Einkaufen mit Flair kann man auch jenseits von Ku’damm und Friedrichstraße – zum Beispiel in der Steglitzer Schloßstraße. Foto: Wecker
Einkaufen mit Flair kann man auch jenseits von Ku’damm und Friedrichstraße – zum Beispiel in der Steglitzer Schloßstraße. Foto: Wecker
Der orientalische Garten in Marzahn, einer Oase, die ein uninformierter Tourist hier gewiss nicht vermutet. Foto: Hahn
Der orientalische Garten in Marzahn, einer Oase, die ein uninformierter Tourist hier gewiss nicht vermutet. Foto: Hahn

Die verheimlichten Schönheiten der Stadt

Artikel vom 2. Juli 2008

Aus den Bezirken kommt massive Kritik an der Berlin-Werbung: Touristen werden nur in die Innenstadt gelockt.

Berlin. Unmut und Verärgerung über die Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM) herrscht in vielen Bezirken. Die touristische Werbung und Vermarktung der Hauptstadt sei einseitig und auf die Highlights von City-West und City-Ost ausgerichtet, so der Tenor.

Die Reize und der Charme des „grünen Berlins“ und der Subzentren würden ignoriert. Deshalb haben einige Bezirke ihre Bemühungen verstärkt, mit eigenen touristischen Auftritten um die Gunst der Berlin-Besucher zu werben – und sie fordern auch eine Neuausrichtung der Berlin-Werbung.

„Infostores – Wir kennen Berlin“, so lautet die Eigenwerbung der BTM-Außenstellen. Wir machen den Praxistest und suchen mehrere Infostores auf. Die Frage: Wir bekommen im Sommer Besuch. Unsere Gäste wollen ruhig und im Grünen wohnen, mit guter Verkehrsanbindung mit Bahn und Bus in die City.

Freundlich und bedauernd

Infostore im Einkaufszentrum Alexa am Alexanderplatz: Die junge Frau ist sehr bemüht, bietet das „Verzeichnis für Ferienwohnungen und Ferienhäuser 2008“ an. 1,50 Euro Gebühr sind fällig für eine zusammengetackerte Lose-Blatt-Sammlung, in der die Angebote mit Kurzbeschreibung nach Region (City-West und -Ost, Nord, Süd, Ost, West) und nach Bezirken geordnet sind. Keine Bilder der Häuser oder der Region, mit denen sich ein Unkundiger einen Eindruck verschaffen könnte. Bedauerndes Schulterzucken: „Das ist alles, was wir haben.“ Es folgt der Hinweis, dass es bei telefonischer Buchung über die BTM Sonderkonditionen gebe.

Infostore Hauptbahnhof: Auf unsere Frage folgt wieder der Griff zu besagtem Verzeichnis. Die Mitarbeiterin räumt ein, dass man sich auskennen müsse, um zu wissen, in welcher Umgebung man lande. Die junge Frau, die nach ihren Ansteckern auf der Bluse neben Englisch und Französisch auch Spanisch und Hebräisch spricht, bedauert, kein detailliertes Material zu haben und empfiehlt die Recherche im Internet.

Infostore im Neuen Kranzler Eck: Der zuvorkommende junge Mann bietet seine Hilfe für eine sofortige Buchung per Computer an. Auf den Einwand, wir bräuchten das Material, damit sich unser Besuch einen Eindruck verschaffen könne, bedauert er, dass es derartiges nicht gibt. Er empfiehlt die Broschüre „12 mal Berlin“ mit Kurzporträts der Bezirke.

„Das ist großer Mist“


 In keinem der Infostores gab es einen Hinweis auf die Touristen-Informationsstellen der Bezirke und wo diese zu finden sind. „Wer sich auf die BTM verlässt, der ist verlassen“, meint Klaus Rubert von der Interessengemeinschaft Tegel. Der Zusammenschluss von Geschäftsleuten und Anliegern im Bereich Berliner- und Gorkistraße sowie Borsig-Hallen hat in Kooperation mit dem kürzlich gegründeten Tourismusverein Reinickendorf (www.tourismusinfo-berlin.de) am 16. Juni die bezirkliche Touristen-Informationsstelle wiedereröffnet. In dem Pavillon an der Straße Alt-Tegel, Ecke Treskowstraße, erhalten Besucher Informationsmaterial über den grünen Nordbezirk und die angrenzenden Brandenburger Landkreise. „Ich wäre froh, wenn die BTM mehr für den Berliner Norden machen würde“, formuliert es Sabine Kuls, Vorsitzende des Tourismusvereins, diplomatisch.

