Kaufen oder verkaufen? Die Unsicherheit der Anleger ist derzeit riesig. Foto: Hahn
Kaufen oder verkaufen? Die Unsicherheit der Anleger ist derzeit riesig. Foto: Hahn

Die Stunde der Zocker

Was die einen in Panik versetzt, bringt anderen satte Gewinne ein. In Zeiten der Finanzkrise wächst vor allem die Zukunftsangst.

Berlin. Eine Büroetage in Halensee: Bei der Wertpapierhandelsbank Tradegate werden Aktien auf Wunsch der Kunden gekauft und verkauft: Es ist im Augenblick ein Bombengeschäft. Am anderen Ende der Stadt aber machen sich vor einem Arbeitsamt Menschen Sorgen, dass der Staat zwar die Banken schützt, aber bald kein Geld mehr für Sozialleistungen haben könnte.

Es muss da draußen eine Menge hungriger Menschen geben. Sie sind hungrig nach jener Differenz zwischen Kaufs- und Verkaufspreis einer Aktie, den man Gewinn nennt. Jeder von ihnen sitzt vor einem Bildschirm, richtig erkennbar aber sind nur ihre Spuren, die sie auf anderen Bildschirmen hinterlassen. Zum Beispiel auf den Schirmen von Tradegate, einer am Kurfürstendamm beheimateten Wertpapierhandelsbank. Die technische Entwicklung macht den Computerhandel in Bruchteilen von Sekunden seit Jahren für praktisch jedermann möglich. Doch so wild wie jetzt ging es noch nie zu.

Anleger im Rausch

Es sind Zehntausende von Menschen, die über Tradegate Aktien erwerben oder abstoßen. Sie können es dort von 8 bis 22 Uhr tun, und sie tun es momentan in immer kürzeren Abständen, sie scheinen geradezu von einem Rausch erfasst zu sein. Die Krise lässt sie zu ungeahnter Form auflaufen, vielleicht zwingt sie sie auch zu diesem Aktionismus. Die internationale Finanzkrise ist nicht unbedingt für jeden eine Katastrophe.

Nicht für die Aktienjunkies an ihren Computern, die morgens, mittags, abends flackernden Blickes die Kurse überfliegen und mit flinken Fingern über die Tasten huschen, um einzutippen, von welchen Werten sie sich trennen oder welche sie in ihr Depot übernehmen wollen. Sie wittern in dem dramatischen Auf und Ab der Kurse ihre Chance. Heute einen Wert kaufen und übermorgen, nach einem kurzen Aufglimmen, rasch wieder verkaufen, mit einem hübschen Spekulationsgewinn. Wirklich schlimm ist die Krise daher auch nicht für Holger Timm. Timm ist der Chef und Hauptaktionär von Tradegate. Mögen andere sich fragen, ob nicht das ganze System kollabiert, fragt Timm etwas anderes. Untergangsstimmung, fragt er, welche Untergangsstimmung? Aktienkrise? Welche Aktienkrise?

Am 13. Oktober 2008 verzeichnete sein Unternehmen rund 30 000 sogenannter „Trades“, also Kauf- oder Verkaufsorder. Es war der absolute Rekordtag. „Ein Wahnsinn“, sagt Timm rückblickend. Auch am Tag darauf waren es noch sensationelle 29 000. Normal sind 6000 bis 7000. Wahnsinn auch deshalb, weil Tradegate an jeder Transaktion verdient. Timm verzeichnet für sein Unternehmen „Rekordumsätze“. 2001 waren knapp 37 000 Wertpapierbewegungen normal – über das ganze Jahr verteilt. Aber was ist im Augenblick schon normal?

Kürzungen befürchtet

Vielleicht liegt die Normalität vor dem Jobcenter an der Sonnenallee. Jedenfalls ist es die Normalität von Neukölln. Es ist ein diesig kalter Montagvormittag. Vor dem Eingang hat sich eine Schlange gebildet. Ein russischstämmiger junger Mann zeigt sich wenig interessiert an der globalen Krise. Die Flaute im eigenen Portemonnaie ist ihm erheblich näher als das monetäre Vakuum der Banken. Ein solch allgemeines Achselzucken gegenüber den Weltläufen der Finanzwelt ist in der Schlange weit verbreitet. Hier ist den Menschen Hartz IV näher als der Dow Jones.

