


Wenn die Wohnung brennt, bringt oft der Rauch den Tod. Die Feuerwehr will Rauchmelder vorschreiben.
Berlin. In der Regel sind nicht die Flammen bedrohlich, sondern der giftige Qualm, den sie erzeugen. Mit Comicstrips und Merkblättern wird das richtige Verhalten gepredigt. Doch wenn das Feuer lodert, regiert oft nur noch der Instinkt – mit fatalen Folgen.
Noch Tage später liegt das halbverkohlte Gerümpel im Garten vor der Parterrewohnung. Es ist nicht viel, was nach einem Brand übrig bleibt. Die Fenster zum Innenhof sind herausgeschlagen, die lodernden Flammen haben auf der Fassade Rußspuren bis zum ersten Stock hinterlassen. Ein rot-weiß gestreiftes Kunststoffband soll Eindringlinge fernhalten, aber dieser traurige Anblick wird ohnehin niemanden anlocken.
Der süßlich-herbe Geruch im Treppenhaus des Hauses in der Steinmetzstraße 45 in Schöneberg nimmt einem fast den Atem. Schmutzränder an den Wänden zeugen noch vom Löschwasser. Auch vor der notdürftig verschlossenen Wohnungstür klebt die zweifarbige Absperrfolie, dazu ein Schild: „Halt, Polizei. Tatort nicht betreten“. Es ist ein Bild des Jammers, das sich da offenbart, letzte Zeugen eines Dramas, das vielleicht hätte vermieden werden können.
Der Anruf geht um 22.38 Uhr bei der Feuerwehr ein. Im ersten Lagebericht ist die Rede von vier Personen, die von der Polizei bereits in Sicherheit gebracht worden sind. Auslöser für das Unglück ist buchstäblich ein Spiel mit dem Feuer. Ein 50-jähriger Mieter im Erdgeschoss soll versucht haben, Benzin in ein Feuerzeug zu füllen. Die Polizei, die als erste eintrifft, kann den Mann retten, er muss mit einer schweren Rauchvergiftung ins Krankenhaus gebracht werden.
Für die weiteren Aktionen müssen die Feuerwehrleute Atemschutzgeräte tragen, auch die zu Rettenden bekommen eine Fluchthaube, eine große, den Kopf bedeckende Mütze mit Sehschlitz und einem Luftfilter vor dem Mund, übergestülpt. Die erfahrenen Männer wissen, was sie tun. Sie wissen, dass bei fast allen Einsätzen nicht das Feuer, sondern der Qualm Gefahr bedeutet, tödliche Gefahr.
Rauchmelder fehlten
Die Feuerwehr fordert daher eine Einbaupflicht für Rauchmelder auch in privaten Wohnungen. Eine kleine Investition, die Leben retten kann. Auch in der Steinmetzstraße hat es daran gemangelt.
Bewohner Aras Ü. hat seinen dreijährigen Sohn an diesem Abend bereits ins Bett gebracht. Da vernimmt er von unten ein Geschepper. Er geht zum Fenster und sieht unter sich schon Flammen aus den zerborstenen Fenstern schlagen. Im Treppenhaus hört der 39-jährige Bauingenieur Nachbarn nach unten eilen. Er sieht auch Rauch. Er hätte Angst haben sollen. Aber er bleibt relativ ruhig. Er weckt den Jungen, hüllt ihn in Decken. Er denkt: „Mir wird schon nichts passieren.“ Aras Ü. lässt sich eigentlich verdammt viel Zeit. Das Feuer ist ja nicht unmittelbar bedrohlich. Er ahnt nicht, in welcher Gefahr er schwebt.
Die beiden verlassen die Wohnung. Unten angekommen, ist der Rauch schon mehrere Etagen hochgestiegen. Es sind nur zwei bis drei Minuten vergangen. Wäre er mit seinem Sohn auch „nur wenige Sekunden später“ ins rettende Freie gelangt, vermutet Ü., hätte es für die zwei „wohl kritisch“ werden können. „Es war“, resümiert er das Geschehen später, „knapp.“ Wohl wahr.
Noch knapper ist es, neben dem Brandverursacher, für vier weitere Mieter und eine Polizistin geworden. Sie werden mit Verdacht auf Rauchgasvergiftung in mehrere Kliniken eingeliefert.
