Nach langem Warten fährt endlich ein Zug auf dem S-Bahnhof Gesundbrunnen ein. Foto: Augen-Blick
Nach langem Warten fährt endlich ein Zug auf dem S-Bahnhof Gesundbrunnen ein. Foto: Augen-Blick

Die Nerven liegen blank

Lange Wartezeiten und volle Züge: S-Bahn-Fahrgäste verlangen Entschädigung. Konzern verspricht Abonnenten einen Monat freie Fahrt.

Berlin. Nur noch die Hälfte der S-Bahnwagen ist im Einsatz, die Züge fahren in größeren Zeitabständen. Das derzeitige Chaos sorgt für Ärger bei Fahrgästen und Politikern. Grund für das Dilemma sind Sicherheitsüberprüfungen an den Wagen – angeordnet vom Eisenbahn-Bundesamt. Ein Ende der Misere ist nicht in Sicht.

Entgeistert starrt Manuela Wuttke auf dem S-Bahnhof Gesundbrunnen zur elektronischen Anzeige für die Ringbahn: „Zugverkehr unregelmäßig“ flimmert da in einer Endlosschleife. Der Umsteigebahnhof für die S 1, S 2, Ringbahn und U-Bahn ist jetzt um 16.30 Uhr zum Berufsverkehr mit Wartenden voll. „Ich bin in Pankow in die S 2 gestiegen und will von hier mit der Ringbahn nach Halensee“, sagt die 37 Jahre alte Steuergehilfin.

 Mit so einem Chaos hat sie trotz aller Warnungen nicht gerechnet. „Ich fahre meistens U-Bahn, aber nach Halensee wollte ich mit der S-Bahn. Na, das kann ja jetzt dauern“, stöhnt sie. Da fährt die Ringbahn ein, Massen drängen hinaus, die wartenden Fahrgäste vom Bahnsteig hinein. Im Zug jappst eine ältere Dame nach Luft. „Den Gestank hält ja keiner aus“, murmelt sie. Der überfüllte Wagen, der Geruch aus Schweiß und Parfüm, unvermeidbarer Körperkontakt – das stört nicht nur die Rentnerin.

Kaputte Türen

Die durch die verkürzten Züge und den größeren Fahrabstand verbundene Enge in der S-Bahn bekommen auch Mütter mit Kinderwagen und Radfahrer zu spüren. „Neulich hing mein Hinterrad noch raus, als die Türen geschlossen wurden“, ärgert sich Ulrike Richter aus Mahlsdorf. Auch würden immer mehr Anfeindungen gegen Fahrradfahrer in den Wagen laut. Als „Unding“ bezeichnet Familienvater Volker Wischnewsky aus Karow den Umstand, dass bei vielen Wagen als „Draufgabe“ auch noch die Türen kaputt seien. „Da steht dann was von ,Tür defekt‘ auf roten Schildern“, ärgert er sich.

Viele Berliner haben die Nase vom S-Bahn-Fahren voll. So auch Matthias Schubner aus Spandau. Er ist auf Bus, U-Bahn und Regionalbahn umgestiegen. Erst im Mai verkündete die S-Bahn stolz, dass die Zahl ihrer Stammkunden mit 150.000 Abonnenten einen Rekord erreicht habe – auch wegen des guten Preis-Leistungs-Verhältnisses. Ob die täglich 1,3 Millionen Fahrgäste das jetzt immer noch so sehen, scheint eher fraglich. Denn mittlerweile fordern viele Entschädigung für nicht erbrachte, aber im Abo oder mit dem Ticket schon bezahlte Leistungen.

Volker Wischnewsky fährt regelmäßig S-Bahn und hat auch ein Fahrradticket. Er sagt: „Geldrückgabe wäre eine angemessene Geste.“ Nach fast zwei Wochen Chaos und Worten des Bedauerns teilt die Deutsche Bahn mit, dass Besitzer von Abo- und Jahreskarten im Dezember einen Monat lang freie Fahrt hätten. Als Entlastung würden zusätzliche Regional-Expresszüge eingesetzt. Und: „Um den Fahrgästen bis Ende Juli eine verlässliche Reiseplanung bieten zu können, hat die S-Bahn einen Basis-Fahrplan erstellt“, sagt Ulrich Homburg, Vorstand Personenverkehr der Deutschen Bahn. Außerdem, so Homburg, würden die Kunden über einen Stufenplan zur schrittweisen Rückkehr zum normalen Verkehrsangebot der S-Bahn informiert.

