Der Nervenkitzel wird inzwischen mit hoher krimineller Energie organisiert. Gruppen zwischen zehn und 20 Personen erkunden, sichern und besetzen beispielsweise U-Bahn-Abstellplätze wie militärische Stoßtrupps. Innerhalb weniger Minuten werden so ganze U-Bahnzüge besprüht. Wenn die Dose nicht mehr ausreicht, werden sogar Feuerlöscher mit Farbe gefüllt. Auch das KaDeWe erhielt im Mai durch solches „Bombing“ ein grünes Outfit.

Hausverwalter Bachmann wollte es nicht beim Klagen belassen, sondern forderte den Einsatz von Mitarbeitern aus dem Senatsstellenpool zum Säubern der Wände und brachte den Fall in die Pankower Betroffenenvertretung für das Gebiet um die Florastraße ein. Die wiederum organisierte ein kleines, aber illustres Treffen mit Experten. „Abwehr ist möglich, aber teuer“, resümierte dort Egmont Kaschade vom Verein Nofitti, der mit seiner Reinigungsfirma schon viele Graffiti-Entfernungen etwa im Tiergarten oder am Brunnen auf dem Alexanderplatz gesponsert hat. „Wir werden die Stadt niemals graffitifrei bekommen“, fügte Marko Moritz hinzu, Leiter einer eigens gegründeten 36-köpfigen „Ermittlungsgruppe Graffiti“ der Polizei. Für Moritz hat das Problem längst den Bereich der Sachbeschädigung verlassen. Im Umfeld der konkurrierenden Sprayergruppen komme es zu Körperverletzungen beim „Abziehen“ der Dosen und Kampf um Territorien. Die Wirksamkeit legaler Sprühprojekte zur Resozialisierung der Jugendlichen bezweifelt der Polizeipraktiker: „Wir haben damit nur negative Erfahrungen gemacht.“

Die Szene ist Kaschade selbst und dem Verein Nofitti feindlich gesinnt. „Wenn ihr saubere Städte wollt, dann raus aus Berlin mit euch“, heißt es in einem Internet-Blog mit Bezug auf den Verein, der als Lobbyist der Reinigungsfirmen beschrieben wird.

Wenn die Wände zur Präsentation nicht mehr ausreichen, werden die Sprühaktionen gefilmt und ins Internet gestellt. Die Reichweite der Selbstdarstellung, der „Fame“, ist das entscheidende Kriterium. Früher gab es auch eine eigene Moral. Heute werden „Tags“ übermalt, Scheiben „gescratcht“. Das finden die Gründerväter der Bewegung auch nicht okay. „Früher gab es keine Banden und keine Erpressung, keine Gewalt und keine Kriminalität“, klagt Dean, der schon 1983 im Märkischen Viertel dabei war, als die Welle aus New York nach Berlin schwappte. Heute ist Berlin ein „Hot Spot“ der Szene, Sprüh-Touristen aus ganz Europa kommen hierher. Spandau und Reinickendorf haben laut Moritz Denunziationsprämien ausgesetzt, doch das hält er für moralisch problematisch. Er wünscht sich vielmehr bessere Gesetze, die derzeit „in ihrer Klarheit nicht immer erkennbar sind“. Geschädigten empfiehlt er, vor Zivilgerichten Schadensersatz anzustreben – dies habe durchaus Wirkung.

Provokation wirkt

Provokation wirkt auch: In Schulklassen erbäten sich die dort Aufklärung betreibenden Beamten gerne von Graffitibefürwortern ein Handy, um es scheinbar zu beschmieren. Die Erfahrung tiefer Verzweiflung und Sprachlosigkeit bei einer Beschädigung eigenen Besitzes gehe tief unter die Haut.

Das beste Beispiel dafür ist der Sprayer-Shop „Overkill“ in der Köpenicker Straße am Schlesischen Tor. „No Tags bitte“ haben die Ladenbesitzer auf einen Zettel am benachbarten Hauseingang geschrieben. „Wir hatten Ärger mit dem Vermieter und wollen so zu einer sauberen Hausfassade beitragen“, sagt Martin, der im „Overkill“ verkauft. Eine beeindruckende Batterie von Dosen ziert eine Wand, die andere ein riesiges Graffito, das zeigt: Ästhetik ist möglich. Martin sieht Zusammenhänge zwischen Kunst und Kriminalisierung: „Früher hatte man mehr Zeit für Farbe und Ästhetik, jetzt muss aus Angst vor der Polizei oft ein bloßes ,Tag‘ reichen. Mit dem Sprühen erobere sich die Jugend nur die Stadt zurück, denn „uns fragt ja auch keiner, ob wir eine Riesenreklamewand vor der Nase haben wollen“.

Allerdings gebe es durchaus noch Tabus. Private Autos werden in der Regel ebenso verschont wie die Fensterscheiben von Geschäften. Eine Gratwanderung: Gerade hat das „Overkill“ sein Angebot erheblich um Mode und Schuhe erweitert. Wie weit darf man wachsen, bevor man zum Ziel für Sprühattacken wird, selbst wenn man einen Sonderstatus in der Szene hat? Sollte es Nestbeschmutzer geben, weiß Martin schon, was zu tun wäre: „Wir würden das unter uns regeln, zum Beispiel den Verursacher zum Reinigen antreten lassen.“ In dringenden Fällen würde man aber auch die Polizei einschalten.

Rainer Stache


50 Millionen Euro Schaden im Jahr
Fachleute gehen in Berlin von 15 000 bis 17 000 Taten im Jahr aus und schätzen den Schaden auf rund 50 Millionen Euro. Die Täter sind in der Regel zwischen 14 und 21 Jahre alt und zu 80 Prozent deutscher Herkunft. Gefängnisstrafen von zwei bis drei Jahren sind möglich. Flusssäureattacken haben nach entschlossenem Handeln der Justiz in Berlin stark nachgelassen.
Vier Euro kostet die Dose, die je nach Sprühkopf für ein bis zwei Quadratmeter reicht. Die Bekämpfungsmethoden sind international unterschiedlich. In New York ist der Besitz von Sprühdosen für unter 21-Jährige verboten; in Paris landet ertappter Sprayer im Gefängnis.


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