Hochgiftiger Rauch
Auch nach Einschätzung von Hauptbrandmeister Wolfgang Rowenhagen haben Aras Ü. und seine Nachbarn noch einmal Glück gehabt. „Der Rauch ist die größte Gefahr“. Und er wird sträflich unterschätzt. Rauch entwickelt sich in rasender Geschwindigkeit. Er dringt durch die kleinsten Ritzen. Er erreicht nicht selten sogar Nachbarhäuser. Und er ist hochgiftig.
Die Feuerwehr warnt davor, dem Instinkt zu folgen. Obwohl der erste Gedanke meist sein dürfte: „Nur raus hier! Nur ins Freie!“, sollte man diesem Impuls nur dann folgen, wenn es in den eigenen vier Wänden brennt. Wenn der Brandherd aber außerhalb der Wohnung liegt und die Gefahr besteht, dass bereits der Flur verqualmt ist, sollte man unbedingt in der Wohnung bleiben und das Eintreffen der Feuerwehr abwarten. „Dort ist man“, sagt Rowenhagen, „in der Regel am besten aufgehoben.“
Neben Panik kann auch zu große Sorglosigkeit zu tragischen Reaktionen führen. Besonders Türken, so Rowenhagen, „haben ein anderes Verhältnis zum Feuer.“ Entsprechend leichtfertig könne unter Umständen die Reaktion auf die Gefahr sein.
In einer Großstadt wie Berlin sehen sich die Hilfskräfte oft noch mit einer weiteren Schwierigkeit konfrontiert: mit Menschen, die sie nicht verstehen. Im August 2005 sind in der Moabiter Ufnaustraße nach einer Brandkatastrophe neun Opfer zu beklagen. Das Haus ist vorwiegend von Ausländern bewohnt, zwischen den Rettern und den Mietern klaffen in den entscheidenden Sekunden erhebliche Kommunikationslücken. Die dringenden Aufforderungen, das Haus nicht zu verlassen, erreichen die Verzweifelten nicht. Sie versuchen, den Flammen durch den Flur zu entkommen. Dies sei, erklärt der damalige Branddirektor Albrecht Broemme tags drauf, „die Flucht in den Tod“ gewesen. Die Erschütterung ist groß.
Comic klärt auf
Die Tragödie hat Konsequenzen. So etwas soll sich nicht wiederholen. Merkblätter in Deutsch, Türkisch, Englisch, Russisch, Serbokroatisch, Polnisch und Französisch wurden aufgelegt. Ein kleiner Comic versucht, schon den Kindern und Jugendlichen das richtige Verhalten einzutrichtern. Zehn poppig-bunte Bildchen, die Leben retten können.
Um 23.36 Uhr ist in der Steinmetzstraße das Feuer unter Kontrolle. In dem fünfstöckigen Haus hat die Feuerwehr fast alle Türen aufgebrochen. Das ist Routine. Gegen 3 Uhr in der Nacht geht der Einsatz der 50 Feuerwehrleute zu Ende. Zurückbleibt eine schwarze, verrauchte Höhle, eine Existenz, aufgelöst in feiner Asche und stinkender Kohle.
Bei dem nächtlichen Wohnungsbrand in Schöneberg ist es am Ende bei dem Feuerschaden und den Verletzungen geblieben. Der 50-Jährige, der mit seinem Feuerzeug das Unglück verursacht hat, befindet sich auf dem Weg der Genesung. Er hat großes Glück gehabt.
Kai Ritzmann
| Feuerwehr wirbt für Feuermelder |
| Nicht zufällig hat die Berliner Feuerwehr ihren „Rauchmeldertag“ auf einen Freitag, den 13. im Monat Juni gelegt. Denn die größte Gefahr geht bei einem Brand meist nicht von den Flammen aus, sondern von dem Qualm, der dabei entsteht. Der Rauch ist schneller als das Feuer – und lautloser. Aus Sicht der Feuerwehr sind daher Rauchmelder unerlässlich. In sechs Bundesländern besteht bereits eine Rauchmelderpflicht, in Berlin allerdings noch nicht. Die meisten Melder arbeiten nach einem optischen Prinzip, bei dem ein Sensor die Qualität des von einer kleinen Leuchte ausgesandten Lichts untersucht. Ist die Lichtstreuung groß, wird der Alarm ausgelöst. Danach bleibt noch Zeit, die Flucht zu ergreifen, die Feuerwehr zu alarmieren oder andere zu warnen. Beim Kauf eines Geräts sollte unbedingt auf das VdS-Kennzeichen geachtet werden. Geprüfte Geräte sind leicht an der Decke zu montieren und bereits ab etwa 25 Euro im Handel erhältlich. |