Ralf Mehlhorn macht der Ambrosia auf dem Grünstreifen in der Gneisenaustraße in Kreuzberg den Garaus. Foto: Christian Hahn
Ralf Mehlhorn macht der Ambrosia auf dem Grünstreifen in der Gneisenaustraße in Kreuzberg den Garaus. Foto: Christian Hahn
Ambrosia oder Beifuß? Ein Blick auf die Blattunterseite hilft: sie ist hellgrün beim Beifußblättrigen Traubenkraut und grauweiß-filzig beim Beifuß (rechts). Foto: Christian Hahn
Ambrosia oder Beifuß? Ein Blick auf die Blattunterseite hilft: sie ist hellgrün beim Beifußblättrigen Traubenkraut und grauweiß-filzig beim Beifuß (rechts). Foto: Christian Hahn

Die blühende Gefahr

Ambrosia-Pollen können schwere Asthma- und Allergieanfälle auslösen. Doch Berlin hat der Pflanze den Kampf angesagt.

Berlin. Ambrosia macht sich in der Stadt immer breiter. Experten schlagen laut Alarm, weil die Pollen stark allergieauslösend sind. Damit möglichst viele Menschen gegen das Beifußblättrige Traubenkraut kämpfen, fiel jetzt der Startschuss für das Berliner Aktionsprogramm gegen Ambrosia.

Besonders bei Allergikern kann es durch die Ambrosia-Pollen zu Symptomen wie Augenjucken und Kopfschmerzen kommen; Heuschnupfen und Asthma können hervorgerufen oder verstärkt werden. Nach Angaben von Experten sind rund 35 Prozent der Bevölkerung Allergiker. Beim Kampf gegen Ambrosia arbeiten das Institut für Meteorologie der Freien Universität (FU), die Senatsverwaltung für Gesundheit, das Pflanzenschutzamt, der Botanische Garten, bezirkliche Grünflächenämter und die Beschäftigungsträger meco Aktiv gGmbH und trias gGmbH eng zusammen. Unter dem Motto „Berlin packt an“ sind auch die Bürger aufgerufen, beim großen Ambrosia-Unkraut-Zupfen zu helfen.

Im Hausmüll entsorgen

Wie das geht, machen die Ambrosia-Scouts von meco und trias vor. Da leuchten die Augen von Ralf Mehlhorn: Der 57-jährige Scout steuert zielsicher auf dem Mittelstreifen der Gneisenaustraße Höhe Zossener Straße zur gerade gesichteten Ambrosia, zieht Handschuhe über, rupft die acht Pflanzen samt Wurzeln aus und steckt sie in seine blaue Mülltüte. „Die Leute auf den Bänken daneben waren sehr interessiert, was wir da machen, und wir haben es gern erzählt“, lacht der ehemalige Industriekaufmann.

Jetzt ist er einer der meco-Scouts, die die Straßen in Kreuzberg und Friedrichshain auf das ungeliebte Ambrosiagewächs absuchen. Es werden Fotos gemacht, die Pflanzen gezählt und eingeordnet – zum Beispiel als Jungpflanze, vor der Blüte – und alles auf dem Merkblatt zur Standorterfassung eingetragen. Im Büro von meco an der Ritterstraße stellt das Team die Daten ins Internet und entsorgt die ausgerissenen Pflanzen im Hausmüll. „Auf keinen Fall zum Bio-Abfall oder auf den Kompost werfen“, warnen die Experten der FU.

Nicht immer treffen die Scouts auf Verständnis. „Skeptische Hausmeister haben uns auch schon weggescheucht“, erzählt Mehlhorn. „Die hatten noch nie was von Ambrosia gehört.“ Bei privaten Grundstücken werde geklingelt, mit den Leuten geredet und Info-Material gesteckt. Ihr Wissen erhalten die „Sucher“ bei einer Schulung über Ambrosia, Allergien, Pollenkalender und Arbeitsschutzvorschriften. Ab Mitte Juli blüht Ambrosia – dann darf das Kraut mit den aggressiven Pollen nur noch im Einweganzug mit Schutzbrille, Handschuhen und Mundschutz aus dem Boden gezogen werden; zu groß ist die allergische Gefahr. Ralf Mehlhorn ist der Ambrosia-Blick so in Fleisch und Blut übergegangen, dass er selbst beim privaten Spaziergang danach Ausschau hält: „Solche Funde melde ich dann einfach weiter.“ Fundstellen gibt es in Berlin viele; große ebenso wie kleine. „Am Gleisdreieck haben wir zum Beispiel 2009 an einem Fleck 1000 Pflanzen gefunden und beseitigt“, sagt Martina Bohnen von der meco-Projektleitung Friedrichshain-Kreuzberg.

Fundstellen melden

In acht Bezirken sind die Scouts von meco und trias derzeit unterwegs, dazu kommen in zwei weiteren Bezirken eigene Scout-Trägervereine. Nur Pankow und Steglitz-Zehlendorf werden noch nicht systematisch nach dem Allergiker-Schrecken abgesucht. Anwohner sind aufgerufen, Ambrosia mit genauem Fundort zu melden. Ein Scout kommt dann bei Bedarf vorbei, um die Pflanzen zu begutachten. „Auf Wunsch informieren wir auch vor Ort zum Beispiel bei Kleingärtnern über Ambrosia“, so Martina Bohnen.

