

Wasser aus Mehrfamilienhäusern muss künftig einmal im Jahr in Laboren auf gefährliche Erreger untersucht werden.
Berlin. Seit 1. November gilt bundesweit eine neue Trinkwasserverordnung. Betreiber größerer Warmwassertanks wie zum Beispiel in Mehrfamilienhäusern müssen nun das Wasser insbesondere auf gesundheitsgefährdende Legionellen testen lassen.
Bis zum 14. November haben Eigentümer von Anlagen, die mehr als 400 Liter Wasser fassen, noch Zeit, sich bei den zuständigen Behörden zu melden. Die Tests sollen jedes Jahr erfolgen. Mieter in den oberen Etagen erhalten dann Besuch von Labormitarbeitern, die Wasserproben aus der Dusche entnehmen.
Mieter fürchten zusätzliche Kosten
Sabine Enders ist verärgert über die hohe Heizkostenabrechnung. „Jetzt soll ich auch noch die Untersuchungen des Trinkwassers bezahlen“, fürchtet die Rentnerin aus Mitte. Ob die Kosten in Höhe von etwa 60 Euro für die Untersuchungen tatsächlich auf die Mieter umgelegt werden können, ist derzeit noch fraglich. Dietmar Wall vom Deutschen Mieterbund: „In der Betriebskostenverordnung ist ein Posten für Laboruntersuchungen des Wassers nicht enthalten.“ Umlagefähig seien nur die Kosten, die dort aufgelistet sind. Es müsste also erst die Verordnung geändert werden.
Legionellen sind Bakterien, die sich in warmem Wasser wohlfühlen und vermehren. Beim Duschen und Baden können diese Bakterien in die Lunge geraten und eine Lungenentzündung verursachen. In diesem Jahr wurden in Berlin 47 Fälle derartiger Infektionen gemeldet. Das Robert-Koch-Institut aber schätzt, dass die Dunkelziffer wesentlich höher ist.
Ungeklärte Fälle
Bundesweit dürften jährlich etwa 20.000 Fälle von Lungenentzündung auf das Konto dieses Erregers gehen. Genauere Zahlen gibt es nicht, weil nicht jeder Erkrankte auf Legionellen getestet wird. Denn die Ursachen für eine Lungenentzündung sind vielfältig, und viele Infektionen werden nicht entdeckt.
Auch in Anbetracht der zunehmend älter werdenden Bevölkerung hält das Bundesgesundheitsministerium eine regelmäßige Überwachung der Warmwasseranlagen für nötig. In Berlin stehen Hauseigentümer und Gesundheitsämter zurzeit Kopf, weil die Voraussetzungen für die Kontrollen überhaupt noch nicht geklärt sind. Die meisten bezirklichen Gesundheitsämter sind auf den Ansturm nur unzureichend vorbereitet. „Was passiert beispielsweise mit Hauseigentümern, die sich weigern, ihr Wasser testen zu lassen?“, fragt sich Andreas Dinter vom Gesundheitsamt Schöneberg. „Gibt es Bußgelder und in welcher Höhe?“
Aufwand gerechtfertigt?
Der Verband der Berlin-Brandenburgischen Wohnungsunternehmen (BBU) hat extra dazu eine Konferenz einberufen, um seine Mitglieder zu informieren. Verbandssprecher David Eberhart: „Für uns stellt sich die Frage, ob der große Aufwand gerechtfertig ist.“ So hätten in den vergangenen zehn Jahren in Berlin lediglich zwei Warmwasseranlagen desinfiziert werden müssen. „Todesfälle gab es keine“, so Eberhart. Jedoch kämen auf die Mieter in Mehrfamilienhäusern mit größeren Warmwassertanks weitere Kosten hinzu, weil für die Prüfung der Anlagen Hähne eingebaut werden müssen. „Dabei handelt es sich um eine Modernisierung, die zwischen etwa 200 und 400 Euro kostet“, rechnet Eberhart vor. Er fordert zudem die Behörden auf, „endlich mitzuteilen, was wann und wie passieren soll“.
Nach Schätzung der Senatsgesundheitsverwaltung sind rund 115.000 Versorgungsanlagen in Berlin von der neuen Regelung betroffen. „Eigenheimbesitzer fallen nicht darunter, da sie das Wasser nur selbst nutzen“, erklärt die Sprecherin der Behörde, Regina Kneiding. Die Vorschrift schreibt Tests nur für Wasseranlagen vor, die mehr als 400 Liter Inhalt haben und gewerblich oder öffentlich genutzt werden. Mietwohnungen fallen beispielsweise unter die gewerbliche Nutzung. Krankenhäuser, Seniorenheime und Bäder sind öffentliche Einrichtungen und werden schon seit Langem überprüft. Um Zeit zu gewinnen, setzt sich Berlin beim Bund für eine Novellierung der erst im Mai beschlossenen Trinkwasserverordnung ein. Kneiding: „Nach unserer Auffassung ist es ausreichend, die Tests alle drei Jahre durchzuführen.“
Fehlende Anweisungen
Ganz so neu, wie es scheint, ist die aktuelle Verordnung aber nicht. „Bereits die seit 2001 geltende Trinkwasserverordnung sieht Tests bei Mehrfamilienhäusern vor“, sagt Claudia Wagner, Produktmanagerin für Trinkwasser beim „synlab Hygieneinstitut“. „Bisher fehlten jedoch genaue Anweisungen, sodass sich Hauseigentümer um die Prüfung drücken konnten.“ Um Kosten zu sparen, würden Wasserkessel oft nicht so stark erhitzt, wie es nötig sei, um Legionellen abzutöten.
