Mit dem Handy jederzeit und überall erreichbar: Andere Fahrgäste erfahren unfreiwillig, was sie eigentlich überhaupt nichts angeht oder was sie gar nicht hören wollen. Foto: Eckert
Mit dem Handy jederzeit und überall erreichbar: Andere Fahrgäste erfahren unfreiwillig, was sie eigentlich überhaupt nichts angeht oder was sie gar nicht hören wollen. Foto: Eckert
Plakataktion der BVG: Werbefigur Betty fordert zu mehr Rücksicht in U-Bahnen auf.
Plakataktion der BVG: Werbefigur Betty fordert zu mehr Rücksicht in U-Bahnen auf.

Der tägliche Lärmstress in der U-Bahn

Der eine telefoniert, die andere hört laute Musik, ein Dritter preist Zeitungen an – oft zum Verdruss der ruhigen Fahrgäste.

Berlin. Interessiert Sie, dass der gegenüber sitzende Mann Ärger mit seiner Frau hat? Oder dass der Junge rechts neben Ihnen eine Fünf in Mathe geschrieben hat? Oder wollten Sie schon immer einmal wissen, was für Musik der Mann zu Ihrer Linken hört?

Dann fahren Sie doch einfach U-Bahn. Dank moderner Kommunikationsmittel werden Sie dort vielstimmig und lautstark mit Musik und Lebensgeschichten versorgt. Parallel dazu preisen Fahrgäste Zeitungen an oder bitten um Nahrungsmittel und Kleingeld, bringen Musikanten mehr oder weniger begabt Evergreens und Gassenhauer zu Gehör. Wer lieber lesen oder dösen will, bekommt Probleme: Denn die Privatsphäre lässt sich in U-Bahnwagen, in denen es noch enger zugeht als in S-Bahnwaggons, schwer wahren.

„Ich sitze fast jeden Tag neben oder zwischen Handytelefonierern und Musikhörern mit zu lauten oder schlecht abschließenden Kopfhörern“, sagt Yves K. Der Franzose, der schon lange in Berlin lebt, wundert sich, dass so viele Fahrgäste die Dauergeräusche klaglos hinnehmen. „Ich habe mich schon manchmal beschwert, und dann gab es auch viel Zustimmung von anderen Fahrgästen. Doch von selbst sagt keiner was.“ Die Kritisierten seien in der Regel einsichtig gewesen und hätten den Pegel heruntergedreht, wenngleich das Wummern der Bässe und das Scheppern der Höhen danach immer noch zu hören war.

Laute Gespräche nerven

Yves glaubt, dass den meisten Kopfhörerträgern gar nicht bewusst ist, wie sehr sie andere stören. Weniger Probleme hat er mit Telefonaten – die dauern meist nur kurz. Das sehen andere ganz anders. „Mir gehen die lauten Gespräche ziemlich auf den Zünder, also steige ich nicht mehr ohne meinen MP3-Player in Busse und Bahnen“, hat Katrin M. die Konsequenzen gezogen. Ähnliches gibt es in Internetforen zum Thema zu lesen: „Die Lautstärke meines iPod ist nötig, damit ich den Krach um mich herum nicht mehr höre“, schreibt dort einer.

In der Regel stellen die Kopfhörer eher sanfte Lärmproduzenten dar, weil die Musik aus Ohrstöpseln nur bis zum nächsten Platz zu hören war. Handy-Telefonierer hingegen sind häufig im ganzen Wagen zu hören. Werden Unterhaltungen im Zug meist in verhaltener Stimmlage geführt, wird fernmündlich eher sehr laut gesprochen.

Bei der heutigen Handyverbreitung kann man davon ausgehen, dass in jedem U-Bahnwagen mindestens ein Gerät in Betrieb ist. Jugendliche und Frauen stellen einen Großteil der ungenierten Lauthörer und Lautsprecher. Die Telefonierer sind (wohl im Gegensatz zu den meisten anderen Fahrgästen) davon überzeugt, Wichtiges mitzuteilen. Es ist ein Phänomen urbaner Massenverkehrsmittel, dass immer weniger Menschen Skrupel haben, auch sehr private Informationen lautstark auszuposaunen.

Barbara W. sind die Quellen des täglichen Getöses einerlei. Wenn sie nach einem anstrengenden und lautstarken Arbeitstag nach Hause fährt, empfindet sie jeden unnötigen Krach als Marter und letztlich als Angriff auf ihre Person. Beim Fahrgastverband Igeb ist das Lärmphänomen bekannt, wird aber nicht in die oberste Problemkategorie eingeordnet. „Viel mehr Beschwerden gibt es über die Musikanten“, heißt es dort. Ein Konzept für mehr Ruhe hat auch der Igeb nicht. Man könne schließlich nicht in jeden Zug einen Polizisten stellen und wolle dies auch gar nicht.