Klaus Rubert wird deutlicher: „Das ist großer Mist, was bei der Berlin-Werbung gemacht wird. Für die schönen Bezirke wird nichts getan, nur für die Innenstadt.“ Aus den gleichen Gründen hat sich in diesem Jahr auch in Steglitz-Zehlendorf ein Verein zur Tourismusförderung gegründet (www.tourismus-steglitz-zehlendorf.de). „Glaubt man der Berlin-Werbung, gibt es nur den Ku’damm und die Friedrichstraße als Einkaufsstraßen in Berlin“, ärgert sich Vereinsvorstand Martina Kluge und verweist auf die Reize und Qualitäten der Shopping-Meile rund um Schloß- und Rheinstraße. Auch die Schloss- und Parklandschaft, die sich von der Pfaueninsel über Schloss Glienicke bis nach Potsdam erstreckt und die von der Unesco in die Welterbeliste aufgenommen wurde, werde bei der Berlin-Präsentation vernachlässigt.

Der Verein will in einem denkmalgeschützten Pavillon auf dem Dorfanger in Zehlendorf-Mitte an der Teltower Straße eine Tourist Information eröffnen. Bis dahin sei das umfangreiche Material über den Bezirk an der Martin-Buber-Straße 2 erhältlich.

Mangelnde Auskunft

Der Tourismusverein in Köpenick beschäftigt sich seit 1991 mit der Vermarktung des Bezirks und betreibt eine Touristen-Informationsstelle in der Straße Alt-Köpenick am Schlossplatz. Hier wurde auch die „Gelbe Welle“ kreiert als Qualitätssignet für den Wassertourismus, das mittlerweile bundesweit zertifiziert ist. „Nur City-Werbung zu betreiben kann doch nicht alles sein. Es wird einfach zu wenig gemacht, um mit der Vielfalt der Stadt zu punkten“, meint Michael Diehl vom Tourismusverein Treptow-Köpenick (www.berlin-tourismus-online.de). „Wir hören immer wieder von Besuchern, dass sie überrascht sind, wie schön es hier ist, und dass sie sich wundern, dass darüber nichts in ihren Berlin-Informationen stand“, berichtet Michael Diehl.

„Der Durchschnittstourist ist 2,3 Tage in Berlin und interessiert sich für die absoluten Highlights unter den Sehenswürdigkeiten“, beruft sich BTM-Sprecherin Natascha Kompatzki auf Untersuchungen der Hauptstadt-Vermarkter. Außerdem sei es Aufgabe der BTM, Berlin als Ganzes und nicht auch noch die einzelnen Bezirke zu vermarkten. Auf die Frage, wo man das „Grüne Berlin“ finde, verwies sie auf die Homepage der BTM im Internet. Außerdem habe man zum Beispiel eine Broschüre über die Berliner Schlösser, in der auch Bezirke außerhalb der City genannt werden sowie die Broschüre „12 mal Berlin“ mit den Portraits aller Bezirke, betont Natascha Kompatzki.

Ergiebiger Klick

In diesem Heft gibt es für jeden Großbezirk eine Doppelseite, gerade genug Platz für einen skizzenhaften Anriss. Nicht viel mehr findet man auf der Internetseite der BTM (www.visitberlin.de) unter dem Stichwort „Bezirke“. Dort gibt es keine Hinweise auf die bezirksamtseigenen Seiten oder die der Tourismusvereine. Schon ergiebiger sind Klicks auf Themenseiten wie „Freizeit – Das grüne Berlin“ oder „Schlösser und Gärten“.