Erst 60 Grad Celsius heißes Wasser vernichte die Keime. Diese 60 Grad müssen direkt am Auslauf des Wasserhahns in der Wohnung erreicht werden, also auch in den oberen Stockwerken von Hochhäusern wie beispielsweise in Marzahn. Claudia Wagner schätzt, dass bei 30 bis 40 Prozent der Haushalte die Legionellenanzahl höher als erlaubt ist. „Was ist, wenn eine Anlage mit Legionellen befallen ist, der Hauseigentümer dagegen aber nichts unternimmt?“, fragt Wagner. Die Labore unterlägen der Schweigepflicht und könnten deshalb bedenkliche Untersuchungsergebnisse nicht an die Behörden weitergeben.
Eigene Mitarbeiter weiterbilden
Die Wohnungsbaugesellschaft Gesobau mit berlinweit 100.000 Mietern wartet derzeit auf Vorgaben der Senatsgesundheitsverwaltung. Sprecherin Kerstin Huthmann: „Wir ermitteln gerade, welche Anlagen meldepflichtig sind.“ Für die Gesobau zeichnet sich noch ein weiteres Problem ab. „Wir haben unsere Heizkörper-Erfassungsgeräte alle auf Funk umgestellt“, berichtet Huthmann. „So lassen sich die Messdaten auch ablesen, wenn die Mieter nicht zu Hause sind.“ Für die Wasserproben aber müssten zumindest die Mieter der oberen Wohnungen wieder anwesend sein. Huthmann: „Es gibt wohl auch Engpässe beim Personal. Die Labore haben nicht genug Mitarbeiter.“ Deshalb gäbe es Überlegungen, Mitarbeiter der Wohnungsbaugesellschaften zu schulen, damit diese die Proben entnehmen können.
Marianne Rittner

Trinkwasseranlagen müssen geprüft werden.
Berlin. Bei Stichproben in öffentlichen Gebäuden hat der TÜV in drei von fünf Wasserproben bedenkliche Keimzahlen ermittelt.
Mit Legionellen hatte jedes zweite Berliner Krankenhaus in der Vergangenheit schon einmal Probleme. Und die Berliner Bäder-Betriebe mussten bereits mehrmals deswegen Bäder schließen. Immerhin 28 Prozent unserer Leser, also fast jeder Vierte, haben Bedenken, in der Hauptstadt Wasser aus der Leitung zu trinken. Der Großteil der Leser (72 Prozent) fühlt sich hingegen sicher.
„Unser Trinkwasser ist in Ordnung“, gibt der Sprecher der Berliner Wasserbetriebe, Stephan Natz, Entwarnung. Das Trinken von Wasser ist in der Regel unbedenklich, da eine Infektion mit Legionellen nur möglich ist, wenn sie mit Wassertröpfchen eingeatmet werden, zum Beispiel beim Duschen. „Es gibt in Deutschland erhebliche Probleme mit Legionellen“, weiß die Sprecherin des Landesamtes für Gesundheit und Soziales, Silvia Kostner. Deshalb sei der Legionellentest in die Trinkwasserverordnung aufgenommen worden: „Innerhalb des kommenden Jahres müssen daher alle Anlagen überprüft werden.“
| Die Legionärskrankheit |
| Legionellen sind Bakterien, die sich in Süßwasser aufhalten und bei Temperaturen von 25 bis 45 Grad stark vermehren. Bei Menschen können diese Bakterien Lungenentzündungen hervorrufen. Gefährdet sind vor allem Personen mit einem geschwächten Immunsystem. Entdeckt wurde der Zusammenhang zwischen Lungenentzündung und Warmwasser nach einem Treffen von US-Kriegsveteranen in einem Hotel in Philadelphia 1976. Damals waren 181 Personen an der lebensbedrohlichen Lungenentzündung erkrankt. Sie alle hatten sich über das warme Wasser im Hotel infiziert. Die durch Legionellen verursachte Erkrankung bezeichnete man dann später als Legionärskrankheit. |
| Eine weitere Neuerung der seit 1. November bundesweit geltenden Trinkwasserverordnung ist ein Grenzwert für Uran. Erstmalig wird damit in einem Land der Europäischen Union ein Grenzwert für Uran im Trinkwasser festgelegt. Mit 0,010 Milligramm pro Liter ist der Uran-Grenzwert in Deutschland der weltweit schärfste und bietet allen Bevölkerungsgruppen – Säuglinge eingeschlossen – gesundheitliche Sicherheit vor möglichen Schädigungen durch Uran im Trinkwasser. |