Sie wollen zurück in die erste Liga: Die Hertha-Mannschaft auf dem Trainingsgelände am Olympiastadion in Charlottenburg. Foto: Augen-Blick
Sie wollen zurück in die erste Liga: Die Hertha-Mannschaft auf dem Trainingsgelände am Olympiastadion in Charlottenburg. Foto: Augen-Blick

„Die Spieler müssen kämpfen, jedes Spiel“

Trotz Herthas Abstiegs in die zweite Liga verweigern sich Mannschaft und Fans jeder Niedergeschlagenheit. Ein Phänomen.

Berlin. Der Abschied aus der höchsten Fußballklasse soll wie ein böser, kleiner Ausrutscher wirken. Das funktioniert bislang grandios. Allerdings muss die Rückkehr in die A-Liga diese Saison klappen. Sonst beginnt der erst einmal verdrängte Schrecken doch noch.

Sie erzählen jetzt bei Hertha ihre ganz eigenen Geschichten. Eine davon geht in etwa so: Noch vor Monaten war die Mannschaft eine Mannschaft wie von einem anderen Stern, abgehoben, weitgehend ohne Kontakt zur Stadt und zu den Fans, intransparent, unfreundlich, unkommunikativ. Hertha, wird mit leichtem Schaudern weitergegeben, sei einmal sein eigener Kosmos gewesen. Es ist eine düstere Geschichte, sie muss so düster sein, damit der zweite Teil der Geschichte umso heller strahlt.

Dieser Teil spielt in einem dunklen Tal, es müsste eigentlich ein Tal der Tränen sein, aber plötzlich – Zeichen und Wunder! – durchdringt alle ein wahnsinniges Glück. Wie beseelt erinnert man sich jetzt starker Tugenden wie Kampf- und Mannschaftsgeist, man begreift sich nun nicht mehr als eigener Kosmos, sondern vielmehr als Teil des Kosmos namens Berlin. Helden von früher, wie etwa die damaligen Lichtgestalten Arne Friedrich und Gojko Kacar, so geht die Sage, wären heute recht fehl am Platz. Jetzt gibt es, wie in jeder guten Story, einen neuen Helden: die Mannschaft.

Schlaue PR-Arbeit

Die Geschichte hat alles, was eine gute Geschichte braucht. Das Wandeln am Abgrund. Den Glauben an die eigenen Fähigkeiten. Schicksalhaftigkeit und das Gefühl, dass die Stunde der Entscheidung naht. Noch ist sie nicht zu Ende. Der Plot ist vom feinsten, aber der Schluss einstweilen offen.

Die Mannschaft fightet tatsächlich, die Mannschaft geht wirklich in die Kieze, wie etwa Ende Juli zur Autogrammstunde in den Wedding. Das alles soll uns sagen: Hertha nach dem Abstieg ist nicht mehr die Hertha vor dem Abstieg. Die Sportredaktionen der Berliner Zeitungen, aber auch der Boulevard transportieren die Geschichte lautstark in die Welt hinaus. Sie machen, ganz nebenbei, eine wirklich schlaue Öffentlichkeitsarbeit bei Hertha. Aber all dies funktioniert am Ende nur aus einem Grund: Die Geschichte ist wirklich gut.

Sie stehen bei Hertha unter enormem Druck. Nach dem Abstieg zerbröselte der alte Spielerkader wie Butterkekse in Kinderhänden. Zwölf Spieler wurden neu verpflichtet. Der Etat schmolz von 70 auf 34 Millionen Euro. Damit allerdings ist er noch immer der höchste in der zweiten Liga. Keiner schiebt derzeit eine vergleichbar mächtige Welle vor sich her. Hertha gleicht einem atomgetriebenen Flugzeugträger, der auf dem Wannsee kreuzt.

Die Sponsoren blieben an Bord. Genauso wie die Fans. Statt dem Verein enttäuscht den Rücken zu kehren, ließen sich Tausend neue Mitglieder einschreiben. 15.000 Dauerkarten wurden verkauft, das sind zwar 2500 weniger als zuvor, aber immer noch mehr als bei jedem anderen Zweitligaclub. Beim ersten Spiel nach der Sommerpause gegen Rot-Weiß Oberhausen kamen knapp 50.000 Besucher ins Olympiastadion. Und einen ähnlichen Hype wie um das Lokalderby gegen den 1. FC Union hätte man sich in der desaströsen vergangenen Saison nur wünschen können.