Nicht nur für die Fahrgäste, auch bei der Deutschen Bahn AG und der S-Bahn Berlin GmbH herrscht derzeit „absoluter Ausnahmezustand“. Seit dem Unfall durch Radbruch bei einer S-Bahn in Kaulsdorf am 1. Mai werden die Wagen der betroffenen Baureihe 481 auf Sicherheit getestet, Räder ausgetauscht und nachgebessert. Etwa die Hälfte aller 1264 S-Bahn-Wagen musste deswegen aus dem Verkehr gezogen werden. Das Eisenbahn-Bundesamt (EBA), Sicherheitsbehörde für Eisenbahnen, ist die oberste Kontrollinstanz. „Die Berliner S-Bahn hat ihre Selbstverpflichtung vom Mai, die Räder der Züge alle sieben Tage zu überprüfen, nicht umgesetzt“, sagt EBA-Sprecher Ralph Fischer. Das hätten Kontrollen in Werkstätten und Büros ergeben. Nachvollziehen kann Fischer das Versäumnis nicht, sei doch die S-Bahn gesetzlich verpflichtet, die Betriebssicherheit jederzeit zu gewährleisten. „Weitere Restriktionen sind nicht auszuschließen.“ Eine Aktion in diesem Umfang, so Fischer, sei in Deutschland bisher einmalig. Nun werde das Geschehen bei der Berliner S-Bahn bundesweit beobachtet.

Staatsanwälte ermitteln

Auch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung schaut mit Argusaugen zu. „Die schlechten Leistungen der S-Bahn wie Unpünktlichkeit, kaputte Türen und zu wenige Reservewagen, dazu aktuell die Sicherheitsfragen, es reicht“, sagt Marko Rosteck aus der Pressestelle. Jetzt werde der Verkehrsvertrag Berlins mit der S-Bahn überprüft – ob und wie er neu ausgeschrieben werden könnte und ob eine vorzeitige Kündigung möglich sei. So habe sich laut Rosteck zum Beispiel schon die Hamburger Hochbahn im Fall einer Neuausschreibung selbst ins Gespräch gebracht.

Selbst die Berliner Staatsanwaltschaft bleibt nicht von der S-Bahn-Krise verschont und ermittelt gegen vier Ex-Manager. Der Verdacht: gefährlicher Eingriff in den Bahnverkehr wegen mangelnder Sicherheitskontrollen. S-Bahn-Betriebsratsvorsitzender Heiner Wegner warnt seit 2007 vor genau diesem Dilemma: „Da griff der Rationalisierungswahn um sich.“ Seit etwa 2004 mussten laut Wegner über 1000 Mitarbeiter gehen, Werkstätten wurden geschlossen und die Abstände der Sicherheitskontrollen von sieben auf 14 Tage erweitert. Nun fehle es für den erneuten Sieben-Tage-Rhythmus an Personal und Wartungsmöglichkeiten.

Stoppt Personalabbau!

Wegners Forderung nach Wiedereröffnung der gerade geschlossenen Werkstatt Friedrichsfelde und nach Stopp des Personalabbaus unterstützt Jens Wieseke vom Fahrgastverband Igeb: „Diese Situation ist Ergebnis von Fehlentscheidungen des Managements, vom Sparen auf Teufel komm raus.“
Da laut EBA-Sprecher Fischer noch kein Ende der Untersuchungen und Reparaturen absehbar sei, werden auch Großveranstaltungen wie die Leichtathletik-WM im Olympiastadion oder Konzerte in der O2-World mit verschärften An- und Abreisebedingungen verbunden sein.

Gabi Zylla



Nur die Ringbahn fährt normal
Wegen der umfangreichen Sicherheitsuntersuchungen bei der S-Bahn fahren fast alle Züge nur noch im 20-Minuten-Takt. Die S 5 verkehrt zwischen Strausberg und Strausberg Nord nur alle 40 Minuten. Die Linien S 45 (Schönefeld – Hermannstraße) und S 85 (Schöneweide – Waidmannslust) verkehren vorerst nicht mehr. Die Ringbahn fährt laut S-Bahn GmbH planmäßig. Zusätzlich verkehrt jetzt der Regionalzug RE 1 zwischen Potsdam und Ostbahnhof montags bis freitags von 6 bis 20 Uhr viermal pro Stunde statt wie bisher zweimal. Die SXF-Schnellbusse zwischen Bahnhof Südkreuz und Flughafen Schönefeld (Ersatz für die S 45) können zuschlagsfrei genutzt werden (Stand bei Redaktionsschluss). Informationen zum aktuellen Fahrplan gibt es unter www.s-bahn-berlin.de oder unter Tel. 29 74 33 33 (montags bis freitags von 6 bis 22 Uhr sowie sonnabends, sonntags und feiertags von 7 bis 21 Uhr).


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