Mahnung zur Rücksicht

Immerhin hat sich die BVG über den Umweltfaktor „Lärm“ Gedanken gemacht. In immer mehr Bahnen prangen jetzt Aufkleber, die unter dem Motto „Sei fair – Du bist nicht alleine unterwegs“ zur Rücksichtnahme auffordern. Werbefigur Betty wird auf einzelnen Schildern auch deutlicher: „Ein Handy ist kein Lautsprecher!“ oder „Musik aufs Ohr – nicht auf die Nerven!“

„Zwar ist der Lärm in Kundenbefragungen weit weniger ein Thema der Kritik als etwa Schmutz, aber wir wissen um die Problematik“, sagt BVG-Sprecherin Petra Reetz. Sie selbst mache es wahnsinnig, wenn sie die Bässe der mitreisenden MP3-Hörer in ihrem Magen spüre. Akustische Rücksichtnahme werde eigentlich schon durch die Beförderungsbedingungen verlangt, aber „wir wollen appellieren und nicht verbieten“. Mit der Kampagne sollen die Genervten auch die Möglichkeit erhalten, durch einen einfachen Fingerzeig auf das neue Hinweisschild ihr Missfallen auszudrücken. Lange und eventuell konfliktreiche Debatten entfielen so.

Reetz hofft auf einsichtige Lärmproduzenten und will die Handyfreiheit in den Tunneln der Hauptstadt nicht grundsätzlich einschränken. „Wir haben das U-Bahnnetz ja extra mobilfunktauglich gemacht, es hat auch eine Sicherheitsfunktion.“

Für Yves K. ist die BVG-Aktion ein gutes Zeichen. In französischen Hochgeschwindigkeitszügen hätten sich solche Schilder bewährt. Sie könnten die Selbstverständlichkeit erschüttern, mit der bisher in die akustische Intimzone der Mitreisenden eingedrungen wird.

Auch in Wien geht man derzeit gegen geräuschintensive Passagiere vor. Immer wieder schallen dort Aufrufe aus den Lautsprechern, man möge doch bitte leiser sein. Auch möge man, so weitere Ansagen entlang der Strecke, das Blindenleitsystem freihalten, auf das Rauchen verzichten und dürfe auf keinen Fall fremde Fahrscheine annehmen, was sogar der Polizei zu melden sei. Der ganze Katalog wird unter anderem mit schriller Stimme von einem zwölfjährigen Mädchen vorgetragen. Da hat man, so legen es die öffentlichen Reaktionen nahe, wohl das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.

In Berlin werden sich die wenigsten von den Hinweisschildern beeindrucken lassen – Zeitungsverkäufer ebenso wenig wie Musiker, Telefonierer oder Musikhörer. Da ist sich Barbara W. ganz sicher. Und für viele könnte das BVG-Bild einer fröhlich musikhörenden und telefonierenden Betty schließlich sogar einen Anreiz darstellen, fürchtet sie.

Rainer Stache


Krach macht krank
Die Geschichte der privaten Dauerberieselung der Öffentlichkeit lässt sich bis zur Erfindung des Walkman zurückverfolgen. 1979 brachte Sony den Minikassetten-Player auf den Markt, inzwischen ist der Begriff weltweit und herstellerübergreifend üblich für tragbare Abspielgeräte. 1984 folgte der erste Walkman, der auch CDs lesen konnte, und deshalb auch Discman tituliert wurde. Der Minidisc-Player von 1992 erwies sich dagegen als eine kurzfristige Erscheinung. Die Datenreduktion und die wachsende Kapazität elektronischer Speichermedien ermöglichte schließlich den iPod von Apple und ähnliche Produkte, die 160 Gigabyte und mehr speichern können.
Handys funktionieren mittlerweile in fast allen U-Bahnen Deutschlands. Nur München hat sich schützend vor die nicht telefonierenden Fahrgäste gestellt und die Installation der entsprechenden Technik verhindert. In New York befürchtet man dagegen die Fernzündung von Bomben und hält die Tunnel deshalb handyempfangsfrei.
Als Lärm werden Umgebungsgeräusche bezeichnet, die uns stören – das muss nicht immer der Presslufthammer sein. Die jeweiligen Vorlieben und die Verfassung spielen bei der subjektiven Einordnung eine Rolle. Dennoch kann man Lärm als Schall beschreiben, der den Menschen belästigt oder sogar gesundheitlich schädigt. Der dafür in Dezibel (Einheit: dB(A)) zu messende Schallpegel reicht vom leisesten noch hörbaren Ton (0 dB(A)) bis über die Schmerzgrenze (zirka 120 dB(A)).

 

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