„Politik und Wirtschaft“, sagt der Mann mit dem russischen Akzent noch, „ist schwarze Magie.“ Auch dieses latente Gefühl der Ohnmacht teilt er mit vielen Wartenden. Aber genauso unterschwellig und diffus ist auch die Furcht, dass das Geld, das die Banken in Anspruch nehmen können, an anderer Stelle fehlen werde, bei der Bildung etwa, bei den Renten, beim Arbeitslosengeld. „Da werden die Mittel weiter gekürzt“, prophezeit eine Sozialarbeiterin, die gerade ein paar Akten vorbeibringt. Ein junger Türke sieht schwarz: Spätestens in einem halben Jahr würden die Folgen des Crashs auch für Leute wie ihn spürbar werden. „Dann“, sagt er düster, „wird’s schlimm.“ Timm sitzt in seinem modern eingerichteten Halenseer Büro und will einiges erklären. Dunkelblauer Anzug, offener Kragen, bombiges Selbstbewusstsein.

Es gibt nicht viele seiner Kollegen, die sich jetzt in der Presse wiederfinden möchten. Die steil nach unten weisenden Kurven an den Börsen bringen Timm nicht aus der Ruhe. Verglichen mit dem Punktestand vom September 2001, als die Börsen nach dem Anschlag auf das World Trade Center einbrachen, liege man noch immer mehr als 100 Prozent darüber. Aber sorgenfrei ist Timm nicht.

„Börse ist irrational“

Der Aktienhändler bangt um die Weltwirtschaft. Und weil alles mit allem zusammenhängt in diesem internationalen Wirtschaftleben, sagt Herr Timm, der seit über 20 Jahren in diesem Geschäft ist: „Börse ist immer irrational.“ Daraus folgt für ihn: „Jeder, der sagt, er wüsste, wie es weitergeht, der lügt.“

Im Handelsraum von Tradegate herrscht an diesem frühen Nachmittag eine relative Ruhe. Rund zwei Dutzend Händler haben hier ihren Arbeitsplatz. Jeder von ihnen sitzt vor mindestens drei Tastaturen und acht Monitoren. Über die Bildschirme laufen die aktuellen Werte von DAX, Xetra, Dow Jones, Dollar, Gold- und Ölpreis. Dazu die einzelnen Kurse und Firmennachrichten. Es sind die vielen kleinen Mosaiksteinchen, aus denen sich ein Bild, ein Trend zusammensetzen soll. Zu dieser Stunde sind fast alle Indizes miserabel. Da gibt es nicht viel zu deuteln: ein weiterer düsterer Tag, in einer langen Reihe düsterer Tage.

Offenkundig sind die kleinen Sparer aber vernünftiger als die Börsianer, wozu derzeit nicht viel gehört. „Gefasst“ seien die Leute, sagt Peter Lischke, „von Panik keine Spur“. Lischke ist Referent für Finanzdienstleistungen bei der Verbraucherzentrale Berlin. Früher hätten sich an den Beratungstagen etwa ein Dutzend Ratsuchende bei ihm gemeldet, heute klingle das Telefon ununterbrochen.

Lischke rät zu Besonnenheit: eventuell umschichten, am besten abwarten, bloß keine Hektik. Oder vielleicht doch das Bare lieber unterm Kopfkissen verstauen? Lischke zögert keine Sekunde mit der Antwort: Das, sagt er, sei „absolut töricht“.  

Kai Ritzmann


Kleines Börsen-Abc
Aktie: Eine Aktie ist ein Anteilsschein an einer Aktiengesellschaft. Man besitzt mit ihr einen Bruchteil des Grundkapitals. Die Ausgabe von Aktien geschieht mit der Emission. Inhaber von Stammaktien haben ein Stimmrecht.
Dividende: Die Dividende ist der auf eine Aktie entfallende Anteil an der Gewinnausschüttung einer Aktiengesellschaft. Über die Dividendenhöhe und ihre Auszahlung entscheidet die Hauptversammlung.
Hedgefonds: Hedgefonds sind eine spezielle Art von Investmentfonds, die sich durch eine besonders spekulative und damit riskante Anlagestrategie auszeichnen. Sie unterliegen keinen Anlagerichtlinien und können so alle Formen der Kapitalanlage nutzen.
Rendite: Rendite ist der Gesamterfolg einer Kapitalanlage, also die tatsächliche Verzinsung des eingesetzten Kapitals.
Zins: Zins ist der Preis, den ein Schuldner dem Gläubiger für die befristete Überlassung von Geld oder Sachgütern zahlt. Durch Zinseszins vergrößert sich das Kapital immer rascher.


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