Das Aktionsprogramm gegen Ambrosia beinhaltet neben dem Einsatz der insgesamt rund 160 Scouts und Aufklärung der Bevölkerung auch einen regionalen Ambrosia-Atlas im Internet. „Das ist bisher einmalig in Deutschland“, weiß Thomas Dümmel vom FU-Institut für Meteorologie und Mitinitiator des Programms. Der Atlas 2009 zeigt, dass in den abgesuchten Bezirken besonders viel Ambrosiakraut in Treptow-Köpenick gefunden wurde, insgesamt 67.141 Pflanzen – mehrmals über 1000 Pflanzen an einer Stelle. Es folgen die nicht systematisch durchsuchten Bezirke Marzahn-Hellersdorf und Reinickendorf mit rund 10.000 Pflanzen. Mit nur 42 Pflanzen ist Steglitz-Zehlendorf das „Schlusslicht“, das aber auch nicht gezielt abgesucht wurde. Großfunde von mehr als 100 Pflanzen an einem Fleck sind 2009 noch in Charlottenburg-Wilmersdorf am Halensee, in Tempelhof-Schöneberg am Bahnhof Südkreuz und in Lichtenberg registriert worden.

Für die Verbreitung des Unkrauts sorgen vor allem mit Ambrosiasamen verunreinigtes Vogelfutter sowie Erdtransporte und -zwischenlager bei Bauarbeiten. Der Biologe Stefan Nawrath von der Projektgruppe Biodiversität aus Friedberg/Hessen sagt, 2009 seien bei Vogelfutterproben 70 Prozent der Packungen belastet gewesen. Nach Einschätzung der Fachleute sind Ambrosia-Vorkommen in Deutschland noch recht gering. Am stärksten betroffen sind, so Nawrath, die Niederlausitz/Brandenburg, Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Rheinland-Pfalz. Eine bayerische Studie habe ergeben, dass von 1129 Patienten mit Heuschnupfen und Asthmasymptomen 27 Prozent auch gegen Ambrosia sensibilisiert sind. Laut Dümmel könnten die Ambrosia-Auswirkungen in Deutschland ähnlich drastisch werden, wie sie woanders schon sind: „Im französischen Rhônetal reagieren inzwischen zwölf Prozent der Bevölkerung allergisch auf Ambrosia und in Norditalien beobachteten Ärzte einen enormen Anstieg von Asthma-Anfällen durch Ambrosia“, warnt Dümmel.

Test sollte Routine werden

Der Allergologe Michael Silbermann vom Polleninformationsdienst Berlin fordert daher, dass die Ärzte zukünftig bei Allergietests routinemäßig Ambrosia-Allergie mittesten sollen. Es sei bedauerlich, dass von 500 angeschriebenen Berliner Fachärzten zu Ergebnissen ihre Ambrosia-Prick-Tests nur 17 Antworten kamen. Danach wurden von Oktober 2009 bis Mai 2010 725 Patienten getestet, von denen zwölf Prozent sensibilisiert waren. Sechs Prozent mussten mit allergischen Reaktionen rechnen. Durch Ambrosia verschärft sich die Lage aller Allergiker, weil deren späte Blütezeit die Pollenbelastung der Luft im Jahr bis weit in den Oktober über Wochen verlängert.

Nicht verschweigen will Dümmel, dass in Deutschland noch viele Fachkollegen „Zweifler“ sind, die das „Problem Ambrosia“ nicht sehen. Für Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher ist das Aktionsprogramm aber „ein Instrument der Gesundheitsprävention“, gerade weil die Pflanze noch nicht so massiv verbreitet ist. Gefordert wird von den Fachleuten jetzt eine rechtliche Regelung zum Umgang mit dem Unkraut – so wie in der Schweiz, wo Ambrosia als gesundheitsgefährdende Pflanze gilt und meldepflichtig ist.

Gabi Zylla


Nützliche Adressen und Telefonnummern
Die aus Nordamerika eingeschleppte Ambrosia artemisiifolia ähnelt stark dem einheimischen Beifuß, wird aber auch mit der Studentenblume oder dem weißen Gänsefuß verwechselt. Im Juli bilden sich die Blüten aus, die bis zu einer Million Pollen pro Pflanze ausstäuben. Der Pollenflug endet im Oktober oder mit dem ersten Frost. Die Samen bleiben bis zu 40 Jahre keimfähig. Informationen über Ambrosia gibt es bei der Freien Universität unter www.fu-berlin.de/ambrosia. Dort finden sich auch Formulare, um die Fundorte für den Ambrosia-Atlas einzutragen und Info-Flyer. Info-Flyer gibt es auch im Britzer Garten, im Erholungspark Marzahn, im Park Schöneberger Südgelände, in Zoo und Tierpark, im Botanischen Garten und bei den Bürgerämtern.


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