Alle, so scheint es, vom einfachen Fan bis zu den Hertha-Hierarchen, geben der Mannschaft mächtig Kredit. Aber, darin sind sich alle auch einig, am Ende dieser Spielzeit muss der Wiederaufstieg stehen. Eine zweite Periode in der B-Liga – und Hertha fliegt auseinander wie ein illegaler Chinakracher. Dann würde mit voller Wucht kommen, was jetzt kein Thema sein darf, kein Thema ist: der Hertha-Blues.

Die Moral ist da

Der Hauptgarant für das Erreichen des gesteckten Ziels hat einen Namen: Markus Babbel. Er ist ein Mann der klaren Ansprache. Die Subbotschaft an jeden, der aus der Reihe tanzt oder körperlich nicht auf der Höhe ist, lautet: Mach nur weiter so, dann kann es für dich ganz schnell heißen „Und raus bist du“.

Nun wird während der Woche um 10 und um 16 Uhr trainiert. Da kann es passieren, dass Babbel die Jungs die große Treppe des Olympiastadions hoch und runter scheucht, bis ihnen die Luft wegbleibt. Pardon wird bei Hertha im Augenblick nicht gegeben.

Babbel weiß, wo die Baustellen sind. Er weiß, dass zwei Siege bei den ersten beiden Spielen auch etwas mit Fortune zu tun hatten, mit jenem Fortune vielleicht, das in der vergangenen Saison gefehlt hat. Nach dem Training an diesem Vormittag, an dem die Sonne das Spielfeld ins klare Berliner Licht taucht, lobt er die Seinen: „Die Moral“, sagt er, „ist da.“ Das ist bei Hertha schon mal was.

Der Druck, der auf dem Team laste, sagt der 38-Jährige, der von VfB Stuttgart nach Berlin kam, sei „angenehm“, denn es sei schließlich besser, für den Aufstieg als gegen den Abstieg zu spielen. So kann man es auch sehen. Dass die zweite Liga eben doch „dreckig“ ist, wird nur sehr leise gesagt. Es ist, als wische momentan jeder bei Hertha die Sorgen und Nöte nachdrücklich beiseite.

Bei den Fans ist es nicht anders. Man hat den Eindruck, als wollten sie die Begeisterung für den Verein, an der es oft gemangelt hat, auf Teufel komm raus nachholen, als sei das ganze Hertha-Universum leicht von Sinnen. Er wolle jetzt „einfach Spaß haben“ erklärt Fan Ralf nach der Übertragung des Spiels gegen Fortuna Düsseldorf. In der Kreuzberger Kneipe ist die Stimmung nach dem 2:1-Sieg bestens. „Gerade jetzt“, sagt der 50-Jährige, „muss man dem Club die Stange halten“. Aber dafür verlangt er auch was: „Die Spieler müssen kämpfen, jedes Spiel.“ Und der 24-jährige Martin ergänzt: „Die müssen wissen, dass sie für die Stadt spielen.“ Keine Frage: Die Hertha-Geschichte, die derzeit erzählt wird, ist wirklich mitreißend.

Kai Ritzmann



Abstiegserfahrene Hertha
Die Erfahrung, in der zweiten Liga spielen zu müssen, ist für Hertha BSC nicht neu. Nachdem es für den 1892 gegründeten Berliner Traditionsclub nach der 1963 ins Leben gerufenen Bundesliga zunächst erfolgreich losging, folgte 1965 die Rückstufung in die Regionalliga, die drei bittere Jahre währte. In den kommenden zwölf Jahren etablierte sich Hertha erneut im Oberhaus des deutschen Fußballs, um allerdings 1978/79 wieder abzurutschen. 1986 ging es sogar noch eine Stufe tiefer, in die Amateur-Oberliga. Ab 1996/97 spielte Hertha wieder in der ersten Liga und erreichte sogar UEFA-Pokal- und Champions-League-Status.

 

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