„Wir können kein Material bei der BTM auslegen, wir bieten es an, aber es wird nicht abgenommen und ausgelegt“, sagt Sven-Uwe Dettmann von Partner für Spandau (www.spandau-live.de). Die Spandau-Vermarkter bestücken auch eine bezirkliche Tourist Information im Gotischen Haus an der Breiten Straße in der Altstadt mit ihrem Material. Uwe Dettmann ist fest davon überzeugt, dass Tages- und Wochenendbesucher häufiger nach Berlin kommen und auch mal etwas anderes als die „Super-Highlights“ sehen wollen. Dettmann: „Das einzige, was uns die BTM anbietet, sind teure Anzeigen in ihren Publikationen. Und die können wir uns nicht leisten, weil die Bezirke kein Geld für Tourismuswerbung haben, im Gegensatz zu den Landkreisen in Brandenburg.“

„Potenzial ungenutzt“

„Das Potenzial in den Bezirken wird nicht genutzt – unverständlich“, sagt der für Tourismus zuständige Wirtschaftsstadtrat von Marzahn-Hellersdorf, Christian Gräff (CDU). Mit der Einweihung des neuen Eingangs zu den Gärten der Welt an der Eisenacher Straße ist dort auch – unscheinbar und schwer zu finden – die bezirkliche Touristen-Informationsstelle eingezogen. Er lobt, dass die BTM überregional und international eine gute Arbeit macht. In Berlin mangele es aber aus seiner Sicht.

Nicht nur die Außenbezirke betreiben Werbung in eigener Sache. Alle Bezirke bewerben mit Publikationen ihre Wirtschaftsstandorte sowie die kulturellen und touristischen Angebote. Im Jahresrhythmus erscheinen die jeweiligen aktualisierten Bezirksbroschüren. Zudem bieten die Internetseiten der Bezirksämter ausführliche Informationen.

Im Eingangsbereich des Rathauses Neukölln beispielsweise sind unter anderem Informationen zu Sehenswürdigkeiten wie Britzer Garten und Mühle, Schloss Britz mit Garten und das Böhmische Dorf erhältlich. Charlottenburg-Wilmersdorf wirbt unter anderem mit einem Buch und einer gleichnamigen Webseite „mehr-als-kurfürstendamm.de“.

„Wir haben ein sehr großes künstlerisches Angebot auf sehr hohem Niveau in kleinen Einrichtungen“, sagt Stefanie Gronau, Leiterin des Tourist Information Center (TIC) in Pankow. Das Infobüro in der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg informiere über das reichhaltige Angebot, auch über Ausflugs- und Besichtigungsziele in den Ortsteilen Pankow und Weißensee und den angrenzenden Brandenburger Landkreisen. Stefanie Gronau: „Das ist in Berlin doch wie im Ruhrgebiet: Es gibt Werbung für die Region, und jede Stadt für sich wirbt auch noch mal. Wir als Bezirk Pankow sind etwa so groß wie Essen oder Wuppertal.“

Dieser Ansicht ist die BTM auch. Aber es gibt einen gewichtigen Unterschied: Die Städte in NRW können über ihre Etats selbst entscheiden. In Berlin bekommen die Bezirke für Tourismuswerbung kein Geld von Senat oder Abgeordnetenhaus zugewiesen.

Matthias Berner


Die Hauptstadt-Werber
Die Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM) ist ein Gemeinschaftsunternehmen für die Hauptstadtwerbung in Deutschland und weltweit. Der Verein BTM-Partnerhotels, in dem vor allem die großen City-Hotels und Hotelketten vertreten sind, ist mit 40 Prozent größter Gesellschafter, ferner die Investitionsbank Berlin (25 Prozent), das Land Berlin (15 Prozent), die Berliner Flughäfen (zehn Prozent), die Messe Berlin (fünf Prozent) und Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH (fünf Prozent). Das Stammkapital beträgt 512 000 Euro. Für Touristen werden fünf „Berlin infostores“ betrieben: im Hauptbahnhof, im Neuen Kranzler Eck am Kudamm, im südlichen Torhaus des Brandenburger Tors, im Alexa Shoppingcenter und im Berlin Pavillon am Alexanderplatz. Für die Vertretung im Ausland gibt es eine enge Kooperation mit der Deutschen Zentrale für Tourismus und außerdem eine eigene Repräsentanz in Berlins Partnerstadt Los Angeles. Rund 150 Mitarbeiter sind heute bei der 1993 gegründeten Agentur beschäftigt, die weltweit für das touristische Angebot Berlins wirbt. Die gezielte Vermarktung soll dabei der Wirtschaftsförderung der Stadt dienen. Dabei geht es nicht um Touristen und die Zusammenarbeit mit Reiseanbietern, sondern auch um die Akquise beispielsweise von Tagungen und Kongressen. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.visitBerlin.de.

 

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